Editorischer Kommentar

Diesen Fragenkatalog richtete Humboldt an den Botaniker und Forschungsreisenden Robert Brown, der sich im Spätsommer 1816 in Paris aufhielt (vgl. Mabberley 1985, 198f.). Die Fragen stehen zeitlich und inhaltlich mit Humboldts Schrift De Distributione geographica plantarum secundum coeli temperiem et altitudinem montium, Prolegomena in Zusammenhang. Diese war zunächst 1815 als Vorrede zum ersten Band der Nova genera et species plantarum erschienen (Humboldt/Bonpland/Kunth 1815–1825, I, III–LVIII). Ende 1816 veröffentlichte Humboldt einen Separatdruck (Humboldt 1817, vgl. Fiedler/Leitner 2000, 319). Robert Brown beschäftigte sich zur gleichen Zeit wie Humboldt mit den weltweiten geographischen Verteilungsmustern der Pflanzen (vgl. z. B. Brown 1814). Die 22 Fragen (die Nr. 13 vergibt Humboldt aus Versehen doppelt) behandeln unter anderem die Verbreitung der Gattungen Pinus, Cactus und Quercus in Europa, Asien und Amerika, mögliche Ausbreitungswege von Pflanzen über die Erde, Pflanzen, die sowohl der nördlichen als auch der südlichen Hemisphäre angehören sowie einen Vergleich des Vegetationscharakters von Südafrika, Australien und Amerika.

| 3r Humboldt

in Paris, Quai Malaquai Nummer 3.

Geographie der Pflanzen, bis Januar oder Februar 1817.


1. Ob wirklich keine Pinus in der südlichen Hemisphäre, ob Brasilien, Buenos Aires und Chile solche nicht einschließen und ob alles, was die Spanier und Brasilianer Pino nennen, die Araucaria ist?

2. Unterscheidet sich die Araucaria Brasiliens von derjenigen Chiles?

3. Gibt es Kiefern im äquinoktialen Teil von Ostindien? Wandert die Pinus longifolia südlich von Nepal über den Wendekreis des Krebses hinaus?

4. Welche sind die Kiefern von Tibet, von China? Sind es Arten aus Europa oder aus Nordasien?

5. Beschaffen Sie Früchte von Pinus occidentalis aus Jamaika. Man muss wissen, bis zu welcher Höhe sie von den Bergen hinabsteigt: Man kann die Höhe nach dem Klima beurteilen.

6. Ist es wahrscheinlich, wie Thunberg behauptet, dass unsere Pinus sylvestris und Pinus cembra in Japan sind?

| 3v7. Kaktus. Bleibt irgendein Zweifel an seiner rein amerikanischen Herkunft? Die ostindischen Kakteen von Roxburgh?

8. Azoren. Haben sie irgendeinen Zug der amerikanischen Vegetation? Man hat dort keinen Kaktus gefunden.

9. Fragen Sie die Menschen, die in Ostindien gewohnt haben, ob der Tabaxir der Bambusa, wenn er noch nicht gehärtet ist, Süße hat. Es ist der Zucker der Alten.

10. Findet man in Ostindien im tropischen Teil zweikeimblättrige Pflanzen Europas und Sibiriens? Überqueren sie die Berge Zentralasiens von Nord nach Süd?

11. Hat man Prunella vulgaris, Potentilla anserina, Samolus Valerandi, die Sie in Neuholland gefunden haben, in Bhutan, in den Bergen von Sylhet, in der gemäßigten Region von Ostindien gefunden?

| 4r12. Hat das südliche Afrika, das Kap der Guten Hoffnung, europäische Arten?

13. Leschenault sagt, dass er Eichen (Quercus) in Ostjava gesehen hat. Sind Ihnen solche in der südlichen Hemisphäre anderswo bekannt?

 Humboldt vergibt die Nummer 13 in seinem Fragenkatalog versehentlich doppelt. Brown führt die Zählung in seinen Antworten allerdings lückenlos fort. Im Folgenden beziehen sich also Humboldts Frage 13[b] auf Browns Antwort 14; Humboldts Frage 14 auf Browns Antwort 15 usf.
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13.
Pflanzen, die den Tropen beider Kontinente gemein sind. Ob die Bombax sich unterscheiden? Guilandina Bonduc? Sesuvium portulacastrum?

14. Wären Asplenium monanthemum und Aspidium punctulatum in beiden Kontinenten die gleichen?

15. Die Rhizophora mangle, von Strabon beschrieben?

16 Keine Rosa in der südlichen Hemisphäre?

17. Ob unsere Getreidearten in Nordindien wild vorkommen, wie man versichert?

18. Verbindungen der Physiognomie der Gewächse und ihre natürlichen Verwandtschaften zwischen den drei äußeren Rändern der | 4vKontinente, dem Süden Afrikas, Neuhollands und Amerikas.

19. Viele englische Seeleute halten sich wegen des Walfangs auf den Galapagosinseln auf. Beschaffen Sie sich einige Pflanzen, um zu sehen, ob sie bereits Verbindungen zu den Pflanzen der Gesellschaftsinseln haben.

20. Betrachtet man die Inseln der Südsee von West nach Ost, von Neuholland bis zur Osterinsel, sieht man die Verbindungen zu Amerika etwas zunehmen? Ich glaube das nicht!

21. Ich möchte eine Pflanze kennenlernen, die zugleich in den gemäßigten und äquinoktialen Zonen beider Hemisphären vorkäme. Dactyloctenium aegyptiacum?

Ich werde sehr glücklich sein, wenn Herr Brown geruht, nur einige dieser Fragen zu beantworten.

Humboldt.

Zitierhinweis

Humboldt, Alexander von: Fragen an Robert Brown zur Pflanzengeographie (Paris, 1816) – deutsche Übersetzung, hg. v. Ulrich Päßler unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch und Ingo Schwarz. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 5 vom 11.09.2019. URL: https://edition-humboldt.de/v5/H0015180-DE


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