Normalisierung

Normalisierungen sind Anpassungen von historischen oder persönlichen Schreibweisen an die moderne Orthographie, die von den HerausgeberInnen vorgenommen werden. Dabei können Normalisierungen explizit ausgezeichnet oder stillschweigend – ohne Kenntlichmachung in XML – vorgenommen werden. Nachfolgend werden sowohl die explizit ausgezeichneten als auch die stillschweigend vorgenommenen Normalisierungen erläutert und dokumentiert.

Normalisierungen sind zu unterscheiden von Korrekturen von Fehlern durch die HerausgeberInnen. Korrekturen im engeren Sinne werden vorgenommen, wenn Fehler in der Vorlage das Verständnis einzelner Wörter oder des gesamten Satzes und somit den Lesefluss stören. Darüber hinaus sind Normalisierungen zu unterscheiden von Auflösungen von Abkürzungen durch die HerausgeberInnen.

Eine Sonderform der stillschweigenden Normalisierung in der edition humboldt digital ist die Normalisierung von Zahlen und Notationen, siehe dazu Normalisierung von Notationen und Zahlenwerten.

Explizite Normalisierung

Normalisierungen sind im Rahmen der Edition Korrekturen der Orthographie und Interpunktion, die die Schreibung der Vorlage der besseren Lesbarkeit halber an orthographische Konventionen anpassen sollen, ohne dabei jede Abweichung als Fehler zu markieren. Explizit normalisiert werden üblicherweise Groß- und Kleinschreibung, die Korrektur von Satzzeichen, die Ergänzung von Apostrophen, fälschlich getrennt geschriebene Wörter sowie Geminations-Überstriche bei Doppelkonsonanten. Im Ermessen der BearbeiterInnen liegt die explizite Normalisierung von Unterführungszeichen (auch Wiederholungszeichen genannt) in Listen und Tabellen. Die normalisierte Variante sind hierbei die Zahlen oder Wörter, die das Unterführungszeichen repräsentiert.

Im Gegensatz zur Korrektur von Fehlern werden explizit normalisierte Wörter und Satzzeichen im Kritischen Text nicht markiert.

Ausgenommen von der expliziten Normalisierung sind Schreibgewohnheiten Humboldts, die oftmals den orthographischen Konventionen der Zeit entsprechen. Sie werden als Stilelemente bewahrt und auf keiner Ebene normalisiert. Dazu zählen u. a.:

  • Fehlende Doppelkonsonanten (vortreflich, gedrukt, unnüz)
  • Fehlendes Dehnungs-e (disponirt)
  • Th statt T (Theil, Monathe)
  • Dopplung des Schluss-s (Besorgniss, Kenntniss)
  • Schwankende Schreibung von Eigennamen (Goethe und Göthe, Schinkel und Schinckel)
  • verschiedene Formen des „s“ und „ß“ nur dann, wenn explizit von Humboldt so geschrieben

Auch Eigennamen von Orten oder Personen werden in ihrer ursprünglichen Schreibweise belassen. Die Normalisierung erfolgt hier durch die Verknüpfung der Namen mit dem jeweiligen Registereintrag.

Stillschweigende Normalisierung

Aus Gründen der Arbeitsökonomie wird darauf verzichtet, Humboldts Schreibgewohnheiten in der Verwendung von diakritischen Zeichen explizit zu normalisieren. Im Unterschied zu Schreibgewohnheiten auf der Wortebene werden diakritische Zeichen stillschweigend ergänzt. Hierzu zählen:

  • Akzente in allen Sprachen
  • Doppelpunkte über deutschen Umlauten (sog. Umlautzeichen)

Neben dem arbeitsökonomischen Argument wird dies folgendermaßen begründet:

  • Autorintention: Es wird davon ausgegangen, dass Humboldt sich seiner nachlässigen Schreibweise sehr wohl bewusst war, ihre Korrektur aber für die Alltagskommunikation oder rasche Notizen im Reisetagebuch als überflüssig erachtete. In Einzelfällen lässt sich nachweisen, dass Humboldt fehlende Umlautzeichen selbst nachträglich ergänzte, um seinen (in diesem Fall wichtigen) Briefinhalt auch zweifelsfrei zu kommunizieren.
  • Autorbild: Würde eine transparente Normalisierung konsequent durchgeführt, entstünde dadurch ein kritischer Text, der das Bild Humboldts als Autor sowie den Leseeindruck verzerrt. Beispielhaft aufgezeigt zu bekommen, dass Humboldt sich Kunth gegenüber „glucklich“ zeigt, ihm „sagen zu konnen“, Lessing mit 800 Talern unterstützt zu haben, kann ein interessanter Befund etwa für die Forschung zur Schriftbildlichkeit oder der Materialität historischer Handschriften sein. Auf Dauer aber und in der Menge, in der diese Nachlässigkeiten vorkommen, würde eine präzise Dokumentation jedes Befundes diesem Textphänomen zu große Bedeutung verleihen.
    Alexander von Humboldt an Carl Sigismund Kunth. [Berlin], Freitag, [26. Oktober 1832], Bl. 1r

  • Nicht eindeutige materielle Grundlage: Zuweilen suggeriert das Schriftbild, dass Humboldt sehr wohl Umlautzeichen gesetzt hat, es aber bei schneller Niederschrift oder abgenutzter Schreibfeder wahrscheinlich nicht zum (vollständigen) Abdruck der Zeichen kam. Im folgenden Ausschnitt aus einem Brief an Meyen von Anfang 1830 fehlen die Umlautzeichen über „fur“, über „schone“ hingegen zeichnen sie sich leicht ab. Den vorliegenden Text als „fur das schone“ zu transkribieren, hieße den Text mehr verfälschen als ihn diplomatisch wiedergeben.
    Alexander von Humboldt an Franz Julius Ferdinand Meyen. [Berlin], Mittwoch, [Anfang 1830], Bl. 1r – „fur das schone“
  • Grenzen der diplomatischen Umschrift: Wird im Einzellfall unterschieden, ob Umlautzeichen gesetzt wurden oder nicht, müssten konsequenterweise auch fehlende i-Punkte dokumentgetreu ausgezeichnet werden.
  • Vergleichstexte: Der Großteil der Texte wird in diesem Sinne stillschweigend normalisiert. Beispielhaft werden aber einzelne Konvolute mit erhöhter Auszeichnungstiefe (Granularität) publiziert:
    • Kunth-Briefwechsel: die Normalisierung von diakritischen Zeichen erfolgt explizit.
    • Cuba-Manuskript: der Unterschied zwischen Befund (kritischer Text) und Deutung (Lesetext) wird noch stärker ausgebaut durch hohen Einsatz von den Text ordnender, von den HerausgeberInnen ergänzter Interpunktion sowie der Normalisierung von Ortsnamen.

In seltenen Fällen kann auf Basis der Textvorlage nicht eindeutig geklärt werden, ob eine stillschweigende Normalisierung oder explizite Normalisierung angemessen ist. Wenn eine intentionale oder anderweitig signifikante Abweichung möglich oder wahrscheinlich erscheint, wird die Normalisierung mithilfe des <choice>-Elements kenntlich gemacht. Wird in vergleichbaren Fällen stillschweigend normalisiert, erfolgt in einer Sachanmerkung (siehe Sachanmerkung) eine kurze Begründung der Kenntlichmachung.

Im editorischen Alltag ergeben sich zahlreiche Grenzfälle zwischen den Polen Schreibgewohnheit, (stillschweigender/expliziter) Normalisierung und dem korrigierenden Eingriff durch die HerausgeberInnen. Diese werden anhand repräsentativer Beispiele dokumentiert. Die Unterscheidung basiert auf folgenden Richtlinien:

Kodierung

Sollen Normalisierungen explizit kodiert werden, wird das Element <choice>verwendet. Dabei wird das Wort in seiner Form, mit der es im Manuskript erscheint, in einem Kindelement <orig> (original) notiert, die normalisierte Schreibweise in <reg> (regularization).

<choice>
   <orig>parceque</orig>
   <reg>parce que</reg>
 </choice>

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Explizit ausgezeichnete Normalisierungen werden in der Webansicht nur in der Leseansicht dargestellt; im kritischen Text wird dagegen weiterhin die originale Schreibweise angezeigt. Stillschweigende Normalisierungen werden in allen Anzeigevarianten ohne weiteren Hinweis angezeigt.