Vorbemerkung[1]

[1] Die vorliegende Einführung ist eine korrigierte und leicht erweiterte Fassung von Erdmann 2017.

1Bekanntlich fertigte Alexander von Humboldt auf seinen beiden großen Reisen, der amerikanischen wie auch der russisch-sibirischen, zum Teil sehr umfangreiche Reiseaufzeichnungen an. Diese Journale, die ihm als Grundlage für spätere Ausarbeitungen und Publikationen dienten, reicherte er über einen langen Zeitraum hinweg mit weiteren Aufzeichnungen, Randbemerkungen, eingeklebten und eingelegten Notizen an.[2] Die Journale haben sich bis heute an verschiedenen Orten erhalten und zählen unzweifelhaft zu den eindrücklichsten und mithin zu den bekanntesten Zeugnissen der handschriftlichen Hinterlassenschaft Alexander von Humboldts.[2] Humboldts Journale der amerikanischen Reise wurden 2013 von der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (SBB-PK) erworben, vollständig digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vgl. hierzu die entsprechende Seite im Alexander von Humboldt Portal der SBB-PK, http://humboldt.staatsbibliothek-berlin.de/werk/. Die Journale der russisch-sibirischen Reise befinden sich nach wie vor im Besitz der Humboldt-Nachfahren. Einige Aufzeichnungen, die entweder auf der russisch-sibirischen Reise selbst entstanden sind oder aus den Journalen dieser Reise später ausgezogen wurden, befinden sich zudem in den so genannten Kollektaneen zum Kosmos. Sie werden in der Handschriftenabteilung der SBB-PK aufbewahrt und sind gleichfalls in Gänze digital zugänglich. Vgl. SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, gr. Kasten 4, Nr. 50a, Bl. 1–157, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001932F00000000. Zu den Journalen der russisch-sibirischen Reise vgl. Honigmann 2014.

2Weit weniger bekannt ist hingegen, dass Humboldt auch auf seiner ersten größeren Auslandsreise, die ihn 1790 zusammen mit Georg Forster entlang des Rheins in die Niederlande, nach England und auf dem Rückweg durch das revolutionäre Paris führte, Aufzeichnungen in einem Reisejournal festhielt. Dieses Journal wird heute in der Biblioteka Jagiellońska in Krakau aufbewahrt[3] und ist gleich in mehrfacher Hinsicht herausragend: Erstens, da es sich um das älteste erhalten gebliebene Reisejournal Humboldts handelt. Zwar hat er mit Sicherheit bereits auf der Studienreise, die ihn in Gesellschaft Steven Jan van Geuns’ 1789 ebenfalls den Rhein hinunter führte, Aufzeichnungen angefertigt.[4] Sie dürften Humboldt als Grundlage seiner ersten eigenständigen Publikation, den Mineralogischen Beobachtungen über einige Basalte am Rhein,[5] gedient haben. Allem Anschein nach hat sich Humboldts damals angelegtes Journal aber nicht erhalten. Zweitens ist das englische Journal deshalb außergewöhnlich, da es in Hinsicht auf den Verlauf der Reise wie auch auf die Erfahrungen und Beobachtungen, die Humboldt während dieser machte, nahezu nichts enthält. Dieser Umstand ist bemerkenswert und erklärungsbedürftig, weil Humboldt diese Reise zusammen mit einem der seinerzeit wohl bekanntesten Reiseschriftsteller unternimmt, sie ihn zu vielen herausragenden Sehenswürdigkeiten und berühmten Zeitgenossen führt, er in das damals fortschrittlichste und am stärksten industrialisierte Land der Welt reist und er zu guter Letzt auf dem Rückweg im revolutionären Paris weilt. Bis heute wird aus diesem Grund in der biographischen Literatur immer wieder die Ansicht vertreten, dass die Englandreise einen Meilenstein in Humboldts Entwicklung zum Forschungsreisenden und Reiseschriftsteller darstellt. Das Journal lässt eine solch weitreichende Interpretation der Englandreise allerdings kaum zu.[3] Biblioteka Jagiellońska, Kraków, aus der Autographen-Sammlung der ehem. Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin, Humboldt Alexander von Radowitz 6255.[4] Vgl. hierzu Kölbel/Terken 2007.[5] Humboldt 1790a.

3Seine inhaltliche Dürftigkeit ist mit Sicherheit eine Erklärung dafür, dass das Journal in der Humboldt-Forschung bisher so gut wie nicht wahrgenommen wurde, und auch die folgenden Auseinandersetzungen mit Humboldts Aufzeichnungen der Englandreise beziehen sich weniger auf den Inhalt als vielmehr auf die Äußerlichkeiten des Journals. Es geht im Wesentlichen um die spezifische Materialität des Manuskripts, um die äußere, die graphische Dimension[6] der Aufzeichnungen. Eine weitere Annahme, die dabei nahegelegt wird, ist die, dass Humboldt sich bei der Verschriftlichung der Reise konventionalisierter Schreibverfahren bedient. Sie lassen sich auf die damals gerade eben noch rezipierte Textgattung der Apodemik zurückführen, in der umfassende Reiseinstruktionen niedergelegt sind. Betrachtet man das Dokument aus diesem Blickwinkel, richtet sich der Zweck der Aufzeichnungen des englischen Journals von vornherein weniger auf die aufgezeichneten Inhalte als auf den Akt der Aufzeichnung selbst. Insofern lässt sich das Journal weniger als konkrete Reisebeschreibung, sondern viel grundlegender als Fingerübung im Aufzeichnen von Reisen deuten. Derart ist es als ein Dokument zu betrachten, das Humboldts Aneignung von Verfahren des Schreibens zeigt, die es ihm überhaupt erst ermöglichen, seine Erfahrungen und Beobachtungen festzuhalten und für spätere Überarbeitungen und Auswertungen nutzbar zu machen. Abschließend wird daher nahegelegt, dass sich einzelne der hier vorgestellten Schreibverfahren in Humboldts Journalen der amerikanischen Reise wiederfinden und sich also in Hinblick auf die Äußerlichkeit der Aufzeichnungen strukturelle Verbindungen zwischen dem englischen und den amerikanischen Reisejournalen aufzeigen lassen. Damit ist allerdings dezidiert nicht gesagt, dass das englische Journal als kalkulierte Probe der amerikanischen aufzufassen sei. Zum einen, da es zum Zeitpunkt der Abfassung des englischen Journals noch unklar ist, ob Humboldt sich zum Forschungsreisenden und Reiseschriftsteller entwickelt und zum anderen, da die Vielfalt und Komplexität der Schreibverfahren und Inhalte, die sich in den amerikanischen Reisejournalen finden, sehr viel größer sind als im englischen.[6] Hier lehne ich mich an die Überlegungen von Stephan Kammer und Davide Giuriato zur Relevanz von Schreibmaterialien in literarischen Schreibprozessen an. Vgl. Giuriato/Kammer 2007, 7–24.

Zur Überlieferungsgeschichte des englischen Reisejournals

4Humboldts englisches Reisejournal war ehemals Teil der umfangreichen Autographensammlung des preußischen Generalleutnants, Diplomaten und kurzzeitigen Außenministers Joseph Maria von Radowitz. Die Sammlung wurde 1864 von der Königlichen Bibliothek in Berlin erworben. Der Kaufvertrag, der zwischen Radowitz’ Witwe und der Bibliothek vereinbart wurde, beinhaltete die Klausel, dass die vollständige Zahlung erst nach der Katalogisierung des Bestandes erfolgen sollte. Der hierauf von Christian Wilhelm Hübner-Trams geschriebene Katalog lag 1864 in drei Bänden vor.[7] Er ist heute die einzige Quelle, aus der die Tektonik der Sammlung erschlossen werden kann, da sie noch im ausgehenden 19. Jahrhundert entsprechend der damaligen archivarischen Praxis aufgelöst und die Briefe und Manuskripte in die allgemeine Autographensammlung der Königlichen Bibliothek, die so genannte Sammlung Autographa, integriert wurden.[8] Zusammen mit weiteren Beständen der Handschriftenabteilung der Bibliothek wurde auch diese Sammlung 1941 aus Berlin ausgelagert und gelangte nach Schloss Fürstenstein in Schlesien.[9] Damit lag die Sammlung Autographa nach dem Krieg auf polnischem Gebiet und wurde 1946 in die Biblioteka Jagiellońska nach Krakau gebracht, wo sie sich seither befindet – und in ihr das englische Reisejournal Humboldts.[7] Vgl. Hübner-Trams 1864.[8] Vgl. hierzu die Einleitung in Döhn 2005, 9–37, hier vor allem 13. Vgl. auch Weber 2011, 399–407, hier 402.[9] Vgl. hierzu Schochow 2003, 47–49 und 118.

5Wie genau das Journal in Radowitz’ Sammlung gelangte, ist indes unklar. Aus dem von Hübner-Trams geschriebenen Katalog und auch aus zwei Briefen Humboldts an Radowitz, die gleichfalls in Krakau verwahrt werden,[10] geht allerdings hervor, dass Humboldt Radowitz mehrmals größere Handschriftensammlungen schenkte, in denen Autographen von berühmten Zeitgenossen, aber auch von ihm selbst enthalten waren. Wie sich an anderen Beispielen zeigen lässt, beabsichtigte Humboldt durch dieses Vorgehen, Exemplare seiner originalen Handschrift für die Nachwelt zu erhalten.[11] Die Annahme liegt daher nahe, dass es sich auch im Fall des englischen Reisejournals um eine Schenkung handelt, die wir Humboldts ausgeprägtem Nachlassbewusstsein zu verdanken haben.[10] Vgl. Alexander von Humboldt an Joseph Maria von Radowitz, o. O., 30. Januar 1850. Biblioteka Jagiellońska, Kraków, aus der Autographen-Sammlung der ehem. Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin, Humboldt Alexander von Radowitz 6270. Sowie: Alexander von Humboldt an Joseph Maria von Radowitz, o. O., o. D. Biblioteka Jagiellońska, Kraków, aus der Autographen-Sammlung der ehem. Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin, Humboldt Alexander von Radowitz 6273. Ich danke Monika Jaglarz aus der Handschriftenabteilung der Biblioteka Jagiellońska für den Hinweis auf diese Briefe. [11] Das Nachlassbewusstsein Humboldts ist sich noch durch eine weitere Handschrift, die er Radowitz vermachte dokumentiert. Es handelt sich um eine Abhandlung, die Humboldt aus einem seiner amerikanischen Reisejournale herausgeschnitten, mit einer erläuternden Randbemerkung versehen und Radowitz als Geschenk überreicht hat. Auch in diesem Fall ist nicht zu klären, wann genau dies geschehen ist. Vgl. hierzu Erdmann/Jaglarz 2017.

Beschreibung des Journals

6Bei dem englischen Journal handelt es sich um ein fast vollständig erhalten gebliebenes Heft im Quartformat. Lediglich der Rückumschlag ist im Laufe der Zeit verloren gegangen.[12] Das Heft besteht aus zwei Lagen eines festen grauen Papiers und weist insgesamt 29 Blatt bzw. 58 Seiten auf. Dem Wasserzeichen nach handelt es sich um ein Pro-Patria-Papier mit dem Beizeichen „H & G“ aus einer bisher nicht identifizierten Papiermühle. Auf dem vorderen, erhalten gebliebenen Umschlag befindet sich ein Etikett mit der Aufschrift Humboldts „Reise. 1790. England.“ Ferner wurde hier später die Katalognummer der Sammlung Radowitz „6255“ mit Bleistift notiert. Von den 58 Seiten des Heftes sind lediglich 22 mit Feder und Tinte beschrieben. Der Rest ist leer. Auf 17 Seiten notiert Humboldt Beobachtungen, Exzerpte und Literaturhinweise. Drei Seiten am Ende des Hefts entfallen auf ein alphabetisches Register. Auf der letzten Seite findet sich zudem ein botanischer Index der in dem Journal genannten Pflanzen. Humboldt paginierte die ersten 16 Seiten seines Journals, der Rest blieb ohne Zählung.[12] Die erstmals von Julius Löwenberg 1872 vorgebrachte und später von Bernd Kölbel et. al. wiederholte Behauptung, es handle sich bei dem englischen Reisejournal um ein Fragment, ist anhand des materiellen Befundes des Journals nicht zu verifizieren. Vgl. Bruhns 1872, I, 97–103 und 290–292 sowie Kölbel et al. 2008.

7Alle Blätter des Heftes wurden vertikal in der Mitte gefaltet. Humboldt beschreibt diese mit seiner raumgreifenden und deutlichen Jugendhandschrift, einer deutschen Schreibschrift, jeweils halbbrüchig auf der linken Seite. die rechte dient als Rand und ist Anmerkungen und Ergänzungen vorbehalten.

8Solche finden sich allerdings nur auf vier Seiten. Es handelt sich um Korrekturen oder Ergänzungen des links Geschriebenen, die Humboldt vermutlich sofort hinzusetzte. Lediglich die lange Anmerkung auf der ersten Seite weist eine Ergänzung auf, die der Position, dem Schriftduktus und der etwas dunkleren Tinte nach vermutlich später hinzugesetzt wurde. Zwei weitere Randbemerkungen sind mit Bleistift geschrieben und verblasst. Sie sind heute nicht mehr lesbar. Überdies sind auf einigen Seiten mit Bleistift Fragezeichen am Rand notiert. Von ihnen lässt sich aber nicht mit Bestimmtheit sagen, ob sie von Humboldt stammen, oder von einem anderen Bearbeiter zugefügt wurden.

9Das Schriftbild ist überaus klar und geordnet. Humboldt gliedert den Text meist nach Ortsnamen, die mittig notiert und unterstrichen sind. Nur eine Passage im Text ist durch eine Unterstreichung hervorgehoben. Ferner finden sich einige kleinere Sofortkorrekturen und eine längere gestrichene Passage im Text. Auffallend ist eine Lücke im Geschriebenen: Auf die ersten fortlaufend beschriebenen 16 Seiten (Bl. [2r]–[9v]) folgen 20 unbeschriftete Seiten (Bl. [10r]–[19v]), bevor Humboldt erneut eine Seite (Bl. [20r]) halb beschreibt.

10Darauf folgen wiederum 15 leere Seiten (Bl. [20v]–[27v]), dann das alphabetische Register (3 Seiten, Bl. [28r]–[29r]) und zuletzt der botanische Index (1 Seite, Bl. [29v]). Über die Bedeutung der Lücke lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise wollte Humboldt zwischen die Abschnitte weitere Aufzeichnungen eintragen, wozu es dann nicht mehr kam.

Zum Forschungsstand und zur Editionslage des Journals

11Erstmals ausführlich besprochen werden das Journal und die englische Reise Humboldts von Julius Löwenberg im ersten Band der 1872 erschienenen Wissenschaftlichen Biographie Humboldts.[13] Er hatte noch Einsicht in das Original und legt im Anhang der Biographie eine erste, allerdings teils fehlerhafte Transkription des Hefts vor.[14][13] Vgl. Bruhns 1872, I, 97–103.[14] Bruhns 1872, I, 290–292.

12Die kommentierte Transkription des englischen Reisejournals, die 2008 in der internationalen Fachzeitschrift Humboldt im Netz erschien, tritt mit dem Anspruch auf, die Fehler der wissenschaftlichen Biographie zu beheben.[15] Grundlage der damals angefertigten Edition war allerdings nicht das Original, sondern eine Kopie desselben, die lediglich die beschriebenen Seiten des Heftes umfasst. Das Editorenteam konnte damals also nicht wissen, dass sich zwischen den Aufzeichnungen Humboldts immer wieder leere Blätter finden. Die genaue Verteilung des Geschriebenen und der Charakter des Manuskripts gehen aus dieser Transkription folglich nicht genau hervor. Ein Abgleich der Transkription mit dem Original förderte zudem einige Transkriptionsfehler zu Tage. Eine gesicherte Textgrundlage fehlte folglich bis zu der hiermit eingeleiteten Veröffentlichung des englischen Reisejournals als Teil der edition humboldt digital.[15] Kölbel et al. 2008, 10–23.

13Gleichfalls 1872 setzte bei Löwenberg die Interpretation des Journals und die Beurteilung der Bedeutung der Reise ein. Im Textteil der Wissenschaftlichen Biographie erfährt man hierzu:

Das vorerwähnte Fragment des Tagebuches, „Reise[.] 1790. England“, gibt ein vortreffliches Zeugniss von der staunenswerthen Vielseitigkeit des jugendlichen Reisenden. Es enthält mineralogische, botanische, landwirthschaftliche, gewerbliche, technische, culturhistorische Beobachtungen und Notizen […] verschiedenen Inhalts […].[16][16] Bruhns 1872, I, 102f.

14Gemessen an dieser Aussage könnte man meinen, dass es sich bei dem Journal um eine umfängliche und ausführliche Dokumentation der Reise handelt. Während bei Löwenberg noch der Abdruck des Tagebuchs ein Korrektiv bietet, haben die nachfolgenden Biographen den Text des Journals dann nicht mehr zur Kenntnis genommen. Gleichwohl wurden auch hier der Charakter der Aufzeichnungen und die Bedeutung der Reise oft und zum Teil ausführlich besprochen. Das geschieht unter Rückgriff auf die genannten früheren Biographien und zumeist auch auf Forsters Briefe, Tagebücher und seine Ansichten vom Niederrhein.[17] Dabei führt die mangelnde Konsultierung der Originalquellen Humboldts zu verzerrten Deutungen, von denen jene von Douglas Botting möglicherweise nur am weitesten geht, wenn er suggeriert:[17] Vgl. Forster 1791–1794. Selbiges trifft auch auf die ansonsten eher nüchterne und von der Tendenz her aufschlussreiche Interpretation bei Hanno Beck in seiner zweibändigen Humboldt-Biographie zu. Indem er den ersten Band im Untertitel als „von der Bildungsreise zur Forschungsreise“ beschreibt, betont er in einleuchtender Weise die unterschiedlichen Charaktere der früheren von den späteren Reisen. Ob die konkrete Charakterisierung der Englandreise als Kavalierstour allerdings zutrifft, sei dahingestellt. Auf die Aufzeichnungen Humboldts kommt Beck jedenfalls nur ganz am Rande zu sprechen, indem er lediglich erwähnt: „Er führt ein Tagebuch […].“ (Vgl. Beck 1859–1861, I, 25–29, Zit. 26.)

Für Humboldt wird die Reise zur Offenbarung. Unter Forsters Führung entging ihm nicht das Geringste: Kunst und Natur, Vergangenheit und Gegenwart, das Lebendige und das Tote, Politik und Wirtschaft, Fabriken und Hafenanlagen, Parks und Observatorien, alles wurde eingehend, hieb- und stichfest sozusagen, mit peinlicher Genauigkeit untersucht. […] Wohin er auch immer fuhr, überall notierte er sich Fakten über die Wirtschaft der Insel […].[18][18] Botting 1974, 16.

15Ähnlich emphatische Beschreibungen der Reise und ihrer Bedeutung für Humboldt finden sich bis in die aktuelle biographische Literatur zu Humboldt.[19] Solch weitreichende Interpretationen lassen sich anhand der konkret überlieferten Zeugnisse von der Reise aber kaum gewinnen.[19] Vgl. beispielsweise Wulff 2015, 18f.

16Mindestens teilweise geht diese epochale Deutung der Reise allerdings auf Selbstzeugnisse Humboldts zurück. Neben der oft zitierten Äußerung, dass er selbst Sand zum noch unvollendeten Freiheitstempel der Pariser gekarrt habe,[20] die aus einem Brief an Friedrich Heinrich Jacobi hervorgeht, den Humboldt allerdings erst ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr aus England schrieb, finden sich Bezugnahmen auf die Reise vor allem in Humboldts autobiographischen Texten.[21] Auch diese verfasst er retrospektiv in teils erheblichem zeitlichen Abstand zur Reise und in gänzlich veränderten Lebensumständen. Sie lassen sich daher nicht unkritisch als Dokumente zur Beurteilung ihrer Wichtigkeit für Humboldt heranziehen.[20] Vgl. Alexander von Humboldt an Friedrich Heinrich Jacobi, Hamburg, 3. Januar 1791 (Humboldt 1973, 116–119). Neben dem Schreiben an Jacobi findet sich eine Reihe weiterer, nach der Englandreise geschriebener Briefe, in denen Humboldt diese erwähnt. Die Bezugnahmen stehen hier aber mehr am Rand und im Kontext von Humboldts Karriereplanung. Bei den meisten dieser Briefe handelt es sich um Empfehlungsschreiben in eigener Sache, die Humboldt als Begleitschreiben zur Übersendung seiner Mineralogischen Beobachtungen über einige Basalte am Rhein verfasste. In diesem Kontext referiert er z. B. in den Briefen an Abraham Gottlob Werner, Dietrich Ludwig Gustav Karsten, Joseph Banks und einige weitere Personen über seine geologischen Beobachtungen während der Reise, insbesondere der Basaltvorkommen in England. Zum Teil, so etwa im Brief an Karsten, scheint Humboldt die Informationen hierzu seinem englischen Journal zu entnehmen. Keines der Schreiben enthält jedoch eine ausführliche Schilderung der Reise. Aus der erhalten gebliebenen Korrespondenz Humboldts nach der Reise lässt sich ihre Bedeutung für ihn somit kaum ermessen.[21] Vgl. zu Humboldts Selbstzeugnissen: Biermann 1989, 52–53 und 84.

17Unter den Selbstzeugnissen Humboldts ragt in Bezug auf die Reise eine fragmentarische autobiographische Skizze heraus, die er 1801 während seines Aufenthalts in Santa Fe de Bogotá,[22] vermutlich im Haus von José Celestino Mutis,[23] in eines der Hefte seines amerikanischen Reisejournals schrieb.[24] In der Tat handelt es sich bei ihr um Humboldts ausführlichste Stellungnahme zur Bedeutung der Reise für ihn. Er schildert sie hier erstmals als Wendepunkt in seinem Leben im Modus einer Adoleszenzkrise. Sich selbst beschreibt Humboldt als einen schwärmerischen Jüngling, der einsame Strandspaziergänge „längst der grünen buschigten Dünen am Haager Meersstrande“ macht, und dem „der Anblick der Amsterdamer Schiffswerften“ die „warme Phantasie mit ersehnten Gestalten ferner Dinge“[25] erfüllt. Die Wände seines Londoner Zimmers sind „mit den Kupfern eines ostindischen Schiffes ausgeziert, das in einem Sturme unterging.“ Beim morgendlichen Anblick dieser Schiffbruchszene, einem für die Ästhetik des Erhabenen typischen Topos,[26] fließen ihm oft „Heiße Tränen […] über die Wangen“[27] und Humboldt schildert, er habe damals damit geliebäugelt, sich als Matrose oder Schreiber anheuern zu lassen. Mehrmals betont er, die Reise habe bei ihm eine „melancholische Stimmung“[28] erzeugt, doch folgt zu guter Letzt eine Wendung und Läuterung. Humboldt schließt die Skizze mit den Worten:[22] Den ersten Abdruck dieser autobiographischen Skizze besorgten Kurt R. Biermann und Fritz G. Lange in der Festschrift zur Wiederkehr des 100. Geburtstags Alexander von Humboldts. Biermann und Lange geben hier einen Überblick über Humboldts Selbstzeugnisse. Die Skizze von 1801 behandeln die Autoren dabei – im Gegensatz zu der im Folgenden vorgelegten Interpretation – als authentisches autobiographisches Zeugnis und stellen es unter die Überschrift „Mein Weg zum Naturwissenschaftler und Forschungsreisenden“, womit sie Humboldts teleologische Perspektive auf den eigenen Lebensweg fortschreiben. Vgl. Biermann/Lange 1969.[23] Vgl. hierzu die Vorbemerkung zur spanischen Übersetzung von Humboldts Autobiographie in Gutiérrez 2016, 28.[24] Vgl. ART VII a u. b, Bl. 134v–136v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000208.[25] ART VII a u. b, Bl. 135v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000210.[26] Vgl. hierzu z. B. Corbin 1990, 161–181.[27] ART VII a u. b, Bl. 136r, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000211.[28] ART VII a u. b, Bl. 136r sowie 136v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000212.

Meine Reise mit Forster in das Gebirge von Derbyshire vermehrte jene melancholische Stimmung. Das Dunkel der Casteltoner Hölen verbreitete sich über meine Phantasie. Ich weinte oft ohne zu wissen warum und der arme Forster quälte sich zu ergründen, was so dunkel in meiner Seele lag. Mit dieser Stimmung kehrte ich über Paris nach Mainz zurück. Ich hatte entfernte Pläne geschmiedet.[29][29] ART VII a u. b, Bl. 136v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000212. (Hervorhebung DE)

18Die autobiographische Skizze schrieb Humboldt elf Jahre nach den eigentlichen Ereignissen und unter dem Eindruck einer weiteren Reise, von der er damals bereits ahnen konnte, dass sie sein Ansehen als bedeutenden Forschungsreisenden nachhaltig prägen würde. Es ist unschwer zu erkennen, dass es sich um eine dramaturgisch aufbereitete Re-Lektüre der eigenen Erfahrung zu einem späteren Zeitpunkt und gleichsam von höherer Warte handelt. Vielleicht wollte Humboldt daher nicht, dass diese Szene gelesen werde. Jedenfalls fügte er 35 Jahre später, als er die autobiographische Skizze im November 1836 erneut las, am Rand die Anmerkung hinzu: „nie drucken zu lassen“.[30][30] ART VII a u. b, Bl. 134v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000208.

19Gleichwohl, wenn auch nie wieder so ausführlich wie hier, wird Humboldt fortan die Reise in allen weiteren autobiographischen Äußerungen als epochales Ereignis schildern. Sowohl in den 1806 verfassten „Mes confessions“[31] wie auch in dem autobiographischen Artikel für Brockhaus’ Real-Encyklopädie, der noch zu Lebzeiten in der Zeitschrift Die Gegenwart erschien,[32] wiederholt Humboldt die Einschätzung, die Englandreise stelle einen entscheidenden biographischen und intellektuellen Wendepunkt sowie den Vorläufer aller später unternommenen Reisen dar. Damit integrierte er sie retrospektiv in eine kohärente Erzählung, mit der er beabsichtigte, sein Werden zum Naturforscher und Forschungsreisenden zu beschreiben.[31] Vgl. Rilliet 1868, 180–190.[32] Humboldts Beitrag wurde noch zu dessen Lebzeiten in der von Heinrich Brockhaus herausgegebenen Zeitschrift Die Gegenwart publiziert. Vgl. Brockhaus 1853, 749–762. Der Abdruck in der elften Auflage der Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände erfolgte in leicht veränderter Form. Vgl. Anonym 1866, 145–151.

Die schriftlichen Überreste der Reise: Humboldts Briefe und der Inhalt des Reisejournals

20Offensichtlich hat sich Humboldts eigene Deutung der Reise in der biographischen Literatur durchgesetzt. Konsultiert man aber die faktisch überlieferten Zeugnisse, so zeichnet sich ein etwas anderes Bild ab. Das trifft sowohl auf das Journal wie auch auf die wenigen erhalten gebliebenen Briefe zu, die Humboldt von der Reise an die Daheimgebliebenen schrieb.[33] Von ihnen wird hier nur auf einen Brief näher eingegangen, den Humboldt in Etappen zwischen dem 15. und 20. Juni 1790 in Castleton und Oxford verfasste und an seinen Jugendfreund Wilhelm Gabriel Wegener sandte. Dieser Brief ist charakteristisch für den Umfang an Informationen, die sich aus Humboldts Korrespondenz über die Reise gewinnen lassen.[33] In den Jugendbriefen Humboldts finden sich lediglich sechs Briefe Alexander von Humboldts, die er von der Reise an Freunde und Verwandte sandte. Je einen Brief schreibt er an Johann Gabriel Wegener und an Paul Usteri. Daneben lässt sich aus drei weiteren Briefen Wilhelm von Humboldts an Caroline von Dacheröden ableiten, dass auch er mehrere Briefe von der Reise empfing. Aus einem weiteren Schreiben, welches Alexander von Humboldt am 23. September 1790, also nach der Reise, erneut an Wegener schrieb, geht überdies hervor, dass er während der Reise auch einen Brief an Carl Ludwig Willdenow sandte. Wie es scheint, ist dieser Brief aber nicht überliefert. (Vgl. Alexander von Humboldt an Johann Gabriel Wegener, Hamburg, 23. September 1790, abgedruckt in Humboldt 1973, 106f.)

21Anders als zu erwarten, beginnt Humboldt den Brief am 15. Juni nicht mit Ausführungen zur Reise, sondern mit einer weitläufigen Erörterung von Wegeners aktueller Lebenslage. Hieran schließen sich Bemerkungen über Johann Friedrich Zöllner und eine kleine Charakterskizze Wilhelm von Humboldts an. Erst am Ende der ersten Schreibphase an diesem Brief kommt er auf seine gegenwärtigen Erfahrungen und die Reise zu sprechen. Nach einer Schreibunterbrechung von vier Tagen fährt erdann fort:

Neues über England, mein Bester, erwartest Du nicht von mir. Ueber ein so bereisetes Land ist es schwer etwas neues zu sagen; aber individuelle Eindrükke, die theilte ich Dir gern mit, wenn ich Zeit und Ruhe hätte, etwas vernünftiges zu schreiben. Desto mehr Stoff behalten wir zu künftigen Gesprächen. Forster, mein Reisegefährte, wird unsere Reise beschreiben. Ich habe die Beschreibung stükweise gelesen. Sie ist schön geschrieben. Ich glaube, sie wird Aufsehen in der Welt machen. Seine Urtheile aber halte gar nicht für die meinigen. Wir haben sehr verschiedene Gesichtspunkte, die Sachen zu betrachten.[34][34] Alexander von Humboldt an Wilhelm Gabriel Wegener, Castleton, 15. Juni 1790 und Oxford, 20. Juni 1790. (Humboldt 1973, 91–93 und 93f.)

22Natürlich lässt sich aus Humboldts Äußerungen gegenüber Wegener gleich eine ganze Reihe von Gründen ableiten, die Argumente für die Spärlichkeit der Aufzeichnungen im englischen Reisejournal abgeben. Zeitnot und Kräfteökonomie, der Vorrang der Reisebeschreibung Forsters, der diese von vornherein zu publizieren beabsichtigt und der Umstand nicht ohne weiteres etwas originelles zu der Vielzahl existierender Reiseberichte hinzufügen zu können sind gute Gründe für die Dürftigkeit der Aufzeichnungen. Sie erklären aber keineswegs, warum Humboldt dennoch anfing ein eigenes Journal zu verfassen.

23Während Humboldt in dem zitierten Brief an Wegener, sowie in einem zweiten, den er am 17. Juni 1790 aus London an Paul Usteri schreibt, wenigstens flüchtig auf einige Eindrücke und Erlebnisse, auf Besuche bei bekannten Persönlichkeiten und die Reiseroute eingeht, lässt sich aus seinem Journal über all dies schlicht nichts erfahren. Der Duktus des Geschriebenen ist nüchtern und sachlich und die Notizen, die er macht, beziehen sich nicht auf einen Reiseverlauf, sondern auf einzelne Orte. Dabei sind seine Aufzeichnungen inhaltlich durchaus vielfältig, wenn auch ungleich gewichtet: Vorrangig notiert Humboldt technisch-ökonomische Aspekte, die sich überwiegend auf die Schafzucht, die Wollproduktion und die Tuchmanufakturen konzentrieren. Auch seine botanischen Aufzeichnungen stehen in diesem Zusammenhang. Humboldt macht Angaben zur Verbreitung von Kardengewächsen, die zeitgenössisch noch bei der Aufbereitung von Wollfasern zum Einsatz kamen, und notiert ausführlich seine Beobachtungen zum Vorkommen von Färberpflanzen, allen voran zur Verbreitung von Flechten. Dabei sind die Bemerkungen zur Botanik Englands überaus aufschlussreich für die Perspektive, unter der Humboldt auf die ihn umgebende Natur blickt:

An den Kalkwänden der Heights of Abraham, und in dem lover’s Walk an dem Derwent (dem old Bath gegenüber) sah ich mit dem schönen Hypnum crista castrensis (womit der ganze Bruch bei Göttingen bedekt ist)[,] dem Lich[en] capperatus, dem L[ichen] calcareus, und der Verrucaria pertusa Willd[.] auch das Lich[en] tartareus, dem völlig ähnlich das ich in Teutschland vor Hannover sahe. Das L[ichen] tartareus wird häufig in Yorkshire und im Peak von Derbysh[ire] gesamlet, nach Manchester gebracht und dort in die Färbereien verkauft. Es giebt mit Urin präparirt […] eine schöne purpurrothe Farbe, bei der man den theuren Erd- und Kräuterorseillen […] entbehren kann.[35][35] Humboldt, Alexander von: Reise. 1790. England. [ca. 1790], Bl. [4v]. (In der Vorlage gestrichene Passagen werden hier im Zitat nicht ausgewiesen.)

24Humboldt fährt fort, dass die genannten Färberpflanzen im ganzen nördlichen Europa wild wachsen, die Farbstoffe aber gleichwohl aus Unkenntnis darüber weiterhin teuer aus Holland und England importiert würden und schließt mit der Bemerkung: „Das crÿptogam[ische] Studium ist nicht so unwichtig als man es gewöhnlich glaubt. Bei einer guten Staatswirthschaft muß auch das Steinmooß mit zum Nationalreichthum beitragen. –“[36] Der Fokus der botanischen Beobachtung und Aufzeichnungen ist folglich auf den Nutzwert der Pflanzen gerichtet, wobei der Ersatz von Importen bzw. die Substitution von teuren (ausländischen) durch billigere (inländische) Rohstoffe im Vordergrund steht. Humboldts Wahrnehmung der englischen Flora entpuppt sich folglich als prototypisch kameralistisch-merkantilistischer Blick auf die Umwelt. Aus inhaltlicher Perspektive ist das Journal demnach ein Dokument der Ausbildung Humboldts zum nützlichen Staatsdiener[37] und es wundert daher auch kaum, dass es formal jenen Berichten und Protokollen gleicht, die Humboldt wenige Jahre später im Auftrag des Preußischen Staates über Steingutfertigung, Porzellan- und Glasherstellung verfassen wird.[38][36] Humboldt, Alexander von: Reise. 1790. England. [ca. 1790], Bl. [5v].[37] Vgl. hierzu Klein 2015, 13–25.[38] Vgl. hierzu Hülsenberg/Schwarz 2012, Hülsenberg/Schwarz 2014 und Hülsenberg/Schwarz 2016.

25Neben den botanischen Aufzeichnungen enthält das Journal auch einige geographisch-mineralogische Notizen zu den Basaltvorkommen in England sowie zu den mittelenglischen Kalksteinhöhlen in Derbyshire, die Humboldt besuchte. Unzweifelhaft lassen sich diese Notizen auf Humboldts damalige intensive Beschäftigung mit dem Basalt zurückführen, aus der auch die bereits benannte Schrift über die Mineralogie der Basalte am Rhein hervorging. Zugleich weisen sie aber schon auf seine bergmännischen Studien in Freiberg voraus, die er im Rahmen seiner Ausbildung im Jahr nach der Reise aufnehmen wird.

26Ganz am Rand finden sich ferner einige historische Bemerkungen über England, etwa über die Verlagerung der Handelszentren von West- nach Ostengland und zu den rauen Sitten der Bewohner von Derbyshire im frühen Mittelalter. Während die ersten noch ganz in das Bild des kameralistischen Protokolls passen, fallen die letzteren allerdings etwas aus dem Rahmen, indem sie auf ein Gesetz Edward I. referieren, wonach „jeder[,] der eine Bleimine bestöhle mit einer Hand an einen Tisch genagelt werden und entweder verhungern od[er] als das einzige Rettungsmittel, mit der anderen Hand die angenagelte abschneiden soll[.]“[39] Natürlich ist diese Stelle hier nicht allein auf Grund ihrer Derbheit zitiert. Sie gibt vielmehr Aufschluss über einen weiteren wichtigen Aspekt des Journals. Denn einige der in ihm niedergelegten Informationen beruhen nicht auf eigenen Beobachtungen Humboldts, sondern stellen Exzerpte aus der damals aktuellsten Literatur über England dar. Im oben zitierten Fall handelt es sich um die 1789 publizierte Schrift A View of the Present State of Derbyshire von James Pilkington.[40] Wie zu seiner Zeit üblich, hatte Humboldt sich das Wissen um die bereisten Länder noch vor, spätestens aber auf der Reise angelesen und dabei die einschlägigen Werke zur Hand genommen, zum Beispiel auch Karl Philipp Moritz’ Reisen eines Deutschen in England,[41] auf die er im oben zitierten Brief an Wegener verweist. Offensichtlich hatte sich Humboldt – wie dies in den damals einschlägigen Reiseratgebern überall empfohlen ist – für seine Reise gut präpariert.[39] Humboldt, Alexander von: Reise. 1790. England. [ca. 1790], Bl. [20r]. (In der Vorlage gestrichene Passagen werden hier im Zitat nicht ausgewiesen und am Rand notierte Einfügungen von der Hand des Autors nicht als solche gekennzeichnet.)[40] Pilkington 1789. Humboldts ‚Exzerpt‘ der Sitten der Bewohner von Derbyshire findet sich – wie er dies selbst, jedoch in abgekürzter Gestalt vermerkt – im zweiten Band auf Seite 57.[41] Moritz 1783.

Die äußere Form des Journals

27Dieser Umstand lässt sich auch in Hinblick auf die äußere Gestaltung seines Journals konstatieren. Betrachtet man es aus diesem Blickwinkel, so lassen sich auch hier die Einflüsse von Reiseratgebern, genauer den damals eben noch rezipierten Apodemiken nachweisen. Auf antiken Vorbildern fußend und im 16. Jahrhundert im Kontext des Neuhumanismus zu einer verbreiteten Traktatliteratur ausgearbeitet, trat die Apodemik mit dem Anspruch auf, das Reisen umfassend zu methodisieren.[42] Hierzu hielten die Apodemiken Instruktionen zu allen denkbaren Aspekten des Reisens bereit. Zusätzlich zur Definition und Erörterung der Nützlichkeit des Reisens, wie der Frage, wer überhaupt reisen solle, beinhalten Texte dieser Gattung umfassende praktische Hinweise. Diese erstrecken sich von den adäquaten Reisevorbereitungen über Empfehlungen für geeignete Bekleidung, Ernährung und die Erhaltung der Gesundheit auf Reisen, dem Verhalten in fremden Regionen bis hin zu Vorschlägen, wie mit Einheimischen Gespräche zu führen sind und zahlreichen weiteren Themen.[43] Neben diesen praktischen Ratschlägen nehmen Vorschläge zur Systematisierung der Beobachtung und Beschreibung von Reisen eine zentrale Stelle ein. Dafür halten vor allem frühneuzeitliche Apodemiken, die noch auf eine enzyklopädische Verzeichnung des Wissens zielen, umfangreiche Fragenkataloge bereit. Derartig topisch gegliederte Schemata, die den Blick des Beobachters führen und seine Aufzeichnungen von vornherein gliedern, finden sich vereinzelt noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Allerdings hatten sie sich in den damals bereits veränderten epistemologischen Kontexten, in denen bekanntlich ganz andere Ordnungen des Wissens privilegiert wurden, überlebt: Sie fanden bei Humboldt keine Anwendung mehr und dementsprechend lässt sich der Einfluss der apodemischen Literatur auf sein englisches Reisejournal auch nicht an den aufgezeichneten Inhalten oder der Gliederung der Themen nachweisen.[42] Vgl. allgemein zur Geschichte der apodemischen Literatur Brenner 1989. Vgl. auch Stagl 2002; speziell in Hinblick auf die Methodisierung des wissenschaftlichen Reisens vgl. Siebers 2002, 29–49. Siebers macht hier unter anderem darauf aufmerksam, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts, kurz bevor sich die Textgattung endgültig überlebt, die Zahl der Neuerscheinungen von Reiseinstruktionen nochmals stark anwächst. [43] Vgl. etwa Klauß 1989, 40–42.

28Anders liegt dies jedoch bei der äußeren Gestaltung der Reiseaufzeichnungen. Denn auch dazu, wie und mit welchen Mitteln die auf Reisen gemachten Beobachtungen und Erfahrungen zu Papier zu bringen sind, enthalten Apodemiken ausführliche Hinweise. Leopold Berchtold, der Autor einer damals populären Apodemik, des sogenannten Patriotic Traveller,[44] etwa empfiehlt:[44] Vgl. Berchtold 1789 sowie Bruns 1791; zur Bedeutung dieses Textes vgl. ferner Stagl 1991, 213–223.

An inquisitive traveller should never be without paper, pen, and ink, in his pocket, because annotations made with lead pencils are easily obliterated, and thus he is often deprived of the benefit of his remarks. Travellers ought to commit to paper whatever they find remarkable, hear, or read, and their sensations on examining different objects; it is advisable to do it upon the spot, if the time, the place, and the circumstances will admit of it […].[45][45] Berchtold 1789, I, 43.

29Derartige Hinweise auf die Methode und Praxis der Reiseaufzeichnung finden sich in zahlreichen Apodemiken der Zeit. Wie Berchtold – und wie im Journal an den verblassten Randnotiz in Bleistift zu sehen zu Recht – warnt auch Franz Posselt vor der Verwendung des Bleistifts und empfiehlt stattdessen tragbare Schreibfedern, in denen in einer Kapsel allzeit Tinte enthalten ist.[46] Dabei ist die Tragbarkeit des Schreibgeräts natürlich die Voraussetzung des bei Berchtold und vielen anderen Autoren wiederholten Hinweises, die Aufzeichnungen möglichst ‚im Angesicht der Dinge‘ anzufertigen. Die Aufwertung des mit eigenen Augen Gesehenen und vor Ort Notierten ist ein Topos der späten apodemischen Texte und ein Element, das für Humboldts spätere Reiseaufzeichnungen bekanntlich von maßgeblicher Bedeutung ist: Vielfach verweist er in seinen Ausarbeitungen der amerikanischen Reisejournale auf seine Augenzeugenschaft und unterstreicht so die Autorität des Geschilderten.[46] Vgl. Posselt 1795, II, 293–294.

30Dabei erstrecken sich die Hinweise zur äußeren Einrichtung des Reisejournals bis in die Einteilung der Schreibfläche. Im Patriotic Traveller (hier zitiert nach der 1791 erschienenen deutschen Übersetzung von Paul Jakob Bruns) findet sich der Hinweis, unbedingt Ränder freizulassen, damit man den Aufzeichnungen später „noch immer seine Gedanken in Noten hinzufügen könne.“[47] Ein Vorschlag, den Humboldt offensichtlich befolgt. Ebenso wird empfohlen, am Ende des Journals alphabetische Register zur Erschließung des Inhalts anzulegen. Karl Theodor von Dalberg schreibt hierüber:[47] Bruns 1791, 39.

Es gibt auch eine andere sehr nützliche und bequeme Art seine Beobachtungen in Ordnung zu bringen; und diese besteht darin, wenn man sie nach einer alphabetischen Ordnung einrichtet. […] Es ist hierzu hinreichend, täglich mit einem Wort in einem kleinen Register in alphabetischer Ordnung, mit Zurückweisungen, die Punkte, worauf sich ihre Beobachtungen beziehen, zu bemerken. […] Das so eben erwähnte Register, wird den Gebrauch, den Sie von Kenntnissen, die Sie werden erlangt haben, […] ungemein erleichtern. Ich merke freylich wohl, daß dies etwas pedantisch scheinen wird, aber es wird nichts desto weniger nützlich sein […].[48][48] Dalberg 1783, 404f.

31Betrachtet man das englische Journal Humboldts rein äußerlich, scheint spätestens mit dem Blick auf das Register, das er am Ende einfügt, klar auf der Hand zu liegen, dass er sich bei dessen Gestaltung an Empfehlungen orientierte, wie sie auch in der zeitgenössischen Apodemik bereitgehalten werden. Die Frage, auf welchen Text er dabei zurückgreift, ist allerdings wohl kaum zu klären und vermutlich auch weit weniger interessant als der Umstand, dass er sich an tradierte Vorlagen anlehnt. Vermutlich hat Humboldt zum Erlernen derartiger Schreibverfahren aber auch gar nicht erst zu einem Buch greifen müssen: Sie konnten, wie etwa in August Ludwig von Schlözers Reise- und Zeitungs-Kollegium, das dieser zwischen 1777 und 1795 regelmäßig in Göttingen gab, auch auf anderen Wegen vermittelt und angeeignet werden.

32Indes dürfte deutlich geworden sein, dass es sich bei dem englischen Journal mehr um eine Einübung der Verfahren des Aufzeichnens einer Reise handelt, denn um das konsequente Projekt der Verschriftlichung der Erfahrungen und Eindrücke, die Humboldt während seiner Englandreise mit Forster machte. Vielleicht am deutlichsten tritt dies an dem Register des Journals zutage. Wie Dalberg es bereits andeutete, hat es tatsächlich einen etwas pedantischen Charakter, wäre es doch wohl kaum von Nöten gewesen, den überaus übersichtlichen Inhalt des Journals zu erschließen. Faktisch bleiben denn auch mehr als die Hälfte der Buchstaben des Alphabets des Registers ohne Eintrag. Dass diese Übung indes nicht fruchtlos geblieben ist, zeigt sich daran, dass Humboldt derartige Register in vielen der Hefte seines amerikanischen Reisejournals anlegte.[49] Offenkundig wiederholt er hier ein Format, das er im englischen Journal für uns erstmals greifbar erprobt.[49] Solche Register finden sich – um nur einige Beispiele zu nennen – in: ART II u. VI, Bl. 164r–164v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527300000317; ART III, Bl. 99r–99v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527400000187; ART IV, Bl. 143r–148r, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527700000265 sowie in ART V, Bl. 54r–54v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527800000111. Vgl. auch den „Index général de mes MSS“, den Humboldt am 4. Dezember 1805 zu schreiben begann und der formal nach demselben Schema gestaltet ist, in ART V, Bl. 37r–49r, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527800000077.

Schlussbemerkung

33Um welche Textgattung es sich bei dem englischen Reisejournal genau handelt, lässt sich abschließend nicht eindeutig klären: Inhaltlich ist es im Stil eines kameralistischen Protokolls oder Notizbuches verfasst, hat aber keineswegs den Charakter eines Tagebuchs und auch nur ansatzweise den Charakter der Aufzeichnung einer Reise. Äußerlich hingegen nimmt es die Form eines Reisejournals an, indem es sich an hergebrachte Vorlagen der Reiseaufzeichnung anlehnt. Nicht zuletzt markiert Humboldt es durch seine Titelaufschrift als Journal einer Reise. Gleichwohl handelt es sich nicht um ein ‚reines‘ Format, sondern um eine Mischform. Genau dieser Umstand erlaubt es aber auch, das Heft als einen Versuch zu werten, als eine Schreibübung, in der sich Humboldt im Aufzeichnen von Beobachtungen, d.h. im verschriftlichen empirischer Erfahrung übt.

34Offensichtlich fertigt er diese Aufzeichnungen Formal und inhaltlich entlang erlernter Muster an. Dass sich von diesen noch Spuren in späteren Aufzeichnungen finden lassen, macht die Bedeutsamkeit dieses Dokuments aus, lässt es sich doch so als ein Element in der Genese von Humboldts Schreibverfahren begreifen. Allerdings – wie geschildert – als ein Dokument, das es konsequent zu historisieren gilt: Das Journal ist keineswegs – wie es Humboldt selbst und im Anschluss an ihn die spätere Biographik glauben machen möchte – ein Baustein innerhalb einer folgerichtigen Entwicklung; keine kalkulierte Probe für antizipierte, bedeutsamere Aufzeichnungen. Im Gegenteil: Betrachtet man die unmittelbaren Zeugnisse der Reise, so spricht sehr wenig für die Annahme, dass die Englandreise eine plötzliche Wendung im Leben Humboldts herbeigeführt hat und noch weniger für die Annahme, dass sie den entscheidenden Schritt in einer konsequenten Entwicklung zum Naturforscher, Forschungsreisenden und Reiseschriftsteller darstellt. Auch wenn damals bereits naheliegt, dass er, als theoretisch wie praktisch gleichermaßen hochbegabter, privilegierter junger Adliger die besten Chancen hat, als nützlicher Staatsdiener im Kameralfach Karriere zu machen, ist zu der Zeit, in der Humboldt das englische Journal schreibt schlicht noch ungewiss, in welcher Richtung seine Zukunft liegen wird. Gerade diese Ungewissheit ist ihrerseits aber auch eine mögliche Erklärung für die formal-inhaltlichen Inkohärenzen des Journals: Es ist eben kein Dokument das Humboldt als fertig ausgebildeten, souveränen Autor vorführt, sondern eines, das seine praktische Ausbildung und Selbstbildung, sein Suchen, sein Ausprobieren und auch sein Finden von Formen und Verfahren des Schreibens zeigt, die es ihm später ermöglichen werden, seine Erfahrungen und Beobachtungen, sein Reisen zu verschriftlichen. Dass er dabei in seinen späteren Aufzeichnungen nicht nur einige der hier vorgestellten Schreibverfahren aktualisiert, sondern auch auf Alternativen zurückgreift, die sich medientechnisch und -historisch anders herleiten lassen, und die Humboldt auch in anderen Zusammenhängen erlernt haben mag, darauf kann an dieser Stelle nur hingewiesen werden.

Anmerkungen

  • [1]Die vorliegende Einführung ist eine korrigierte und leicht erweiterte Fassung von Erdmann 2017.
  • [2]Humboldts Journale der amerikanischen Reise wurden 2013 von der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (SBB-PK) erworben, vollständig digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vgl. hierzu die entsprechende Seite im Alexander von Humboldt Portal der SBB-PK, http://humboldt.staatsbibliothek-berlin.de/werk/. Die Journale der russisch-sibirischen Reise befinden sich nach wie vor im Besitz der Humboldt-Nachfahren. Einige Aufzeichnungen, die entweder auf der russisch-sibirischen Reise selbst entstanden sind oder aus den Journalen dieser Reise später ausgezogen wurden, befinden sich zudem in den so genannten Kollektaneen zum Kosmos. Sie werden in der Handschriftenabteilung der SBB-PK aufbewahrt und sind gleichfalls in Gänze digital zugänglich. Vgl. SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, gr. Kasten 4, Nr. 50a, Bl. 1–157, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001932F00000000. Zu den Journalen der russisch-sibirischen Reise vgl. Honigmann 2014.
  • [3]Biblioteka Jagiellońska, Kraków, aus der Autographen-Sammlung der ehem. Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin, Humboldt Alexander von Radowitz 6255.
  • [4]Vgl. hierzu Kölbel/Terken 2007.
  • [5]Humboldt 1790a.
  • [6]Hier lehne ich mich an die Überlegungen von Stephan Kammer und Davide Giuriato zur Relevanz von Schreibmaterialien in literarischen Schreibprozessen an. Vgl. Giuriato/Kammer 2007, 7–24.
  • [7]Vgl. Hübner-Trams 1864.
  • [8]Vgl. hierzu die Einleitung in Döhn 2005, 9–37, hier vor allem 13. Vgl. auch Weber 2011, 399–407, hier 402.
  • [9]Vgl. hierzu Schochow 2003, 47–49 und 118.
  • [10]Vgl. Alexander von Humboldt an Joseph Maria von Radowitz, o. O., 30. Januar 1850. Biblioteka Jagiellońska, Kraków, aus der Autographen-Sammlung der ehem. Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin, Humboldt Alexander von Radowitz 6270. Sowie: Alexander von Humboldt an Joseph Maria von Radowitz, o. O., o. D. Biblioteka Jagiellońska, Kraków, aus der Autographen-Sammlung der ehem. Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin, Humboldt Alexander von Radowitz 6273. Ich danke Monika Jaglarz aus der Handschriftenabteilung der Biblioteka Jagiellońska für den Hinweis auf diese Briefe.
  • [11] Das Nachlassbewusstsein Humboldts ist sich noch durch eine weitere Handschrift, die er Radowitz vermachte dokumentiert. Es handelt sich um eine Abhandlung, die Humboldt aus einem seiner amerikanischen Reisejournale herausgeschnitten, mit einer erläuternden Randbemerkung versehen und Radowitz als Geschenk überreicht hat. Auch in diesem Fall ist nicht zu klären, wann genau dies geschehen ist. Vgl. hierzu Erdmann/Jaglarz 2017.
  • [12] Die erstmals von Julius Löwenberg 1872 vorgebrachte und später von Bernd Kölbel et. al. wiederholte Behauptung, es handle sich bei dem englischen Reisejournal um ein Fragment, ist anhand des materiellen Befundes des Journals nicht zu verifizieren. Vgl. Bruhns 1872, I, 97–103 und 290–292 sowie Kölbel et al. 2008.
  • [13]Vgl. Bruhns 1872, I, 97–103.
  • [14]Bruhns 1872, I, 290–292.
  • [15]Kölbel et al. 2008, 10–23.
  • [16]Bruhns 1872, I, 102f.
  • [17]Vgl. Forster 1791–1794. Selbiges trifft auch auf die ansonsten eher nüchterne und von der Tendenz her aufschlussreiche Interpretation bei Hanno Beck in seiner zweibändigen Humboldt-Biographie zu. Indem er den ersten Band im Untertitel als „von der Bildungsreise zur Forschungsreise“ beschreibt, betont er in einleuchtender Weise die unterschiedlichen Charaktere der früheren von den späteren Reisen. Ob die konkrete Charakterisierung der Englandreise als Kavalierstour allerdings zutrifft, sei dahingestellt. Auf die Aufzeichnungen Humboldts kommt Beck jedenfalls nur ganz am Rande zu sprechen, indem er lediglich erwähnt: „Er führt ein Tagebuch […].“ (Vgl. Beck 1859–1861, I, 25–29, Zit. 26.)
  • [18]Botting 1974, 16.
  • [19]Vgl. beispielsweise Wulff 2015, 18f.
  • [20]Vgl. Alexander von Humboldt an Friedrich Heinrich Jacobi, Hamburg, 3. Januar 1791 (Humboldt 1973, 116–119). Neben dem Schreiben an Jacobi findet sich eine Reihe weiterer, nach der Englandreise geschriebener Briefe, in denen Humboldt diese erwähnt. Die Bezugnahmen stehen hier aber mehr am Rand und im Kontext von Humboldts Karriereplanung. Bei den meisten dieser Briefe handelt es sich um Empfehlungsschreiben in eigener Sache, die Humboldt als Begleitschreiben zur Übersendung seiner Mineralogischen Beobachtungen über einige Basalte am Rhein verfasste. In diesem Kontext referiert er z. B. in den Briefen an Abraham Gottlob Werner, Dietrich Ludwig Gustav Karsten, Joseph Banks und einige weitere Personen über seine geologischen Beobachtungen während der Reise, insbesondere der Basaltvorkommen in England. Zum Teil, so etwa im Brief an Karsten, scheint Humboldt die Informationen hierzu seinem englischen Journal zu entnehmen. Keines der Schreiben enthält jedoch eine ausführliche Schilderung der Reise. Aus der erhalten gebliebenen Korrespondenz Humboldts nach der Reise lässt sich ihre Bedeutung für ihn somit kaum ermessen.
  • [21]Vgl. zu Humboldts Selbstzeugnissen: Biermann 1989, 52–53 und 84.
  • [22]Den ersten Abdruck dieser autobiographischen Skizze besorgten Kurt R. Biermann und Fritz G. Lange in der Festschrift zur Wiederkehr des 100. Geburtstags Alexander von Humboldts. Biermann und Lange geben hier einen Überblick über Humboldts Selbstzeugnisse. Die Skizze von 1801 behandeln die Autoren dabei – im Gegensatz zu der im Folgenden vorgelegten Interpretation – als authentisches autobiographisches Zeugnis und stellen es unter die Überschrift „Mein Weg zum Naturwissenschaftler und Forschungsreisenden“, womit sie Humboldts teleologische Perspektive auf den eigenen Lebensweg fortschreiben. Vgl. Biermann/Lange 1969.
  • [23]Vgl. hierzu die Vorbemerkung zur spanischen Übersetzung von Humboldts Autobiographie in Gutiérrez 2016, 28.
  • [24]Vgl. ART VII a u. b, Bl. 134v–136v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000208.
  • [25]ART VII a u. b, Bl. 135v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000210.
  • [26]Vgl. hierzu z. B. Corbin 1990, 161–181.
  • [27]ART VII a u. b, Bl. 136r, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000211.
  • [28]ART VII a u. b, Bl. 136r sowie 136v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000212.
  • [29]ART VII a u. b, Bl. 136v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000212. (Hervorhebung DE)
  • [30]ART VII a u. b, Bl. 134v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000208.
  • [31]Vgl. Rilliet 1868, 180–190.
  • [32]Humboldts Beitrag wurde noch zu dessen Lebzeiten in der von Heinrich Brockhaus herausgegebenen Zeitschrift Die Gegenwart publiziert. Vgl. Brockhaus 1853, 749–762. Der Abdruck in der elften Auflage der Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände erfolgte in leicht veränderter Form. Vgl. Anonym 1866, 145–151.
  • [33]In den Jugendbriefen Humboldts finden sich lediglich sechs Briefe Alexander von Humboldts, die er von der Reise an Freunde und Verwandte sandte. Je einen Brief schreibt er an Johann Gabriel Wegener und an Paul Usteri. Daneben lässt sich aus drei weiteren Briefen Wilhelm von Humboldts an Caroline von Dacheröden ableiten, dass auch er mehrere Briefe von der Reise empfing. Aus einem weiteren Schreiben, welches Alexander von Humboldt am 23. September 1790, also nach der Reise, erneut an Wegener schrieb, geht überdies hervor, dass er während der Reise auch einen Brief an Carl Ludwig Willdenow sandte. Wie es scheint, ist dieser Brief aber nicht überliefert. (Vgl. Alexander von Humboldt an Johann Gabriel Wegener, Hamburg, 23. September 1790, abgedruckt in Humboldt 1973, 106f.)
  • [34]Alexander von Humboldt an Wilhelm Gabriel Wegener, Castleton, 15. Juni 1790 und Oxford, 20. Juni 1790. (Humboldt 1973, 91–93 und 93f.)
  • [35]Humboldt, Alexander von: Reise. 1790. England. [ca. 1790], Bl. [4v]. (In der Vorlage gestrichene Passagen werden hier im Zitat nicht ausgewiesen.)
  • [36]Humboldt, Alexander von: Reise. 1790. England. [ca. 1790], Bl. [5v].
  • [37]Vgl. hierzu Klein 2015, 13–25.
  • [38]Vgl. hierzu Hülsenberg/Schwarz 2012, Hülsenberg/Schwarz 2014 und Hülsenberg/Schwarz 2016.
  • [39]Humboldt, Alexander von: Reise. 1790. England. [ca. 1790], Bl. [20r]. (In der Vorlage gestrichene Passagen werden hier im Zitat nicht ausgewiesen und am Rand notierte Einfügungen von der Hand des Autors nicht als solche gekennzeichnet.)
  • [40]Pilkington 1789. Humboldts ‚Exzerpt‘ der Sitten der Bewohner von Derbyshire findet sich – wie er dies selbst, jedoch in abgekürzter Gestalt vermerkt – im zweiten Band auf Seite 57.
  • [41]Moritz 1783.
  • [42]Vgl. allgemein zur Geschichte der apodemischen Literatur Brenner 1989. Vgl. auch Stagl 2002; speziell in Hinblick auf die Methodisierung des wissenschaftlichen Reisens vgl. Siebers 2002, 29–49. Siebers macht hier unter anderem darauf aufmerksam, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts, kurz bevor sich die Textgattung endgültig überlebt, die Zahl der Neuerscheinungen von Reiseinstruktionen nochmals stark anwächst.
  • [43]Vgl. etwa Klauß 1989, 40–42.
  • [44]Vgl. Berchtold 1789 sowie Bruns 1791; zur Bedeutung dieses Textes vgl. ferner Stagl 1991, 213–223.
  • [45] Berchtold 1789, I, 43.
  • [46]Vgl. Posselt 1795, II, 293–294.
  • [47]Bruns 1791, 39.
  • [48]Dalberg 1783, 404f.
  • [49]Solche Register finden sich – um nur einige Beispiele zu nennen – in: ART II u. VI, Bl. 164r–164v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527300000317; ART III, Bl. 99r–99v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527400000187; ART IV, Bl. 143r–148r, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527700000265 sowie in ART V, Bl. 54r–54v, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527800000111. Vgl. auch den „Index général de mes MSS“, den Humboldt am 4. Dezember 1805 zu schreiben begann und der formal nach demselben Schema gestaltet ist, in ART V, Bl. 37r–49r, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527800000077.

Zitierhinweis

Erdmann, Dominik: Einführung. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 3 vom 14.09.2018. URL: https://edition-humboldt.de/v3/H0016430


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Über den Autor

 

Dominik Erdmann

Berlin

dominik.erdmann@gmx.de

Dominik Erdmann hat im Auftrag der Staatsbibliothek zu Berlin den in Krakau und Berlin verwahrten Humboldt-Nachlass erschlossen und katalogisiert. Er arbeitet an einer Monographie zu Humboldts Schreibpraktiken.