Staatsbibliothek zu Berlin

Die Amerikanischen Reisetagebücher

Die Amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts sind in ihrer Gesamtheit ein ebenso wissenschaftliches wie literarisches, wissenschaftsgeschichtlich wie literarästhetisch bedeutsames Monument, das im erstgenannten Bereich allenfalls mit Charles Darwins Reiseaufzeichnungen und seinen vorbereitenden Manuskripten und Skizzen zu On the Origin of Species sowie im zweitgenannten Gebiet bestenfalls mit Georg Forsters Reise um die Welt (entstanden auf der zweiten Entdeckungsreise von James Cook) oder Giacomo Casanovas Memoiren verglichen werden kann.

Und doch stehen die Humboldt’schen Reisetagebücher in diesem Geflecht großer Vergleiche gänzlich singulär. Sie bilden den eigentlichen Kern des gesamten Humboldt’schen Oeuvres und begründen sein weltweites und noch heute weiter zunehmendes Renommee als Wissenschaftler, Weltbürger und Vordenker für das 21. Jahrhundert. Alexander von Humboldts kulturelle Brücken bauendes Weltbewusstsein hat insbesondere in den weitgereisten Manuskripten der Amerikanischen Reisetagebücher seinen ersten genuinen Ausdruck gefunden. In allen seinen nachfolgenden Schriften – bis hin zu seinem Kosmos – wird Alexander von Humboldt auf diese Reisetagebücher zurückgreifen.

Themenschwerpunkt „Amerikanische Reisetagebücher“ in HiN XVI, 31 (2015): http://dx.doi.org/10.18443/hinvol16iss312015

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Die Europäischen Reisen

Das Korpus der sogenannten Europäischen Reisen umfasst eine untereinander nicht verbundene Folge von Exkursionen aus den Jahren 1790–1805, die der Forschungsreise durch die amerikanischen Tropen (1799–1804) vorausgingen oder unmittelbar an diese anschlossen.

Das erste erhalten gebliebene Reisejournal Humboldts entstand 1790 während der Reise nach England in Begleitung Georg Forsters. Formal hat das englische Reisetagebuch den Charakter einer Fingerübung. Es weist aber darin schon auf die späteren Reisetagebücher voraus.

Zwischen Juni 1797 und April 1798 reist Humboldt von Dresden über Prag nach Wien und Salzburg. In den Ostalpen und im Salzkammergut übt er sich im Umgang mit Instrumenten, experimentiert mit chemischen Verfahren und holt den Rat erfahrener Forscher und Instrumentenbauer ein.

Seine Aufzeichnungen der Reise „De Paris à Toulon“ ließ Humboldt mit dem Hinweis „Soll nicht gedrukt werden“ in die Bände seiner Amerikanischen Reisetagebücher einfügen. Der Text bietet in seinem Hauptteil eine facettenreiche Schilderung der Begegnungen und Beschwernisse auf dem Weg durch das revolutionäre Frankreich des Jahres 1798.

Humboldts Tagebuch der Reise durch Spanien (1799) enthält Beobachtungen, Messwerte und Stationen entlang seiner Route über die Iberische Hochebene. Die Aufmerksamkeit gilt neben der Flora den sorgfältig dokumentierten barometrischen Höhenmessungen.

Die Aufzeichnungen zu Humboldts Reise nach Italien im Jahr 1805 beschließen das Korpus der europäischen Reisen. Nach Italien wird Humboldt begleitet von Joseph-Louis Gay-Lussac und Franz August O'Etzel. Die Route führt zunächst nach Rom, wo Humboldts Bruder Wilhelm Preußischer Gesandter ist, und wo sich auch Leopold von Buch zu der kleinen Reisegruppe gesellt.

Archiv der BBAW

Die Tagebücher der russisch-sibirischen Reise

War die Amerikanische Reise bekanntlich eine private und von Humboldt selbst finanzierte Forschungsreise gewesen, so erfolgte die Russisch-Sibirische Reise - wie Humboldt stets sehr bewußt war – im Auftrag, auf Kosten und unter der Kontrolle des Kaisers Nikolaus I. Der zu diesem Zeitpunkt fast sechzigjährige Forscher und preußische Kammerherr hatte sich vertraglich verpflichtet, in schriftlichen Zeugnissen auf jegliche Kritik am russischen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem oder gar auf offen geäußerte Kritik an feudalistischen Strukturen und der Leibeigenschaft sowie ähnlich gelagerten sensiblen Themen zu verzichten. Während Alexander von Humboldt auf der amerikanischen Forschungsreise mit Aimé Bonpland ein disziplinär mobiles Zweigespann bildete und das Reisetagebuch alleine führte, reiste er auf seiner rapiden Reise durch das Russische Reich nicht nur mit seinem Diener und Faktotum Johann Seifert, sondern – neben der ständigen Begleitung und Beschattung durch russische Offiziere und Mannschaften – in Begleitung des Mineralogen Gustav Rose sowie des Botanikers und Zoologen Christian Gottfried Ehrenberg. Wie Humboldt führten auch sie Tagebücher und legten im Nachgang Publikationen zur Reise vor, wobei die jeweiligen (disziplinären) »Zuständigkeiten« der Mitreisenden klar und deutlich zugeschnitten waren.

Das »Russisch-Sibirische Reisetagebuch« weist daher eine vom »Amerikanischen Reisetagebuch« gänzlich verschiedene Anlage, politische und wissenschaftsgeschichtliche Kontextualisierung, Intention und Themenstellung auf, wobei allein schon der Ausschluss jeglicher Gesellschaftskritik im Zeichen der Zensur im schroffen Gegensatz zu den Aufzeichnungen während der Amerikanischen Reise stand.

Themenschwerpunkt „Humboldts Russland-Reise“ in HiN VI, 11 (2005): http://dx.doi.org/10.18443/hinvol6iss112005