ART I

Voyage d’Espagne aux Canaries et à Cumaná Obs. astron. de Juin à Oct. 1799

Der erste Band der Amerikanischen Reisetagebücher Humboldts, der hier erstmals vollständig veröffentlich wird, schildert Humboldts Weg von der Abreise in Spanien über den Besuch der Kanaren bis zur Landung in Cumaná (heute Venezuela) und dem Aufenthalt dort (1799/1800). Die Vielzahl der gesammelten Daten, Abhandlungen zu Pflanzengeographie, Botanik, Geowissenschaften, Klima, Wirtschaft und Handel, Protokolle von Experimenten sowie Begegnungen vor Ort, die Verwendung seinerzeit modernster Instrumente und mathematischer Methoden lassen nicht nur den unermüdlichen Forscher Humboldt und seine typische Wissensorganisation sichtbar werden, sondern sind auch für die Biodiversitäts- und Klimaforschung heute von hohem Wert.

Zur Edition

Ulrike Leitner

„Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, alle angegebenen Beobachtungen ohne Auswahl in mein Tagebuch einzutragen.“

Die Reisetagebücher folgen einer komplizierten Struktur. Aktuelle Forschungsergebnisse sollen den Einstieg erleichtern. Vorgestellt werden der chronologische Ablauf der Reise im Gesamtzusammenhang der Tagebücher und Schriften sowie die wissenschaftliche Themen der ersten großen Reiseetappe: astronomische Ortsbestimmung, Messinstrumente und –methodik, Kartographie, Geodäsie, Erdmagnetismus und Klimaforschung.

Carmen Götz

Linnés Normen, Willdenows Lehren und Bonplands Feldtagebuch.

Das erste der Amerikanischen Reisetagebücher enthält eine bisher nicht edierte, nummerierte Liste mit Pflanzenbeschreibungen, der zahlreiche Verweise auf das zeitgleich geführte botanische Feldtagebuch Aimé Bonplands angefügt sind. Auch das „Journal botanique“ enthält im Gegenzug solche Verweise. Welche Einblicke gewähren diese Verweise in die Zusammenarbeit der beiden Forschungsreisenden vor Ort?

England

Reise. 1790. England.

Das erste erhalten gebliebene Reisejournal Alexander von Humboldts entstand 1790 während der Reise nach England in Begleitung Georg Forsters. Sie führte ihn von Mainz über Belgien und Holland nach England und anschließend in das revolutionäre Paris. Das Journal der englischen Reise versammelt Betrachtungen zu Schafzucht, Färbereiverfahren und Tuchhandel, zu Kalkbrennerei, Basaltgewinnung und zur Käseproduktion. Bei den botanischen und geologischen Beobachtungen, Vergleichen mit der heimischen Vegetation, Landschaftsbeschreibungen und den historischen Anekdoten herrschen noch die speziellen Tendenzen von Humboldts ursprünglich kameralistischer Ausbildung vor. Formal hat das englische Reisetagebuch den Charakter einer Fingerübung im Anfertigen von Reiseaufzeichnungen. Es weist aber darin schon auf die späteren Reisetagebücher, etwa die der amerikanischen Reise voraus.

Dominik Erdmann

Einführung: Zur Neu-Edition des Journals der England-Reise (1790)

Das Journal der Englandreise ist nicht nur das Dokument einer der ersten größeren Auslandsreisen Humboldts: Es ist zugleich ein Dokument der Selbstbildung des jungen Gelehrten zum Reiseschriftsteller und Forscher. Denn auf die hier erprobten und einstudierten Schreibpraktiken griff Humboldt später bei der Abfassung seiner großen amerikanischen Reisetagebücher zurück.

Kuba

Isle de Cube. Antilles en général

Auf 37 Seiten und angeklebten Zetteln notierte Alexander von Humboldt Erkenntnisse über die Sklaverei und skizzierte Analysen zu Wirtschaft, Bevölkerung, Gesellschaft und Politik. Das Tagebuchfragment stammt von seinem zweiten Aufenthalt auf Kuba 1804. Es markiert den Beginn von Humboldts intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema Sklaverei; eine Menschheitsfrage, die ihn bis zu seinem Lebensende beschäftigen sollte. Die Aufzeichnungen liegen hier erstmals in einer Edition vor.

Zur Edition

Ulrike Leitner

Vorwort

Mit dem nun vorliegenden Manuskript „Isle de Cube, Antilles en général“ schließt sich erneut eine Lücke der Humboldt-Forschung, nachdem vor einigen Jahren das fehlende Stück von Mexiko-Stadt nach Veracruz publiziert wurde. Der Text zeugt vom zweiten Besuch auf Kuba (19. März – 29. April 1804), bevor sich Humboldt und Bonpland über eine letzte Zwischenstation in den USA auf den Rückweg nach Europa machten.

Ottmar Ette

Insel-Text und archipelisches Schreiben

„Isle de Cube. Antilles en général“ lässt sich als Titel für ein ganzes Text-Archipel begreifen. Humboldts Manuskript fasziniert durch seine radikal offene Strukturierung, es liefert uns eine Vorstellung vom Schreib- wie vielleicht mehr noch vom Denkmodell des Kultur- und Naturforschers. Die politische und soziale Komplexität der karibischen Inselwelt erfassen seine Textminiaturen relational und viellogisch.

Piotr Tylus

Remarques Linguistiques

Alexander von Humboldts Französisch enthält Züge eines klassischen Stils, der bis in das 17. Jh. zurückreicht. Die nun vorliegende Edition zeigt den vielschichtigen Charakter der Humboldt'schen Sprachverwendung: sein Französisch ist sprachhistorisch vielschichtig, bleibt aber präzise und beweglich. Als genuiner Ausdruck von Humboldts Denken ist es ein einzigartiges Zeugnis seiner Zeit.

Michael Zeuske

Alexander von Humboldt, die Sklavereien in den Amerikas und das „Tagebuch Havanna 1804“

Mit dem hier publizierten Tagebuch hat die Humboldt-Forschung einen bedeutenden Forschungsgegenstand dazugewonnen. Im Zentrum der in real time geschriebenen Partien von „Isle de Cube. Antilles en général“ stehen die Zucker- und Sklavereiwirtschaft Kubas sowie die extremen Lebensbedingungen der versklavten Bevölkerung Kubas und der Kolonien anderer europäischer Mächte in der Karibik.

In Vorbereitung

Humboldts große Forschungsreisen

Die beiden großen Humboldt’schen Reisen stehen zueinander in einem ebenso komplementären wie konträren Beziehungsverhältnis. Verlief die Amerikanische Reise über fünf Jahre zwischen 1799 und 1804 durch die Tropen des amerikanischen Doppelkontinents in nord-südlicher Richtung, so erstreckte sich die Russisch-Sibirische Reise über einen wesentlich kürzeren Zeitraum (12.04.–28.12.1829) in den Außertropen des eurasischen Doppelkontinents in west-östlicher Richtung. Allein innerhalb des Russischen Reiches wurden dabei über 18.000 Kilometer zurückgelegt, alles in ungeheurem Tempo und ohne mit der Amerikanischen Reise vergleichbar langen Aufenthalten an den einzelnen Stationen. Mit Hilfe von 12.244 Pferden und Halt auf 658 Poststationen wurde eine Reiseroute bewältigt, die von Berlin über Königsberg, Sankt Petersburg, Moskau, Kasan und Perm, über den Ural und das Altai-Gebirge bis zur chinesischen Grenze führte, von wo aus man über Miask, Orenburg und Astrachan am Kaspischen Meer sowie schließlich erneut über Moskau und Sankt Petersburg nach Berlin zurückkehrte.

Die Amerikanischen Reisetagebücher

Die Amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts sind in ihrer Gesamtheit ein ebenso wissenschaftliches wie literarisches, wissenschaftsgeschichtlich wie literarästhetisch bedeutsames Monument, das im erstgenannten Bereich allenfalls mit Charles Darwins Reiseaufzeichnungen und seinen vorbereitenden Manuskripten und Skizzen zu On the Origin of Species sowie im zweitgenannten Gebiet bestenfalls mit Georg Forsters Reise um die Welt (entstanden auf der zweiten Entdeckungsreise von James Cook) oder Giacomo Casanovas Memoiren verglichen werden kann. Und doch stehen die Humboldt’schen Reisetagebücher in diesem Geflecht großer Vergleiche gänzlich singulär. Sie bilden den eigentlichen Kern des gesamten Humboldt’schen Oeuvres und begründen sein weltweites und noch heute weiter zunehmendes Renommee als Wissenschaftler, Weltbürger und Vordenker für das 21. Jahrhundert. Alexander von Humboldts kulturelle Brücken bauendes Weltbewusstsein hat insbesondere in den weitgereisten Manuskripten der Amerikanischen Reisetagebücher seinen ersten genuinen Ausdruck gefunden. In allen seinen nachfolgenden Schriften – bis hin zu seinem Kosmos – wird Alexander von Humboldt auf diese Reisetagebücher zurückgreifen.

Band 1: Veröffentlicht (Bearbeiterin: Ulrike Leitner)

Themenschwerpunkt „Amerikanische Reisetagebücher“ in HiN XVI, 31 (2015): http://dx.doi.org/10.18443/hinvol16iss312015

Die Tagebücher der russisch-sibirischen Reise

War die Amerikanische Reise bekanntlich eine private und von Humboldt selbst finanzierte Forschungsreise gewesen, so erfolgte die Russisch-Sibirische Reise - wie Humboldt stets sehr bewußt war - im Auftrag, auf Kosten und unter der Kontrolle des Kaisers Nikolaus I. Der zu diesem Zeitpunkt fast sechzigjährige Forscher und preußische Kammerherr hatte sich vertraglich verpflichtet, in schriftlichen Zeugnissen auf jegliche Kritik am russischen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem oder gar auf offen geäußerte Kritik an feudalistischen Strukturen und der Leibeigenschaft sowie ähnlich gelagerten sensiblen Themen zu verzichten. Während Alexander von Humboldt auf der amerikanischen Forschungsreise mit Aimé Bonpland ein disziplinär mobiles Zweigespann bildete und das Reisetagebuch alleine führte, reiste er auf seiner rapiden Reise durch das Russische Reich nicht nur mit seinem Diener und Faktotum Johann Seifert, sondern – neben der ständigen Begleitung und Beschattung durch russische Offiziere und Mannschaften – in Begleitung des Mineralogen Gustav Rose sowie des Botanikers und Zoologen Christian Gottfried Ehrenberg. Wie Humboldt führten auch sie Tagebücher und legten im Nachgang Publikationen zur Reise vor, wobei die jeweiligen (disziplinären) »Zuständigkeiten« der Mitreisenden klar und deutlich zugeschnitten waren.

Das »Russisch-Sibirische Reisetagebuch« weist daher eine vom »Amerikanischen Reisetagebuch« gänzlich verschiedene Anlage, politische und wissenschaftsgeschichtliche Kontextualisierung, Intention und Themenstellung auf, wobei allein schon der Ausschluss jeglicher Gesellschaftskritik im Zeichen der Zensur im schroffen Gegensatz zu den Aufzeichnungen während der Amerikanischen Reise stand.

Band 1: in Vorbereitung (Bearbeiter: Tobias Kraft und Florian Schnee)

Themenschwerpunkt „Humboldts Russland-Reise“ in HiN VI, 11 (2005): http://dx.doi.org/10.18443/hinvol6iss112005