Editorischer Kommentar

Humboldt verfasste wohl im Januar 1826 für den Verlag Gide fils einen Prospectus, in dem er das Erscheinen des Werkes Géographie des plantes rédigée d’après la comparaison des phénomènes que présente la végétation dans les deux continens ankündigte (vgl. das Dokument https://edition-humboldt.de/H0016426 in der edition humboldt digital sowie Humboldt an Moritz Rugendas, Paris, 1. Februar 1826, https://edition-humboldt.de/H0017855 in der vorliegenden Edition). Am 18. Oktober 1826 sandte Humboldt diese Verlagsanzeige an den Potsdamer Geographen Heinrich Berghaus mit Bitte um Veröffentlichung in seinem Journal Hertha, Zeitschrift für Erd-, Völker- und Staatenkunde: „Es wird mir angenehm und ich werde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie die Güte haben, der Anlage einige Aufmerksamkeit zu schenken. Sie giebt Ihnen Nachricht über ein neues, großes Unternehmen, das ich in Gesellschaft mit Kunth seit langen Jahren aufs Emsigste vorbereitet habe. Ich gebe in diesem Prospectus eine Geschichte der ‚Geographie der Pflanzen‘, ausführlicher als früher, und entwickele meine Ansichten über die Art und Weise, wie diese Wissenschaft aufzufassen und zu behandeln ist von Gesichtspunkten, welche vorher nicht immer so scharf ins Auge gefaßt worden sind, wie ich es hier versucht habe.“ (Humboldt an Berghaus, Paris, 18. Oktober 1826, Humboldt 1863, I, 62–63). Die hier wiedergegebene deutsche Übersetzung des Prospectus veröffentlichte Berghaus daraufhin in Band 7 (2. Heft, 2. Abtheilung) der Hertha (Humboldt 1826b).

 Achtung! Bei diesem Dokument handelt es sich um die archivierte Version 7 vom 07.09.2021.  Zur aktuellen Version 8 vom 11.05.2022

[...]

Bei Gide fils zu Paris, rue St. Marc-Feydeau, Nr. 20,
wird von der Reise der Herrn von Humboldt und A. Bonpland
erscheinen: die Geographie der Pflanzen nach der Vergleichung
der Erscheinungen, welche die Vegetation der beiden Festlande darbietet,
von den Herrn Alexander von Humboldt und Karl Kunth . Ein Fo

| 53


lioband auf geglättetem Jesus-Velin, mit (meist kolorirten) Kupferplatten.
Davor ein physikalisches Gemälde der Aequinoktialgegenden von A. von Humboldt und Aimé Bonpland .

Folgender Prospektus ist ausgegeben worden:

Neben die eigentliche Botanik, welche die Karaktere, die organische Beschaffenheit und die Verwandtschaft der Gewächse untersucht, tritt eine andre, noch kein halbes Jahrhundert alte, Wissenschaft. Unter dem etwas unbestimmten Namen Geographie der Pflanzen knüpft sie die beschreibende Botanik an die Klimatenkunde; sie giebt die Zahl, das Aussehen und die Vertheilung der Gewächse unter den verschiedenen Zonen an, vom Aequator bis zum Polarkreis, von den Tiefen des Ozeans und der Gruben mit den Keimen kryptogamischer Pflanzen bis zu der nach der Breite und nach der Beschaffenheit der umliegenden Länder verschiedenen Schneelinie. Unvollständig wie die Geologie, aber jünger als dieser Theil unsrer physikalischen Kenntnisse, war sie von Anfang an weniger jenem Trug der Sinne, jenen systematischen Traumbildern ausgesetzt, durch welche des Menschen Einbildungskraft so gern in Ermangelung wirklicher Kenntniß aushilft. Der Gang der Wissenschaften folgt immer dem Geiste des Jahrhunderts, in welches ihre Entwicklung fällt, und die Geographie der Pflanzen wurde am eifrigsten zu der Zeit betrieben, wo der Geschmack an Beobachtung vorherrschend geworden und alle Zweige der Naturerkenntniß strengere Methoden angenommen haben.

Die Reisenden, welche einen großen Strich Landes durcheilten, an fernen Küsten landeten oder Bergketten erklimmten, auf deren Abhang sich die Verschiedenheit von gleichsam in Stockwerken übereinander liegenden Klimaten zeigt, fielen jeden Augenblick die merkwürdigen Erscheinungen der geographischen Gewächsevertheilung auf: man möchte sagen, sie sammelten Materialien für eine Wissenschaft, deren Name kaum ausgesprochen war. Eben die Gewächse-Zonen, deren Ausdehnung und Aufeinanderfolge auf den Seiten des Aetna Kardinal Bembo im sechszehnten Jahrhundert mit allem Reize lateinischer Beredsamkeit beschrieb, fand der unermüdliche und scharfsinnige Tournefort, als er auf den Gipfel des Ararat stieg. Er verglich die Floren der Berge mit denen in den Ebenen unter verschiedener Breite, und erkannte zuerst, daß die Höhe über dem Meeresspiegel auf die Vertheilung der Pflanzen wirkt, wie die Entfernung vom Pol oder die Verschiedenheit der Breite.

Der Geist Linné’s befruchtete die Keime einer entstehenden Wissenschaft; weil er aber in der Ungeduld seines Eifers die Gegenwart und Vergangenheit, die Geographie der Pflanzen und ihre Geschichte umfaßte, so gab er sich in seiner Abhandlung De telluris habitabilis incremento und in den Coloniae plantarum kühnen Vermuthungen hin. Er wollte zum Ursprung der durch zufälliges Abarten des Urtypus vermehrten Gattungen zurückkehren, die Veränderungen der bestehend gewordnen Varietäten verfolgen, den alten nackten Zustand der Steinkruste unsers Planeten malen, wie sie nach und nach von einem gemeinschaftlichen Mit | 54 telpunkte und nach langen Wanderungen die Gewächse erhielt. Haller, Gmelin, Pallas, und besonders Reinhold und Georg Forster studirten mit unablässiger Aufmerksamkeit die geographische Vertheilung einiger Gattungen: da sie aber die strenge Prüfung der von ihnen eingesammelten Pflanzen vernachlässigten, so geriethen bei ihnen oft die Alpen-Erzeugnisse des gemäßigten Europa’s unter die der Ebenen von Lappland. Voreilig nahm man Identität dieser letztern mit, den magellanischen Ländern und andern Theilen der südlichen Halbkugel eigenthümlichen, Gattungen an. Schon Adanson hatte die außerordentliche Seltenheit der doldenartigen Gewächse unter der heißen Zone geahndet und somit auf die Bekanntschaft mit einer Reihe heut zu Tage allgemein erkannter Phänomene vorbereitet. Die Beschreibung der Gewächse nach den Eintheilungen eines künstlichen Systems hat lange Zeit das Studium ihres Verhältnisses zu den Klimaten in Stocken gebracht. Seitdem die Gattungen in natürliche Familien gesondert wurden, hat man die Zu- und Abnahme der Formen vom Aequator nach dem Polarkreis nachweisen können.

Menzel, der Verfasser einer nicht herausgegebenen Flora von Japan, hatte das Wort Geographie der Pflanzen ausgesprochen. Es giebt Wissenschaften, deren Name, so zu sagen, vor der Wissenschaft selbst vorhanden war. So vor 50 Jahren die Meteorologie, das Studium der Physiognomie und Pathologie der Pflanzen, fast möchte man auch die Geologie dazufügen. Der von Menzel ausgesprochene Name ward gegen 1783 fast zu gleicher Zeit von Giraud Soulavie gebraucht und vom Verfasser der Etudes de la nature, welches Werk neben bedeutenden Irrthümern über die Naturkunde der Erdkugel die geistreichsten Ansichten über Form, geographisches Verhältniß und Beschaffenheit der Pflanzen enthält. Diese beiden Schriftsteller von so ungleichem Talent und Verdienst überließen sich zu oft den Eingebungen der Einbildung. Mangel an positiven Kenntnissen hinderte sie auf einer Laufbahn, deren Ausdehnung sie nicht ermessen konnten, vorzuschreiten. Giraud Soulavie wollte die in seiner Géographie de la nature auseinandergesetzten Grundsätze auf die Géographie physique des végétaux de la France méridionale anwenden; aber der Inhalt des Buches entsprach kaum einem so selbstgefälligen Titel. Man sucht in diesem Werke, das sich für eine Geographie der Pflanzen ausgiebt, vergebens die Namen der wild wachsenden Gattungen oder die Angabe der Höhe ihres Wachsthums. Der Verfasser beschränkt sich auf einige Bemerkungen über die angebauten Pflanzen, welche Bemerkungen später Arthur-Young mit größerem Scharfsinn und mehr Sachkenntniß entwickelt hat. Er unterscheidet in einem Scheitelprofil des Berges Mezin, wobei sich ein Maßstab, nicht nach Toisen, sondern nach der Quecksilberhöhe im Barometer findet, die drei übereinander befindlichen Zonen der Oelbäume, Weinstöcke und Kastanienbäume.

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts hat die genauere Bestimmung der mittleren Temperatur und die Vervollkommnung der Barometermessungen Mittel an die Hand gegeben, den Einfluß der Erhebung auf Ver | 55 theilung der Gewächse in den Alpen und Pyrenäen strenger zu untersuchen. Was Saussure nur hie und da in Bemerkungen hinwerfen konnte, führte Ramond mit dem überlegnen Talente, wovon seine Werke das Gepräge tragen, aus. Zugleich Botaniker, Physiker und Geologe gab er in den Observations faites dans les Pyrénées, in seinem Voyage à la cime du Mont-Perdu und in seinem Mémoire sur la végétation alpine kostbare Aufschlüsse über die Geographie der Pflanzen von Europa zwischen 42°½ und 45° Br. Vervielfacht wurden diese Aufschlüsse durch Lavy, Kielmann und besonders durch Hrn. Decandolle in seiner Einleitung zur dritten Ausgabe der Flore française. Gelehrte und unerschrockne Reisende, Labillardière , Desfontaines und Du Petit-Thouars befragten die Natur, fast zu gleicher Zeit, in der Südsee, auf dem Rücken des Atlas und auf den afrikanischen Inseln. Allgemeine Fragen der Pflanzengeographie wurden von zwei ausgezeichneten deutschen Gelehrten behandelt. In einer akademischen Abhandlung (Historiae vegetabilium geographicae specimen) versuchte Herr Stromeyer den Plan der ganzen Wissenschaft durch bündige Aufzählung dessen, was ihm darunter begriffen werden zu müssen schien, zu zeichnen; während Herr Treviranus in seinen biologischen Untersuchungen auf eine sehr geistreiche Weise einige Vermuthungen über die klimatische Vertheilung nicht der Spezies, sondern der Genera und Familien entwickelte.

Dies waren alle in den Reiseberichten und Abhandlungen einiger französischen, deutschen und engländischen Naturforscher zerstreut liegenden Materialien, als H. von Humboldt mit Hülfe der wichtigen Arbeiten des H. Bonpland nach seiner Rückkunft in Europa den Essai sur la Géographie des plantes, fondée sur des mesures qui ont été exécutées depuis les 10° de latitude boréale jusqu’aux 10° de latitude australe herausgab. Es war das erste spezielle Werk zur Betrachtung der Vegetation in ihrem Verhältniß zur mittleren Temperatur der Stellen sammt Druck, Feuchtigkeit, Durchsichtigkeit und elektrischer Spannung der umgebenden Atmossphäre; zur Bestimmung dieses Verhältnisses nach unmittelbaren Messungen und zum Entwerfen des Gemäldes der Aequinoktialpflanzen von der Meeresfläche bis zu einer Höhe von 5000 Mètres. Um die karakteristischen Züge dieses Gemäldes mehr hervortreten zu lassen, übernahm es der Verfasser, die Erscheinungen in der Vegetation der Tropenländer mit denen in der kalten und gemäßigten Region zu vergleichen. Eine Arbeit dieser Art mußte sehr unvollständig bleiben; dennoch ist das Werk des H. von Humboldt, vielleicht durch die imposante Größe der Gegenstände und durch die Verkettung der Erscheinungen, welche es der Einbildungskraft vorlegt, mit ehrenvollem Beifall aufgenommen worden und hat dazu beigetragen, die Lust zum Studium der Pflanzengeographie anzuregen. In den letzten 15 Jahren haben Robert Brown, Leopold von Buch, Kristian Smith, Decandolle, Wahlenberg, Ramond, Willdenow , Schouw, Hornemann, Delile, Kasthofer, Link, Lichtenstein, Schrader, Giesecke, Chamisso, Winch, Bossi, Lambert, Wallich, Govan, Walker Arnott, | 56 Hornschuch , Hooker, Lamouroux, Leschenault, Bory de Saint-Vincent, Pollini, Caldas, Llave , Bustamante, Auguste de Saint-Hilaire, Martius, Mirbel, Nees von Esenbek, Moreau de Jonnès, Bartling, Boué, Steven, Bieberstein, Parrot, James, Sabine, Edwards, Fischer, Gaudichaud, d’Urville, Lesson, Richardson, Steinwardt, Horsfield, Burchell, Nuttal, Schübler, Ringier und Viviani entweder Fragen, welche jene Wissenschaft betreffen, behandelt oder Materialien zur weiteren Ausdehnung derselben geliefert. Robert Brown, dessen Name mit dem herrlichsten Glanze in der Geschichte der Botanik steht, hat durch vier berühmte Abhandlungen über die Proteaceen der südlichen Halbkugel und über die geographische Vertheilung der Pflanzen von Neuholland, der Westküste von Afrika und der Nordpolarländer mehr als irgend einer dazu beigetragen. Er untersuchte zuerst strenge die Arten, welche in den beiden Hemissphären gleich sind; er ist der erste, welcher durch in Zahlen gefaßte Schätzung das wahre Verhältniß der großen Abtheilungen des Pflanzenreichs, der Akotyledoneen, Monokotyledoneen und Dikotyledoneen kennen lehrte. Hr. von Humboldt ist dieser Forschungsart gefolgt, indem er sie (in seinem Werke De distributione geographica plantarum secundum coeli temperiem et altitudinem montium und in mehren nach einander herausgegebenen Abhandlungen) auf die natürlichen Familien und ihr Uebergewicht unter verschiedenen Zonen ausdehnte. Zunahme vom Aequator gegen den Pol hin zeigt sich bei den Ericineen und Amentaceen, Abnahme vom Pol gegen den Aequator zu bei den hülsenartigen Gewächsen, den Rubiaceen, Euphorbiaceen und Malvaceen. Vergleicht man die beiden Festlande, so findet man im Allgemeinen unter der gemäßigten Zone der neuen Welt weniger Lippenblumen und Crucifers, mehr Kompositen, Ericineen und Amentaceen als in den gleichen Zonen der alten Welt. Von der Vertheilung der Gewächse-Formen, von jenem Ueberwiegen gewisser Familien hängt die Eigenthümlichkeit der Landschaft, das Ansehen einer ernsten oder lachenden Natur ab. Reichthum an Gramineen, geselligen Pflanzen, welche weite Savannen bilden, an Palm- und Zapfenbäumen haben jederzeit auf den geselligen Zustand der Völker, auf ihre Sitten und die mehr oder weniger langsame Entwicklung der Zivilisation Einfluß gehabt. Ja noch mehr: die Einheit in der Natur ist dergestalt, daß sich die Formen einander nach den bestehenden, unwandelbaren, noch nicht durch die menschliche Einsicht ergründeten Gesetzen ausgeschlossen haben. Kennt man auf irgend einem Punkte der Erdkugel die Zahl der Arten einer großen Familie, z. B. der Glumaceen, Kompositen oder hülsenartigen Gewächse, so kann man mit einiger Wahrscheinlichkeit sowohl die Totalmenge der phanerogamischen Pflanzen, als auch die Anzahl der Arten, woraus die andern Gewächse-Stämme bestehen, schätzen.

Mit unermüdlicher Ausdauer hat Wahlenberg die Floren von Lappland, den Karpaten und Schweizer-Alpen umfaßt. Auf genaue barometrische Messungen gegründet, angeknüpft an Decandolle’s Arbeiten über Frankreich und an die von Parrot und Engelhardt über den Kaukasus, | 57 haben uns die Werke Wahlenbergs die untern und obern Gränzen der Gewächse in der gemäßigten und kalten Zone kennen gelehrt. Es fehlte ein Mittelglied zwischen den Beobachtungen in Europa und der heißen Zone. Diese Lücke wurde von einem berühmten Geologen, Hrn. Leopold von Buch, ausgefüllt. Nachdem dieser Gelehrte die Höhe des ewigen Schnee’s jenseit des Polarkreises gemessen, entwarf er vereint mit dem unglücklichen norwegischen Botaniker Smith das Gemälde der Pflanzengeographie im kanarischen Archipel. Engländische Reisende haben durch unternehmenden Muth mit der Vegetation des Himalaya bekannt gemacht, dessen nördlicher Abfall durch das Zurückwerfen der Hitze in den umliegenden Hochebenen schneelos und bis zu einer außerordentlichen Höhe phanerogamischen Arten zugänglich ist. Seefahrten bereicherten den Schatz dieser Kenntnisse. Die von Krusenstern, Kotzebue, Freycinet, Scoresby, Roß, Parry, King und Duperrey haben die Beobachtungen für botanische Geographie von den Maluinen und Marianen bis nach Unalaska und der Barrowstraße vervielfacht, Gegenden, welche schon durch die Arbeiten von Commerson, Banks, Solander, Georg Forster und Giesecke berühmt geworden waren.

So viele Materialien in Abhandlungen, die in verschiedenen Sprachen geschrieben sind, verdienten ohne Zweifel sorgfältig zusammengelesen, unter einander verglichen und zur Bereicherung eines der schönsten Theile der Naturwissenschaft benutzt zu werden. Die erste Ausgabe des Essai sur la Géographie des Plantes, welche vornan im Werke der Hrn. von Humboldt und Bonpland steht, ist seit mehren Jahren vergriffen. Man hatte vor, sie mit einigen Zusätzen wiederaufzulegen; aber H. von Humboldt zieht vor, sie durch ein ganz anderes Werk, eine Geographie der Pflanzen zu ersetzen, welche beide Hemissphären umfaßt und wofür er seit mehren Jahren Materialien gesammelt hat. Das alte Werk beschäftigte sich speziell bloß mit der Aequinoktial-Vegetation der neuen Welt. So zu sagen im Angesicht der Gegenstände, am Fuße der Kordilleren, verfaßt, erschien es lange vor der großen Arbeit Nova Genera et Species plantarum aequinoctialium Orbis Novi, worin Herr Kunth 4500 Spezies von den Hrn. von Humboldt und Bonpland eingesammelter Tropenpflanzen beschrieben hat. Diese Arbeit (sieben Bände in Folio mit 725 Kupferplatten) wird nicht bloß dazu dienen, die Angabe der Spezies in dem 1805 entworfenen Gemälde der Aequinoktialregionen zu berichtigen und zu vervollständigen, sondern auch nach der Erörterung der barometrischen Messungen und der gewissenhaften Untersuchung einer größeren Menge von Spezies, als man je zu gleichem Zwecke hatte gebrauchen können, bestimmte Data und Zahlen-Koeffizienten geben über die Vertheilung der Aequinoktialpflanzen in den Ebenen und auf den Bergen, letztre in, 500 Mètres breite, Zonen getheilt. Schon hat H. Kunth im letzten Bande der Nova Genera die speziellen Floren von Venezuela, Kundinamarka, Quito und Mexiko gegeben. Das Werk, welches wir ankündigen, wird nicht nur eine zweckgemäße Zusammenstellung dessen sein, was bis jetzt in | 58 den in Europa und Amerika herausgegebenen Abhandlungen zerstreut liegt, es wird auch durch inedirte Materialien bereichert werden, welche der Verfasser der Freundschaft mehrer Botaniker und Reisenden, die das Gebiet unsrer Kenntnisse vergrößert haben, verdankt.

Die Geographie der Pflanzen ist eine gemengte Wissenschaft, die auf keiner festen Grundlage stehen kann, wenn sie nicht zugleich von der beschreibenden Botanik, der Meteorologie und der eigentlichen Geographie Hülfe entlehnt. Wie will man die interessante Aufgabe, welche kryptogamische Pflanzen, welche Gramineen, welche Dikotyledoneen in der alten und neuen Welt, unter der südl. und nördl. gemäßigten Zone völlig identisch sind, auflösen, ohne in den Herbarien die benachbarten Spezies nachzusehen, ohne die genauste Kenntniß vom Bau und den wesentlichen Karakteren der Spezies zu besitzen? Wie will man über den Einfluß, den von außen die Natur und Erhebung des Bodens, die Atmossphäre, ihre Temperatur, ihr Druck, ihre Feuchtigkeit, Elektrizität, das Verlöschen der Lichtstrahlen, die durch die oberen Luftlagen streichen, auf die Pflanzenwelt äußert, ohne den gegenwärtigen Zustand der Meteorologie und der Physik überhaupt zu kennen? Wie die Naturgesetze erkennen, nach welchen die Gewächsgruppen über Festlande und im Meeresschooße unter verschiedener Breite und in verschiedener Höhe verbreitet sind, ohne mit Instrumenten zum Messen der Alpenstationen, der Hitzabnahme auf den Bergabhängen und in den Wasserlagen des Ozeans, der Einbeugung der Linien gleicher Wärme und der ungleichen Temperaturvertheilung in den verschiedenen Jahreszeiten auf der Küste und im innern Festlande, versehen zu sein? Hat die Geographie der Pflanzen bis jetzt nicht die schnellen Fortschritte gemacht, welche man nach einer solchen Menge wissenschaftlicher Reisen hätte erwarten sollen, so liegt der Grund einerseits darin, daß den Botanikern oft die Mittel zur Untersuchung der Höhe und Atmossphäre fehlen, andrerseits die Physiker entweder nicht die zur Bestimmung der Spezies unentbehrlichen botanischen Kenntnisse besitzen oder an den Punkten, deren absolute Höhe sie durch gute hypsometrische Methoden bestimmt haben, Herbarien anzulegen vernachlässigen.

Hr. von Humboldt, der 5 Jahre lang bald allein, bald vereint mit Hr. Bonpland in den Aequinoktialregionen Pflanzen gesammelt hat, wurde, seit seiner Rückkunft in Europa, durch andre Beschäftigung vom Studium der beschreibenden Botanik abgehalten. Da sein beständiger Wunsch ist, in seinem Werke die Unvollkommenheiten so viel als möglich zu heben, so hat er sich mit Hr. Kunth verbunden, welcher durch seine Talente und durch die Wichtigkeit seiner zahlreichen Arbeiten eine der ersten Stellen unter den Botanikern unserer Zeit einnimmt. Der Text des Werkes wird von Hrn. von Humboldt sein; die von Hrn. Kunth hinzugefügten Abhandlungen oder erklärenden Noten werden mit dem Namen dieses Gelehrten unterzeichnet sein. Die Géographie des plantes, rédigée d’après la comparaison des phénomènes que présente la végétation dans les deux continens wird einen Folioband von ungefähr 100 Blatt ausmachen. | 59 Kein allgemeines Werk dieser Art ist noch in Frankreich erschienen. Der Essai élémentaire de Géographie botanique von Hrn. Decandolle enthält viele neue und geistreiche Ansichten, aber der Verfasser mußte sich auf eine geringe Anzahl Seiten beschränken, da seine Abhandlung für den von den Professoren des Jardin du Roi herausgegebenen Dictionnaire des sciences naturelles bestimmt war. Nur Dänemark und Deutschland besitzen ein Werk von größerer Ausdehnung, die vortreffliche Schrift des Hrn. Schouw Elemente einer Universalgeographie der Gewächse. Der schon durch eine Abhandlung De sedibus originariis plantarum vortheilhaft bekannte Verfasser hat die Masse des vorher bekannten vermehrt. Er gehört zu jener kleinen Anzahl von Reisenden, welche zugleich Botaniker und Physiker, wie Ramond, Wahlenberg, Decandolle, Parrot, Leopold von Buch, Ch. Smith und Pollini, zu gleicher Zeit die Spezies, die Höhe des Standpunkts und die mittlere Temperatur des Orts bestimmt haben. H. Schouw hat mit einem edlen wissenschaftlichen Eifer die Vegetation von Europa von der skandinavischen Halbinsel bis zum Gipfel des Aetna studirt. Seine vor 3 Jahren herausgegebenen Elemente würden noch verdienen, ins Französische übersetzt zu werden. Es ist ein botanischer Atlas dabei, und das Werk trägt das Gepräge eines höchst genauen und scharfsinnigen Geistes. In dem dänischen Werke finden sich sorgfältig die Bemerkungen über botanische Geographie, die Hr. v. Humboldt nach einander bekannt machte, zusammengestellt. Seinerseits wird dieser nun in den Elementen des Hrn. Schouw alles Neue und Wichtige, was sie enthalten, schöpfen; aber die beiden Werke werden nichts mit einander gemein haben, außer inwiefern dies bei der Erörterung eines Theils der nämlichen Fragen nothwendig ist.

Zur Geographie der Pflanzen der Hrn. von Humboldt und Kunth werden wenigstens 20 Kupferplatten gehören, worunter einige auf das Aussehen der Vegetation oder die Physiognomie der Pflanzen Bezug haben. Die Kupfer werden nach den Zeichnungen ausgeführt werden, die Hr. Rugendas unlängst in den Wäldern Brasiliens verfertigte. Dieser junge verdienstvolle Künstler hat 5 Jahre lang mitten im Reichthume der tropischen Pflanzenwelt gelebt. Er wurde durchdrungen vom Gefühl, daß in der wilden Fülle einer so wunderbaren Natur, der malerische Effekt in der Zeichnung immer durch die Wahrheit und treue Nachahmung der Formen entsteht. Das neue Werk gehört wesentlich zum Voyage aux régions équinoxiales der Hrn. von Humboldt und Bonpland; es ist eine Art Fortsetzung der von Hr. Kunth herausgegebenen Nova Genera. Da es über die größten Probleme der Natur handelt, so hat es nicht bloß wissenschaftliches Interesse für Botaniker und Physiker, es empfiehlt sich auch denen, welche gerne Gebirge besuchen oder den Reisenden in der Erzählung über die weite Ferne folgen. Die botanische Geographie spricht zugleich zum Geiste und zur Einbildungskraft; wie die Geschichte jener antiken Pflanzenwelt, die im Schooße der Erde vergraben liegt, wird sie zum höchst anziehenden Studium. Sind die einzelnen Erscheinungen dargestellt und | 60 die besonderen Beobachtungen beschrieben, so ist es erlaubt, sich zu allgemeinen Ideen zu erheben; auf eine unfruchtbare Anhäufung von Erfahrungen den Fortschritt der Wissenschaften beschränken wollen, das hieße die Bestimmung des menschlichen Geistes verkennen.

Es werden nur 140 Exemplare gedruckt werden, 125 auf Jesuspapier, 15 auf großem Colombier. Das Werk wird in 4 Lieferungen erscheinen. Jede Lieferung kostet für den Subskribenten ebensoviel als die von Nova Genera et Species plantarum, nämlich 180 Franken auf Jesuspapier, 200 Franken auf groß Colombier. Bei Gide fils, rue St. Marc-Feydeau, Nr. 20., zu Paris.

[...]

Die Erstellung der Datenbestände der edition humboldt digital ist ein fortlaufender Prozess. Umfang und Genauigkeit der Daten wachsen mit dem Voranschreiten des Vorhabens. Ergänzungen, Berichtigungen und Fehlermeldungen werden dankbar entgegengenommen. Bitte schreiben Sie an edition-humboldt@bbaw.de.

Zitierhinweis

Humboldt, Alexander von: Deutsche Ankündigung der „Geographie der Pflanzen nach der Vergleichung der Erscheinungen, welche die Vegetation der beiden Festlande darbietet“ (1826), hg. v. Christian Thomas und Ulrich Päßler. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 7 vom 07.09.2021. URL: https://edition-humboldt.de/v7/H0016428


Download

 Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen

Kanonische URLDieser Link führt stets auf die aktuelle Version.

https://edition-humboldt.de/H0016428