Einleitung

1Anfang März 1801 verlassen Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland Havanna und schiffen sich von Kuba nach Cartagena ein, an der Nordküste des spanischen Vizekönigreichs Neugranada (das heutige Kolumbien), das sie am 31. März 1801 erreichen. Von dort machen sie sich auf dem Landweg gen Süden auf, „über achthundert Meilen in einem Lande […], das wir gar nicht hatten bereisen wollen“.[1] Ihr Ziel: die Hafenstadt Lima im Vizekönigreich Peru, wo sie bis Ende 1801 ankommen wollen. Humboldt plant, sich dort doch noch der lange ausstehenden französischen Expedition unter dem Kommando von Kapitän Nicolas Thomas Baudin in den Südpazifik anzuschließen. Bereits 1798 hatte Humboldt in Paris gehofft, an dessen geplanter Expedition teilnehmen zu können, die damals aber nicht zustande kam. Erst als Humboldt und Bonpland Anfang Januar 1802 in Quito eintreffen, stellen sich die Berichte über Baudins Expedition als falsch heraus. Statt wie ursprünglich geplant um Kap Hoorn zu segeln, nahmen die französischen Schiffe den Weg um das Kap der Guten Hoffnung nach Australien.[1] Humboldt 1991, I, 47, 62–63.

2Es gehört zu den reizvollen Gedankenspielen, sich vorzustellen, wie wir heute von Humboldt sprächen, wenn die beiden Schiffe Baudins tatsächlich Lima angelaufen hätten und Humboldt dort an Bord einer Expedition in die Südsee gegangen wäre. Baudins Expedition nach Australien von 1801 bis 1804, „pour les recherches de géographie et d’histoire naturelle“, gehört zu den unterschätzten und völlig zu Unrecht weitgehend vergessenen der großen französischen Weltumsegelungen.[2] Bis heute ist sie, auch dank der tendenziösen Berichterstattung des mitreisenden Naturforschers François Péron,[3] weniger bekannt für die – indes durchaus beachtlichen – Errungenschaften im Bereich der Naturkunde, als vielmehr für ihr exzeptionelles graphisches Begleitwerk der beiden Zeichner Charles-Alexandre Lesueur und Nicolas-Martin Petit,[4] nachdem 960 Zeichnungen und Gemälde wiederentdeckt und ausgewertet wurden.[5][2] Bonnemains 2000; Horner 1987; Fornasiero/Monteath/West-Sooby 2004; Kingston 2007. [3] Péron/Freycinet 1807–1816. [4] Lesueur/Petit 1811. [5] Bonnemains/Forsyth/Smith 1988; Altmann 2012.

3Tatsächlich liegt das Vermächtnis von Baudins Expedition weniger in den geographischen Entdeckungen (die in Konkurrenz zu denen einer zeitgleichen britischen unter dem Kommando von Matthew Flinders standen) oder gar in territorialer Inbesitznahme für Frankreich. Vielmehr ist es die seinerzeit erste bedeutende Sammlung von „curiosités naturelles“, die eine empirische Basis für die systematische Untersuchung etwa auch zu Vorkommen und Verbreitung einzelner Organismen bot. Neben den erstmals lebend mit nach Europa geführten Tieren wie Kängurus, Emus und schwarzen Schwänen hatte diese naturkundliche Sammlung immerhin den Umfang von mehr als 200 000 Einzelstücken von 3 872 Tier- und etwa 1 500 Pflanzenarten, wovon 2 542 bzw. mehr als 640 für die Wissenschaft neue Arten waren. Sie verdoppelte seinerzeit die Bestände des Pariser Naturkundemuseums.[6][6] Horner 1987, 357; Burkhardt 1997.

4Statt um die Welt zu segeln, bereiste Humboldt unter anderem Südamerika und das heutige Mexiko. Weitaus bescheidener als die Sammlung der Baudin-Expedition – aber auch anderer Einzelreisender, wie etwa Alfred Russel Wallace, der immerhin mehr als 125 000 Objekte allein aus dem Malaiischen Archipel zurückbringt[7] – nimmt sich dagegen die Ausbeute Humboldts und Bonplands aus. Dies gilt insbesondere für die zoologischen Teile. Tatsächlich müssen wir feststellen, dass Anschauung und Aufzeichnungen, Beobachtungen und Messungen vor Ort während der Reisen viel mehr das Fundament für Humboldts spätere Forschungen und Veröffentlichungen bilden, als dass seine Sammlungen von Naturalien und deren nachfolgende Untersuchung die Grundlage für spätere Publikationen waren. Eine Ausnahme machen hier jene Teile der botanischen Sammlungen, die nach der Rückkehr eingehend von Bonpland, Willdenow und Kunth bearbeitet wurden. Von noch größerer Bedeutung aber, so sei hier bereits thesenhaft vorangestellt, sollten sich Humboldts Vorläufer und Vorbilder insbesondere in der Botanik erweisen, obgleich er diesen ebenso wie einem Begründer der Tiergeographie dann nur in unzureichendem Maße Anerkennung und Achtung zollt.[7] Glaubrecht 2013.

5Dieses Versäumnis und daraus ableitbare Folgerungen indes gehen weitgehend unter angesichts einer ikonenhaften Überhöhung und Heroisierung Alexander von Humboldts. Diese zieht sich durch die vergangenen Jahrzehnte bis heute, und betrifft populäre Autoren ebenso wie die aktuelle akademische Forschung. Hier sei nur eine kleine Auswahl angeführt. So hätten Humboldts Wirken und Werke durchaus „an epic scale which he devoted his life and his fortune to creating“;[8] auch sei er Forschungsreisender par excellence, zudem „der größte Geograph der Neuzeit“ und „der Kartograph der Neuen Welt, der größte bis dahin überhaupt, der uns das umfangreichste Werk hinterlassen hat“.[9] Tatsächlich mache seine Sichtbarkeit, sein kolossales Ansehen zu Lebzeiten, sein Nachruhm „bis hin zur [sic] einer Art von Humboldt-Wettbewerb zwischen den traditionsbedürftigen deutschen Teilstaaten“ ihn zu mehr als bloß einem Thema der Wissenschaftsgeschichte, konstatierte Jürgen Osterhammel;[10] zu mehr als einer nur historisch interessanten Figur.[11] Noch vor dem – wiederkehrenden oder anhaltenden – Humboldt-Hype der vergangenen zwei Jahrzehnte, bemerkte Osterhammel einen „Humboldt-Mythos“ und eine „heroische Stilisierung“.[12] Nicht nur werden heute mit Humboldts Namen Dinge benannt, „die er gar nicht selbst entdeckt oder begründet hat“; sein Ruhm habe „zum Teil andere Quellen als die einer direkt zurechenbaren Leistung“.[13][8] Pratt 1992, 115, 137. [9] Beck 2000, 45; Hervorhebung im Original. [10] Osterhammel 1999, 108. [11] Vgl. Daum 2000; Ette 2009. [12] Osterhammel 1999, 108. [13] Osterhammel 1999, 107.

6Inzwischen wird Alexander von Humboldt als moderner Forscher und Superstar schlechthin, als Weltreisender und „Weltbürger“ mit „Weltbewußtsein“[14] idealisiert, zum letzten Universalgelehrten und enzyklopädisch gebildeten „Universalisten“[15] und zum Begründer gleich mehrerer Disziplinen und Forschungsfelder stilisiert, von der Pflanzengeographie und Ökologie bis zur Evolutionstheorie, von der Kontinentaldrift bis zum Naturschutz. Und dies geschieht durchgehend und kritiklos vom populären Roman bis zur vielgelobten Biographie, die sich dabei sämtlich auf die derzeitig dominierende Humboldt-Rezeption einzelner Fachwissenschaften stützen.[16] [14] Ette 2003, 296; Ette 2009. [15] Richter 2009: „[…] der naturwissenschaftliches und philologisches Denken vereinigte“. [16] Kehlmann 2005; Wulf 2016. Eine Ausnahme macht hier jüngst Meinhardt 2018.

7Zwar wird durchaus wahrgenommen, dass Humboldts Werk – „trotz seiner Enormität immer noch unvollendet, das letzte Mega-Fragment der europäischen Sattelzeit“[17] – ein Unternehmen sei, eine „ästhetische Wissenschaft“ zu begründen und zu betreiben, „das nach 1800 nur noch vereinzelt unternommen wurde“[18]. Doch wird Humboldts Lebenswerk gegenwärtig weniger in seiner Rückwärtsgewandtheit und Verhaftung in der Romantik der Zeit Schillers und Goethes erkannt,[19] als vielmehr dankbar als Versuch aufgefasst, der wissenschaftlichen Ausdifferenzierung und Spezialisierung am Beginn des 19. Jahrhunderts mit Humboldt ein „transdisziplinäres“ und „interkulturelles“ Projekt entgegenzusetzen; als ein frühes, der Tendenz jener im Gefolge von C.P. Snows vielzitierten divergierenden „zwei Kulturen“ (von naturwissenschaftlicher und literarischer Bildung) gleichsam zuvorkommendes Modell einer deshalb zugleich zukunftsweisenden Wissenschaft.[20] Allerdings sei angemerkt, dass frühere Beiträge sich durchaus mit Humboldts Rolle im Verhältnis zur Romantik beschäftigt haben.[21][17] Osterhammel 1999, 108. [18] Böhme 2001, 17; vgl. auch Daum 2000, 245. [19] Obgleich Pratt 1992, 126 durchaus bemerkt, Humboldt sei „deeply rooted in eighteenth-century constructions of Nature and Man“; vgl. zum ideengeschichtlichen Hintergrund Nicolson 1987, 176–180; sowie Hey’l 2007 und Richter 2009. [20] Ette 2003. [21] Dies betrifft insbesondere die deutsch-deutschen Debatten der 1960er Jahre, bei der in der DDR eine aufklärerische Lektüre Humboldts dominierte, während sich im Westen die Positionen von Meyer-Abich, der Humboldt strikt als holistischen Romantiker interpretierte, und die von Bunge, der Humboldt als entschiedenen Gegner der Romantik einordnete, gegenüber standen; vgl. dazu Schuchardt 2010, 22.

8Allgemein wird immer wieder herausgestellt, dass Humboldt ein neues Bild der Natur entwarf. Und kaum ein einzelnes Bild ist für diese Interpretation und Rezeption derart wirkmächtig gewesen und dabei von derartiger Popularität wie Humboldts zusammenfassendes bimediales „Tableau physique des Andes et Pays voisins“ oder das „Naturgemälde der Tropenländer“ von 1807, seine Darstellung von vertikal sich ablösenden Vegetationszonen anhand eines idealisierten Gebirgsprofils am Chimborazo. Vor allem aber hat er mit seinen Ideen einer Geographie der Pflanzen entscheidende Denkanstöße gleich für mehrere Forschungsdisziplinen gegeben.[22] Untrennbar damit verknüpft ist Humboldts Anspruch und Ansatz zu zeigen, wie wichtig es ist, bei der Bestimmung der Gesetze, die die Verteilung von Pflanzen bestimmen, physikalische Phänomene und Messungen rund um die Welt zu korrelieren. Insbesondere dies lässt ihn nach Ansicht vieler zum Begründer der Pflanzengeographie werden. Er hat damit demonstriert, wie die Welt der Pflanzen auf neue Art zu erforschen sei; übrigens bereits mit bewusster Berücksichtigung der Rolle des Menschen, etwa durch Veränderung der Vegetation in historischer Zeit mittels Einführung bestimmter Pflanzen und der Gestaltung ganzer Landschaften. Am Chimborazo im heutigen Ekuador, einstmals für den höchsten Berg der Welt gehalten, begründete Humboldt mit seiner ikonenhaften und stilbildenden Darstellung – jener „Pionierurkunde langsam werdenden modernen ökologischen Denkens“ – zugleich die Ökologie, lange bevor der Begriff 1866 durch Ernst Haeckel als Lehre vom Haushalt der Natur geprägt wurde.[23] In der Tat ist Humboldts bimediale Synthese von Text und Bild eine herausragende Leistung.[24] Zudem hat Humboldt mit diesem transmedialen Bild der Bilder gleichsam die erste Infographik entwickelt, wie Oliver Lubrich und mit ihm andere betonen.[25][22] Humboldts Essai sur la géographie des plantes bzw. seine Ideen zu einer Geographie der Pflanzen erschienen 1807 zeitgleich in Paris und Tübingen. Der Text behandelt auf 32 Seiten die Pflanzengeographie, auf 150 Seiten erläutert er das Naturgemälde, Humboldt 1807a und Humboldt 1807; vgl. Beck/Hein 1989; Beck 2000, 47. Auf die epistemologischen und linguistischen Differenzen des französischen Originals und der deutschen Übersetzung Humboldts hat Bersier 2017, 336–345 hingewiesen; vgl. dazu auch Hey’l 2007, 311–316. [23] Haeckel 1866; vgl. auch Egerton 2012, 121–124. [24] Humboldt 2009d; Lack 2009; Knobloch 2011; Bersier 2017. [25] Lubrich 2014; Wulf 2016.

9Allerdings wurde meist übersehen (oder wenigstens unerwähnt gelassen), dass weder die Beobachtung und Messung der sich mit der Höhe über dem Meer verändernden Vegetation auf Humboldt zurückgeht, noch die erste graphische Darstellung dazu. Humboldt hat es jedoch verstanden, beide Tatsachen derart erfolgreich zu verklären, dass auch die Nachwelt bis in unsere Zeit diese Vorgänger kaum einmal entsprechend gewürdigt hat; geschweige denn, dass sie allgemein bekannt wären. Bislang ist zudem nicht hinreichend genau untersucht worden, inwieweit diese Vorgänger Humboldts Werden und Wirken beeinflusst und geprägt haben.

10Übersehen wurde überdies, welche Verbindungen und Abhängigkeiten es zwischen den Anfängen einer Geographie der Pflanzen und jener der Tiere zu Lebzeiten Humboldts gab. Humboldt selbst gibt im Kosmos dazu später zwar die Auskunft: „Die geographische Verbreitung der Thierformen, über welche Buffon zuerst allgemeine und großentheils sehr richtige Ansichten aufgestellt, hat in neueren Zeiten aus den Fortschritten der Pflanzengeographie mannigfaltigen Nutzen gezogen“.[26] Indes knüpfen sich an diese Aussage eine Reihe von Fragen. Gegenstand des vorliegenden Artikels soll weniger eine vertiefende Studie darüber sein, wie der als Begründer einer Geographie der Pflanzen geltende Humboldt die Zusammenhänge einer Entsprechung von vertikaler und horizontaler Gliederung von Vegetationszonen auf der Erde systematisch untersucht. Vielmehr gilt es zu fragen, warum bei ihm im Vergleich zur Pflanzengeographie die Tiergeographie deutlich weniger Beachtung findet; obgleich eine Übertragung und Ausweitung seines diesbezüglichen Forschungsprogramms einer Geographie der Organismen unmittelbar naheliegend wäre. Doch „[d]ieser [...], von wenigen Ausnahmen abgesehen, recht vernachlässigte Zweig der Allgemeinen Geographie ist auch von Humboldt nicht systematisch entfaltet worden“, wie Hanno Beck bereits feststellte.[27][26] Humboldt 1845–1862, I, 376. [27] Beck 1989, 212.

11Mehr als ‚ein bisschen Tiergeographie‘ ist es tatsächlich nicht, was sich bei Alexander von Humboldt zu dieser seinerzeit in Entwicklung befindlichen Disziplin ausmachen lässt. „Un peu [de] géographie des animaux“, notierte er auf das Deckblatt einer um 1825/1826 entstandenen Ideensammlung zu einer geplanten Neuausgabe seiner Geographie der Pflanzen. Diese wenigen Notizen und Materialien, die sich in seinem Nachlass finden, bieten hier nur mehr den Anlass und sind Ausgangspunkt, den Wissensstand der Biogeographie als Forschungsdisziplin zur Zeit Humboldts anhand der damals zentralen Theoreme zu umreißen, um Humboldts Beitrag besser einordnen zu können. Dabei wird auch zu beleuchten sein, wie sich sein Forschungsprogramm in der Biogeographie insgesamt begründet, und auch, welche Vorbilder er in der Pflanzen- und in der Tiergeographie hatte.

„Humboldtian science“: Empirie und Synthese bei Humboldt

12Dieses Forschungsprogramm der Biogeographie nach 1800 entwickelt sich zeitgleich zu einem sich mit und nach Alexander von Humboldt neu entfaltenden Ansatz der professionellen Naturkunde aus der Naturphilosophie heraus, d. h. einer generellen Neuorganisation von Wissen und einzelner Disziplinen am Beginn des 19. Jahrhunderts.[28] Für die dadurch charakterisierte Epoche der Naturwissenschaften – als exakte Beschreibung von allem – hat die amerikanische Wissenschaftshistorikerin Susan Faye Cannon den seither vielfach verwendeten Begriff „Humboldtian science“ eingeführt; zum einen zur Beschreibung für die präzise Feststellung und Messung physikalisch quantifizierbarer Variablen oder Parameter. „The great new thing in professional science in the first half of the 19th century was Humboldtian science, the accurate, measured study of widespread but interconnected real phenomena in order to find a definite law and a dynamical cause“.[29] Es ist darunter zum anderen aber auch der von Humboldt praktizierte Versuch zu sehen, diese wissenschaftliche Methodik mit dem ästhetischen Empfinden und Idealen der Romantik (etwa von Harmonie und Gleichgewicht) zu verknüpfen.[30] „Humboldtian science“ ist mithin beides: der Gebrauch präziser wissenschaftlicher Instrumente und eine bestimmte Perspektive auf die Natur.[28] Jardine/Secord/Spary 1996; Daum 2000. [29] Cannon 1978, Kapitel 3, 73–110. Sie bezieht sich dabei explizit auf einen ursprünglich 1965 von William Goetzmann als „Humboldtean spirit“ verwendeten Begriff. Im Zusammenhang mit dessen Einfluss auf Expeditionen in den Westen Nordamerikas betonte Goetzmann bereits, es handelte sich um einen „essentially cosmic approach“. [30] Vgl. dazu z. B. auch Hey’l 2007; Richter 2009.

13Es muss hier als eine eigene Untersuchung vorerst zurückgestellt werden, ob nicht bereits zuvor in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die akkurate Vermessung der Welt einsetzte; wofür es gute Hinweise gibt, wie wir hier später noch zeigen werden, und was Susan Cannon selbst bereits wenigstens für die Astronomie konstatierte.[31] „If Humboldt was a revolutionary […], it was not in inventing all the parts of Humboldtian science. It was in elevating the whole complex into the major concern of professional science for some forty years or so“.[32] Mary Louise Pratt beschrieb, und zwar nicht nur mit Blick auf die Linné’sche Botanik, „the eighteenth-century systematizing of nature as a European knowledge-building project that created a new kind of Eurocentered planetary consciousness“.[33] Das weniger kritische Bild einer gleichwohl „verräumlichten Wissensgeschichte“ für die Humboldt’sche Idee von Natur als Kosmos entwirft dann auch Andreas Daum.[34] Wichtig ist hier festzuhalten: So sinnvoll der Begriff einerseits zur Charakterisierung dieses Prozesses von der Reorganisation des Wissens und der Wissensdisziplinen zu dieser Zeit ist, „the emergence of natural science out of natural philosophy“, so sehr trifft zu: „The evidently useful concept of Humboldtian science requires dismantling“.[35][31] Cannon 1978, 77: „[…] in spite of the obvious objections that some of its parts […] were major concerns before Humboldt appeared on the scene“. Auch Bourguet 2002, 105 stellt für Naturforscher der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wie etwa Giraud-Souvalie fest: „[…] proved to be extremely concerned with measurements, which he considered a crucial part of his programme“. [32] Cannon 1978, 77. [33] Pratt 1992, 38. [34] Daum 2000, 245, 263. [35] Dettelbach 1996, 288, 304.

14Wir müssen hier auch dazu übergehen, näher zu untersuchen, ob dann allein die Verkettung von Phänomenen und Beobachtungen eine tatsächlich primär Humboldt zuzuschreibende Leitidee ist (wogegen die unten aufgeführten Befunde zu Giraud-Soulavie stehen), während die Suche nach einer dynamischen Verursachung seine Sache sicher nicht war. So sammelte er zwar wie geradezu besessen Messungen, Daten und akkumulierte Fakten, ohne dadurch indes je ein Gesetz zu finden. „Humboldt went into natural history with only the hope of eventually getting mathematical laws. […] Not all Humboldtian travellers theorized about their observations […]. But the compleat Humboldtian was the man like Wallace who thought about what he collected“.[36] Beispielhaft sei erwähnt, dass Humboldt ausgehend von seinem Interesse an Geologie insbesondere die dynamische Verursachung der Gebirgsentstehung verstehen wollte (ein wichtiges Motiv für seine Südamerikareise); sein Ansatz der Akkumulation isolierter Fakten zahlte sich indes nach Cannon erst ein oder zwei Generationen später aus.[37] Im Fall der Anden etwa war es Charles Darwin, der als erster eine schlüssige Hebungstheorie vorlegte, die er zugleich mit der Theorie der Entstehung der Korallenriffe im Pazifik verband.[38] Humboldt vermisst und verbessert die Messungen immer wieder, aber versteht nicht; Darwin misst selbst nicht, aber versteht.[36] Cannon 1978, 79. [37] Cannon 1978, 81. [38] Glaubrecht 2009, 98–99, 135.

15Hier sei außerdem nur angemerkt, dass wir mit dem kontingenten Übergang zur Epoche Humboldt’scher Wissenschaft weniger einen Paradigmenwechsel nach dem Verständnis von Thomas Kuhn als vielmehr in mustergültiger Weise Michel Foucaults Vorstellung einer epistemischen Transformation bestätigt finden.[39] Auf die Ablösung der Naturphilosophie durch die modernen Naturwissenschaften um 1800 wurde vielfach hingewiesen; sie reflektiert damit für die Biologie den Übergang der Renaissance zur Moderne. Im Fall von Humboldt markiert diese Transformation zugleich den überfälligen Wandel von der Spätaufklärung und Romantik zu einem zuerst durch Instrumente und Messungen, dann durch die experimentellen Wissenschaften genährten Empirismus. Ausgehend von Foucaults Kernthese, dass alle Wahrnehmung vom jeweiligen Wissenssystem abhängig ist und einzelne Wissensgebiete mehr durch ihnen zeitgleiche Entwicklungen in anderen Bereichen als aus ihrer jeweiligen Geschichte heraus beeinflusst werden (oder wenigstens verständlich sind, so können wir hier ergänzen), hat Malcolm Nicolson insbesondere die für Humboldts Wissenschaftsverständnis zentrale Pflanzengeographie vor dem Hintergrund von Foucaults Theorie der Episteme beleuchtet;[40] letztere verstanden als die Wissenschaft einer Epoche prägenden Ordnungen und Strukturen des Denkens, gleichsam als deren Geltungsrahmen oder das historische Apriori des Wissens.[41][39] Kuhn 1962; Foucault 1966; vgl. zum Hintergrund z. B. Richards/Daston 2016 und Rheinberger 2007. [40] Nicolson 1987; Nicolson 1996. [41] Bislang nicht untersucht wurde dabei, inwieweit Toulmins (Toulmin 1968, 119) „vorgefasste“ bzw. „fundamentale Begriffe“ eines Forschers jenen Foucault’schen Epistemen entsprechen; gleichsam den „Brillengläsern, durch die ein bestimmter Forscher seine Gegenstände sieht“; vgl. Ramakers 1976, 14.

16Kein Zweifel: Humboldt war eine der großen Gestalten des Übergangs.[42] In der Rezeption von Cannons Paradigma einer Humboldt’schen Wissenschaft wird heute meist nicht allein verstanden, dass mit seinem Anspruch, alles Messbare zu vermessen die Empirie in die Naturkunde einzog. Humboldts Ziel war es „die Erscheinungen der körperlichen Dinge in ihrem allgemeinen Zusammenhange, die Natur als ein durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganze aufzufassen“.[43] Er hat so die Grundlage für unser heutiges Verständnis einer vernetzten Umwelt gelegt, indem er die Natur als Kosmos begriff, in dem vom Winzigsten bis zum Größten alles miteinander verbunden ist.[44][42] Osterhammel 1999, 114. [43] Humboldt 1845–1862, I, VI. Peters 2017, 445, spricht in diesem Zusammenhang von einem „ganzheitlichen epistemischen Anspruch“ Humboldts. [44] Ette 2003; Ette 2009; Daum 2000.

17Übersehen wurde dabei aber meist zweierlei: zum einen, dass in Humboldts Begriffen vom „Kosmos“ und von „Harmonie“ eine alte geisteswissenschaftliche Tradition fortlebte, deren Wurzel auf die antike stoische Naturphilosophie zurückgehen;[45] zum anderen, dass die konkrete Idee einer Verflechtung alles Seienden in der Natur auf den französischen Naturforscher Giraud-Soulavie zurückgeht, dessen einschlägiges Werk Humboldt nachweislich gelesen und verwendet hat, wie später noch zu zeigen sein wird, und der schrieb: „Rien n’est isolé dans la nature“.[46] Eben dieser Ansatz aber steht der These Cannons von einer vermeintlich neuen „Humboldtian science“ in diametraler Weise entgegen (was indes, wie gesagt, einer eigenen Untersuchung vorbehalten bleiben muss).[45] Knobloch 2009 stellt diese Verbindung zur antiken Philosophie, speziell zur Stoa, ebenfalls her. [46] Vgl. Ramakers 1976, 11–12; unter Bezug auf Giraud-Soulavie 1780–1784, II.1, 228.

18Die bislang gängige Standard-Rezeption in diesem Kontext ist dagegen, dass Humboldts Pflanzengeographie den erfolgreichen Versuch darstellt, die Natur auf neue Art zu erforschen, indem er sie holistisch zu erfassen sucht, d. h. unter integrierender Berücksichtigung sowohl anorganischer wie organischer Faktoren. Humboldts Bedeutung liegt, so die gängige Auffassung, in der empirischen Ausarbeitung wie der theoretischen Begründung. Und dazu zählt bei ihm in besonderem Maße auch die Darstellung in Karten und neuartigen Illustrationen und Graphiken, im Sinne von Visualisierungen „as real tools in science“ und als eines der Kriterien für wahre Humboldt’sche Wissenschaft.[47] Humboldts graphisch übersetzte Ideen zu einer Geographie der Pflanzen werden nicht zuletzt dank seiner eigenen Einschätzung als „das wichtigste Resultat meiner Reise“ aufgefasst.[48] Nicht zufällig meint der Begriff „Tableau“ im Französischen sowohl Gemälde als auch Tabelle;[49] und so wird die ikonographische Chimborazo-Darstellung von 20 Skalen begleitet; tabellarischen Zusammenstellungen physikalischer Parameter (darunter thermische, optische, meteorologische, chemische), die als exakte empirische Daten ihren eigentlichen Kern und Gehalt ausmachen. Humboldt verstand es in meisterhafter Weise, die Quintessenz seiner Südamerikareise wie auch sein System der Pflanzengeographie mithilfe dieses einen Diagramms des idealisierten Querschnitts durch das Andenprofil mit horizontal gestaffelten Vegetationszonen zu illustrieren – und damit zugleich „das Zusammen- und Ineinander-Weben aller Naturkräfte“.[50] Wichtiger war Humboldt fraglos, das harmonische Zusammenwirken physikalischer Faktoren und regional verschiedener Organismengruppen zu erfassen und in einer Synthese darzustellen; ja mehr noch, die Empirie durch eine „Philosophie der Natur“ fortzuführen.[51] „Humboldt effortlessly combined a commitment to empiricism and the experimental elucidation of the laws of nature with an equally strong commitment to holism and to a view of nature which was intended to be aesthetically and spiritually satisfactory“.[52] Mithin ließe sich Humboldt’sche Wissenschaft „wohl am zutreffendsten als eine Vernetzungswissenschaft begreifen“, in der verschiedenste Bereiche relational miteinander verknüpft werden, wie vor allem der Romanist Ottmar Ette betont, der nach eigenem Bekunden versucht, Cannons Ansatz „eine transdisziplinäre Ausrichtung zu geben“.[53][47] Cannon 1978: 95–96; sie betont dazu: „If you find a 19th-century scientist mapping or graphing his data, chances are good that you have found a Humboldtian.“ Allerdings sei angemerkt, dass dieser holistische Ansatz, wie weiter unten zu zeigen sein wird, bereits vor Humboldt explizit auch für Giraud-Soulavie zutrifft; vgl. Bourguet 2002, 110f.: „[…] we will have a true system of the world“. [48] Humboldt an Johann Friedrich von Cotta, Berlin, 3. Mai 1806, Humboldt 2009, 73. [49] Zum weiter gespannten Bedeutungsinhalt des Tableau gegenüber dem Gemälde vgl. Bersier 2017, 343. [50] Humboldt an David Friedländer, Madrid, 11. April 1799 (Humboldt 1973, 657). Vgl. Bersier 2017. [51] Hey’l 2007, 246. [52] Nicolson 1987, 169. [53] Ette 2003, 289.

19In der Auseinandersetzung von Empirie und Synthese haben Nicolson und andere detailliert nachgewiesen, dass es Humboldt nicht allein darum ging, neue Pflanzenarten zu finden und zu beschreiben.[54] Zwar hat sich Humboldt in seiner Jugend dementsprechend geäußert und mockiert: „Aber Sie fühlen mit mir, daß etwas Höheres zu suchen, daß es wiederzufinden ist; denn Aristoteles und Plinius […], diese Alten hatten gewiß weitere Gesichtspunkte als unsere elenden Registratoren der Natur.“[55] Doch hat er sich dann später im Bereich der systematischen Botanik als einer jener „elenden Registratoren der Natur“ durchaus Verdienste erworben. „Man schadet der Erweiterung der Wissenschaft“, so betont er in der Einleitung zu seiner Reisebeschreibung, „wenn man sich zu allgemeinen Ideen erheben und dabei die einzelnen Tatsachen nicht kennenlernen will“.[56][54] Nicolson 1987, 169; Nicolson 1996; vgl. z. B. Daum 2000; Ette 2003. [55] Humboldt an Friedrich Schiller, Nieder-Flörsheim, 6. August 1794 (Humboldt 1973, 346–347). [56] Humboldt 1991, I, 13.

20Gleichwohl schreibt Humboldt in der Einleitung zur Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents:

Ich liebte die Botanik und einige Bereiche der Zoologie mit Leidenschaft; ich durfte mir schmeicheln, daß unsere Forschungen die bereits beschriebenen Arten durch einige neue vermehren würden. Da ich aber die Verbindung längst beobachteter der Kenntnis isolierter, wenn auch neuer Tatsachen von jeher vorgezogen hatte, schien mir die Entdeckung einer unbekannten Gattung weit minder wichtig als eine Erforschung der geographischen Verhältnisse in der Pflanzenwelt, als Beobachtungen über die Wanderungen der geselligen Pflanzen und über die Höhenlinie, zu der sich die verschiedenen Arten derselben gegen den Gipfel der Kordilleren erheben.[57] [57] Humboldt 1991, I, 12–13; zur Empirie Humboldts vgl. auch Bourguet 2002, 116–119.

21Wie wenig wir ungeachtet dessen Humboldts Rolle vor allem als Empiriker verkennen dürfen, zeigte sich erst unlängst, als ein Team dänischer und ekuadorianischer Botaniker am Chimborazo Humboldts historische Aufzeichnungen zum Ausgangspunkt eines zwei Jahrhunderte übergreifenden Vegetationsvergleichs nahmen. Die in den Reisetagebüchern sowie späteren Manuskripten dokumentierten empirischen Daten zum vertikalen Auftreten einzelner Pflanzengattungen und zum Vorkommen bestimmter Pflanzenarten erwiesen sich als derart präzise, dass sich damit eine offenkundig klimabedingte Höhenverschiebung der Pflanzenwelt um mehrere hundert Meter (von 4600 auf 5200 Meter Höhe) über zwei Jahrhunderte nachweisen lässt.[58][58] Morueta-Holme et al. 2015; vgl. dazu die ausführliche Rezension von Matthias Glaubrecht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Nr. 46 vom 24. Februar 2016.

22Mithin lohnt es sich, hier im Zusammenhang mit der Begründung einer Geographie der Organismen Humboldts Verhältnis von Empirie und Synthese näher zu beleuchten. Dies bietet sich vornehmlich im Vergleich seiner botanischen zu den zoologischen Grundlagenarbeiten an.

Aus dem Leben und der Natur: Humboldt als Botaniker

23Bei aller Poetik des Naturgenusses und der vielfach betonten Bedeutung von Ästhetik und Harmonie bei Humboldt sah sich dieser nicht als Philosoph der Natur, sondern als Empiriker.[59] Die empirische Basis für die Biogeographie bildet die systematische Kenntnis zu Vorkommen und Verbreitung einzelner Organismenarten und Artengruppen einer betrachteten Region. In diesem Kontext ist Alexander von Humboldt fraglos ein „Wirklichkeitswissenschaftler par excellence“,[60] als er dreißigjährig nach Amerika aufbricht. Bereits früh hatte er seine Arbeit als „Registrator der Natur“ begonnen; mit der 1793 erschienenen Flora Fribergensis,[61] einem zweieinhalbhundert teils noch wenig bekannte Arten umfassenden floristischen Inventar der sogenannten kryptogamen Pflanzen in den Bergwerksstollen Freibergs. Zugleich wird immer wieder betont, dass hier der Beginn seiner physikalisch-geographischen Gedankenwelt bereitgestellt ist, auf die sich sämtliche andere Rückschreibungen auch der späteren Kosmos-Idee beziehen.[62][59] Knobloch 2011, 300; vgl. indes die gegensätzliche Position z. B. bei Hey’l 2007. [60] Osterhammel 1999, 121. [61] Humboldt 1793.[62] Beck 2000, 60, 62; vgl. z. B. Nicolson 1987; Nicolson 1996; auch Richter 2009; Werner 2015; Ebach 2015.

24Später während der Südamerikareise erwirbt er sich seine Verdienste als systematisch arbeitender Botaniker, begeistert sich für die Flora der bereisten Länder, sammelt und konserviert dort Pflanzen in den gemeinsam mit Aimé Bonpland angelegten Herbarien. Wobei hier unbedingt anzumerken ist, dass nach Walter Lacks Ansicht der Anteil Humboldts an der botanischen Feldarbeit wesentlich kleiner war als mehrfach von ihm in Briefen von der amerikanischen Reise und in späteren Veröffentlichungen behauptet worden ist.[63] Es ist dabei ein interessanter Umstand im Kontext einer Debatte um Deduktion und Induktion, dass Humboldt bereits recht rasch nach der Rückkehr vom Chimborazo, im Januar und Februar 1803 im Hafen von Guayaquil, den ersten Entwurf des Andenprofils skizziert,[64] lange bevor die dort gesammelten Pflanzen dann tatsächlich bis zu Gattung und Art eingehender systematisch bearbeitet sind. Immerhin aber ist bereits dort die Idee angelegt, ein Filingrannetz von botanischen Gattungs- und Artnamen in das Höhenprofil einzutragen sowie die nummerische Erfassung des Naturgeschehens durch Messdaten anzulegen.[63] Lack 2003, 108. [64] Lack 2003; Lack 2009; Knobloch 2011; vgl. Ramakers 1976, 18 zur deduktiven Methodik auch bei Humboldts Vorläufer Jean-Louis Giraud-Soulavie.

25Was also stimmt nun: war Humboldt Empiriker oder „Kosmos-ologist“, wie Nicolson ihn zur deutlicheren Charakterisierung nannte?[65] Zum einen müssen wir festhalten, dass Humboldts Anteil an der von Bonpland, später von Kunth zusammengestellten Partie 6 „Botanique“ des späteren Reisewerks nachweislich nur gering war. Dagegen erschien die umgekehrt von Humboldt verfasste Partie 5, der „Essai sur la géographie des plantes“, außerordentlich früh, nämlich mehr als zwei Jahrzehnte vor dem Abschluss des speziellen botanischen Hauptteils. Das sei sehr erstaunlich, so Walter Lack, „während nämlich üblicherweise die Muster der räumlichen Verteilung von Pflanzen (und Tieren) dargestellt werden, nachdem die gefundenen Organismen bestimmt und beschrieben worden sind, war es beim Essai gerade umgekehrt“. Zwar sei das, was Humboldt beim Aufstieg auf die Andengipfel beobachtete und erlebte, „sehr ins Auge springend und entscheidend für den Essai, trotzdem war es eine geniale und gleichzeitig mutige Leistung, die Synthese vor der Analyse durchzuführen und die zusammenfassenden, allgemein gültigen Ergebnisse im Vorgriff auf den speziellen Teil auch zu publizieren“.[66][65] Nicolson 1996, 309. [66] Lack 2003, 109; vgl. auch Lack 2009, 46. Zu einem gegenteiligen Schluss kommt jedoch Osterhammel 1999, 110, der das „Naturgemälde“ für ein abschließendes Ergebnis hält. Es seien hier indes die späteren, 1816 und 1825 publizierten überarbeiteten Ausgaben dieser und anderer Höhenprofile erwähnt.

26Sammlungen allgemein zeugen ebenso vom Entdeckergeist der reisenden Naturforscher und ihrer Faszination für das Neue und Unbekannte wie von der empirischen Akribie, mit der sie systematisch die Natur der bis dahin weitgehend fremden Länder erschlossen. In der Regel sind auch die genaue Beschreibung und Benennung von Organismen von solchen Sammlungen abhängig. Zurecht erblicken wir daher in der Pflanzensammlung Bonplands und Humboldts heute beredte Zeugnisse ihrer beschwerlichen und spektakulären Reise. Insgesamt haben Humboldt und Bonpland in Südamerika 6 000 Pflanzen gesammelt, davon deutlich mehr als die Hälfte (ca. 3 600) von in Europa bis dahin unbekannten Arten. In dem von Bonpland während der Reise angelegten siebenteiligen botanischen Feldbuch – dem Journal botanique mit den detaillierten Beschreibungen, Skizzen, vorläufigen Bestimmungen und Fundortangaben – sind 4 528 nummerierte Pflanzen-Einträge (sowie 33 Tiere) vermerkt.[67] Dieses Pflanzenmaterial von über 4 500 Pflanzenarten wurde in Paris später zuerst von Bonpland, dann kurzfristig Karl Ludwig Willdenow, dann vor allem über ein Jahrzehnt, von 1815 bis 1825, von Carl Sigismund Kunth bearbeitet und in sieben Foliobänden veröffentlicht. Bis heute sind diese 3 360 Objekte des Herbars von Bonpland und Humboldt (soweit in Paris und Berlin noch erhalten) nicht nur Gegenstand der Forschung;[68] sie dienen weiterhin auch einer ästhetischen Inszenierung der Naturobjekte seiner Expedition, für die Humboldt als Pionier gelten darf.[69] VollbildansichtAbb. 1: Melastoma caudata, Bonpl. (Humboldt/Bonpland 1816–1823, I, Tafel 7), Kupferstich von Louis Bouquet nach einer Zeichnung von Pierre Jean François Turpin (Quelle: Zentralbibliothek Zürich, Bibliothek der Naturforschenden Gesellschaft Zürich http://doi.org/10.3931/e-rara-29929, Public Domain)[67] Vgl. Carmen Götz: „Linnés Normen, Willdenows Lehren und Bonplands Feldtagebuch. Die Pflanzenbeschreibungen in Alexander von Humboldts erstem Amerikanischen Reisetagebuch“ in der vorliegenden Edition, https://edition-humboldt.de/H0016429; Lack 2003, 113–115; vgl. zu Bonpland z. B. Schneppen 2002; Bell 2010. [68] Stauffer/Stauffer/Dorr 2012. [69] Vgl. zu den Details von Ursprung, Umfang und Verbleib der Pflanzensammlungen und zum Schicksal des Journal botanique Bonplands die Übersichtsarbeiten von Lack 2003 und Lack 2009; vgl. auch Knobloch 2011.

27Wir haben gesehen, dass Alexander von Humboldt in seinem Wirken dennoch nicht die (mit ihrem Fokus auf die Taxonomie) ‚klassische‘ Botanik Linnés verteidigt. Vielmehr geht es ihm um das Studium der Vegetation im Ganzen, um die Beziehungen innerhalb von und zwischen Pflanzengemeinschaften sowie zu ihren Umwelt-Variablen. Er ist weniger an der Entdeckung und Beschreibung neuer Arten interessiert, obgleich dies ein wichtiger Teil bleibt. Humboldt wandelte sich vom „botaniste nomenclateur“ zum „botaniste physicien“, vom Linné’schen Sammler zum Naturforscher mit höheren „philosophischen Zielen“, wie Dettelbach dies nannte.[70][70] Dettelbach 1996, 289, 302.

28Doch es geht Humboldt dabei auch nicht allein um die Verbreitung der Arten und um die Verbindung zwischen Pflanzen und Variablen wie Klima, Höhe und geologische Struktur, wie vielfach angenommen wird. Warum wir ihn nicht bloß als Pflanzengeographen oder gar als einen Ökologen (wenigstens in statu nascendi) bezeichnen dürfen, hat Malcolm Nicolson ausführlich dargestellt.[71] Demnach habe Humboldt bereits sehr früh begonnen, mit „la physique générale“ ein holistisches Forschungsprogramm zu verfolgen und dabei falle der Pflanzengeographie zwar eine Schlüsselrolle zu. Doch wird oft übersehen, dass es Humboldt um eine noch viel weitreichendere Synthese ging; eine von buchstäblich weltumspannender Dimension, die später in seinem Kosmos-Ansatz weiter ausgeführt wird. Da spätere Forscher, auch solche mit dem Anspruch „Humboldtian science“ zu betreiben, meist mit durchaus weniger weit gespanntem Horizont auf Humboldts Werk blickten und heute noch blicken, entgeht ihnen oft diese „kosmologische“ Dimension seines Ansatzes.[72][71] Nicolson 1987; Nicolson 1996. [72] Vgl. Beck 2000, 46–52 zur genauen Bestimmung einer Physikalischen Geographie im allgemeinen bei Humboldt im Unterschied zu einer reinen „Geographie der Pflanzen“; vgl. dazu auch Ramakers 1976, 13–22 und Daum 2000.

29Wir müssen also bei der Behandlung von Humboldts Beitrag zur Biogeographie genauer differenzieren, worum es ihm selbst letztlich ging und was allgemein heute darunter verstanden wird. Nur so lässt sich der Hintergrund seiner Geographie von Organismen verstehen, dem hier für die Tiere noch nachzugehen sein wird. Es gilt also einerseits zu unterscheiden zwischen dem Beitrag der systematischen Botanik im klassischen Sinne, einer lediglich floristischen Beschreibung des Aussehens, Vorkommens und der Verbreitung einzelner Pflanzen oder Arten im Sinne der Taxonomie, Systematik und Morphologie. Dem gegenüber steht andererseits die später als ökologisch bezeichnete Betrachtung ganzer Artengemeinschaften und Vegetationsformen in Abhängigkeit physikalischer Variablen, oder wie wir heute sagen: von Umwelt-Parametern.

30Auf diese beiden durchaus für sich bereits distinkten Ausprägungen der Pflanzengeographie, einer im Kern Linné’schen Botanik versus des Humboldt’schen Ansatzes einer Vegetationsgeographie, hat zuerst der schwedische Biologiehistoriker Erik Nordenskiöld in den 1920er Jahren aufmerksam gemacht. Nordenskiölds Studie ist insofern nicht ohne Wirkung geblieben, als beinahe sämtliche Darstellungen diesen taxonomisch-floristischen versus ökologischen Ansatz in seiner Entwicklung bei Humboldt seit über einem Jahrhundert weitgehend identisch nachzeichnen, ohne indes explizit auf die jeweiligen Beiträge und Schwerpunktverlagerungen hinzuweisen.[73][73] Nordenskiöld 1926, 317–319. Vgl. z. B. Hartshorne 1958; Ramakers 1976; Bourguet 2002; Egerton 2012; Werner 2015; Ebach 2015.

31Dieser Unterscheidung muss allerdings nun nochmals das erweiterte holistische, raumgreifend „kosmische“ Wissenschaftskonzept Humboldts hinzugefügt werden; sein Programm „for a universal science which would encompass all natural phenomena, and aesthetics and epistemology“.[74] Erst vor dem Hintergrund dieser erheblich erweiterten Vision einer tatsächlich holistischen Wissenschaft, die Humboldt bereits seit etwa 1793 verfolgte, lässt sich verstehen, warum er – von der „Idee“ einer Geographie der Pflanzen geleitet – auch bereits ohne systematisch-botanische Detailaufarbeitung zur Zonierung einzelner Pflanzen am Chimborazo seine Vision einer physikalischen Geographie entwerfen konnte.[74] Nicolson 1987, 169; vgl. auch Daum 2000.

„in natura“? Humboldt als Zoologe

32Bevor wir auf die Disziplingenese der Biogeographie blicken, müssen wir noch fragen, wie es sich mit Empirie und Synthese bei der Zoologie Humboldts verhält. Ähnlich wie bei den Pflanzen bemüht sich Humboldt in Amerika um eine zoologische Erfassung der Arten; mithin können wir festhalten, dass eine empirische Basis wenigstens im Ansatz vorhanden ist. Dagegen fehlt aber eine synthetische Leistung gänzlich. Um eine echte Erfassung und Analyse der Verteilung von Tierarten auf der Erdoberfläche hat sich Humboldt nicht bemüht.[75][75] Hier irrt etwa der Historiker Osterhammel 1999, 110.

33Einleitend zu seiner Reise hat Humboldt erläutert, dass es „durchaus unmöglich war, Fische und Reptilien in Spiritus, und in der Eile präparierte Tierhäute zu erhalten. Diese an sich sehr unwichtigen Umstände anzuführen schien mir nötig, um zu zeigen, daß es nicht von uns abhing, mehrere zoologische und anatomische Objekte, die wir beschrieben und abgebildet haben, in natura mitzubringen.“[76][76] Humboldt 1991, I, 18.

34Tatsächlich legen die verfügbaren Quellen nahe, dass Humboldt und Bonpland eine Fülle zoologischer Objekte beobachtet und gesammelt, gezeichnet und beschrieben haben. Beispielsweise finden sich in Humboldts Reisetagebüchern Zeichnungen und Beschreibungen von Flussfischen des Orinoko. Diese begegnen uns wenigstens teilweise wieder in dem von Humboldt gemeinsam mit Achille Valenciennes verfassten und 1821 erschienenen Kapitel über die Flussfische Südamerikas.[77][77] Humboldt/Valenciennes 1833. Trotz der auf dem Titelblatt gedruckten Jahreszahl 1833 wurde die betreffende Teillieferung bereits im September 1821 ausgeliefert; vgl. Fiedler/Leitner 2000, 177.

35Auch lassen sich einzelne Ansätze und Hinweise auf zoologische Beobachtungen vor allem im Reisebericht und speziell in den beiden Bänden des amerikanischen Reisewerks ausmachen, dem in zwei Teilen über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten hinweg verlegten Recueil d’observations de zoologie et d’anatomie comparée.[78] Auf teilweise kolorierten zoologischen Bildtafeln werden dort, bei einigen bis in anatomische Details, verschiedene südamerikanische Tiere dargestellt. Darunter sind auch neue, bis dahin der Wissenschaft unbekannte Arten, wie etwa die venezolanische Klapperschlange (Crotalus cumanensis) oder der nachtaktive Guácharo-Vogel (Steatornis caripensis) aus der Höhle von Caripe (heute weiß man, dass die Art in Südamerika weitverbreitet vorkommt). Darunter sind von der Reise durch die Llanos und auf dem Orinoko auch verschiedene Affenarten oder die durch Beschreibung von Experimenten begleitete Darstellung des Zitteraals (Electrophorus electricus).[78] Humboldts und Bonplands Recueil d’observations de zoologie et d’anatomie comparée (Humboldt 1811–1833) erschien zwischen 1811 und 1833 in Paris.

36Dagegen widmet sich Humboldt anderen, eher unscheinbaren Tierarten kaum. Selbst angesichts einer schier unerschöpflichen Artenfülle in den tropischen Regionen Südamerikas interessiert er sich lediglich für die auffälligen Tiere. Von den meisten indes haben Humboldt und Bonpland aus den oben angeführten Gründen entweder keine Sammlungen angelegt, oder diese sind nicht lange erhalten geblieben und möglicherweise gar nicht bis nach Europa gelangt. So waren zur Konservierung großer Tiere keine geeigneten Mittel vorhanden. Zwar wurden einzelne Vertreter jener Tierarten, die nicht konserviert werden konnten, anfangs lebend mitgenommen, doch verendeten zahlreiche der gesammelten Exemplare unterwegs auf dem Transport. So verfassten Humboldt und Bonpland vor allem Beschreibungen und fertigten gelegentlich Skizzen von lebenden oder kurz zuvor verendeten Tieren an. Daneben gibt es Beschreibungen und Skizzen von Insekten, insbesondere von Schmetterlingen, von Schnecken und Muscheln sowie von anderen kleineren Tieren, die ausweislich des Recueil einst von Fachleuten in den Museen Europas nach der Rückkehr untersucht wurden. Der heutige Verbleib dieser Objekte oder gar geschlossener Sammlungsteile ist aber bis auf Ausnahmen weitgehend unbekannt und unerforscht; einen Überblick jener Tiere, derer sich auch Humboldt und Bonpland nur am Rande widmeten, haben wir nicht.[79][79] Glaubrecht 2009a, 585.

37In Ermangelung der faktischen Naturobjekte bietet sich indes deren bildhafte Repräsentation in Humboldts graphischem Gesamtwerk als Proxy an.[80] Wie dessen Auswertung zeigt, sind von den insgesamt 1 334 Tafeln 1 274 der Flora gewidmet; das entspricht 95,5 Prozent. Dagegen nimmt die Darstellung der Fauna auf 60 Tafeln und mithin gerade einmal 4,5 Prozent einen deutlich geringeren Anteil ein. Abgebildet wurden dabei 259 Einzeltiere, ergänzt durch 21 Tafeln mit anatomischen Details.[80] Lubrich 2014.

38Diesem verschwindend geringen Anteil steht allenfalls entgegen, dass Alexander von Humboldt später etwa in gleicher Weise von Zoologen wie Botanikern als Namenspate für wissenschaftliche Gattungs- und Artnamen bemüht wurde. So stehen 17 botanische Benennungen beinahe ausgewogen immerhin 15 zoologischen Benennungen nach Humboldt gegenüber (hinzukommen weitere vier als landessprachliche Vulgärnamen).

39Speziell zur Tiergeographie finden wir in Humboldts veröffentlichten Werken, wenn überhaupt einmal, wenig Konkretes, ganz zu schweigen von einer gesonderten Abhandlung. Von der gleich noch zu behandelnden Erwähnung eines entsprechenden Forschungsprogramms zur Zoo- und Phytogeographie bereits 1793 abgesehen (siehe unten), handelt es sich allenfalls um Randbemerkungen. So sehr Humboldt die Technik der botanischen Arithmetik (die bereits bei seinem Vorläufer Giraud-Soulavie angelegt ist; siehe unten) weiter ausgebaut hat, so wenig vermag er dieses Prinzip bei den Tieren in irgendeiner Weise fruchtbar anzuwenden. Ein Beispiel dafür liefert ein einleitender Abschnitt in dem bereits erwähnten, mit Valenciennes verfassten Kapitel über die Flussfische Südamerikas im Recueil d’observations de zoologie. Dort findet sich, in Auseinandersetzung mit früheren Autoren wie Gmelin und Illiger, lediglich der eher flüchtige Hinweis darauf, dass auf der ganzen Erde „heute 500 Arten von Säugetieren, 4 000 Vögel, 700 Reptilien und 2 500 Fische bekannt sind“; und ergänzend in einer Fußnote, dass „wir heute 77 000 Wirbeltiere, 44 000 Insekten und 40 000 phanerogame Pflanzen kennen“.[81] Diese Zahlenangaben aus dem publizierten Recueil-Beitrag finden sich dann auch in einem 1821 in Okens Isis veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel „Neue Untersuchungen über die Gesetze, welche man in der Vertheilung der Pflanzenformen bemerkt“: „Aus den ungeheuren Sammlungen im naturhist[orischen] Museum zu Paris es ergibt sich, daß auf der ganzen Erde bereits bekannt sind, 56 000 Gattungen (Species) Cryptogamen und Phanerogamen, 44 000 Insecten, 2 500 Fische, 700 Lurche, 4 000 Vögel und 500 Gattungen Säugethiere.“[82] Er bezieht sich explizit auf Untersuchungen, die er mit Valenciennes angestellt hat, und fährt fort, dass demnach „allein in Europa ungefähr 80 Gattungen Säugethiere, 400 Vögel und 30 Lurche“ zu finden seien. Diese Zahlen dienen ihm zum Vergleich und der Schlußfolgerung: „[E]s gibt also unter dieser gemäßigten nördlichen Zone [Europas], 5 mal so viele Gattungen Vögel wie Säugethiere, so wie es auch hier (in Europa) 5 mal so viele compositae, als amentaceae und coniferae, 5 mal so viel Leguminosen, als Orchide[e]n und Euphorbiaceen gibt.“ Humboldt vergleicht dann diese Angaben mit den Verhältnissen etwa der Säugetier- zu Vogelarten verschiedener Erdregionen entsprechend der (freilich noch sehr lückenhaften und kaum das wahre Bild reflektierenden) Angaben anderer Autoren.[81] Humboldt/Valenciennes 1833, 145–153. [82] Humboldt 1821a, Sp. 1034. Das zoogeographische Zitat ist einer Passage entnommen, die Humboldt der deutschen Fassung seines Artikels „Nouvelles Recherches sur les lois que l’on observe dans la distribution des formes végégales“ für den „Dictionnaire des sciences naturelles“ (Humboldt 1820) voranstellte. Diesen Artikel hatte er seinerzeit in einer Fußnote als Vorabdruck aus der zweiten, unveröffentlichten Auflage der Ideen zu einer Geographie der Pflanzen gekennzeichnet (Humboldt 1820, 422).

40Obgleich kaum von Bedeutung für unsere Betrachtung hier, sei indes nicht unerwähnt, dass sich in dem von Heinrich Karl Wilhelm Berghaus ausgeführten, aber auf Humboldt zurückgehenden Kartenwerk im zweiten Band des Physikalischen Atlas 12 Kartenblätter und 56 Seiten zur zoologischen Geographie finden; diese indes als Akkumulation des Wissens anderer aus seiner Zeit.[83][83] Berghaus 1845–1848. Vgl. Beck 2000, 60–61.

41Bereits damit ist die zu konstatierende Diskrepanz zwischen den botanischen und zoologischen Werkteilen ebenso auffällig wie ungewöhnlich. Dies hat insbesondere zu dem erwähnten Eindruck geführt, dass sich zu Zeiten Humboldts die Tiergeographie gegenüber der Pflanzengeographie als gänzlich unterentwickelt und zurückgeblieben darstellt. Just dies ist es auch, was Humboldts eigene Ausführungen nahelegen, wenn er im Kosmos später schreibt: „Die geographische Verbreitung der Thierformen […] hat in neueren Zeiten aus den Fortschritten der Pflanzengeographie mannigfaltigen Nutzen gezogen“.[84][84] Humboldt 1845–1862, I, 375f.

42Doch führt er uns damit gänzlich in die Irre, zumal es in keiner Weise historisch korrekt ist und Humboldt es besser wusste, wie wir seinen frühen Schriften selbst entnehmen können. Bevor wir dem näher nachgehen, müssen wir zuerst noch einen kurzen Blick auf die eigentlichen tiergeographischen Anmerkungen und Notizen in Humboldts Nachlass werfen.

„Un peu [de] Géogr[aphie] des animaux“: Humboldts Notizen

43Hinweise auf eine „Géographie des animaux“ finden sich im Nachlass von Alexander von Humboldts in den um 1825/1826 entstandenen Ideensammlungen zur geplanten Neuausgabe der Geographie der Pflanzen zum einen in Humboldts „matériaux pour la nouv[elle] édit[ion] de la Géographie des plantes“ im Kasten 6, Nr. 50, Bl. 1–23; zum anderen in einer Ideensammlung von Carl Sigismund Kunths Hand im Kasten 6, Nr. 53, Bl. 1–8). Auf dem Deckblatt zu ersteren hat Humboldt „un peu [de] Géographie des animaux“ notiert. Das wenige an tiergeographisch relevanten Notizen (nur diese werden hier näher erwähnt) beschränkt sich meist auf kurze, bisweilen allenfalls kryptisch zu nennende Satzfragmente. Von diesen seien hier einige beispielgebend im Detail aufgeführt.

44So notiert Humboldt etwa auf Blatt 2r in den „Matériaux“, hier in der Übersetzung aus dem französischen Original, unter der Überschrift „Geographie der Pflanzen – 1. Steppe“: „Gebt Gemälde dieser Natur“, um dann weniger eine tiergeographische denn ökologische Beobachtung zu notieren, und zwar zu einer biotischen Interaktionskette, die von durch Blütenpflanzen angelockte Insekten, über Agamen („dürrhäutige Steppenamphibien“) zu Vipern und Vögeln führt. Diese aus der Literatur stammende Beobachtung über die Kirgisensteppen mit „Steppenfüchse[n] (Canis Caragan) [und] Heerden von Antilope[n] Saiga“ vergleicht Humboldt unmittelbar anschließend mit eigenen Beobachtungen in den „Steppen von Caracas“ mit „Krokodilen [und] Jaguaren“.[85] Daran schließt sich auf derselben Seite unter der Überschrift „Gattungen in zwei Kontinenten“ ein weiterer faunistischer Vergleich an, in dem Humboldt notiert: „die gleichen Gattungen in beiden Kontinenten, Boa tartarica (Cuvier hatte sich getäuscht)“.[85] Alexander von Humboldt, Matériaux pour la nouvelle édition de la Géographie des plantes, Bl. 2r (https://edition-humboldt.de/H0002731). Die hier angeführten Bemerkungen beziehen sich auf Ausführungen von Lichtenstein in Eversmann/Lichtenstein 1823, die Humboldt mit seinen eigenen in den Relation historique (Humboldt 1814–1825, II und III, 4 bzw. 364) vergleicht.

45Auf Blatt 5r der „Matériaux“ notiert Humboldt, diesmal unter der Überschrift „Geographie der Tiere“:

Die Fische einer gleichen Küste, zum Beispiel der westlichen Küste des Alten Kontinents, [sind] die gleichen (am Kap und Mittelmeer), trotz des enormen Breitenunterschiedes; im Gegenteil unterschiedliche bei gleicher Breite in Europa und Nordamerika. An diesen letzten Küsten kein Meeresfisch Europas. Valenciennes[.][86] Fische des Kap. Ist es wie mit europäischen Pflanzen Neu-Hollands, die es nicht in den dazwischenliegenden Gebirgen der Tropen gibt, oder gibt es sie auch im Senegal unter den warmen Wassern der Oberfläche[?] Gegenüberliegende Küsten, selbst dicht beieinanderliegende, unterscheiden sich oft in den Muscheln (Frankreich[,] England). Meeresfische, Form in Salzwasser[87][:] Orinoko-Rochen, Orinoko-Delphin (Atherina im Comer See). Valenc[iennes]. Pleur[onectes] flesus ist nach Orléans hinaufgewandert. So gehen Küstenpflanzen ins Landesinnere.[88] [86] Ob es sich um eine mündliche Auskunft von Achille Valenciennes oder um das Exzerpt einer Veröffentlichung handelt, muss noch geklärt werden. [87] Humboldt schreibt „eau salé[e]“, meint aber wohl „eau douce“. [88] Alexander von Humboldt, Matériaux pour la nouvelle édition de la Géographie des plantes, Bl. 5r (https://edition-humboldt.de/H0002731).

46Auf der Rückseite (Blatt 5v) schließt sich ein auf drei Zeilen angelegter weiterer Vergleich von einigen Vogelarten an, die „allen Welttheilen […] gemeinschaftlich“ sind.[89][89] Alexander von Humboldt, Matériaux pour la nouvelle édition de la Géographie des plantes, Bl. 5v unter „Geographie Thiere“, teilweise im Original deutsch (https://edition-humboldt.de/H0002731).

47Ebenfalls dort auf Blatt 18 notiert Humboldt die Zahl der Vogelarten des Kanton Genf.[90][90] Alexander von Humboldt, Matériaux pour la nouvelle édition de la Géographie des plantes, Bl. 18r (https://edition-humboldt.de/H0002731).

48In dem Carl Sigismund Kunth zugeschriebenen Manuskript-Teil „Unser Plan“ (gr. Kasten 6, Nr. 53, Bl. 1–8) finden sich weitere, kurze Notizen von Humboldts Hand; etwa als Exzerpt aus der Literatur, wie z. B. Jean-Antoine Desmoulins’ Abhandlung über die geographische Verteilung der Wirbeltiere.[91] Als aufgeklebte Anmerkung ist hier notiert:[91] Desmoulins 1822, 157; und Desmoulins 1822a

Nimmt wie […] ich mehrere Zentren der Schöpfung an, aber dass die Arten niemals den ganzen Umfang einer isothermen Zone bewohnen, sondern nur mehr oder weniger weitläufige Bögen, dass die Kontinente, die heute durch die Meere getrennt sind, dies immer waren, denn wenn nicht, hätten sich die selben Arten in einer selben isothermen Zone verbreiten können, die nördlichen Kontinente waren verbunden und sind es fast immer noch.[92] [92] Carl Sigismund Kunth, Ideensammlung für die Neuausgabe der Geographie der Pflanzen, Bl. 10r (https://edition-humboldt.de/H0000005).

49Für die Tiergeographie ist aus diesen Bemerkungen zum geographischen Vorkommen exemplarischer Wirbeltiere wenig gewonnen; es sind lediglich erste Ansätze für faunistische Vergleiche, zum Einen für gleiche oder wenigstens ähnliche Lebensräume (Steppen) oder zum Anderen innerhalb und zwischen Kontinenten (z. B. Fische). Die teilweise erwähnten endemischen oder weitverbreiteten Vorkommen werden mit entsprechenden bei Pflanzen verglichen. Beide Formen solcher Beobachtungen ließen sich massenhaft erweitern, ohne dass allein dadurch Humboldt eine „höhere“ Einsicht möglich war – oder überhaupt dadurch zu erlangen gewesen wäre.

50Immerhin greift Humboldt mit einzelnen Bemerkungen – wie etwa: „nimmt […] mehrere Zentren der Schöpfung an“ oder „dass die Kontinente, die heute durch die Meere getrennt sind, dies immer waren“ – seinerzeit aktuelle Vorstellungen von anderen Tiergeographen zur Entstehung von Faunen auf, ohne ihnen allerdings in irgendeiner Weise neue Daten oder Impulse in diesen Notizen hinzuzufügen. Auch geht er, durchaus verständlicherweise wie sämtliche seiner Zeitgenossen gut ein Jahrhundert vor der Wegener’schen Idee der Kontinentaldrift, von einer Permanenz der Ozeane und Kontinente aus.[93][93] Zwar findet sich in den Ideen zu einer Geographie der Pflanzen (Humboldt 1807, 10) der Hinweis: „[…] macht es wahrscheinlich, dass Süd-Amerika sich vor der Entwickelung organischer Keime […] von Afrika getrennt, und dass beyde Kontinente […] einst gegen den Nordpol hin, zusammengehangen haben.“ Doch bezieht sich dies nicht auf eine Drift der Kontinente, sondern auf eine seinerzeit von Biogeographen vielfach angenommene landfeste Verbindung; es reflektiert mithin eine statische und nimmt eben nicht eine dynamische Vorstellung der Geographie vorweg.

51Offenkundig würden diese tiergeographischen Notizen mithin nicht zum Gegenstand einer eingehenderen historischen Untersuchung, hieße ihr Verfasser nicht Humboldt. Sie sind hier indes Ausgangspunkt einer Untersuchung zur Tiergeographie bei Humboldt, insbesondere im Vergleich zu seiner Rolle bei der Entstehung der Pflanzengeographie als Disziplin. Die Anfänge beider Disziplinen sind in einer Weise verknüpft, die bislang meist übersehen wurde. Seit Clemens Königs Abriss zur historischen Entwicklung der pflanzengeographische Ideen Humboldts sind diese meiner Kenntnis nach für mehr als ein Jahrhundert ausnahmslos isoliert betrachtet worden.[94][94] König 1895.

Zum Wissensstand der Biogeographie zu Humboldts Zeit

52So selbstverständlich die Anfänge der (deskriptiven) Biogeographie bereits in der Linné’schen Schematisierung taxonomisch relevanter diagnostischer Merkmalsbeschreibung angelegt sind, die stets auch eine Feststellung der Herkunftslokalität enthielt, so unbestimmt bleibt ihr Beginn als eigenständige Disziplin. Ohne Zweifel bildet diese Feststellung des regional verschiedenen Vorkommens von Pflanzen und Tieren die Grundlage diesbezüglicher Forschungen. Hinweise auf Fundorte liefern mithin seit jeher das Rohmaterial der Naturkunde; und die europäische Expansion mit ihren Entdeckungsfahrten und Expeditionen vermittelte die frühen Ansätze einer Geographie der Organismen. Aus der anfänglichen Feststellung zum Vorkommen einzelner Gattungen und Arten wurden bald erste Lehrsätze destilliert, die als Lehrmeinungen zum Bestandteil wissenschaftlicher Theorienbildung der Naturgeschichte allgemein wurden, wie etwa die unter anderem von Linné, Buffon und Gmelin unterschiedlich aufgefasste Frage nach Schöpfungszentren im Kontext der biblischen Sintflutlehre.[95][95] Vgl. zur Einführung z. B. Browne 1983; Browne 1996; Feuerstein-Herz 2006; Ebach 2015.

53Tatsächlich waren zu Humboldts Zeiten erst wenige Naturgesetzmäßigkeiten als solche identifiziert. Sie waren eng verknüpft mit den allgemeinen Vorstellungen seiner Zeit zur Geologie die Erde, etwa der älteren Vorstellung vom Schrumpfen des Planeten. Georges Buffon etwa vertrat in seiner Histoire Naturelle als ein erstes sich herauskristallisierendes biogeographisches Prinzip („Buffon’s law“) die Vorstellung, dass die regional verschiedenen Arten das Produkt der Region sind, in der sie vorkommen: „Die Erde erzeugt die Pflanzen, Erde und Pflanzen erzeugen die Tiere“. [96] Er glaubte an einen polaren Ursprung der Biota und deren Südwanderung. Vor allem aber der Gedanke, dass die Verbreitung von Pflanzen und Tieren durch das Klima kontrolliert wird, findet sich zuerst bei ihm. Buffon irrte indes darin, von klimatisch bedingt gleichen Faunen auf verschiedenen Kontinenten auszugehen. Im Unterschied zur biblischen Schöpfungsgeschichte (nach der etwa Linné den Berg Ararat favorisierte und Buffon die Pole) postulierte Johann Georg Gmelin mehrere Schöpfungszentren.[96] Georges Louis Leclerc, Comte de Buffon veröffentlichte zwischen 1749 und 1789 seine Histoire Naturelle (Buffon 1749–1789); vgl. Bodenheimer 1955; Larson 1986.

54Ähnlich wie für Pflanzen wird in dieser Zeit auch die Abhängigkeit der Tiere vom Klima erkannt. Einer der ersten, der diese Zusammenhänge untersucht und diskutiert ist der französische Naturforscher Jean-Louis Giraud-Soulavie, der weiter unten noch im Detail zu behandeln sein wird. Ähnlich wie seine Einsicht in von Klima und Boden abhängige Vorkommen der Pflanzenwelt sind bei ihm diese Beziehungen wenigstens in Umrissen auch bereits für eine „Géographie physique des animaux“ (und zudem eine entsprechende Betrachtung für den Menschen) angelegt; sie werden dann aber nicht weiter ausgeführt.[97] Dies bleibt, wie unten zu belegen sein wird, Eberhard August Wilhelm von Zimmermann vorbehalten. Doch zeigt dies, dass nichts so mächtig ist wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Kurz vor Ende des 18. Jahrhunderts war offenkundig die Zeit reif für die Geographie „as a science of space“.[98] Eine entsprechend verstandene Geographie der Lebewesen hingegen stieß auf beträchtliche Schwierigkeiten.[97] Ramakers 1976, 17. [98] Hartshorne 1958.

55Ohne hier auch nur im Ansatz eine zusammenfassende Einführung in den zeitgenössischen Stand der Biogeographie zu versuchen, sei darauf verwiesen, wie schwierig die Ab- und Begrenzung der Biogeographie als Disziplin bis heute ist. Unmittelbar mit diesen randlichen Unschärfen verknüpft ist, dass eine befriedigende Disziplingeschichte der Biogeographie noch immer aussteht. Der Zoologe Karl August Möbius vermittelte vor mehr als einem Jahrhundert einen Eindruck von den grundsätzlichen Problemen dabei:

Die Wissenschaft der geographischen Verbreitung der Tiere, die Zoogeographie, würde in ihrer höchsten Vollendung nicht nur sämtliche Tierarten aller Länder und Meere anführen, sondern auch erklären, warum nicht alle Erdgebiete von denselben Arten bewohnt werden. Von diesem hohen Ziele sind bis jetzt auch die ausführlichsten und besten zoogeographischen Schriften so fern geblieben, daß die Freunde der Erdkunde in der hier ihnen dargebotenen Übersicht der geographischen Verbreitung der Tiere nicht mehr erwarten dürfen, als eine kurze Anleitung.[99] [99] Möbius 1902.

56Selbst eine moderne Beschreibung der Biogeographie legt diese weiterhin bestehenden Probleme der Disziplin offen:

Biogeography is a branch of biology, of population and community ecology, and covers genetical and evolutionary topics as well as pure ecological ones. […] It is nevertheless a branch with unusually fuzzy edges, differing from the related bits of biology largely by an emphasis on maps and geology.[100] [100] Williamson 2004.

57Für besagte „fuzzy edges“ hat in der Vergangenheit vor allem gesorgt, dass in einer tatsächlich umfassenden Biogeographie sowohl Ökologie und Evolution wie auch Geologie und Geographie eine fundamental wichtige Rolle einnehmen. Heute werden mithin zwei wesentliche Zweige oder Bestandteile einer modernen Biogeographie unterschieden, die sich keineswegs ausschließen, sondern zueinander komplementär sind. Die Ökologische Biogeographie erklärt Vorkommen und Verbreitung als Interaktion der Organismen mit biotischen und abiotischen Umweltfaktoren; sie untersucht dabei insbesondere auch aktive und passive Ausbreitungsmöglichkeiten. Dagegen rekonstruiert die Historische Biogeographie Ursprung, Ausbreitung und Aussterben von Taxa vor dem Hintergrund (paläo-)geographischer Befunde und versucht zu erklären, wie geologische und klimatische Ereignisse (z. B. Kontinentaldrift, Eiszeiten) das heutige Vorkommen von Taxa beeinflusst haben; ihr Fokus liegt bei Ausbreitungsvorgängen im Gegensatz zur Dispersion auf Vikarianz.[101][101] Vgl. zur Einführung z. B. Glaubrecht 2000 und die darin genannte weiterführende Literatur.

58Bei aller Interdisziplinarität der biogeographischen Betrachtung Humboldts ist wichtig festzuhalten, dass er gemäß seiner Zeit entsprechenden Vorstellungen eine solche grundlegend wichtige Differenzierung noch nicht vornehmen konnte. Humboldt ist mit seiner Betonung klimatischer und anderer Umwelt-Faktoren einer allein ökologischen Betrachtung der Geographie der Lebewesen verhaftet. Anders als etwa der Begründer der Tiergeographie Eberhard August Wilhelm von Zimmermann, der explizit auch bereits die geologisch-historischen Komponenten in den Blick nahm, hat Humboldt diesen (mit Ausnahme geschichtlich durch den Menschen verursachter Verschleppungen von Pflanzen) keinerlei Gewicht beigemessen. Ihm blieb zeitlebens eine dynamische Betrachtung der Biota, wie sie später erst Charles Darwin einführte, noch verborgen.[102][102] Vgl. dazu ausführlich auch Leask 2003.

Humboldts geistige Ahnen: Zur Begründung seines Forschungsprogramms

Das Sein wird in seinem Umfang und inneren Sein vollständig erst als ein Gewordenes erkannt.[103] [103] Bei Humboldt 1845–1862, I, 64.

59Alexander von Humboldt, der in der Naturgeschichte durchaus „etwas Höheres suchen wollte“,[104] hat sein Interesse am geographischen Vorkommen zwar anfangs sehr allgemein sowohl für Pflanzen (die ihm näher lagen) als auch Tiere formuliert; doch hat er diesen doppelten Anspruch kaum einmal ernsthaft verfolgt.[104] Humboldt an Friedrich Schiller, Nieder-Flörsheim, 6. August 1794 (Humboldt 1973, 346–347).

60Klar ist inzwischen, dass Humboldts Ideen dazu keineswegs erst während der Amerikareise entstanden. Vielmehr umriss er sein Forschungsprogramm zu einer Geographie der Lebewesen erstmals 1793 in seiner Schrift Florae Fribergensis specimen im Zusammenhang mit seiner Vision einer physischen Weltbeschreibung, einer allgemeinen, von ihm noch „Geognosie“ genannten Wissenschaft der Erde.

Diese betrachtet gleichzeitig die organischen und anorganischen Körper. Sie besteht daher aus drei Teilen: der oryktologischen Geographie, der zoologischen Geographie, welche Zimmermann gegründet hat, und der Pflanzengeographie, welche von den Zeitgenossen unberührt gelassen wurde.[105] [105] Humboldt 1793, IX und X. Für einen Überblick über das Konzept einer Geographie als Raumkonzept vgl. zuerst Hartshorne 1958; vgl. auch Nicolson 1987.

61Bereits hier ist wichtig zu notieren, dass er jenen Eberhard August Wilhelm von Zimmermann (siehe unten) als Autorität für den zoologischen Bereich anführt.

62Mittels in der Literatur inzwischen vielfach zitierter Briefe zwischen 1794 und 1799 lassen sich Humboldts konzeptionelle Vorstellungen einer Pflanzengeographie minutiös nachzeichnen, beginnend mit der thesenhaften Skizze einer „Geographie der Pflanzen“ als Teil einer „allgemeinen Weltgeschichte“. Für die Zeit der Amerikareise gelingt es neuerdings zudem mittels der Reisetagebücher zu zeigen, wie dieses Konzept bis 1804 durch die Akkumulation von Daten zur Verbreitung von Pflanzen mit Leben gefüllt wurde. Die Genese von Humboldts Ideen zu einer Pflanzengeographie, die er selbst zu seinen wichtigsten wissenschaftlichen Ergebnissen zählte, die zur Etablierung des Fachgebietes führte und für das er seinen Prioritätsanspruch verteidigte, wurde mehrfach im Überblick dargestellt, einschließlich wichtiger intellektueller Vorläufer wie Immanuel Kant, Johann Reinhold und Georg Forster sowie vor allem Karl Ludwig Willdenow.[106] Humboldt hat Zeit seines Lebens an der Überarbeitung seiner ersten Ideen von 1807 sowie dann 1815/1817 und 1825 gearbeitet, vornehmlich verknüpft mit dem Wunsch nach empirischer und vor allem statistischer Erfassung einzelner Pflanzengruppen und deren Vorkommen. Obgleich sich dies beinahe ausschließlich auf die Botanik bezog, sind seine wenigen tiergeographisch relevanten Notizen in diesem Zusammenhang zu sehen.[106] König 1895; Hartshorne 1958; Wolter 1972; Nicolson 1987; Nicolson 1996; vgl. dazu auch Lack 2009; Ebach 2015; Werner 2015.

63Insbesondere der Einfluss des gelernten Apothekers und Botanikers Willdenow ist hervorzuheben.[107] Den damals 23-jährigen lernte der 19 Jahre alte Humboldt bereits 1788 kennen: „Er gab mir keine förmlichen Stunden, sondern ich brachte ihm die Pflanzen, die ich gesammelt hatte, und er bestimmte sie mir. Auf diese Weise wurde ich für die Botanik, insbesondere die Kryptogamen begeistert“.[108] Maßgeblich profitiert hat Humboldt dann von Willdenows pflanzengeographischen Einsichten in dessen 1792 erschienenem, allgemein sehr einflussreichen und bereits zu Lebzeiten mehrfach aufgelegten Grundriss der Kräuterkunde.[109] Ausgehend von dessen Ausführungen über floristische Provinzen, Ausbreitungsmöglichkeiten von Pflanzen (von Gebirgen als vermutete Entstehungszentren) und vor allem über den Einfluss insbesondere der Geologie und des Klimas auf die Verbreitung der Vegetation entwickelte Humboldt seine Grundgedanken zur Pflanzengeographie, wie sie dann für die entscheidenden Jahre von 1793 bis 1807 mehrfach in beinahe ähnlicher Weise nachgezeichnet wurden.[107] Dies taten vor allem König 1895 und später auch Nicolson 1987; wobei ersterer bemerkte, dass „der schlichte Gelehrte“ durch Humboldt „ungemein an Ruf und Bedeutung gewonnen“ habe. [108] König 1895, 79–80. Das Zitat ist einer für Marc-Auguste Pictet in Genf angefertigten autobiographischen Notiz („Mes Confessions“, 1806) entnommen, vgl. Rilliet 1868, 181. [109] Willdenow 1792.

64Mit Willdenow haben Humboldt und seine Zeitgenossen in erster Linie die Vorkommen im Raum im Sinne einer horizontalen Verbreitung, also auf und über Landmassen hinweg, in den Blick genommen; eine wichtige, anfangs vernachlässigte Komponente war die des vertikalen Vorkommens der Pflanzen.

65Übersehen wurde dabei, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen (auf die wir gleich kommen), in den geläufigen Darstellungen zu den Forsters und Willdenow als geistigen Vorläufern, dass Humboldt weitere wichtige Anregungen, insbesondere zur Höhenverteilung, offenbar aus weiteren und früheren Quellen schöpfte. Diese hat er indes in seinen eigenen Darstellungen – im Unterschied zu den zitierten Bekenntnissen zu den bereits Genannten – dann später meist nicht mehr erwähnt.

66„Man tut seinen Vorläufern nicht wehe, wenn man die Pflanzengeographie, von der nach Humboldt seinerzeit kaum der Name existierte, als seine ureigene Schöpfung bezeichnet“, urteilte vor einem halben Jahrhundert noch Herbert Scurla.[110] Umgekehrt meinten andere, der Hinweis auf Vorläufer mindere nicht Humboldts Verdienste um die Pflanzengeographie.[111] Tatsächlich sind gleich mehrere wichtige Vorläufer nicht nur zur Pflanzengeographie, sondern explizit auch zu einer graphischen Umsetzung der Ideen zu einer Geographie der Lebewesen, meist ungenannt und unbekannt geblieben; was heute ihre Bedeutung sehr wohl schmälert und umgekehrt die Humboldts überhöht. Vor allem aber ist bislang kaum einmal hinreichend untersucht worden, inwieweit sie bereits Humboldts Ansatz und Überlegungen vorwegnahmen.[110] Scurla 1959, 31. [111] Knobloch 2011, 301.

67John A. Wolter hat in seiner Untersuchung über kartographische Entdeckungen und Graphiken unter anderem auf frühe Darstellungen von Profilen topographischer Reliefs hingewiesen, wie sie uns in Humboldts Andenquerschnitt und ähnlichen späteren Graphiken dann wiederbegegnen.[112] Die ersten Anregungen dazu stammen von Charles Marie de La Condamine, dessen Journal du voyage den frühen systematischen Einsatz von Messungen zu Ortsbestimmungen zwischen 1735 und 1745 im heutigen Ekuador und speziell dem Anden-Hochland von Quito bezeugt.[113] La Condamine und seine Begleiter Pierre Bouguer und Louis Godin benutzten, neben geometrischen Messungen zur Distanz, in systematischer Weise vor allem den barometrischen Druck, um die absolute Höhe über dem Meeresspiegel von verschiedenen Andengipfeln zu bestimmen und kartographisch festzuhalten. So einfach das resultierende Höhenprofil noch sein mag; es zeigt, dass bereits hier die Idee der vergleichenden Höhenmessung zur Beschreibung der physischen Geographie angelegt ist. Obgleich von großer Bedeutung und an anderer Stelle immer wieder einmal genannt (vor allem, als er am Chimborazo höher steigt als dieser), unterlässt es Alexander von Humboldt, seinen intellektuellen und buchstäblichen Vorläufer La Condamine am wohl prominentesten Ort, in der Einleitung seiner Relation historique, als Vorbild zu seiner eigenen Reise und zur Reisebeschreibung zu erwähnen.[114][112] Wolter 1972, 190f. Wolter erwähnt noch weitere hier nicht behandelte Vorläufer, einschließlich der ersten graphischen Repräsentationen von Bergprofilen etwa der Alpen, auf die hier verwiesen werden muss. [113] La Condamine 1751. [114] Humboldt bezieht sich an anderer Stelle in der Relation historique indes immer wieder auf La Condamine und dessen Voyage à l’équateur. Er erwähnt ihn in den unterschiedlichsten Kontexten, korrigiert dessen Annahmen, anderswo findet er sie bestätigt und lobt dessen Arbeiten; das betrifft auch und gerade die Höhenmessungen und die entsprechenden Karten.

68In einem jener seltenen Hinweise in der heutigen Literatur auf andere Vorläufer bemerkte Susan Faye Cannon (wenngleich aus anderem Grund): „The most important now-neglected scientist of the latter 18th century was Horace Benedict de Saussure“.[115] Der Schweizer Geologe und Alpenforscher Horace-Bénédict de Saussure ist weniger für seine pflanzenanatomischen Arbeiten bekannt, als vielmehr für die erste wissenschaftliche Besteigung des Mont Blanc im Jahre 1787, bei der er neben geologischen Studien in der Gipfelregion ebenfalls routinemäßig barometrische und thermometrische Messungen durchführte.[116] Saussure entwickelte oder verbesserte Magnetometer, Hygro- und Cyanometer, die Humboldt dann bei seiner Südamerikareise mit sich führte. Ihn erwähnt Humboldt zwar einmal in der Einleitung seiner Relation historique als Vorbild seiner Reisebeschreibung;[117] doch nennt er auch Saussure nicht in angemessenem Maße als einen der Ideengeber für die Pflanzengeographie. Von späteren Biographen Humboldts wird Saussure dann allenfalls noch beiläufig im Zusammenhang mit der Bestimmung der Gipfelhöhe erwähnt, die Humboldt für seine berühmten Höhenquerschnitte nutzte.[118] Der Ideengeber dazu war jedoch in maßgeblicher Weise Saussure; und zwar nicht nur durch die Messmethodik der Höhenbestimmung, sondern durch die begleitende Bestimmung des vertikalen Vorkommens von Pflanzen entlang eines Höhengradienten.[115] Cannon 1978, 96; vgl. auch 75–76. [116] Der dadurch, ein Jahr nach der Erstbesteigung, als der höchste Gipfel Europas erkannt wurde. [117] Humboldt 1991, I, 35. Saussure publizierte in Genf zwischen 1779 und 1796, neben einem Bericht über den Aufstieg zum Mont Blanc, eine vierbändige Voyages dans les Alpes, Saussure 1786-1796. [118] Vgl. Scurla 1959, 21; wobei er irrigerweise meinte, Humboldt habe diese Höhenquerschnitte „erfunden“.

69Im Unterschied dazu nennt Humboldt unter anderem 1807 in seinen Ideen, aber auch später anderswo, den französischen Geologen und Botaniker Louis-François Ramond de Carbonnières als jemanden, der „die höchsten Gipfel der Pyrenäen erstiegen und geognostische, botanische und mathematische Kenntnisse mit dem reinsten Sinn für philosophische Naturbeobachtungen verbindet“; so habe er wichtige Beiträge zur Geographie europäischer Alpenpflanzen geliefert.[119] Humboldt verwendet überdies Ramonds (mit dem er auch später noch in Kontakt steht) mathematischen Ansatz zur Umrechnung barometrischer und thermometrischer Messwerte in Höhenangaben.[120][119] Humboldt 1807, 77; vgl. Bourguet 2002, 98–104, 112–115; Knobloch 2011, 301. [120] Bourguet 2002, 114–117.

70Von zentraler Bedeutung allerdings ist Humboldts Behandlung des wohl bedeutendsten Vorläufers, des französischen Naturforschers Abbé Jean-Louis Giraud-Soulavie. Für dessen „géographie des plantes“ fand der junge Alexander von Humboldt in seinen 1790 erschienenen Mineralogischen Beobachtungen über einige Basalte am Rhein anfänglich durchaus lobende Worte.[121] Später geriet Giraud-Soulavie zuerst bei ihm, dann allgemein beinahe völlig in Vergessenheit. Auf diesen wohl wichtigsten, aber übersehenen und in der Humboldt-Literatur meist unerwähnt gebliebenen Vorläufer haben dann ausführlich erst wieder Günter Ramakers und Marie-Noëlle Bourguet hingewiesen und ihn explizit als einen der bedeutenden Gründungsväter der Pflanzengeographie beschrieben, dessen Methode einen neuen Zugang zur Natur bedeutete.[122] Tatsächlich war es Giraud-Soulavie, der die Natur als integrierte und komplexe Einheit verstand, in der alles aufeinander wirkt, der die exakte Vermessung der Natur zum Programm erhob, der dies empirisch am Beispiel der Vegetation Südfrankreichs vorführte und schließlich die räumliche Ordnung der Pflanzen sogar in dreidimensionaler Graphik illustrierte. In diesem Sinne ließe sich pointiert sagen: Giraud-Soulavie ist der eigentliche Humboldt eines neuen wissenschaftlichen Zeitalters; und wenn es denn wirklich eines war, begann es bereits ein halbes Jahrhundert früher.[121] Humboldt 1790a, 23: „Desto schöner und philosophischer ist die Idee einer geographie des plantes“ [Hervorhebung im Original]. [122] Ramakers 1976; Bourguet 2002; vgl. auch Knobloch 2011, 301.

71Humboldts anfänglich geäußerte Bewunderung für Giraud-Soulavie bezog sich auf dessen zwischen 1780 und 1784 erschienene achtbändige, aber unvollendet gebliebene Histoire naturelle de la France méridionale.[123] Für unseren Zusammenhang hier wichtig ist der 1783 erschienene 1. Band des 2. Teils (Seconde Partie, Les Végétaux), „contenant les principes de la Géographie physique du règne végétal, l’exposition des climats des Plantes, avec des Cartes pour en exprimer des limites“. Dieser Zusatz war Giraud-Soulavies Programm. Er gehört zweifellos nicht nur zu den ersten, die den Schlüsselbegriff „Geographie der Pflanzen“ systematisch verwendeten; er spricht zudem wiederholt und je nach Bezugsebene abwechselnd von einer „Géographie de la nature“, einer „Géographie physique des animaux“ oder einer „Géographie physique des êtres organisés“.[124] Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Dabei ging es Giraud-Soulavie keineswegs nur um die Beschreibung von Vorkommen und Verbreitung der Organismen im Sinne einer vegetationsgeographischen Landeskunde, vornehmlich (aber nicht ausschließlich!) aufgezeigt an Pflanzen seiner französischen Heimat in der Ardèche. Vielmehr versuchte er bereits, die Ursachen der Verbreitung durch den Rückgriff auf zugrundeliegende allgemeine Gesetzmäßigkeiten zu ergründen. Giraud-Soulavie sah jene „loix physiques générales“ in der Abhängigkeit der Lebewesen von physischen Faktoren wie Klima und Boden, wie Ramakers detailliert nachgewiesen hat.[125][123] Giraud-Soulavie 1780–1784. [124] Vgl. Ramakers 1976, 14–15. [125] Ramakers 1976, 16–22.

72Am Osthang des Zentralmassivs beobachtete und dokumentierte Giraud-Soulavie exemplarisch, für wenige Pflanzenarten und gleichsam auf regional begrenztem Raum als Blick „in das Ganze der Natur“[126], wie sich in höchst eindrucksvoller Weise bereits auf kurzer Entfernung die Pflanzenwelt (und zwar nicht bloß einzelne Pflanzenarten, sondern die gesamte Vegetation) in Abhängigkeit von mit der Höhe einhergehenden Temperaturänderungen und von der Bodenbeschaffenheit wandelt. Methodisch ging er hier in einer Weise vor, die fälschlicherweise seit Humboldt diesem und nicht Giraud-Soulavie zugerechnet wird: systematische Messungen von Temperatur und Höhe, Bestimmung des Vorkommens und der Grenzen der Ausdehnung ganzer Pflanzengebiete, Dokumentation in geographischen Karten und dreidimensionalen Landschaftsprofilen.[126] Ramakers 1976, 18; vgl. auch Bourguet 2002, 106f., die von Giraud-Soulavie als „laying the milestones for a new science“ spricht.

73Insbesondere wenn man Giraud-Soulavies die „Carte Géographique des Plantes“ ergänzende, als „Coupe verticale des montagnes vivaroises“ überschriebene Profildarstellung von 1783 mit dem abgestuften Vorkommen charakteristischer Pflanzen und der Vegetationen betrachtet, drängt sich unmittelbar der Vergleich mit Humboldts später so berühmt gewordenem Andenprofil auf; zumal das Bergprofil bei Giraud-Soulavie gleichfalls von einer dieses beidseits einrahmenden Höhenskala (barometrisch in Form von Luftdruckangaben) begleitet wird.[127] VollbildansichtAbb. 2: Jean-Louis Giraud-Soulavie, „Coupe verticale des montagnes vivaroises“, 1783 (Quelle: Zentralbibliothek Zürich, http://doi.org/10.3931/e-rara-51136, Public Domain)[127] Giraud-Soulavie 1780–1784, Seconde Partie, Les Végétaux, I, gegenüber Seite 265; Ramakers 1976, 19–22; insbesondere fig. 2; Bourguet 2002, 109. Das Höhenprofil war erstmals gesondert bereits 1780 erschienen.

74Im Zusammenhang mit dem generellen Fehlen von Illustrationen in Werken zur Naturkunde im ausgehenden 18. Jahrhundert (das keineswegs allein kostenbedingt war) hat auch Martin Rudwick auf Giraud-Soulavies „visuelle Sprache“ aufmerksam gemacht und betont, welche Bedeutung diese erste kartographische Zeichen- und Darstellungstechnik hatte.[128] Dabei war sich Giraud-Soulavie durchaus seiner Innovation der „Coupe verticale“ bewußt, die er explizit als die erste ihrer Art seit dem Beginn der Wissenschaft der Pflanzen bezeichnete.[128] Rudwick, 1976; vgl. auch Bourguet 2002, 108.

75Giraud-Soulavies vertikales Pflanzenprofil synthetisiert in ähnlicher Weise wie später Humboldts Anden-Gemälde das Untersuchungsprogramm des französischen Naturforschers, das dieser bereits drei Jahrzehnte vor Humboldt ausführlich kommentierend vorstellte. Ramakers hob bereits hervor, dass Alexander von Humboldt „frühzeitig, noch vor Antritt seiner großen amerikanischen Forschungsreise, mit dem entsprechenden Gedankengut Giraud-Soulavies bekannt geworden“ ist.[129] Er hat seine ideengeschichtliche Standortbestimmung Giraud-Soulavies im Kontext der aufkommenden Disziplingenese der Pflanzengeographie mit einem minutiösen Vergleich zu Humboldts Ideen zu einer Geographie der Pflanzen beendet. Demnach sind Giraud-Soulavies Leistungen völlig zu Unrecht kaum einmal anerkannt worden; obgleich er es war, der die Beziehung zwischen Temperatur und Höhe über dem Meeresspiegel erkannte, für die einzelnen Pflanzengebiete (Vegetationen) charakteristische Wärmeverhältnisse genau angab, barometrische Höhenmessungen vornahm, und der schließlich neben einer „Carte géographique des Plantes“ in origineller Weise mit seiner „Coupe Verticale“ die höhenkorrelierte Bergprofil-Darstellung abgestufter Vegetationsformen erfand.[129] Ramakers 1976, 26: „[…] ein Tatbestand, der die Frage nach einer Abhängigkeit seiner ‚Pflanzengeographie‘ von der ‚géographie des plantes‘ des Verfassers der ‚Histoire Naturelle‘ aufwirft.“

76Demnach hat Humboldt weder entdeckt, dass der Wandel der Pflanzengesellschaften vom Äquator zum Pol die Projektion des Wandels in der Vertikalen darstellt („Gesetz der dritten Dimension“), noch hat er die Bestimmung der Vegetationsgrenzen anhand der Temperatur-Mittelwerte oder den Einsatz der barometrischen Höhenmessung in Korrelation zum Pflanzenvorkommen „erfunden“ oder als erster eine dreidimensionale Profil-Darstellung vorgestellt. „Der Vergleich der ‚Pflanzengeographie‘ Giraud-Soulavies und Humboldts zeigt, daß ein großer Teil der A. von Humboldt zugeschriebenen ‚neuen Ideen‘ zumindest in der Konzeption, häufig auch in der Durchführung (allerdings nur im regionalen, nicht im globalen Maßstab wie bei Humboldt) bereits im Werk Giraud-Soulavies nachweisbar sind.“[130][130] Ramakers 1976, 27–29.

77Überraschend ist nicht nur, dass bei Humboldts Zeitgenossen und Generationen nach ihm Souvalie in Vergessenheit geraten ist; mindestens ebenso irritierend ist, dass letzterer – ungeachtet der gründlichen Aufarbeitung Ramakers – von der Humboldt-Forschung der letzten Jahrzehnte beinahe völlig ausgeblendet blieb. Allein aufgrund dieses Versäumnisses, nicht aber durch die historischen Fakten gedeckt, kann Humboldt nach wie vor weitgehend uneingeschränkt als Begründer der Pflanzengeographie gelten und weiterhin immer wieder als solcher dargestellt werden.

78Maßgeblich zur bisherigen, wenngleich irrigen Rezeption beigetragen haben dürfte Humboldts besondere Rolle bei der Selbstzuschreibung der ersten Ideen zu einer „Géographie des plantes“ in publizierten wie unpublizierten Schriften. Dieser „Begründermythos“ beginnt bereits im November 1794 mit jenem Brief Alexander von Humboldts an seinen Helmstedter Freund Johann Friedrich Pfaff, in dem er schreibt:

Ich arbeite an einem bisher ungekannten Theile der allgemeinen Weltgeschichte. […] Das Buch soll in 20 Jahren unter dem Titel: ‚Ideen zu einer zukünftigen Geschichte und Geographie der Pflanzen […]‘ erscheinen.[131] [131] Humboldt an Johann Friedrich Pfaff, Goldkronach, 12. November 1794, Humboldt 1973, 370.

79Humboldt versäumt es dann 1807, als seine Ideen zu einer Geographie der Pflanzen tatsächlich erscheinen, sich noch der Lektüre Giraud-Soulavies zu erinnern. Dies mag auch am Charakter der Ideen liegen, so ließe sich einwenden. Da es eine Programmschrift ist, habe sich Humboldt hier auf nur wenige und knappe Fußnoten beschränkt. Als solche hebt sie sich inhaltlich und formal von seinen späteren Publikationen, insbesondere den Bänden des Reisewerks und vor allem von späteren Auflagen der Ansichten sowie vom Kosmos ab, in denen Humboldts Verweise und Fußnoten oft ausufern und er großen Wert darauf legt, seine Quellen zu nennen.[132] Wir werden allerdings im Zusammenhang mit der Zoogeographie Zimmermanns (siehe unten) noch sehen, dass Humboldt auch hier, nach einem ersten anfänglichen Hinweis 1793 in jungen Jahren, dessen einflussreiches Werk später komplett ausblendet und in den eigenen Schriften unzulässigerweise nicht mehr zitiert. Bei Humboldt, so ließe sich daraus folgern, hat dieses Nichtzitieren der geistigen Väter und Vorläufer seiner Ideen, die er indes kannte und nutzte, durchaus Methode.[132] Diesen Hinweis verdanke ich Ulrich Päßler, in litt. 2017.

80Im Gegensatz zu Humboldt haben wenigstens einige seiner Zeitgenossen gerade in Frankreich Giraud-Soulavies Bedeutung durchaus erkannt und gewürdigt. So hat etwa noch 1817 Augustin-Pyramus de Candolle in seinem Mémoire sur la géographie des plantes de France Giraud-Soulavie den ersten Botaniker genannt, der die wahre Bedeutung des Zusammenhangs von Vegetation und Geographie erkannt habe.[133] Auch Marie-Noëlle Bourguet aber vermutet, dass Humboldt bereits zu dieser Zeit schon bemüht war, für sich allein den erstmaligen Einsatz präziser und akkurater Messungen im Kontext der Vegetationskunde zu reklamieren. Dies dokumentiert sich eindrucksvoll in einer Briefstelle Humboldts an de Candolle, auf die Bourguet hinweist:[133] Bourguet 2002, 124; Candolle 1817.

Giraud-Soulavie qui parle déjà de limites supérieures des oliviers, qui en trace même des lignes par le Vivarais […] mérite de justes éloges. […] Tout ce que je vous demande se réduit à l’observation que j’ai donné la première carte botanique et le premier ouvrage fondé sur des mesures réelles et des observations de température.[134] [134] Bourguet 2002, 124.

81Just diese Behauptung aber ist nicht richtig. Das Werk Giraud-Soulavies, den allein der junge Humboldt 1790 als Begründer der Pflanzengeographie würdigte, gehört zweifellos zu den unterschlagenen Meilensteinen jener neuen Wissenschaft, die erst später gleichsam marktbeherrschend unter dem Namen Humboldts wurde. Dass dieses Konzept heute noch immer allein ihm zugeschrieben wird, zeugt mehr von Hagiographie, als dass es das Wissen um die Disziplingenese befördert hätte.

82Diesen Abschnitt zur frühen Entwicklung der Pflanzengeographie abschließend sei noch auf einen weiteren Umstand durchaus ähnlicher gedanklicher Entwicklungen nicht nur des Konzeptes von vertikal sich ablösenden Pflanzengruppen, sondern auch der graphischen Repräsentation dieser Zusammenhänge hingewiesen, wie es sich auch im originären Kartenwerk zur Pflanzengeographie eines weiteren Zeitgenossen Humboldts darbietet. VollbildansichtAbb. 3: „Nivelación de la Quinas en g[ene]r[a]l y de la Loxa en particular o de la Cinchona officinalis“ (1803), (Quelle: Mauricio Nieto Olarte, La obra cartográfica de Francisco José de Caldas, Bogotá: Ed. Uniandes 2006. Mit freundlicher Genehmigung des Autors) Seinerzeit hat auch der kolumbianische Kartograph und Botaniker Francisco José de Caldas eine eigene Methode der pflanzengeographischen Erfassung entwickelt. Caldas, der Anfang 1802 in Quito in direktem Kontakt mit Humboldt stand, hat für die Anden Ekuadors in einer Serie von ebenfalls dreidimensional angelegten topographischen Profilkarten (die lange unpubliziert blieben) das Vorkommen einzelner Pflanzenarten abhängig von der Höhe und der geographischen Breite eingetragen.[135][135] González-Orozco/Ebach/Varona 2015; vgl. dazu die ausführliche Rezension von Matthias Glaubrecht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Nr. 46 vom 24. Februar 2016. Vgl. auch Gómez Gutiérrez 2016. Francisco José de Caldas’ kartographisches Werk, das aus insgesamt 18 regionalen Profilkarten besteht, von denen allerdings nur neun fertiggestellt wurden, blieb zu seinen Lebzeiten und lange danach unveröffentlicht.

Die Begründung der Tiergeographie durch Eberhard A. W. von Zimmermann

83Ohne Zweifel darf, neben dem erwähnten Buffon, der in Uelzen geborene und in Braunschweig wirkende Naturforscher und Anthropologe Eberhard August Wilhelm von Zimmermann als einer der maßgeblichen Begründer der kaum noch als monolithisch zu begreifenden Biogeographie insgesamt und einer historischen Biogeographie im Besonderen gelten. Lange auch in den heute häufig konsultierten Abhandlungen zur Disziplingeschichte der Biogeographie sträflich vernachlässigt,[136] wurden Werk und Wirken im Kontext der Anfänge der Tiergeographie erstmals ausführlich von Petra Feuerstein-Herz dargestellt, so dass hier auf diese verwiesen werden kann.[137][136] Vgl. z. B. Browne 1983, 25–26. [137] Feuerstein-Herz 2006; vgl. auch Bodenheimer 1955; Ebach 2015, 28–37; Wallaschek 2016.

84Maßgeblich für unsere Betrachtung ist das 1777 auf Latein veröffentlichte Werk Specimen zoologiae geographicae quadrupedum domicilia et migrationes sistens. Diesem war bereits eine als „Tabula mundi geographico zoologica“ bezeichnete Weltkarte beigefügt; die erste Verbreitungskarte, die mit lateinischen Artnamen das geographische Vorkommen damals bekannter Säugetiere darstellte und damit, wie Bodenheimer zurecht meint, „a markstone of zoogeographical mapping“[138]. Als Geographische Geschichte des Menschen und der allgemein verbreiteten vierfüßigen Thiere nebst „Zoologischer Weltcharte“ publizierte Zimmermann zwischen 1778 und 1783 sein erweitertes dreibändiges Werk.[139][138] Zimmermann 1777; Bodenheimer 1955, 357. [139] Zimmermann 1778–1783. Die 1783 publizierte und im dritten Band eingebundene „Geographische Weltcharte“ unterscheidet sich zwar in einigen kartographischen Details von der 1777 gedruckten Ausgabe, ihre Beschriftung ist aber wie diese in Latein. (Ein Original-Exemplar, in das Einsicht genommen werden konnte, befindet sich in der Zoologischen Bibliothek des Museums für Naturkunde in Berlin).

85 VollbildansichtAbb. 4: Eberhard August Wilhelm von Zimmermann: „Tabula mundi geographico zoologica sistens quadrupedes, hucusque notos sedibus suis adscriptos“, 1783 (Quelle: Historic Maps Collection, Department of Rare Books and Special Collections, Princeton University Library, https://catalog.princeton.edu/catalog/5525352, Courtesy of Princeton University Library)In der im Mai 1778 verfassten Vorrede der deutschen Ausgabe führte Zimmermann aus, dass diese gegenüber der lateinischen des Vorjahres „beträchtliche Veränderungen und Zusätze“ aufweise, „das heißt, ich arbeite [den Band] gleichfalls von neuem aus“. Den mit dem Menschen im ersten Band beginnenden Artabhandlungen vor allem der domestizierten Tiere lässt Zimmermann dann im dritten Band allgemeine Überlegungen nicht nur zur seinerzeit lange diskutierten Sintflutlehre und der Frage des Entstehungszentrums folgen, sondern vor allem zur Wanderung und Verbreitung. Ihm ging es nicht nur um die „Vertheilung […] der animalischen Produkte unserer Erde“. Vielmehr wolle er jene „Gesetze“ erforschen, die „die aller Orten so regelmäßige Natur bey dieser Ordnung“ bestimme, wobei er nicht nur die „gegenwärtige“, sondern auch „die geographische Geschichte der Thiere“ in den Blick nahm und sich auch zur Verbreitung der Pflanzen äußerte.[140] Er schlug mithin nicht weniger als eine Erklärung der festzustellenden rezenten Verbreitung der Organismen durch Kenntnis historischer Vorgänge vor und hat damit nicht nur der modernen Zoogeographie den Weg bereitet (vgl. Kap. – Zum Wissensstand der Biogeographie).[140] Zimmermann 1778–1783, III, 49, 216.

86Mit Zimmermann und am Beispiel vornehmlich der Säugetiere wurden sich biologisch interessierte Geographen und Naturforscher im ausgehenden 18. Jahrhundert der wahren Komplexität von Verbreitungsmustern bewusst. „Hier entstand, soweit sich sehen lässt, der erste systematische Versuch, die Beziehungen zwischen der Artenvielfalt und dem geographischen Raum im Medium der Geographie, in kartographischer Form, zu veranschaulichen“.[141] Erkannte Gesetzmäßigkeiten in der Verbreitung typischer Faunengruppen, die Zimmermann im Zuge seiner systematischen Übersicht auffielen, stellte er bildlich in Form sogenannter Grenzlinien innerhalb definiter klimatischer Regionen dar.[141] Feuerstein-Herz 2006, 205.

87Seine zentrale These war dabei indes, dass die Verbreitung (hier der Säugetiere) durch das Klima allein nicht ausreichend erklärt werden kann, sondern vielmehr von der Erdgeschichte beeinflusst ist. So erkannte Zimmermann etwa für Länder, die durch Ozeane getrennt sind und jeweils unterschiedliche Säugerfaunen trotz gleichen Klimas haben, dass diese lange zuvor getrennt wurden. Umgekehrt nahm er an, dass frühere Landverbindungen dafür gesorgt haben, wenn heute Faunen ähnlich oder gar gleich sind. Er schlug somit erstmals und weitsichtig eine wechselseitige Prüfung historischer wie ökologischer Phänomene vor – und ging dabei über die späteren Ansätze etwa bei Humboldts Pflanzengeographie deutlich hinaus. „Die Übersicht auf seiner Weltkarte und die Einteilung der Erde in tiergeographische Zonen stellen das sinnfällige Resümee der systematischen Aufarbeitung zahlreicher inkohärenter Einzelbeobachtungen über das Vorkommen der Säugetierarten auf der Erde dar“.[141a][141a] Feuerstein-Herz 2004, 234.

88Und es sei offensichtlich, so auch Michael Wallaschek in seiner Würdigung von Zimmermanns Beiträgen zur Biogeographie, dass dieser neben der Behandlung von Verbreitungszusammenhängen bei Tieren auch für Pflanzen „erste Erkenntnisse und wesentliche Aufgaben einer nicht nur statisch-registrierenden und kausal-ökologischen, sondern dynamischen ‚Geographie der Pflanzen‘ dargelegt“ habe.[142][142] Wallaschek 2016, 40.

89Obgleich Humboldt um 1807 mit dem in Braunschweig wirkenden Zimmermann in brieflichem Kontakt stand, bedarf die persönliche Bekanntschaft im Detail noch der Klärung.[143] Irrigerweise nahm Malcolm Nicolson offenbar an, der damals 19-jährige Humboldt könne Zimmermann ab April 1789 bis März 1790 in Göttingen gehört haben; immerhin jener Universität, von der ersterer später sagen sollte, dass er ihr „the most valuable part of his scientific education“ verdanke.[144] Ein direktes Wirken Zimmermanns in Göttingen ist indes biographisch nicht belegt oder haltbar.[145] Zimmermann war allerdings „weit über Braunschweig hinaus bekannt“, und hatte durch sein lateinisches und dann vor allem das deutsche Werk zur „Geographischen Geschichte“ zweifellos großen Einfluss auf zahlreiche Zeitgenossen gehabt.[146][143] Wallaschek 2016, 46 erwähnt, dass Humboldt Zimmermann einmal Material für ein Buch zur Verfügung stellte, indes ohne Näheres mitzuteilen. Vgl. dazu auch Zimmermann 1802–1813, 6. Jahrgang (1807), Vorrede. [144] Nicolson 1987, 184–185. [145] Vgl. dazu Zimmermanns Werdegang der betreffenden Jahre in Feuerstein-Herz 2006, 44–46. [146] Feuerstein-Herz 2006, 71. Allerdings hat etwa Karl Ludwig Willdenow in seinem „Grundriss der Kräuterkunde“ Zimmermanns Beiträge zur Biogeographie trotz grundlegender Übereinstimmungen nicht erwähnt; vgl. Wallaschek 2016, 41; Willdenow 1792.

90Auch der junge Humboldt bezieht sich 1793 direkt auf Zimmermann als einen der ersten Tiergeographen, als er in einer Fußnote seiner Schrift Florae Fribergensis specimen von der zoologischen Geographie schreibt, der „Geographia zoologica“, „[…] von welcher Lehre Zimmermann die Grundlage gelegt“ habe.[147][147] Humboldt 1793, IX: „cujus doctrinae fundamenta Zimmermannus jecit“.

91Wenn Humboldt dann ein halbes Jahrhundert später im Kosmos erneut auf Zimmermann zu sprechen kommt, tut er dies interessanterweise nur in Form eines Selbstzitats just dieser Fußnote von 1793, während er das Werk Zimmermanns nicht zitiert oder gar im Detail darauf eingeht.[148][148] Humboldt 1845–1862, I, 487.

92Kein Zweifel können wir indes daran haben, dass Humboldt den Beginn der Tiergeographie als Disziplin deutlich früher sah als den der Pflanzengeographie. Allerdings hat er auch auf die direkte und indirekte Vorreiterrolle Zimmermanns für letztere nicht verwiesen. In den sogenannten Kosmos-Vorträgen Humboldts an der Berliner Universität, die dieser von November 1827 bis April 1828 hielt, erwähnt er Zimmermann im (wenngleich recht allgemein gehaltenen und weitgehend deskriptiven Abschnitt) zur „Geographie der Thiere“ folgendermaßen:

Die Wissenschaft der Geographie der Thiere ist älter als die der Pflanzen, etwa 40 Jahr alt. Zuerst schrieb: Zimmermann geographiae animalium specimen. Doch damals wurde noch alles physische, meteorologische ausgeschloßen. Neuerdings finden wir alles hieher Gehörige zerstreut in Reisebeschreibungen.[149] [149] Zitiert nach einer anonym verfassten Nachschrift der 58. Vorlesung am 22. April 1828, Kosmos-Vorträge 1827/1828, S. 299, http://www.deutschestextarchiv.de/nn_msgermqu2345_1827/305. Herv. im Orig. in lateinischer Handschrift. Ich danke Ulrich Päßler und Christian Thomas für diesen Hinweis.

Noch hilfreicher ist hier Gustav Partheys Nachschrift derselben Vorlesung:

Die Geographie der Thiere, obgleich sie 2 mal so alt ist als die der Pflanzen, ist doch nur 40 Jahre alt: aber lange noch nicht so ausgebildet als die Pflanzengeographie. Das erste Buch von Bedeutung darüber ist: Zimmermann Geogr. animal. Specimen; welches viel Verdienst hat eben weil es das erste ist, aber auf zu unsichern Grundlagen gebaut, weil damals diese Wissenschaft noch ohne den Beistand der Meteorologie und Physik betrieben wurde. Sehr schäzbare [sic] Bemerkungen sind in den vielen Journalen der Reisenden enthalten, aber noch niemand hat sie zusammengestelt.[150] [150] Parthey 1827/1828, Bl. 367r, http://www.deutschestextarchiv.de/parthey_msgermqu1711_1828/737.

93Die jeweils genannten Zeiträume von zwei bzw. vier Jahrzehnten seit Beginn der Tier- bzw. Pflanzengeographie beziehen sich jeweils auf Zimmermanns in den 1780er Jahren bzw. Humboldts 1807 publizierte Werke.

94Dagegen bleibt Zimmermann in der entsprechenden 9. Vorlesung der Sing-Akademie-Vorträge Humboldts zur „geographischen Verbreitung der Tiere“ unerwähnt.[151] Auf den ersten Blick anders äußert sich Humboldt indes 1829 in seiner Rede in Sankt Petersburg, wenn er sagt „diese Wissenschaft der Geographie der Tiere habe noch kaum begonnen.“[152][151] Vgl. Humboldt/Kohlrausch 2019, 165–177. [152] Beck 1989, 212; vgl. Beck/Hein 1986, 209.

95Doch selbst wenn sich über Humboldts gesamtes Leben zeigen lässt, dass er immer wieder einmal auf Zimmermann verweist, so tut er dies etwa in den 1807 erschienenen Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nicht mit diesem als entscheidenden Begründer einer „Geographiae“ der Lebewesen, sondern er marginalisiert ihn eher:

Zimmermanns klassisches Werk stellt die Tiere nach Verschiedenheit der geographischen Lage ihres Wohnorts auf dem Erdboden dar. Es wäre interessant, in einem Profil die Höhen zu bestimmen, zu welchen sie sich in derselben Zone, aber in Gebirgsländern, erheben.[153] [153] Humboldt 1807, 149.

96Unabhängig davon, ob Humboldt Zimmermann direkt erwähnt; stets bekräftigt er im Gegensatz zu diesem seine Setzung, dass auch die „zoologische Geographie“ allein auf Vorkommen, Verbreitung und Wanderung gegenwärtig lebender Tiere zu fokussieren habe, insbesondere auf ihr relatives Verhältnis und die ökologischen, d. h. für Humboldt in erster Linie klimatischen Umstände. Hier liegt eine recht einseitige Fokussierung auf die von Humboldt stets in den Blick genommene Vertikalverbreitung im Gebirge vor; als ob ausgerechnet dies für die Tiergeographie der allein maßgebliche und relevante Umstand wäre.

97Letztlich bleibt Humboldt dadurch Zeit seines Lebens weit hinter Zimmermanns umfassendem ökologischen wie historischen Ansatz zurück. Im Kosmos betonte er dementsprechend im Zusammenhang mit den Organismen, dass „in die Schilderung des Gewordenen, des damaligen Zustandes unsres Planeten […] nicht die geheimnißvollen und ungelösten Probleme des Werdens gehören“.[154] Folgerichtig bemüht sich Humboldt in seinen Werken zwar, analog seiner Behandlung der Pflanzen, mittels genauer Fundortangaben auch die Grenzen der Vertikalverbreitung der Tiere zu bestimmen (etwa von Vicunas, Alpacas und Guanacos in den Anden).[155] Doch mit der einseitigen Festlegung auf allein ökologische Faktoren fehlt bei ihm jedes Bemühen um eine Deutung der historischen Verursachung heutiger Verbreitungsmuster. Ganz ähnlich wurde dies auch in einschlägigen Arbeiten zur Geschichte der Biogeographie herausgearbeitet, die dabei auch Willdenows Wirken beleuchtet haben. Aber „not one of these insights was developed for more than a page, and Humboldt apparently regarded them as no more than suggestions for new research“. Daher sei es „obvious that his contributions to plant geography did not consist in the originality of his views, but in the ways in which he coordinated observations […] with more general ideas“.[156][154] Humboldt 1845–1862, I, 487. [155] Humboldt 1807, 163–167; vgl. dazu Wallaschek 2016, 35. [156] Vgl. Larson 1986, 470, 472; Larson hat dies profund untersucht und steht damit im deutlichen Widerspruch etwa zu Einschätzungen wie der von Graczyk 2004, 254, die von einer „entwicklungsgeschichtliche Naturbetrachtung“ bei Humboldt ausgeht.

98Diese Art einer „zoologischen Geographie“ beschränkt sich also – anders als von Zimmermann vorgeschlagen – allein auf die zeitlich horizontale, d. h. rezente Ebene. Eine Bemühung um die zeitlich vertikale Komponente der Entstehung von Verbreitungsmustern, gleichsam die Erweiterung um die Dynamik der Tiefenzeit, ist für Alexander von Humboldt noch buchstäblich undenkbar. Mithin ist auch jeder Versuch, ihn etwa als vordarwinistischen Biogeographen (gar mit einem Blick auf die Veränderung der Kontinente wie später bei Alfred Wegener) zu deuten, gänzlich ohne faktische Berechtigung. So wenig wie Humboldt tatsächlich Systematiker (oder im Bereich der Zoologie gar Empiriker) war, so wenig war er Darwinist.[157] Wenn so häufig auf den Einfluss Humboldts auf Darwin hingewiesen wird, so darf dabei nicht übersehen werden, dass dies in erster Linie dessen empirische Arbeitsweise und Humboldts unbestrittene Wirkung als literarisches „role model“ betrifft; aber eben nicht dessen etwaige wissenschaftliche Beiträge zur Evolutionstheorie.[158][157] Vgl. Larson 1986. [158] Vgl. dazu vor allem die ausführliche Darstellung bei Leask 2003, der detailliert herausarbeitet, dass Darwins Reisebericht in der Neuauflage von 1845 erst dadurch zum Bucherfolg wird, als er sich im Zuge gleichsam eines „de-Humboldtizing“ (Leask 2003, 34) von dessen Narrativ-Stil löst.

99Es mutet in diesem Kontext kurios an, dass Alexander von Humboldt den Begriff „Thiergeographie“ in der deutschsprachigen Literatur als erster verwendet hat; obgleich dies in seinen Ideen zu einer Geographie der Pflanzen eher beiläufig geschieht, und es zeitgleich und danach weitere Bezeichnungen dieser Disziplin gibt.[159][159] Wallaschek 2016, 35; unter Verweis auf Toepfer 2011, 232.

100Zur Erklärung des Umstands, dass Humboldt eine geschlossene Abhandlung zur Zoogeographie nicht vorgelegt hat, führt Michael Wallaschek an, dass dieser möglicherweise „die Zoogeographie durch Zimmermann und dessen Nachfolger hinreichend bearbeitet“ sah.[160] So richtig dies faktisch ist, so sehr stehen Äußerungen Humboldts in Widerspruch zu dieser These. 1821 notierte Humboldt: „Es ist vorauszusehen, daß meine Arbeit über die Pflanzenfamilien dereinst mit Nutzen auf mehrere Classen von Wirbelthieren angewandt werden wird.“[161] In Erinnerung rufen müssen wir uns auch, dass Humboldt später im Kosmos schreibt, dass „die geographische Verbreitung der Thierformen […] in neueren Zeiten aus den Fortschritten der Pflanzengeographie mannigfaltigen Nutzen gezogen“ habe.[162] Hier meinte er zweifellos nun vor allem seinen Beitrag der Betonung ökologischer Faktoren (etwa zur erwähnten Vertikalverbreitung), während er nun die eigentliche Begründung der Tiergeographie Zimmermanns vielleicht gerade deshalb unterschlägt, weil er anders als dieser die historische Komponente eben nicht als hilfreich auffasste und verstanden wissen wollte.[160] Wallaschek 2016, 36. [161] Humboldt 1821a, Sp. 1034. [162] Humboldt 1845–1862, I, 375f.

101Insofern wäre es ein Missverständnis, aus Humboldts späterer Kosmos-Äußerung zu schließen, dieser sähe die Tiergeographie generell allein im Gefolge zur Pflanzengeographie. Wir dürfen unterstellen, dass Humboldt entsprechend seiner Fußnote 1793 und seiner Bemerkung in den Universitätsvorlesungen 1827/1828 zur Disziplin-Begründung durchaus weiterhin im Blick hatte, dass es anders als bei der „zoologischen Geographie, welche Zimmermann gegründet hat“, eine Pflanzengeographie lange nicht gab, da diese „von den Zeitgenossen unberührt gelassen“ worden war; bis eben zu Humboldt.[163][163] Humboldt 1793, IX.

102Insgesamt drängt sich hier nun der Schluss auf, ähnlich wie wir dies bereits bei Giraud-Soulavie konstatieren mussten, dass Humboldt nach 1790 und 1793 überraschend wenig Mühe darauf verwendete, seine geistigen Väter und die Vorläufer der von ihm reklamierten Disziplin einer Geographie der Pflanzen klar und eindeutig zu benennen; und dies, obgleich er ansonsten anderswo gerade für die Feststellung historischer Zusammenhänge und seiner literarischen Kenntnis zurecht zu rühmen ist. So kannte Humboldt nicht nur Giraud-Soulavies Ansätze und Arbeiten zur Pflanzengeographie, sondern sicher auch die Ausführungen Zimmermanns zur „Vertheilung der Pflanzen“ in dessen „Geographischer Geschichte“. Als Grund dafür, dass Humboldt mit keiner Silbe darauf einging, wie er auch insgesamt Zimmermann in späteren Schriften weitgehend ignoriert, nennt Michael Wallaschek, ihm sei vermutlich „die dynamische und kausal-historische Auffassung Zimmermanns zu weit gegangen“. „Eigentlich wäre es geboten gewesen, die Zoogeographie als Vorbild zu nennen, zumal Humboldt Namen der Phytotaxa auf dieselbe Weise in das Profil seines ‚Naturgemäldes der Anden‘ schrieb, wie dies zuvor Zimmermann (1793) mit Namen der Zootaxa in seiner ‚Zoologischen Weltcharte‘ getan hatte.“[164] Neben dessen Bekenntnis zur Suche nach einem Schöpfungsplan ließen sich auch zeitgenössisch-politische Gründe einer Ablehnung Zimmermanns seitens fortschrittlicher Kreise und des liberalen gebildeten Bürgertums vermuten. Erschwerend habe sicherlich auch gewirkt, dass im Unterschied zu Humboldts vom romantischen Empfinden durchzogenem, ansprechendem Schreibstil derjenige Zimmermanns eher holprig und schwerfällig wirke.[165][164] Wallaschek 2016, 40. [165] Wallaschek 2016, 43–45. So stand Zimmermann etwa der Französischen Revolution ablehnend gegenüber. Seinen Schriften fehlte zudem der Humboldt’sche Reiz des selbst Erlebten, mit dem dieser seine wissenschaftlichen Inhalte würzte.

103Für die im Gefolge vielfach fälschlichen Zuschreibungen konzeptioneller Ansätze, Forschungspraktiken, Methoden und Leistungen allein als die Humboldts hat dieser in nicht unerheblichem Maße selbst gesorgt; und zwar durch seine auffällige Praxis des Nicht-Zitierens und Ignorierens, wo es um die konzeptionelle Begründung der Disziplin geht. Einerseits mag dies durchaus besagte inhaltliche Gründe haben, die in Humboldts Ablehnung einer historischen Biogeographie liegen. „An Zimmermanns Werk hat Humboldt nach außen hin alles ignoriert, was sich jenseits der von ihm selbst gezogenen Grenzen der ‚Geographia zoologica‘ bewegte. […] Das hinderte Humboldt nicht daran, viele Ergebnisse, Konzepte und Gedanken Zimmermanns aus allen Bereichen der Zoogeographie (und darüber hinaus) zu nutzen“. Andererseits deuteten die zahlreichen geistigen Anleihen Humboldts bei Zimmermann, auf die Michael Wallaschek hinwies, seiner Ansicht nach auf eine Konkurrenzsituation hin, die Humboldt „mit Hilfe steten stillen Ausnutzens, geschmeidigen Ausweichens und konsequenten Verdrängens zu meistern“ suchte; was umso auffälliger sei, da Humboldt ansonsten exzessiv zitiere.

104Humboldt verstand es zweifellos, „sich einen Ruhm zu erarbeiten, der wichtige Vorarbeiten verblassen oder verschwinden ließ. An letzterem arbeitete er selbst aktiv durch Unterlassen hinreichender Auswertung, Diskussion und Würdigung der Arbeiten besonders Zimmermanns mit.“[166][166] Wallaschek 2016, 46f.; er spricht hier sogar von „Machtmissbrauch“ und dem „Versuch der Verdrängung des produktiven Vorgängers“ seitens des einflussreichen Humboldt.

Konklusion: Mit-Begründung der Biogeographie

105Emil du Bois-Reymonds Warnung aus dem Jahr 1883, dass es ein Irrtum sei zu meinen, vor Alexander von Humboldt habe es „eigentlich keine deutsche Naturforschung gegeben“,[167] hat sich ungeachtet dessen jüngst doch bewahrheitet. So berechtigt es in diesem Kontext zweifelsohne ist, Humboldts wichtigen Beitrag zur Pflanzengeographie und Ökologie als entstehende Fachdisziplinen am Beginn des 19. Jahrhunderts zu würdigen, so wenig bedeutend ist er dabei für die Tiergeographie. Je mehr die heutige Wissenschaftsgeschichte einen hagiographischen Ansatz hinter sich lässt, desto mehr nimmt auch das Bild der Biogeographie Gestalt an als das einer multidimensionalen und von mehreren maßgeblichen Personen und ihren komplexen Interdependenzen begründeten Forschungsrichtung.[167] du Bois-Reymond 1997, 189.

106Deutlich wird dabei auch, dass nicht nur die Pflanzengeographie vor allem in Frankreich mehrere geistige Väter und maßgebliche Vorläufer hatte, von denen Jean-Louis Giraud-Soulavie hier als der wichtigste in den Vordergrund gerückt wurde. Diese Wegbereiter und Mitbegründer sind indes weitgehend in Vergessenheit geraten und ihre Rolle ist insbesondere in der deutschsprachigen Humboldt-Rezeption in erheblicher Weise unterrepräsentiert; sie sollten indes zu neuem Bewusstsein erhoben werden. Auch die als Disziplin noch ältere und der Pflanzengeographie in Einzelaspekten als Vorbild dienende Tiergeographie hat mit Eberhard August Wilhelm von Zimmermann einen wichtigen, meist ebenfalls vernachlässigten Begründer gerade im deutschsprachigen Raum. Zu konstatieren ist, dass nicht die Zoogeographie wesentliche Impulse aus der Pflanzengeographie erhalten hat, wie oft vermutet wird; tatsächlich war es umgekehrt. Vieles von dem, was heute in der Biogeographie Humboldt zugeschrieben wird, wurde bereits von seinen Vorgängern wie Giraud-Soulavie und Zimmermann projektiert, praktiziert und propagiert. Dabei war sich Humboldt anfangs des Primats einer „zoologischen Geographie“ gegenüber einer noch zu entwickelnden Pflanzengeographie durchaus bewusst; später fiel diese Einschätzung freilich nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Beiträge anders aus.

107Für Humboldt lässt sich zudem zeigen, dass angesichts seiner eher deduktiven denn wirklich induktiven Herangehensweise nicht so sehr die empirische Grundlage aus Pflanzen und Tieren, mithin seine naturkundlichen Sammlungen, maßgeblich war, als vielmehr die während der Reisen gemachten Beobachtungen und Anregungen die Grundlage für Humboldts Theorienbildung und umfangreiche Schriften schufen. So überträgt er während der Reise Forschungsansätze und Methoden seiner Vorläufer insbesondere in der Botanik auf konkrete Beobachtungen und Befunde in der Neuen Welt, die er nach seiner Rückkehr in synthetischer Weise auch graphisch überzeugend zu präsentieren weiß.

108Dagegen ergänzt er für die bereits sehr viel weitergehend als Globalgeschichte etablierte Behandlung der zoologischen Geographie, für die er sich auf Zimmermann bezieht, die empirische Basis kaum durch eigene Befunde. Seine publizierten Aussagen zur Tiergeographie beschränken sich auf arithmetische und qualitative Vergleiche, zu denen seine unpublizierten Notizen kaum Wesentliches ergänzend beisteuern. Zu einer wirklichen Weiterführung der Tiergeographie fehlt ihm selbst eingestandenermaßen einerseits das Material, andererseits das Interesse. Doch vor allem verstellt ihm eine im Bereich der Botanik richtungsweisende, für die Zoologie indes wenig fruchtbringende Begrenzung auf die vertikale Zonierung in Gebirgsregionen weiterreichende Einsichten. Humboldts Betonung der, wie wir heute sagen würden rezent-ökologischen Komponenten der Biogeographie lässt ihn zugleich die kausal-historische Dimension der Disziplin verkennen.

109Überdies kann Humboldts Versuch zur Eindämmung anderer Ansichten, insbesondere die Verdrängung der Verdienste Zimmermanns aufgrund seiner Ablehnung einer vermeintlich spekulativen historischen Richtung der Zoogeographie, als durchaus erfolgreich betrachtet werden. Sein Einfluss hat insofern Langzeitwirkung entfaltet, als es letztlich weit mehr als ein halbes Jahrhundert dauern sollte, bis mit Charles Lyell und Charles Darwin die Temporalisierung und Dynamisierung der Natur auch die Biogeographie erreicht.

110Humboldt lehnt damit just jene Teile der Zoologiae Geographiae Zimmermanns ab, die ihn tatsächlich zu einem maßgeblichen Vertreter der (allein dadurch nicht wirklich treffend) als „Humboldtian science“ bezeichneten empirischen Forschungsmethodik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gemacht hätte. Den vielerlei komplexen, zwischen den verschiedenen Akteuren bestehenden Interaktionen und einzelnen, teilweise disparaten Strömungen der Zeit wird eine allzu einseitig und zudem noch namentlich auf Alexander von Humboldt fokussierende Betrachtung nicht in hinreichend angemessener Weise gerecht.

Anmerkungen

Zitierhinweis

Glaubrecht, Matthias: „Un peu de géographie des animaux“. Die Anfänge der Biogeographie als „Humboldtian science“. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 5 vom 11.09.2019. URL: https://edition-humboldt.de/v5/H0017686


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Über den Autor

 

Matthias Glaubrecht

Centrum für Naturkunde (CeNak), Zoologisches Museum – Universität Hamburg

matthias.glaubrecht@uni-hamburg.de

Matthias Glaubrecht ist Direktor des Centrums für Naturkunde in Hamburg. Publikationen (Auswahl): Es ist, als ob man einen Mord gesteht. Ein Tag im Leben des Charles Darwin. Freiburg i. Br.: Herder, 2009; Am Ende des Archipels. Alfred Russell Wallace. Berlin: Verlag Galiani, 2013.