Überlieferung

1Christian Gottfried Ehrenbergs russisch-sibirisches Reisetagebuch (im Folgenden: ERST), das nun erstmals ediert vorliegend, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Das Tagebuch dokumentiert die Bedeutung der Reise für Ehrenbergs mikrobiologische Forschungen, die in den darauffolgenden Jahrzehnten den Schwerpunkt seiner Arbeiten bilden sollten.[1] Zugleich präzisiert und korrigiert das Tagebuch den bisherigen Kenntnisstand über den Verlauf und das wissenschaftlichen Programm der russisch-sibirischen Reise 1829. Insbesondere enthalten Ehrenbergs Notizen bislang unbekannte Details zur Entstehung der zoologischen und Pflanzensammlungen. Es ist darüber hinaus spannend zu erfahren, wie Ehrenberg die lange Reise von Berlin durch Russland bis zum chinesischen Grenzposten Baty und zurück erlebte, was ihn freute und begeisterte oder anderweit bewegte; seine Ansichten und Gedanken – wie die über die Leibeigenen der Demidows in Nischni Tagil (ERST, Bl. 32r) – welche in die Seiten dieses Tagebuch eingeschlossen geblieben sind.[1] Vgl. Ehrenberg 1830 und Ehrenberg 1854–1856.

2Nachdem Forschungen der letzten dreißig Jahre die wissenschaftsrelevanten Ergebnisse der russisch-sibirischen Reise für das Gesamtwerk Humboldts aufzeigten, rücken nun auch die durch seine wissenschaftlichen Begleiter Gustav Rose und Christian Gottfried Ehrenberg durchgeführten geognostisch-mineralogischen beziehungsweise zoologischen und mikrobiologischen Untersuchungen in den Blickpunkt.[2][2] Vgl. Aranda/Forster/Suckow 2014.

3Ehrenbergs Tagebuch ist Teil des Nachlasses, den die Familie Ehrenberg im Jahr 1894 an die Literaturarchiv-Gesellschaft als Geschenk übergeben hatte. Nach der Auflösung der Gesellschaft 1944, gelangte es mit den Nachlassbeständen in das Archiv der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, der Vorgängerin der heutigen Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Eine erste Erwähnung erfolgte durch Silke Peters auf dem Kolloquium „Auf den Spuren Alexander von Humboldts in Russland. Der Süden Russlands“ (Berlin, 5. Dezember 1997), veranstaltet von der Deutschen Assoziation der Absolventen und Freunde der Moskauer Lomonossov-Universität (DAMU) gemeinsam mit der Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Sich auf Informationen zur Zoologie und Botanik beschränkend wurde das Tagebuch in Teilen von Günter R. W. Arnold ausgewertet.[3][3] Peters 1997. Arnold 2014.

Beschreibung

4Ehrenberg schrieb seine Reiseaufzeichnungen in ein kleines Notizbuch im Format 18×10,5 cm. Die stark beriebenen Vorder- und Rückdeckel sind aus dunkel marmoriertem Karton, der kleine Buchrücken aus Leder. Insgesamt hat es 92 nicht paginierte Seiten, davon sind rund 70 beidseitig wie auch die Innenseite des Rückdeckels in deutscher Schreibschrift beschrieben. Nur auf den ersten und auf den letzten Seiten schrieb Ehrenberg mit Feder und schwarzer Tinte, als sich die Reisegruppe auf der Hin- bzw. Rückreise in St. Petersburg aufhielt. Nach dem Verlassen der Hauptstadt nahm er alle weiteren Einträge mit Bleistift vor, was die Lesbarkeit enorm erschwert.

5Der Vorderdeckel trägt ein unbeschriebenes Etikett, die erste Seite ist ebenfalls leer, auf der zweiten Seite (ERST, Bl. 2r) erfolgte dann der erste Eintrag „Abreise von Berlin am 12. April Abends“ mit der von anderer Hand ergänzten Jahreszahl „1829“. Es folgen leere Seiten (ERST, Bl. 2v–9r), der eigentliche Reisebericht (ERST, Bl. 9v–79r), eine Zusammenstellung von Regionalfloren (ERST, Bl. 80r–90v), eine doppelseitige Zeichnung eines Panoramas des Altai (ERST, Bl. 82v–83r), ein Verzeichnis der gesammelten Muscheln und Schnecken (ERST, Bl. 91r), eine Liste mit den Kosten für den Kauf der Reiseausstattung (ERST, Bl. 92r–92v)[4] und ein knappes Personenregister (ERST, Bl. 92v–93r).[4] Damit war Ehrenberg den Vorschlägen Humboldts gefolgt, notwendige Einkäufe zur Ausstattung der Expedition erst in St. Petersburg zu tätigen: Alexander von Humboldt an Christian Gottfried Ehrenberg, [Berlin, März 1829] (https://edition-humboldt.de/H0016744).

Inhalt

6Das Notizbuch beginnt mit vierzehn leer gebliebenen Seiten. Wenn wir davon ausgehen, dass Ehrenberg sein Notizbuch derart gliederte, dass er pro Seite zwei Reisetage beschreiben wollte, so spiegeln diese Leerseiten genau den Zeitabschnitt vom 12. April bis zum 10. Mai 1829 wider – von der Abreise aus Berlin bis zum Eintreffen in St. Petersburg. Sicherlich hatte er vorgesehen, Eindrücke von der Anreise nach Russland im Nachhinein zu ergänzen. Doch lediglich auf den letzten Tagebuchseiten sind die Reisestationen zwischen Memel und Stackeln mit Uhrzeiten der Durchreise notiert (ERST, Bl. 91r–91v). Am 10. Mai (in St. Petersburg) macht Ehrenberg die erste Eintragung: „April 28/ May 10. Sonntag Besuch des botanischen Gartens um 9 Uhr Morgens.“ (ERST, Bl. 9v). Danach wird das Tagebuch fortlaufend (dennoch mit weiteren Leerseiten) geführt bis zum 17. November, als die Reisenden in die Hauptstadt zurückgekehrt waren. Fortlaufend bedeutet, dass Ehrenberg ab dem 10. Mai seinen Eintragungen das Datum nach dem julianischen und dem gregorianischen Kalender mit Angabe des Monats und des Wochentages voranstellt, dies aber nicht konsequent beibehält. Mitunter ist das Datum ohne Monatsangabe, auch ohne Wochentag, sogar nur mit einer Zahl (ERST, Bl. 91r) angegeben und auch nachträglich korrigiert worden (ERST, Bl. 60r–62r). Neben dem Datum legt Ehrenberg großen Wert darauf, die besuchten Städte, Dörfer, Poststationen wo die Pferde gewechselt wurden, Bergwerke, Goldwäschen, Märkte, Sammelpunkte an Flüssen, im Gelände usw. möglichst lückenlos zu benennen. In dieser Hinsicht erweist sich das Tagebuch als besonders wertvolle Quelle für den Provenienznachweis der erhalten gebliebenen naturwissenschaftlichen Sammlungsobjekte und Zeichnungen. Der Reisebericht endet am 18. Dezember 1829 in Dorpat, über die letzten zehn Tage der Rückreise nach Berlin hat er keine Eintragungen mehr gemacht. Im zweiten Teil des Notizbuchs fasst Ehrenberg auf fünfzehn Seiten erste pflanzensystematische Ergebnisse seiner „Beschäftigung mit den Pflanzen“ in Jekaterinburg (ERST, Bl. 36v) bzw. in Tobolsk (ERST, Bl. 38r) zusammen. Danach wird das Schriftbild immer kleiner und unleserlich. Er nutzte jeden Platz, teilt die Seiten in Spalten auf bis hin zum inneren Rückdeckel, um sehr verschiedenartige Aufzeichnungen unterzubringen, zum Beispiel eine Personenliste, welche die im Text genannten getroffenen Personen noch ergänzt.

Bedeutung

7Christian Gottfried Ehrenbergs Reisetagebuch macht das große Pensum an wissenschaftlicher Tätigkeit auf der neunmonatigen Reise durch Russland und Sibirien anschaulich. Seine Notizen und Niederschriften bezeugen die Dichte seiner täglichen Arbeit – Beobachten, Sammeln, Herbarisieren, Skelettieren, Mikroskopieren, Zeichnen. Es ist ferner die einzige Informationsquelle, die nachvollziehen lässt, wie die Reise täglich ablief, wann und wo gegessen und wo übernachtet wurde, wie das gesundheitliche Befinden war, das Wetter war u. v. m. Die längeren Textpassagen beschreiben den Besuch an der Grenze zu China, die Reise durch die Barabasteppe während dort die „sibirische Pest“ wütete, ein Reiterfestspiel vor den Toren von Orenburg und viele interessante Ereignisse die Ausübung der unterschiedlichen Religionsgebräuche betreffend.

8Auch Alexander von Humboldt und Gustav Rose haben Reisetagebücher geführt. Rose hat es im zweibändigen Reisebericht Mineralogisch-geognostische Reise nach dem Ural, dem Altai und dem Kaspischen Meere erwähnt,[5] über seinen Verbleib ist nichts bekannt. Die erstmalige Edition der Humboldt’schen Tagebücher der russisch-sibirischen Reise ist in Vorbereitung. Wichtige Impulse und Vorarbeiten leisteten Suckow und Honigmann.[6][5] Rose 1837/1842, I, 587.[6] Suckow 2010, Honigmann 2014.

9Rose, der im Auftrag Humboldts das erwähnte Reisewerk verfasst hat, bedankte sich in der Vorrede bei Humboldt für dessen Unterstützung: Humboldt „hat mich in Besitz aller Karten, Bücher und Manuscripte gesetzt, […] er ist mit mir sein ganzes Tagebuch […] durchgegangen.“[7] Auch Ehrenberg hat ihm sehr wahrscheinlich seine Aufzeichnungen zur Botanik und Zoologie für die Redaktion des Gesamtberichts überlassen, obgleich Rose es nicht erwähnt. Diese Vermutung publizierte Laue, der mit Ehrenberg verwandte Biograph:[7] Rose 1837/1842, I, XI–XII.

wie reich […] war diese Fahrt! Allein auf dem Felde der Botanik, worüber wir noch am meisten zwischen den Zeilen des Rose’schen Reiseberichts herauslesen können, da die Stellen, worin die Einzelheiten der Steppen-, Wald- und Gebirgsflora aufgezählt werden, wahrscheinlich auf Ehrenberg’sche Aufzeichnungen zurückgehen.[8][8] Laue 1895, 162–163.

10Der jetzt mögliche Vergleich des Reisewerks mit dem Tagebuch Ehrenbergs dokumentiert die Richtigkeit dieser Aussage.

Pflanzen

11Beim Aufschlagen des Notizbuchs fällt der Blick auf die langen Auflistungen von lateinischen Pflanzennamen. Zum ersten Mal überhaupt findet man Informationen darüber, an welchen Standorten und zu welchem Zeitpunkt Ehrenberg welche Arten in Russland gesammelt, aufbereitet und bestimmt hat! Es fällt auf, dass einerseits nicht alle als Tagesertrag am Fundort notierten Species sich in den Auflistungen von Pflanzen im Schlussteil (und vice versa) wiederfinden, zum Beispiel ist „Sparganium simplex“ (ERST, Bl. 37v) nur am Standort Tobolsk erwähnt. Andererseits treten Mehrfachnennungen einer Art auf, zum Beispiel für „Aster sibiricus“ in Kapjowa (ERST, Bl. 39r), mit Unterstreichung als neubestimmte Pflanze, die außerdem in der „Flor im nördlichen Ural im Juny und July“ (ERST, Bl. 84r) und unter „Plantae sibirae“ (ERST, Bl. 85v) aufgeführt ist. Auch die Arbeitsweise wird an diesen Eintragungen sichtbar: Am östlichsten Punkt der Reise, nach dem Besuch des Grenzpostens des russischen Reiches mit China hatte Ehrenberg „neue“ Pflanzen eingesammelt und sie dabei zeitnah nur mit dem Gattungsnamen notiert, ohne die Art zu bestimmen: „Pflanzen zuerst in der Mongoley gesehen 33“ (ERST, Bl. 46r). Im zweiten Teil (ERST, Bl. 83v) fasste er die begonnene Auswertung als Verzeichnis „Plantae mongolicae“ zusammen, das auf 60 Arten angewachsen war und noch leere Stellen für unbestimmte Arten enthält.

12Im Reisebericht von Rose sind bekanntlich nur vereinzelte Passagen über Pflanzengeographie und Zoologie enthalten. Im nördlichen Ural beschrieb er den Aufenthalt bei Friedrich Boeger, dem Chef der Bergbaubetriebe in Bogoslowsk, wo es neben dem Garten ein Treibhaus gab:

In dem Treibhause fanden sich die Citronenbäumchen, Johannisbrodbäumchen und Aepfelbäumchen des südlichen Europa’s und westlichen Asiens, neben einer grossen Zahl Ostindischer Ananas, welche hier in Sibirien das am leichtesten zu erzielende Obst bilden, und dem Ostindischen Jasminum Sambac; und ein Amaranthus parisiensis (pachystachys) stand neben der Nordafrikanischen Reseda odorata und dem Südafrikanischen Pelargonium roseum.[9][9] Rose 1837/1842, I, 396–397.

13Diese Aufzählung ist vollkommen identisch mit der Bestandsaufnahme von Ehrenberg vom 4. Juli 1829, nur dass Ehrenberg die Pflanzennamen ausschließlich auf Latein notierte (ERST, Bl. 34v).

14Insgesamt ist die Menge der in diesem Tagebuch notierten Pflanzen kleiner als die, über die Ehrenberg seinem Freund Chamisso im Oktober 1829 aus Astrachan berichtete: „Die Prochotnoi Alpe welche ich bestieg hat mir nebst der Umgegend des Sees von Koliwan viele interessante Pflanzen[,] auch wohl Neues[,] gegeben, vieles fand sich am südlichen Irtisch und bey Orenburg wieder. Ich zähle nahe an 2000 Species die ich sah und sammelte und über die wir weiter sprechen werden.“[10][10] Christian Gottfried Ehrenberg an Adelbert von Chamisso, Astrachan, 13. Oktober 1829. Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, NL Ehrenberg, Nr. 655.

15Ehrenberg hat seine botanischen Sammlungen nicht ausgewertet.[11] Die Herbarbelege, und somit viele Typusexemplare für die Erstbeschreibung von Pflanzen sind im März 1943 beim Brand des Botanischen Museums und des Botanischen Gartens in Berlin vernichtet worden. Wie für andere Objekte bekannt, so können wir aber annehmen, dass sich außerhalb von Berlin Doubletten des russischen Herbariums erhalten haben, so zum Beispiel ein von Ehrenberg angefertigter Beleg „Halenia corniculata“ im Muséum national d’histoire naturelle in Paris (Abb. 1).[11] Ehrenberg 1870, 33.

Große Ansicht (Digilib)Abb. 1: Halenia corniculata, Herbarium Bunge (Quelle: Muséum national d’Histoire naturelle, Paris (France), Collection: Plantes vasculaires (P), Spécimen P00517694, CC BY 4.0).

Infusorien

16Rückblickend schreibt Ehrenberg, dass er die russische Forschungsreise genutzt hatte, um seine „Aufmerksamkeit, doch besonders auf das einflussreiche, bis dahin völlig unbeachtete mikroskopische Leben in Russland, im Ural, in Sibirien und in Central-Asien am Altai“ zu wenden.[12] Nicht nur das Pflanzenmaterial, auch die Boden- und Gesteinsproben seiner Begleiter dienten seinen mikroskopischen Untersuchungen. Jeder Fund wurde noch am Fundort gezeichnet, „toutes ces espèces sont dessinées sur l’endroit d’observation même et je les ai determiné scrupuleusement.“[13] Mit der Auswertung seiner Proben hatte er bereits auf der Reise begonnen und dieses festgehalten, zum Beispiel „Beschäftigung mit Infusorien“ (ERST, Bl. 37v), „Nach Tisch Infusorienbeobachtungen gibt wieder neue Formen“ (ERST, Bl. 37v), Revision der Infusorienzeichnungen“ (ERST, Bl. 53v). Seine neuen Beobachtungen publizierte er noch 1830 unter dem Titel Beiträge zur Kenntnis der Organisation der Infusorien und ihrer geographischen Verbreitung, besonders in Sibirien.[14][12] Ehrenberg 1870, 33. [13] Christian Gottfried Ehrenberg an Georges Cuvier, [Berlin, 1830], Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, NL Ehrenberg, Nr. 704. [14] Ehrenberg 1830a.

Fische

17Die Erforschung der Artenvielfalt der Fische auf der russischen Reise war eine wichtige Aufgabe Ehrenbergs. Sie sollte vor allem den Arbeiten von Georges Cuvier und Achille Valenciennes Nutzen bringen, die 1828 eines der ehrgeizigsten Publikationsvorhaben dieser Zeit in Angriff genommen hatten, das Monumentalwerk der Ichthyologie, die Histoire naturelle des poissons.[15] Mit beiden waren Humboldt und Ehrenberg persönlich bekannt. Im Tagebuch hat Ehrenberg neben eigenen Beobachtungen alle speziell für ihn gesammelten Informationen über die in den Gewässern entlang der Reiseroute vorkommendend Arten festgehalten. Zusätzlich hat er das Angebot auf den Fischmärkten in Nischni Nowgorod, Tobolsk, Tula, Moskau und St. Petersburg notiert. Am 28. September in Uralsk notierte er „Fischnahmen […] 23 Fischarten im Ural. Keine Aale. Siehe Zoologisches Tagebuch.“ (ERST, Bl. 58r). Der Verbleib eines zoologischen Tagebuchs ist ungeklärt. In seinen Verzeichnissen notierte er neben dem lateinischen Namen konsequent die russische Bezeichnung, teilweise mit kyrillischen Buchstaben, wobei die phonetische Umschreibung nicht einfach wahr. Der Hecht (Esox lucius), russ. щука, wird umschrieben mit „Dschuga“ (ERST, Bl. 16r), auch „Tschtschuka“ (ERST, Bl. 32v) oder „Schtschuka“ (ERST, Bl. 37r). Insgesamt hatte Ehrenberg aus 10 Flüssen und Seen in Russland 196 Exemplare von 46 verschiedenen Arten nach Berlin mitgebracht. Nach der Rückkehr von der Reise und nach dem Eintreffen der Kisten mit den Sammlungen aus Russland, schrieb Ehrenberg 1830 in einem Brief an Baron Georges Cuvier, dass er im Auftrag Humboldts, insgesamt 62 Fische von 31 Arten mit Auflistung ihrer Herkunft in einem Fass nach Paris schicken wird, „poissons dont l’examen Vous sera peut[-]être agreable et utile pour le grand ouvrage avec lequel Vous Vous êtes proposé d’enrichir la science de l’histoire naturelle.“[16] Sie werden im Bestand des Muséum national d’histoire naturelle in Paris aufbewahrt.[15] Cuvier/Valenciennes 1828–1849. [16] Christian Gottfried Ehrenberg an Georges Cuvier, [Berlin, 1830], Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, NL Ehrenberg, Nr. 704.

Weitere Naturobjekte

18Ebenso sorgfältig wie für die Pflanzen und Fische hat Ehrenberg Haustiere, Vögel, Spinnen, Käfer u. a. beobachtet und bestimmt. Auch hier hat er versucht, die russischen Tiernamen zu erfahren und zu transkribieren: Im Altai notierte er „Mustela Kunitza“ (ERST, Bl. 44r), es handelt sich um einen Marder, russ. куница; auf dem Fischmarkt in Nischni Nowgorod „ein Flußkrebs den sie Raki nennen […] eine Art von Astacus“ (ERST, Bl. 16v), russ. рак, in der Steppe bei Semipalatinsk sah er ein „Arctomys […] Heißt Ssyrok“ (ERST, Bl. 47v), ein Murmeltier, russ. сурок.

19Die kleine Sammlung von Land- und Süßwasser-Conchilien (Schalen von Weichtieren – Muscheln und Schnecken) sind von ihm selbst nicht wissenschaftlich bearbeitet worden, sondern er übergab sie dem Zoologen Carl Eduard von Martens zur Durchsicht und Aufnahme in das Königliche Zoologische Museum Berlin. Im Jahr 1875 (!) ließ Ehrenberg noch eine weitere Teilsammlung von Conchilien – „wieder aufgefunden“ – Martens zukommen, insgesamt 70 Arten von den 31 Fundorten. Martens stellte die Ergebnisse in 2 Artikeln zur Diskussion.[17][17] Martens 1871, Martens 1875.

20An mehreren Tagen gibt er einen Hinweis darauf, dass er auch Zeichnungen angefertigt hat. Im Nachlass sind nur wenige von ihnen erhalten geblieben. Wegen ihres Seltenheitswerts sind sie eine sehr schöne Ergänzung zum Tagebuch und bestätigen, dass Ehrenberg ein ausgezeichneter Zeichner war. Von einem Ausflug in die Umgebung von Bogoslowsk am 5. Juli notiert er „Papilio Rubi,[Papilio] Aceris“ (ERST, Bl. 35r); die Zeichnungen von Bogoslowsk zeigen anatomische Studien an Schmetterlingen (Abb. 2).

Große Ansicht (Digilib)Abb. 2: Detailzeichnungen von Tabanus, Sphinx gallii, Papilio populi. Bogoslowsk, Juli 1829 (Quelle: Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, NL Ehrenberg, Nr. 162.

21Wir erfahren auch Bizarres. Der Intendant der Demidowschen Hüttenwerke in Nischni Tagil hielt einen Steinmarder (Mustela foina) als Haustier (ERST, Bl. 33r) und der Naturforscher und Arzt des Altai-Bergbaudistrikts, Friedrich August von Gebler „hat 2 lebendige junge Cervus pygargus und einen Ursus Arctos (ohne Halsband)“ (ERST, Bl. 41r), sibirische Rehe und einen Braunbären in seinem Haushalt.

Personen

22Für die biographische Forschung sind die Nennungen von Personen durch Ehrenberg von großer Bedeutung. Ehrenberg arbeitete oftmals getrennt von Humboldt und Rose, insbesondere bei den Geländeexkursionen, wurde von russischen Beamten und anderen Personen begleitet über die Rose nicht berichtet hat. Insgesamt werden rund 160 Personen namentlich erwähnt, mitunter auch mit ihrer Berufsbezeichnung oder ihrem Dienstgrad. Wir können davon ausgehen, dass er sie zum überwiegenden Teil persönlich getroffen hat. Ein Vergleich mit der Personenliste aus Roses Reisebericht[18] ergibt, dass etwa 50 Namen nur bei Ehrenberg oder bei Rose vorkommen.[18] Rose 1837/1842.

Chronologie

23Bekanntlich sind im Reisewerk von Rose einige Fehler in der Datierung der Reiseabschnitte enthalten.[19] Durch Hinzunahme der Briefe aus Russland 1829[20] und des Tagebuchs wird deutlich, dass die Differenzen für die Etappen durch den Altai, den Südural bis zum Eltonsee ein bis zwei Tagen betrugen. Das im Naturkundemuseum aufbewahrte Bänderskelett einer männlichen Saiga-Antilope[21] hatte Ehrenberg am 11. Oktober 1829 bei Gratschewski an der unteren Wolga präpariert (bei Rose am 8. Oktober).[19] Siehe beispielsweise Rose 1837/1842, I, 61. Hier gibt Rose den 20. Juni (statt 20. Mai) als Abreisetag aus St. Petersburg an.[20] Humboldt 2009a.[21] Vgl. die Abbildung des Skeletts in Humboldt 2009e, Tafelteil, B 10.

24Dank der Tagebuchaufzeichnungen kann die Alexander von Humboldt-Chronologie bis hin zu Stundenangaben vervollständigt werden. Deren Verknüpfung mit den vollständig aufgelisteten Reisestationen ergibt ein sehr genaues Bild des Verlaufs der russisch-sibirischen Reise.

Anmerkungen

Zitierhinweis

Aranda, Kerstin: Christian Gottfried Ehrenbergs Tagebuch der russisch-sibirischen Reise 1829 – Zur Einführung. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 6 vom 13.10.2020. URL: https://edition-humboldt.de/v6/H0018416


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Über die Autorin

 

Kerstin Aranda

1981–1986 Studium der Physischen Geografie an der Moskauer Staatlichen M. W. Lomonossow-Universität. 1986–1991 Wissenschaftliche Assistentin an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. 1993–1998 Leiterin des DAMU-Forschungs- und Expeditionsprogramms „Auf den Spuren Alexander von Humboldts in Russland“. Veröffentlichung: Alexander von Humboldt und Russland. Eine Spurensuche (Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung; 31), hg. mit Andreas Förster und Christian Suckow. Berlin/Boston: De Gruyter Akademie Forschung 2014. Kerstin Aranda arbeitet als freie Übersetzerin in Sauvigney-lès-Gray (Frankreich).