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De Paris à Toulon
1798

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| 51r

 empty (1 pages)[...]

| 51v

Note by the author (inserted at the top)

für Willdenow in Marseille gesam̅let 65 Species.

Der Chron. avancirte am 22 Frim. 7.
um 12h um 10″,4 vor der
mittleren Marseiller Zeit.
er eilt in 24 St. von selbst
1″,3–1″,5 vor.

Jacque  inserted in between the linesNicolas Guille[,] Barcellone[,]
calle della Ciudad n 17.

 Kommentar Christian Thomas
Die beiden hier genannten Personen konnten bisher nicht identifiziert werden.

 [Close]
Francois Gomis (Geo(?) inserted in between the linesHerman
Roosen
in Hamburg)

[Start columns]

 Passage illegible (1 word) [...] .
Paragua.

[New column]

schreibe an W. nach Paris
bis 15 Jun .

[End columns]

mon pendule fait à Madrid
85 oscill. dans 1 min de tems.

Inclin. Madrid 75° 20′
oscill. 24 en 1 min.

Der Chr. retardirt täglich
 inserted in between the lines4″,4. 3(?)″,4. /14 Mai.

 Kommentar Christian Thomas
Die beiden hier genannten Personen konnten bisher nicht identifiziert werden.

 [Close]
D. Thomas de la Guardia.
D. Josef de Miqueli
} Havana.

an Cruz vorgeschoss.

| 52r1.

Note by the author (inserted at the top) Soll nicht gedrukt werden

Der 24. Okt. 98. war zu unserer Ankunft in Marseille
bestimmt. So lange hatte Herr Skoldebrand die Schwed.
Fregatte aufzuhalten versprochen. Erst am 12ten gab
mir le Clerc, Lareveillere’s Freund, mit dem ich bei
Thouin frühstükte die Gewißheit daß an die Rei
se um die Welt nicht mehr zu denken sei. Ich
las an demselben Tage mein Mém. über den Akkerbau
im Nat.[-]Institut Jussieu hielt mir eine kurze aber
feine Abschiedsrede. Wir wollten den 17ten reisen.
Die Trenung von den Prof. im Jardin des plantes
wurde mir schwer, alle interessirten mich, ich sie
außer dem eiteln u kleinlichen Faujas. Die Empfin
dung mit der ich von Baudin schied war sonderbar.
Der Seemann sagte, es sei eine aus einander gegange
ne Heirath. Wir glaubten 3 Jahre lang auf einem
Boothe dicht neben einander zu wohnen. Er sollte
mir befehlen, ich mich in seine Launen schikken.
Wie anders war es mir als ich den ersten Abend
ins Hôtel de Dan̅emarc (rue Helvétius) ging, um
ihn zu besehen! Es ist mir indeß noch heute, als
würde ich noch einmal mit ihm zusam̅entreffen.
Der Abschied wurde dadurch rührend, daß der Timo-
nier, der sich mit uns einschiffen sollte mir mit
besonderer Treuherzigkeit die Hand drükte. So jung
sein, sagte er u so früh in seinen Hofnungen
scheitern, das ist doch unrecht. (injuste) Armer
Mensch, als wenn man im reiferen Alter unab-
hängiger vom Schiksale wäre! Im Marais war der
Abschied kalt.  Kommentar Christian Thomas und Humboldt 2000
Höchstwahrscheinlich ist hier Elisabeth-Aglaée Leblanc de Pommard, die Mutter desjenigen Pommard gemeint, der dem Astronomen Delambre bei seinen Messungen geholfen hatte und den dieser nicht an den Astronomen Lalande abtreten wollte; vgl. Ephemeriden 1798, 173 sowie Humboldt 1993, 121 und Register.

 [Close]
Mad. Pommard(?)
war in Courzel u
 Kommentar Humboldt 2000
Wilhelm von Humboldt erwähnt in seinen Tagebüchern (Humboldt, W. v. 1922/18, 1, 546), dass er am 18.7.1798 in einem Landhaus bei Paris in einer Gesellschaft einen Mann namens Alphonse Buffault angetroffen habe und erwähnt dessen saloppe Kleidung. Ein Mann namens Buffault wird auch in einem Werk über „Clubs Contre-Révolutionnaires“ in Paris (Challamel 1895, 298) in einem Mitgliederverezeichnis des Club des Feuillants genannt, als wohnhaft in Marais, einem Stadtteil von Paris, von dem Humboldt hier spricht (rue Charlot au Marais 13). Diesem Club gehörten namhafte Persönlichkeiten und Mitglieder der Assemblée Nationale an. Er hatte sich von den Jakobinern abgespalten, wurde von diesen aber geschickt zurückgedrängt und als aristokratisch beschimpft. Er hatte eine konstitutionelle, gemäßigte Richtung, hatte mehrere hundert Mitglieder, verlor aber allmählich den Einfluss. Ob diese beiden Buffault eine Person und mit dem von Humboldt genannten Bufeau identisch sind, lässt sich nicht nachweisen.

 [Close]
Bufeau
interessirte mich nur als ein Mensch von
Geist u reger Einbildungskraft. In der Empfindung
begegneten wir uns nie. Von jungen Leuten verließ
ich  Kommentar Christian Thomas und Humboldt 2000
Tenard und Robiquet waren damals wohl Studenten des Chemikers Fourcroy, bei dem sie in der rue des Bourdonnais wohnten (Vgl. dazu eine Liste Humboldts mit Pariser Adressen in ART II u. VI, Bl. 98r).

 [Close]
Tenard ungern. Auch der Robiquet
that mir
leid, da er sehr an mir hing u mein Weggehen
das ganze Gebäude seiner liebsten Hofnungen einriß.
Paganels Pedantereien zwangen uns[,] erst am 20sten zu | 52v2.
reisen. Ich war mit Arbeiten bis in den lezten Au-
genblikken überhäuft, aber meine Stimung blieb
heiter. Ich trat nie eine Reise mit so gutem Mu-
the an. Diese Stimung verdanke ich größtentheils mei-
nem Bruder u der Li. Fremde Stärke erhebt. Der Ab-
schied war tiefempfunden. Als die Li.  Kommentar Christian Thomas
Wahrscheinlich ist Theodor (geb. 1797), möglicherweise auch Wilhelm Alexander von Humboldt (geb. 1794) gemeint.

 [Close]
den Kleinen
zu
mir emporhob hätte ich fast die Haltung verloren. Aber
es war nur auf einen Augenblik. Wir blieben al-
le wie man in solchen Momenten des Lebens sein
soll. Ein Unwesen mit vergessenen Barometerröh-
ren stöhrte ein wenig. Aber wir kamen noch früher
zur dilig. als nöthig war.  Kommentar Humboldt 2000
Der Bildhauer Christian Friedrich Tieck hatte Wilhelm von Humboldt und seine Familie im Oktober 1797 nach Paris begleitet.

 [Close]
Thik
u  Kommentar Humboldt 2000
Gotthelf Fischer von Waldheim begleitete 1797 Wilhelm von Humboldt und seine Familie von Dresden nach Paris; vgl. Humboldt über ihn in Humboldt 1973 und Büttner 1956.

 [Close]
F.
waren beide
mit uns. Es lag mir schwer auf der Seele wie die
Neigungen der Menschen sich ändern. Lezterer ließ
mich kalt u der erste, den ich noch in Dresden
haßte, war mir jezt sehr sehr lieb. Ich sah
mir B. an mit dem ich eine so weite Reise
unternehmen sollte. Welche Verheirathung. Die Dil.
fuhr fort. Meine Augen sahen Wilhelmen am
längsten. Er sah sehr heiter aus u das that mir
unendlich wohl. Die lezte Miene eines Menschen
ist so wichtig für den Eindruk den er zurük-
läßt. Wessen Leben, wie das meinige, ein ewi-
ges Anknüpfen u Trennen ist, fühlt das
so tief. Bis Lyon brauchten wir 4 Nächte, von
der [sic] wir eine (die erste) im Wagen zubrachten. Elen-
de Gesellschaft. Boivin[,] ein Brandweinhändler in
Montpellier, wie es schien sehr reich, aber so
geizig, als sinnlich. Er wußte nie ob er essen
sollte, od.  inserted above the line⎡fasten fasten(?) sollte. Er hatte in Paris 30 Duzend
redingotts gekauft, welche ihm seine Reise be-
zahlt machen sollten. Er wollte meines Bruders Ad-
dresse haben .  written across the original text, weil er meinte durch ihn sich den
debit des großen  Kommentar Christian Thomas und Humboldt 2000
In Paris gab es um 1800 einen Tuchhändler Sandoz, der ein Lager von bedrucktem Kattun in der rue Quincampoix hatte; vgl. Bergeron 1978, 183. Wilhelm von Humboldt war gelegentlicher Gast bei dem preußischen Gesandten in Paris David-Alphonse Sandoz-Rollin oder empfing dessen Besuch; vgl. Humboldt, W. v. 1922/18, I, 378, 481 und 640. Welcher der beiden Sandoz hier gemeint ist, konnte nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden.

 [Close]
Sando(?)zischen Hauses
zu verschaf-
fen. Mi Passage illegible [...]  inserted in between the linesMittags den 20sten in Melun. (Wir fuhren
durch  Kommentar Christian Thomas und Humboldt 2000
Humboldt hat am (2. bzw.) 3.6.1798 der von J.-B. Delambre durchgeführten Meridianvermessung zwischen Melun und Lieusaint südlich von Paris als Zeuge beigewohnt, vgl. dazu den Eintrag in der Alexander von Humboldt-Chronologie zum 2. Juni 1798. Sie war ein Teil der Entfernungsmessung zwischen Dünkirchen und Barcelona, mit deren Hilfe der Erdumfang und die Länge des Urmeters festgestellt werden sollten. Humboldt berichtet ausführlich darüber in einem Brief an Franz Xaver von Zach (Humboldt 1973, 632f.); vgl. auch Humboldt 1990, 67.

 [Close]
Lieursaint
. Der Stubben beim Signal!) Abends in | 53r3.
Villeneuve. Den 21sten Mittags in Auxerre Abends in
Lucie le bois. In  written across the original textVon Auxerre an bis Chalons begleitete uns
ein junger Kaufmann aus Solingen, der alle  Kommentar Ulrich Päßler und Christian Thomas
Humboldt 2000, 44, liest Jakobis und deutet dies als Hinweis auf die Familie des Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi, vgl. die Erläuterung ebd., 445. Dagegen konnte inzwischen die Lesung Jakobins an dieser Stelle gesichert werden, und bezieht sich demnach auf Jakobiner, d. h. die Anhänger bzw. Mitglieder eines der politischen ‚Clubs‘ zur Zeit der französischen Revolution.

 [Close]
Jakobins

dem Namen nach kannte, u imer To(?)bak schmauch-
te. 22sten Mittags in Saulieu Abends Arney le Duc.
Ein Mensch mit Klumpfüßen, der sich imer die Len-
den puzte u von seinen Eroberungen sprach. Er kannte
das ganze Nat.[-]Institut, d(?)  inserted in between the linesalle Pflanzen und Insekten
der Welt …. Er sprach von Gazellen u Rehen, die er im
Vivarais geschossen.  Kommentar Humboldt 2000
Kasuare leben in Australien und Neuguinea.

 [Close]
Casuare sollten in den Ceven̅en
sehr gemeine Vögel sein.
Als ihn der Brandwein
brenner fragte was eine Gazelle für ein Thier sei,
sagte er, er [sic] habe vier Hörner u gleiche den wilden
Schweinen, das [sic] bisweilen auch gehörnt sei [sic], vorzüg
lich in den Pyrenäen! 23[.] Mittags in Chalons ein
deutscher Kellner, ehemals Kam̅erdiener u als solcher
auf dem Richtplaze selbst erst pardonirt. Man hatte
ihm den rothen Mantel schon umgethan. Abends
in Macon. Auf der Saone: eine Dame, deren Erobe-
rung der Klumpfuß machte. Sie war in allen Dép.
umhergereist, kannte alle Armeen u war erst 19–20
Jahr alt; ein Weinhändler aus Dijon, der in Deutschland
gereist war, sehr verständig aber voll von der Gnaden
die ihm der baron de Stauffenberg u  Kommentar Christian Thomas
Johann Aloys zu Oettingen-Oettingen und Oettingen-Spielberg und Kraft Ernst zu Oettingen-Wallerstein.

 [Close]
die Prinzen von
Oettingen
erwiesen; Gronier, Officier in der italien.
Armee, ein sehr sehr ausgezeichneter Mensch, den ich wohl
mehr zu sehen wünschte. Klein, gedrungen, viel
Geist u Ausdruk im Gesicht. Schlecht gekleidet lag
er, als wir von Macon am frühen Morgen ab
fuhren, in der Cajüte. Ich hielt ihn für einen Seiden-
wü(?)rker aus Lyon. Einer aus der Gesellschaft sagte
es seien gewöhnlich kaum 10–12 voyageurs (er meinte
vornehmere Menschen) in der Barke, daher brauche
die Cajüte nicht so groß  inserted above the line⎡zu sein. G. fragte ob  inserted in between the lineswas
die anderen Menschen wären, wenn er nur 12 voya-
geurs zähle. Diese keke Antwort machte mich auf-
merksam auf ihn. Man sprach von weiblicher Tu
gend. Er vertheidigte mit wirklicher Beredtsamkeit
die Möglichkeit männlicher Keuschheit. Was er sagte zeigte
Tiefe der Empfindung, Geist, Besonnenheit[,] aber auch un-
| 53v4. bändige Heftigkeit der Leidenschaft. Der Krieg hatte ein
Gemisch von Rauheit u Weichheit in ihm erzeugt,
welches seinen Umgang überaus intressant macht [sic]. Er war nie, [sic]
in Paris gewesen, kannte aber die polit. Lagen über-
aus gut. Er sprach mit Entzükken von dem  Kommentar Christian Thomas und Humboldt 2000
In Paris erschien 1789 ein anonymes Buch La Passion, la Mort et la Résurrection du Peuple (La Reynie 1789), das gleich nach seinem Erscheinen vom Pariser Parlament verboten wurde. Es veröffentlichte sogleich dagegen einen Arrêt […] qui condamne un Imprimé ayant pour titre: La Passion […], à être lacéré et brûlé par l’Exécuteur de la Haute-Justice, comme impie, sacrilège, blasphématoire & séditieux. (Scan verfügbar: Bibliothèque nationale de France, Gallica). Ette 2018a, 12, deutet dagegen den Hinweis auf das Buch über die passions als Hinweis auf Paul et Virginie des im Tagebuch Humboldts unmittelbar anschließend genannten Henri Bernardin de St. Pierre, was im Vergleich zu dem hier aus Humboldt 2000, 445 übernommenen Verweis auf La Reynie 1789 weniger plausibel erscheint.

 [Close]
Buche über
die passions
, von Bernard de St Pierre, von  Kommentar Humboldt 2000
Vielleicht ist Benjamin Constant de Rebecque gemeint, obwohl er zu dieser Zeit noch nicht seine spätere Bedeutung erlangt hatte.

 [Close]
Con-
stant
[.] Seine Phantasie war im̅er mit Bildern aus den
schönen Zeiten der Freiheit erfüllt. Er wollte im Som-
mer nach Paris gehen, um dort Medicin und haupt-
sächlich Chemie zu studiren. Wenn das Schiksal ihn
begünstigt (er schien kaum 22 Jahr alt zu sein)
so kann sein Name nicht unbekannt bleiben. Denn
alles kündigte etwas außerordentliches in ihm an. Ich
brachte einen angenehmen Mittag mit ihm in Beau-
regard
zu u wir trennten uns in Lyon am 24st[en]
als wären wir lange mit einander gewesen. Beim Ausstei
gen im Palais royal fing Boivins einen schreklichen
Zank mit den Trägern an. Der Weinhändler aus Di-
jon
fühlte ganz das Unfeine dieses Benehmens. Unge-
beten trug er meinen Koffer selbst ans Land. Ich dank-
te ihm für seine Gutmüthigkeit u er sagte zu
meinem großen Erstaunen „für Menschen die für
die Wissenschaften leben, man dergleichen gern.[“]
Er sagte es mit einer Art, welche diesen Worten ei-
nen großen Werth gaben.  Kommentar Humboldt 2000
Humboldt schrieb ihr noch in der Nacht vom 24. zum 25.10.1798 kurz vor der Weiterreise einen Brief des Bedauerns, ihre Wohnung in Lyon durch falsche Auskünfte in der Eile nicht gefunden zu haben (Humboldt 1973, 642f.).

 [Close]
Mad. la Tour verfehlte
ich.
Hôtel Dieu. Am 25st[en] Morgens 2 Uhr fuhren
wir von Lyon weg. Ein junger Neufschateller Kauf-
man u ein anderer(?)  inserted in between the linesalter Kerl mit einer wahren
Spizbubenphysiognomie begleiteten uns. Wir aßen
Mittags in dem schweinischen Peage[,] Abends in Va-
lence
. Hier vergaß uns der Conducteur u fuhr
mit der leeren diligence weg. Wir mußten von
12 bis 2 Uhr 1 Meile weit bis zur Paillasse
nachlaufen. Zum Glük war es Mondschein, doch
war der Chronometer in einem Lande in Ge-
fahr, wo man täglich mordet und raubt. 26st[en]
aßen wir Nachts in Avignon[,] den 27[.] Mittags in
Lambesc. Vor Aix gesellte sich ein Chaussewärter
zu uns, der anfangs sehr republikan. Formen affek-
| 54r5. tirte, bald darauf aber, da er nicht Wie(?)derstand fand,
uns seine vormalige aristokrat. Größe bei dem
 Kommentar Humboldt 2000
Einen Marquis de Galliffet zitiert Humboldt im Zusammenhang mit dem zahlenmäßigen Anteil der Sklaven an der Bevölkerung von San Domingo (Humboldt 1814/25, III, 413). Einen Hinweis auf eine Verbindung mit dem hier genannten Comte Galifet gibt es nicht.

 [Close]
Comte Galifet
schilderte, wo er Koch, Stellmacher,
Portraitmahler u Lakkirer gewesen war. Er sezte
selbst hinzu, daß in der Provinz die Künste
selten in der Vollkom̅enheit, als im Auslande
ausgeübt würden, weil man sich fast mit zu
vielen Zweigen abgeben müsse. Am 27st[en] Abends
um 6½ Uhr trafen wir in Marseille ein. Die Idee,
daß Herr Sköldebrand vielleicht schon abgereist sei,
hatte uns ununterbrochen auf dem Wege gequält, wir
wußten hundert Trost[-] und Schrekkensgründe dafür u
dagegen. Wir wollten noch denselben Abend in den
Hafen laufen, um nach Schwed. Schiffen zu fra-
gen. Alle unsere Besorgniße waren gehoben, als
wir ins Posthaus traten und als der Postmeister uns
Skold. Wohnung selbst anzeigte. 28sten (Hôtel des
ambassadeurs) brachten wir den Morgen nicht ohne
Unruhe mit visiren der Pässe zu. Der Commissaire
des relat. extér. Herr Guys, Thouins Freund, hob
bald unsere Besorgnisse. Den Abend berechnete ich
mit B. (zuerst) wie(?) Barometerstände. Der Preuß
Consul Sauvages aus Prenzlau visirte mit großer Mühe
meinen Paß. Eine ächt preuß.  Kommentar Christian Thomas
Vgl. Ette 2018a, 13: hier: Erscheinung.

 [Close]
Tournure
, unbekannt mit
allen Berliner Verhältnissen, aber voll von den
Excellenzen die er aus dem Kalender auswendig gelernt.
29sten
. pakten wir die Instrumente aus, ein fürchterlicher An-
blik, der Theodolith in Stükken, eben so das éboulloir
u fast alle Thermometer. Ich war einige Stunden lang be-
schäftigt, zerbrochene Instrumente auszupakken. B. verlor
mehr den Muth, als ich. Ein Spazirgang am Hafen
ließ mich alles vergessen. Bei Tische fanden wir unten
20 Personen[,] 8–10[,] die Deutsch sprachen. Die Elsäßer strit
ten sich mit den Lothringern[,] wer die angenehmere Aus
sprache habe u ein Leipziger Jude, der lange in
der Spandauer Straße in Frankfurth an der
Oder
gewohnt haben wollte, wurde als Sachse
zum Schiedsrichter aufgerufen. Ein Charlatan[,] der
| 54v6. Hühneraugen schneidet, trat herein. Auch er war ein
Deutscher aus Bamberg. Kann man doch nie seinen Mist
vergessen. 30sten. Eine reiche Herborisation an der
Küste. Viel Fuci. Den Mittag zu Herrn Tuilis, dem Direk-
tor der Seesternwarte. Er war sonst Kaufmann in Cairo[,] ein
kleiner mit der Revolution unzufriedener Mann, aber
sehr gefällig. 31sten. Ich beobachtete mit großer Genauig-
keit die Inclination der Magnetnadel. Dann zu Tui-
lis
. Er bildete mir durch falsche Rechnungen ein, mein Chro
nometer habe 1′48″ variirt. Das ließ mich sehr unru-
hig schlafen. (Abends am 30[.] in der Comödie. Unendlicher
Knoblauchgestank[.]) 1. Nov. Morgens nach Mordon[.] Herborisiren
an der Küste, keine Fuci aber schöne Cistus. Uner
trägliche Hize bei der Rükkehr. Mittags bei  Kommentar Humboldt 2000
Die Familie Sauvage wird unter den deutschen Familien genannt, die sich in Marseille niedergelassen hatten. Vgl. die Anmerkung zu Fölsch unten und Carrière 1973, 278 und 929.

 [Close]
Sau-
vage
. Schändlicher Aristokratismus der Consuls.  Kommentar Humboldt 2000
Die Herren von Lilien hatten den Freiherrentitel am 24.12.1756 für Franz Michael Florentin von Lilien erhalten, der Generalintendant sämtlicher Reichs- und niederländischer Postbetriebe war. Die Familie war in ihren Verzweigungen in Westfalen, Bayern und Österreich ansässig. Franz Joseph Michael von Lilien, der Begründer der Linie zu Opferdick, war Erbsälzer zu Werle und Neuwerk in Westfalen. Er war im Jahre 1798 75 Jahre alt. Es kann jedoch nicht gesagt werden, ob es sich bei ihm um die von Humboldt erwähnte Person handelt, zumal sich kein Zusammenhang mit Anklam ergibt und die Tatigkeit eines Baron von Lilien in Borneo, wo die Niederländer von 1606 bis ins 18. Jahrhundert Faktoreien an der Westküste unterhielten, nicht nachzuweisen war.

 [Close]
Baron v. Li-
lien
aus Anklam, in Holl. Diensten, einst Gouver-
neur in Borneo
, geschwäzig wie  Kommentar Humboldt 2000
Ernst Freiherr von Dacheroeden, der Bruder Caroline von Humboldts. Er hatte den Spitznamen das Sternbild.

 [Close]
das Sternbild
, 80  written across the original text75 Jahr
alt, aber nicht ohne Bücher[-]Kenntniß. Mr. de Saussure
war ihm un tout jeune homme de 50 ans u mich
wollte er 1762 in Berlin gekannt haben. Er hat
ein Mineralienkabinett. Busnak[,] ein Schwager von  Kommentar Christian Thomas und Humboldt 2000
An anderer Stelle im selben Band seiner Amerikanischen Reisetagebücher, in den auch das vorliegende Tagebuch Paris-Toulon eingebunden wurde, notiert sich Humboldt die Adresse eines Jacob Coen Bacri rue de la loi, maison du Nord[,] n 323. (Vgl. ART II u. IV, Bl. 109r). Vermutlich ist dieser identisch mit der hier Baggeri genannten Person.

 [Close]
Bag-
geri
[,] ein türkischer Jude, dem man 400000 Kommentar Christian Thomas und Humboldt 2000
Das Währungszeichen steht für livres bzw. seit der Französischen Revolution für francs. In Humboldts Handschrift ähnelt das dafür verwendete Zeichen einem hochgestellten Doppelkreuz bzw. Raute-Symbol (#); zur Repräsentation des Zeichens innerhalb der vorliegenden Edition wird der (hochgestellte) Unicode Character livre tournois sign (U+20B6) verwendet.

 [Close]
gestohlen[.]
 Kommentar Humboldt 2000
Schwedische und deutsche Protestanten hatten von dem Angebot des arrêt vom 24. Marz 1726 Gebrauch gemacht, der ihnen die Niederlassung in französischen Häfen gestattete (Rambert 1954, 531 ). Zu den deutschen Familien, die sich als Kaufleute in Marseille angesiedelt hatten, gehörte auch die Familie Fölsch (Carrière 1973, 744). Für die Mitte des 18. Jahrhunderts ist das Handelshaus des Henri-Jacques Fölsch bekannt (Carrière 1973, ebd.), der möglicherweise identisch ist mit mit Jacque Folsch, von dem Rambert 1954 (ebd.) sagt, dass er in der Mitte de 18. Jahrhunderts schwedischer Konsul war. Der Sohn des Henri-Jacques Fölsch, François-Philippe, hat sich nachweislich 1779 in Schweden aufgehalten (Carrière 1973, ebd.). Längere Auslandsreisen gehörten zum Geschäftsgebahren der Marseiller Kaufleute. Es ist denkbar, daß François-Philippe Fölsch 1798 wie sein Vater schwedischer Konsul in Marseille war.

 [Close]
Fölsch, Schwed. Consul in Uniform, ein feines aber
arrogantes Wesen.
Er wußte mir nichts zu sagen,
als daß ich die Wege im Orient weit schlechter
als in Frankreich finden werde. 2. Nov. (12 Brum.)[.] Morgens
bei Tuilis auf d. Sternwarte. Dort ein Perrüquier der jezt Prof. einer
Seeschule ist, dem Tuilis einigen mathem. Unterricht gegeben u der
(was wohl noch nie ein Perrüquier gethan) ein Schif ohne zu
Landen von Isle de France nach Martinique geführt. Er versicherte
sich mit einem hölzernen Sext. die Länge bis auf 1″ zu bestim
men. Mad. T. lief herum, um Emigranten zu retten. Drei
sollten von dem permanenten Kriegsgerichte (drei morden sie(?)
täglich) gerichtet werden. Das Volk nen̅t das eine  Kommentar Humboldt 2000
Vereinigung dreier Personen, Trio, Kleeblatt.

 [Close]
terne
. Bei
Tische ein weißer Sachse aus Leipzig der versicherte[,] der Bergrath Fer-
ber
zu Freiberg sei einer der ersten Deutschen Dichter. Nachts
wie seit 3 Nächten täg(?)  inserted in between the linesheftiges Gewitter, Don̅er, Bliz und Sturm.
3. Nov. (13 Br.) morgens eine weitre(?) und sehr reiche Herborisation auf
den Hügeln hinter d. Stadt. Wir fanden viel Eichen, Pistacien p[.]
Die Garde champêtre wollte mich arretiren weil ich (auf die
getrokneten Pflanzen deutend) gewiß von dem Zeuge in frem-
de Länder sende. Zum Glük hat ich meinen Paß bei
mir. Bei Tische ein Bruder des General Marceau, von un
| 55r7. bedeutender Physiognomie. Einer seiner Freunde, der viel Ver-
stand verrieth, u den weißharigten Leipziger in die Bor
dels geführt, sagte: die Deutschen reisten umher u ruh
ten nicht eher, als bis sie alles beschnüffelt hätten. Sie
wollten überall eingeführt sein, wenn sie aber einmal wo
gewesen wären, würden sie gewöhnlich nicht genugsam geehrt u
dann schrieben sie Bücher gegen Frankreich.  Kommentar Christian Thomas
Humboldt spielt hier darauf an, dass nach der Niederlage gegen Napoleons Truppen im März 1798 unter anderem drei Bären aus der Stadt Bern durch Soldaten der revolutionären Republik Frankreich nach Paris entführt wurden, was von den besiegten Schweizern als zusätzliche Demütigung empfunden wurde.

 [Close]
Der hätte die(?)
Berner Bären ken̅en müssen.
Auf dem Kastel wurden 2 neutra-
le Schiffe signalisirt, die uns sehr in Unruhe sezten. Es waren
Dänen. Die Zeitungen ließen uns gar fürchten, der Sturm
habe die Fregatte nach Gothemborg zurük getrieben. 4[.] Nov[.] bis
9ten
(14[.]–19[.] Brum[.])
immer noch in Marseille u ziemlich ein
förmig. Wir gingen herborisieren, schnitten Krebse u Muscheln,
ich zeichnete sie. Alle Mittag nahm ich Sonnenhöhen. Nur auf
dem Abtritt konnte ich die Sonne sehen. Die Neugierde schaf
te mir Besuch u der Abtritt war 3 Tage lang so voll, daß
ich fast gehindert war. Mit  Kommentar Christian Thomas und Humboldt 2000
Vermutlich handelt es sich um den bei Baillie 1951 nachgewiesenen E. Barthet, einen Fabrikanten von Seechronometern aus Marseille, von dem Instrumente von ca. 1840 im Uhrenmeumseum des Londoner Rathauses (Guildhall) erhalten sind.

 [Close]
Barthés
(place de la  Kommentar Christian Thomas
Zu den hier auf Bl. 55r und Bl. 55v verwendeten farbigen Markierungen und den durch Rechtecke eingefassten Großbuchstaben A, B, C und D vgl. z. B. Ette/Maier 2018, 666f.

 [Close]
B
liberté)
einem Uhrmacher[,] den Tuilis zum Mechanikus gebildet[,] brachte
ich den Theodolit wiederum zu Stande. Der Neffe  inserted above the lineBruder ist liebens-
würdig und bescheiden. Casati, der zweite Sohn, in der Choko-
ladenfabrik, machte mir Skalen(?)  inserted above the lineTherm[.] zu drei Skalen. Wir brach
ten, da Eis fehlte, künstliche Kälte mit Glaubersalz u
Salpetersäure zu −8° hervor. Der junge Mensch ist auf-
merksam u verspricht viel. Den 10ten Nov. (20 Br.) wagten
wir es mit der Dilig. zu gehen. Skoldebr. sollte uns[,] falls
die Fregatte ankam, eine Staffette nachschikken u ob
die Dilig. gleich 10 lieuex in 12 Stunden zurüklegt, so kann [sic]
mit der Post doch in 6 St. Nachricht haben. Wir fuh
ren Nachts um 2½ h. weg. Madem? Mariette, die bonne
amie eines  Kommentar Christian Thomas
Zu den hier auf Bl. 55r und Bl. 55v verwendeten farbigen Markierungen und den durch Rechtecke eingefassten Großbuchstaben A, B, C und D vgl. z. B. Ette/Maier 2018, 666f.

 [Close]
A
franz. Generals der in Italien kommandirt[,]
[je]zt lebt sie mit einem jungen Capit.[,] der eben in Tou
lon
angekom̅en war u dem sie (ohne[,] vielleicht selbst
wider seinen Willen) nachreiste. Alle(?) diese Verhält-
nisse lies sie leicht errathen, gab sich dabei aber airs
von einem großen Hause das sie in Marseille hal
te, in dem man tanze,  Kommentar Christian Thomas
Zu den hier auf Bl. 55r und Bl. 55v verwendeten farbigen Markierungen und den durch Rechtecke eingefassten Großbuchstaben A, B, C und D vgl. z. B. Ette/Maier 2018, 666f.

 [Close]
D
in dem sich alle vorneh-
men Damen versam̅elten …[.] Herr Buonafuss[,] ein jovia
ler fetter Kaufmann aus Beaucaire löste das Rätsel[.]
Die Damen[,] sagte er[,] seien ebenfalls Huren[,] u die Gesell
schaft sei eine Spielgesellschaft, in der man junge Leute
ausziehe u welche das Gastmal bestreite(?). Uebrigens war
die kleine Frau recht angenehm, freundlich, von sittsa-
mem Aeußeren u gar guter Laune. Buonafuss sagte[,] sie
sei aus Chambery und habe selbst etwas Vermögen, daher
| 55v8. sie in ihren Liebeshändeln mehr ihren Leidenschaften als
dem Gewinn folge. Ihr schwarzer Mops hatte ebenfalls alle
Prätensionen einer petite maîtresse. Leider! denn wir hät-
ten es gern vermieden, war auch Lomet aus Agen[,] Expro-
fessor der école polytechn. unter Monge und Adjudant
général bei der Pyrenäen[-]Armee[,] unser Gesellschafter[,]
ein verkappter, unzufriedener Terrorist, von widrigen
Formen, schmuzig, alles erfragend, auf alles schimpfend u[,]
wie er von sich sagte[,] voll großer und kühner Gedanken.
Er schien mit dem  Kommentar Christian Thomas
Vgl. Ette 2018a, 16: Wohlfahrtsausschuss des Nationalkonvents zur Zeit der Französischen Revolution, eingerichtet 1793.

 [Close]
Comité du Salut public
zusam-
men gehangen zu haben. Sein ewiger Discurs bestand
im Schimpfen auf das Gewürm der jezigen Architek-
ten u Ingenieurs. Frankreich soll nicht einen ein-
zigen besizen. Selbst Monge verstehe nicht den prakt.
Teil der Géométrie descriptive, Prony sei ein Igno-
rant, Guyton ein Schwäzer u Jussieu nebst Desfon-
taines
(von der Architektur gingen wir jedesmal zu
allen NaturW(?)issenschaften über) verdienen ihre Stellen
nicht. Da er  Kommentar Humboldt 2000
Lomet 1795.

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ein Buch über Bareges
geschrieben, ein Buch das
er mir mit vielem Pathos übergab u wo von er noch
2000 Exemplare zu besizen rechnete, so erinnerte ihn
jeder Ziehbrunnen[,] ja fast jeder Mensch[,] der  Kommentar Christian Thomas
Zu den hier auf Bl. 55r und Bl. 55v verwendeten farbigen Markierungen und den durch Rechtecke eingefassten Großbuchstaben A, B, C und D vgl. z. B. Ette/Maier 2018, 666f.

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C
sein Was-
ser abschlug[,] an das[,] was er ein monument ther-
mal nannte. Er selbst kann Häuser bauen, Kanäle,
Festungen, ist Feldherr, Kupferstecher, äzt ein Glas
besser als jemand in der Republik, mahlt Landschaf-
ten, drukt Kattun, analysirt Fossilien — kurz[,] es
fehlt ihm nichts[,] weil er(?) dazu [„]une immense fortune“ besizt,
die ihn alle Ehrenstellen erreichen macht. Was ich sagte,
denn er hatte,  Kommentar Humboldt 2000
Gemeint sind die schmerzhaften galvanischen Experimente, die Humboldt an sich selbst anstellte, indem er durch Auflegen von Blasenpflastern auf dem Rücken Wunden erzeugte. (Vgl. den Brief an Blumenbach vom 17.11.1795, in: Humboldt 1973, 471.)

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wegen der Blasen[p]flaster
eine große Idee von
mir, schrieb er auf kleine Zettelchen, leider aber verlangte
er gleiche Ehre auch für seine Reden u da er sah, daß
ich eben nicht Anstalt dazu machte, versprach er auf mei-
nem Zimmer die Quintessenz zu wiederholen. Für ei-
nen Tag wäre der Mensch lustig genug gewesen (um
sich bei mir zu introduciren, zeigte er mir[,] daß er ein
Stük Zink in der Börse trage)[,] aber 3 Tage[,] das war
sehr hart. Wir aßen in Cuges u kamen Abends 6 h.
in Toulon an. Der Weg ist abscheulich u am Berg St Anne
romantisch schön. Die Felsmassen von Uriule erinnern
an Castleton. Croix de Malthe. Guys hatte uns Empfehlungs
briefe an den General Vins[,] dessen Neffe in seinem | 56r9. bureau ist, mitgegeben. Der General war verreiset.
Die Frau empfing uns sehr artig, schlug aber alles
ab u ohne Buonafuss der uns zu dem Erzterro
risten, dem Präsidenten der Mun[i]cipalität  Kommentar Humboldt 2000
Napoleon hatte während seines Aufenthaltes in Toulon zur Vorbereitung seines Äqyptenfeldzugs (9.-16.5.1798) das Militar angewiesen, nur Konspirateure, nicht aber Greise, Frauen und Kinder hinzurichten. Sofort nach seiner Abreise setzte die Terrorwelle wieder ein. Sie hielt bis Ende Dezember 1799 an; vgl. Havard 1912, 302–305. Ein Präsident des Magistrats von Toulon namens Crassoux wird an dieser Stelle nicht erwähnt.

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Cras
soux
führte, hätten wir das bassin nicht gesehen[.]
Abends assen wir mit 2 Offic.[,] die aus Genua kamen
(der eine glich einem Castraten) u 3 Seeleuten von denen
einer 35, einer 20 und einer 14–15 J alt war[;] alle drei
auf dem  Kommentar Humboldt 2000
In der Schlacht bei Abukir am 1.8.1798 wurde die französische Flotte von den Engländern unter Nelson geschlagen. Die französische Namensform lautet Béquiers. Sie beruht auf dem arabischen Namen für die dazugehörige unterägyptische Provinz Behaira, auch Bahireh oder Al Buhayrah. – Die von Humboldt erwahnten drei Matrosen hatten auf dem französischen Kriegsschiff Aquilon gekämpft.

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Aquilon in der Schlacht bei Bequieres
gefangen
u in Neapel von den Engländern auf ihr Ehrenwort
losgegeben. Es war widrig[,] daß die ganze Tischgesell-
schaft der armen Seeleute spottete. Diese schoben alles
auf die Undisciplin der Matrosen u besonders auf den
Umstand[,] daß man den Matrosen nicht schlagen
dürfe. Gar artig war es, daß der älteste Seeofficir
unter vielem Fluchen das Glük der Engländer anklage.
Alles gelinge diesen und das Aequinoct[i]um selbst habe
diesmal keinen Sturm gebracht, damit die Englän-
der ihre durchlöcherten Schiffe sicher heimführen kon-
ten. Unter diesem Schimpfen sprach er doch wieder mit
Begeisterung von der Disciplin und Ordnung der engl. Flot-
te. Diese Inconsequenz, diese r(?)  written across the original texts Wahn(?)  inserted in between the linesStreben [,] dem Zu
fall zu s  written across the original textz uschreiben was allein der Klugheit zuge-
hört u dann dabei die abgezwungene Bewunderung ei-
nes so überlegenen u gewandten Feindes gab dem
lebhaften[,] hizigen Gespräche sonderbare Wendungen. Bei
dem Namen Dupetit Thoy(?)ris schrien alle laut auf. Er
hat sich allerdings das Blut stillen und auf das Verdek
tragen lassen um bis ans(?)  inserted in between the lineszu seinem Tode zu
commandiren. Die beiden jungen Leute, Brüder[,] bei-
de aus  Kommentar Humboldt 2000
Rochefort, südöstlich von La Rochelle an der französischen Atlantikküste, hatte ebenfalls viele für die Seefahrt wichtige Einrichtungen, darunter ein Arsenal und eine Schule für Hydrographie und Schiffsmedizin.

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Rochefort
, hatten interessante Bildungen. Der
jüngste sprach nicht eine Silbe. Im 14ten Jahre d ie  written across the original texter
Schlacht bei Bequieres beigewohnt zu haben! Wie
müßte solche Erfahrung auf ein regsames Gemüth
einwirken. Die halbe Nacht beschäftigte mich der Gedanke.
B. konnte ich es nicht begreiflich machen, daß in die-
sem Schiksal etwas bewunderns(?)werthes liege! 11 Nov(?) (21 Br[)]
wir besahen das Arsenal[,] ein kleiner Saal mit bretter(?)-
nen Verzierungen, die herrlichen Corderies[,] ein sogenanntes
Modellkabinett, 5 Schritt lang u 3 breit voll Austernscha-
len und Conditorarbeit, die versunkenen Linienschiffe, u
| 56v10. das herrliche steinerne Bassin von Grooniard mit dem
Schiffe[,] das wie ein Muschelventil die Schleuse schließt.
Alles öde u leer[,] nichts als Gefangene[,] von denen man jezt
5000 hier zählt. in Rochefort sind 3000[,] viele(?) wegen Meinun-
gen, alle auf eichenen Brettern schlafend. Sie sollen jezt
fast gar nicht geschlagen werden, sonst hing man sie zur
Strafe an den Armen 20–30 Fuß hoch auf. Ein Ge-
fangenwärter sagte[,] auch an den Beinen[,]  Kommentar Christian Thomas und Humboldt 2000
An, an verum (lat.)[:] ob, ob es wahr ist? (Nicht mit der deutschen Präposition „an“ zu verwechseln!) (Humboldt 2000, [37]) Vgl. auch Langenscheidt: Latein-Deutsch Wörterbuch, verum: non cognoscimus, an verum sit[:] wir wissen nicht, ob dies wahr ist.

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an verum
. Das
g  written across the original textG anze des Hafens verdient das Rühmen gar nicht,
welches man davon macht. Ich sah nirgends Größe od.
Pracht. Venedig war weit weit schöner. Doch schrie Buo-
nafuss
[,] wie alle Franzosen (wenn sie die Thuilerien
ansehen) bei jedem Schritte[,] „alles dies ist nur in
Frankreich zu sehen.“ Chariatiden von Puget am Rath-
hause. Die Stadt ist elend klein, nur der Hafen hat
eine freundliche Lage, obgleich man nirgends das
freie Meer sieht und auch die Felsen weder roman-
tisch noch imponirend durch ihre Masse sind. Mittags
zwei Kastilianer u ein Ingenieur[-]Officir (ich glaube Bon-
net
) der Lomet wie ein Orakel anhörte u eben so dumm
als unwissend zu sein schien. Er versicherte daß seines
Wissens nie der Terrorismus geherrscht habe, das Blut[,]
das geflossen, sei gerecht geflossen. So eine Schändlich-
keit hatte ich noch nie gehört[,] so lange ich in Frank-
reich
war. Ich erhizte mich sehr gegen ihn u da er
einzulenken suchte, drehte ich ihm den Rükken zu.
Der elende Mensch war so schwach als schlecht. Er wurde
sichtbar verlegen u schien zu glauben[,] Lomet u ich
würden an seinem Untergange arbeiten. Nach Tische
besahen wir die äußere und innere Rade, bestiegen den
Admiral, le Hardy[,] ein altes Linienschiff von 74 Kan.[,]
auf dem die Marseiller Signale, zu unserem Troste
wiederholt wurden für die Fregatte la Boudeuse[,] wel
che Bougainv. Weltumseeglung mitgemacht. Sie wurde
eben seegelfertig gemacht, um einige Kauffarthei-
schiffe nach Marseille zu convoyiren, wohin sie
in 5 St. zu segeln hoffte. Alle Mannschaft war
auf dem Verdek, alles regte sich u spannte die Se-
gel. Es wurde mir so wohl u weit ums Herz, alles
fortwärts gehen zu sehen. Als ich aber in die Ka-
jüte herabstieg[,] ein großes geräumiges Zimmer, da fiel
mir Baudins Reise schwer auf die Seele. Ich lag 10 Mi-
| 57r11. nutenlang im Fenster und sah auf den hellen Spiegel[.]
Die anderen vermißten mich endlich. Ich hätte wei-
nen können, indem ich so lebhaft an den gescheiter-
ten Plane dachte! – Der  written across the original textein botan. Garten bei Toulon
ist gar schön, u gut gehalten. Zwischen den Bee-
ten fließt Quellwasser! Cactus und Yucca im Freien.
Der C. Robert[,] Sohn des Gärtners[,] schien in Montpellier
studirt zu haben. Er hat alles, ziemlich richtig, benannt
u geht jezt nach Paris[,] sein Studium fortzusezen.
Er sprach mit angenehmer Bescheidenheit von seinen Ken̅t-
nissen. 12 Nov. (22 Br.) morgens mit Lomet nach Hyeres.
Die Stadt von schändlicher Bauart liegt an einem Hügel[,]
auf dessen Gipfel die Ruinen eines Schlosses. Gegen
das Meer hin ein Berggelände voll Orangengärten
u Oelbäumen. Am Ufer nicht Felsen[,] sondern
grüne[,] schönbewachsene Hügel. Aber die Ansicht des
Meeres ist minder Schön als bei Marseille. Die In-
seln liegen wie Därme, als einförmige kahle Berg-
rükken fortg  inserted in between the linesforgesch(?)rekt [sic] u lassen das offene Meer
nur in einem Zwischenraume sehen. Garten des
C. Lafille der berühmteste. Die goldenen Aepfel hingen
100weise an den Zwergbäumen, die[,] damit die Aeste
nicht brechen, gestüzt sind. Die Blätter der Orangen
sind hier minder steif, größer und wellenförmiger, als
in den Treibhäusern. Cecropia peltata  inserted above the lineSterculea platanifolia u Phönix dac-
tylif.
in einem Garten 18 F. hoch. Tatters Name war hier
in frischem Andenken. Beim Zuhausefahren gab uns ein
alter Capit. seinen kleinen kurzen dikken Sohn mit[.]
Unbegreiflich daß wir erst in T inserted in between the linesoulon selbst, nach 3 St.
am Busen merkten, daß der Sohn ein Mädchen und
zwar eine Maîtresse aus Rom war, in der That nicht
hüpsch genug, um sie so weit mitzuschleppen. Er  written across the original textSie
stieg in Toulon am Thore aus. Wir glaubten sie wisse
bescheid. Abends sehr spät kam der Cap. zu uns, um
uns zu fragen, was wir mit seiner Frau (in der
Angst des Suchens) [sic] vergaß er die Masquerade [sic] angefan-
gen. Sie sei für ihn verschwunden. Abends Theater. ein
abscheulicher langer Saal u welche Musik! In allen
Zwischenakten republik. Gezänk. Wer still u fried-
sam leben will, der verlasse das südliche Frank-
reich
. Alles erinnert hier an die Schrekkenszeit u 2.
| 57v12. Menschen sprechen nicht ¼ St. mit einander ohne daß nicht das
Gespräch auf die  written across the original textden Partheigeist der Revolution falle. Toulon
übertrift noch Marseille an Roheit u Brutalität in den
bureaux. 13 Nov (23 Br.) zurük nach Marseille bei fürchter-
lichem kalten Nordwest. Ein Kaufmann aus Paris[,] ziem-
lich gemein, sehr gutmüthig und schlicht. Er verstand etwas
de  Kommentar Ulrich Päßler und Christian Thomas
Humboldt 2000, 50, wertet la botaniste als Schreibfehler und korrigiert zu la botanique, da an dem weiblichen Artikel erkennbar sei, dass es sich um eine Verschreibung handle (vgl. ebd., 447). In der vorliegenden Edition des Textes wurde dagegen la botaniste belassen, da Humboldt hier möglicherweise die wörtliche Rede des Kaufmanns bewusst ebenso falsch wiedergibt, wie dieser sie geäußert hatte.

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la botaniste
[,] weil er alle Festtage im Jardin des
plantes
spazieren gehe u vom Nat.[-]Institut beklagte
er[,] daß es zu wenig eleven habe. Lomet schimpfte wie
gewöhnlich auf die Ingenieurs, rühmte das unendliche
Brunnenhaus, das er für Bareges gezeichnet u erzählte von
einer Reise durch die  Kommentar Humboldt 2000
Wörtlich „sandige, auch sumpfige Gegend; Heide, Steppe“.

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Landes
de Bordeaux wo er „ganze
nomadische Horden wilder Franzosen, wilde Ochsen und wil-
de Pferde die alle ohne Obdach leben“, gesehen hatte.
Ein wilder Franzose ist wirklich eine wundersame
Sache. Auch sprach er viel von 500 F. hohen Sandhü-
geln die alle Jahre 50 toisen weiter marschiren u
in 200 Jahren die Stadt Bordeaux verwüsten werden.
Der Kaufmann versicherte indeß (was mir merkwürdig
genug wäre) daß auf den Inseln beim Ausfluß
der Rhone[,] unfern Arles[,] verwilderte Kühe geschossen
werden, die im Freien kalben.  Kommentar Christian Thomas und Humboldt 2000
An, an verum (lat.)[:] ob, ob es wahr ist? (Nicht mit der deutschen Präposition „an“ zu verwechseln!) (Humboldt 2000, [37]) Vgl. auch Langenscheidt: Latein-Deutsch Wörterbuch, verum: non cognoscimus, an verum sit[:] wir wissen nicht, ob dies wahr ist.

 [Close]
an verum
. 14 Nov. (24 Br)
im̅er vergeblich geharrt. Der Wind war günstig. Bucci-
niten anatomirt u gezeichnet, die Tabelle über
die  Kommentar Humboldt 2000
ART V, Bl. 66r, 68v, 69v enthält Notizen zur Luftanalyse in Salzburg.

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Analyse der Luft in Salzburg
vollendet.. Bei Ti-
sche: Die Fourniseuse mit der Lomet scharmirt hatte, fürch
terliche Zähne u voll widerwärtiger Prätensionen.
Sehr angenehm u von sanftem Ausdruk das Mädchen
des Colonels.  inserted above the lineMiquel 15[.] Nov.-29sten (25[.] Br.-9[.] Fr.) immer mit Harren
zugebracht. Skoldebr. hatte den Plan[,] wenn die Fregatte am 1 Dec. nicht
käme, ein Finländ. Schiff mit uns für 360 Piaster zu nehmen, um
seine Frau nicht länger zu exponiren. Indeß blikten wir unverwandt
nach  Kommentar Humboldt 2000
Humboldt meint die höchste Erhebung am Hafen von Marseille, Notre Dame de la Garde (vgl. auch Bl. 59r), auf der eine Festung stand. Von hier aus wurde der Stadt die Ankunft aller Schiffe signalisiert. Sie wurde auch Notre Dame de la Mer genannt. Heute steht an dieser Stelle die berühmte Kirche Notre Dame de la Garde.

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notre Dame des signaux
. Einmal (ich war auf dem Observat. wurden
15 neutrale Schiffe u eine Fregatte signalisirt). Wir waren alle auf
den Beinen. Es war ein hochmastiger Korsar. Indeß kam die Nach-
richt[,] der Dey habe der Republik den Krieg erklärt. Sk. mein
te, B. könne nun nicht mit. Ich würde leicht 30000 für ihn
zahlen müssen. Er könne als Sklave auch früher nie-
dergemezelt werden. Diese Betrachtungen sezten uns 2 Tage lang
in heftige Seelenmotion. Ich wünschte eine Nacht hindurch
selbst mich von ihm zu trennen. Er konnte für Griechen-
land
mir sehr hinderlich sein! Man fragte jedermann um
Rath, er sollte den Bedienten spielen … es endigte sich[,] wie
bei allen Seelenbewegungen, damit[,] daß man sich von selbst
| 58r13. beruhigte. Doch war Busnaks Nachrichten daß Algier
in Frieden sei nicht ganz zu trauen. Er wollte mich
zwar mit einem Ragusaner Schiffe in 8 Tagen nach Tu-
nis
schikken, ich sollte von da zu Lande über Constan-
tine
nach Alger wandern, wo alsdenn Herr Skoldebrand ange-
kommen sein würde. Aber alle unsere Bekannten wiederriethen
uns,  Kommentar Humboldt 2000
Der Dey von Algier übte die Regentschaft aus für den türkischen Sultan. Die Deys hatten jedoch zu Ende de 18. Jahrhunderts die Macht verloren. Die Machtbefugnisse lagen faktisch in den Händen zweier jüdischer, aus Algier stammender, in Livorno und Marseille lebender Bankiersfamilien, den Bacri und Busnach. Sie hatten ihre Namen italienisiert aus Bou-Kris und Bou-Chenak. In italienischen Häfen wie Genua und Livorno war es leicht für sie gewesen, die geplünderten Waren abzusetzen, die die Korsaren an sie verkauften. Von Livorno aus hatten sie Handelsfilialen in Algier und Marseille gegründet. Sie hatten mit der Zeit besonders den gesamten Getreidehandel zwischen Algerien, Italien und der Republik Frankreich an sich gebracht. Zahlungsschwierigkeiten ihrer Handelspartner verschafften ihnen im Gefolge der wirtschaftlichen auch politische Macht. Der Dey Mustafâ, der am 14. Mai 1798 anstelle seines verstorbenen Onkels Hassan-Dey zur Regierung gekommen war, war völlig in der Hand Naftali Busnachs, der ihm jeden, auch den ausgefallensten Wunsch erfüllte, dagegen faktisch sowohl die Innen- wie die Außenpolitik Algeriens leitete. Nichts geschah ohne ein Wissen und seine Anweisung, er ernannte alle Staatsbeamten einschließlich der Gesandten. Jacob Cohen Bacri hatte die Busnachs zu Handelspartnern gewählt, die die englischen Handelsinteressen vertraten. Den Handel mit den europäischen Ländern wickelten sie über den Hafen Marseille ab. Naftali Busnach, den man den „König von Algier“ nannte, zeigte eine große Arroganz der Macht, so daß er 1805 dem Volkszorn zum Opfer fiel. Er wurde am 25. Juni 1805 in Algier von einem Janitscharen erschossen. Mustafâ-Dey erlitt am 30. Juni 1805 das gleiche Schicksal. Bacri entging dem Judenpogrom, das daraufhin einsetzte, da er sich auswärts aufhielt. Er wurde wegen erneuter Intrigen auf Befehl des Sultans am 4. Februar 1811 hingerichtet. Von dem Judenpogrom erholte die jüdische Gemeinde in Algier sich bis 1830 nicht mehr. Vgl. Garrot 1910, 597–616.

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dem Juden zu trauen
. Indeß gab Sk. selbst den Plan
auf[,] seine hochschwangere Frau voran mit uns nach Alger zu
schikken. Sie sollte bei Mad. Meusnier hier in Marseille
Wochen liegen u er wolle die Fregatte erwarten. Nun war
auf einmal alle schöne Hofnung dahin, sich am 1 Dec. er-
löst zu sehen. Wir standen an[,] gleich nach Spanien ab-
zugehen. Nach reifer Ueberlegung aber schien es besser zu
warten bis Sköld. eine deutliche Auskunft über das Schik-
sal der Fregatte erhalte. — Vom 29 Nov bis 7[.] Dec. (9–17 Fr.)
Wir geriethen nun recht eigentlich in die Spielgesellschaft der
Consuls. Wir wurden alle Abend bald bei Mad Meusnier, bald
bei Folsch, bald bei Fromenditi, bald bei Skold. eingeladen. Man
spielte mit schändlicher Habsucht Pharo, Vendôme[,][.] Die alten Wei-
ber von 70 Jahren, die Kinder von 7 Jahr[en], alles spielte von 30 S.
bis 10 ₤d’or auf eine Karte u von 6 Uhr Abends bis 4 U. Mor-
gens. Jezt da die Leidenschaften den(?) Menschen ihre Tünche nahm,
sahen wir erst in welcher pöbelhaften Gesellschaft wir waren.
Die Mägde stekten den Kindern Geld zu, um für sie zu
spielen. Die alten Weiber betrogen wie die Raben. Man be-
klagte, [sic] die [sic] welche verloren. (Sk. verlor in 8 Tagen über 150 ₤d’or
und weigerte sich[,] wenn 60 ₤d’or in der Bank waren[,] 40 zu
halten. Sk. sprach von Betrug, von stehlen …[.][)] Das alles reiz-
te nicht. Man spielte immer weiter, man sprach von Men-
schen[,] die man bitten müsse, weil sie reich wären u
das Geld nicht achteten. Der Wirth (man servirte eine Art Fuß
bad, Thee genannt, worunter man noch kaltes Wasser gießt,
u harte Eier) der Wirth [sic] hatte einen Beutel mit Geld zwischen
den Beinen und bot jedermann, der minder hoch spielte[,] an,
ihm einige ₤d’or zu leihen. Lieh man, so wurde man
alle Minuten erinnert, wie viel man geliehen. Der pöbelhafteste von
allen war Herr Fromenditi, dessen langhalsige Frau uns bei Herrn Fölsch das
decente Spiel vom foudre de Jupiter avec sa foudre foudroyante hatte
spielen lassen. Er behauptete[,] jede Münze[,] die an die Erde fiel[,] ge-
höre ihm, auch erzählte [sic][,] seine Erziehung habe seinen Vater mo-
natlich nur 2 gekostet. Die einzige, in der That sehr liebens
würdige Frau ist Mad. Meusnier. Etwas Spielgeist hat sie auch,
aber man merkt ihr an[,] daß sie in eine bessere Gesell-
schaft gehört. Sie war lange in Guadeloupe. Sonderbar[,] daß
alle Menschen, welche in diesen Inseln u bes. auf Isle
de France
gebildet sind, sich durch Anmuth der Sitten aus-
zeichnen. Der heiße Him̅elsstrich lähmt etwas die Vorschnelligkeit
des franz. Nationalcharakters. Er giebt den Ideen Weile u
| 58v14. u [sic] indem der Franzose in seinem Laufe unaufhaltsam fort-
geht, mit sich beschäftigt[,] alles um sich her auf sich be-
zieht, findet der Insulaner Ruhepunkte, auf welchen sein
Gemüth empfänglich für fremde Eindrükke wird. Dazu giebt das
Palmenklima den Französ. Weibern das, was ihnen ursprünglich
radical fehlt, Schwermuth und written across the original textoder wenigstens größere Erregbarkeit
für die zarteren Empfindungen des Leidens. — Herr Fölsch zeigte sich
durch längeren Umgang auch besser als er war inserted in between the linesanfangs schien. Seine
Rauheit ist Folge böser Gesellschaft — u er  Passage illegible [...] fühlt daß
man in einer anderen Gesellschaft sich anders betragen müsse.
An Verstand fehlt es ihm nicht. Aber Herr Meusnier ist ein
Wunder sonder gleichen; eben so sänft, so fein, so schwer
müthig als seine Frau, die er zärtlich liebt u die troz ih-
rer Corpulenz noch recht hüpsch ist — u dieser Mann war
bis zur Revolution selbst Schifs[-]Capitain! Er führte
selbst Schiffe nach den Amer. Inseln. Ich gewann in dieser
Gesellschaft an einem Abend 14 ₤d’or, B. eben so viel. Aus
S written across the original textDezenz verlor ich wieder alles. Nun glaubte ich abbrechen zu
dürfen u lief fleißig aufs Land, das nach solchen Aben-
den neue Reize für mich gewann. Besonders angenehm war
ein Spaziergang nach Alauch in die Gipsbrüche. Die gut-
müthigen Wirtsleute wollten uns (weil es Festtag war) keine
Wurst geben. Unsägliches Blut hat der Partheigeist in diesen
Haufen armseliger Häuser fließen lassen! Und nach alle
dem ist man dahin zurükgekehrt, von wo man ausgegangen.
Man hält es für Totsünde Wurst zu essen. Die Wirthin
sagte die heil. Jungfrau auf dem Berge (la bonne mère
d’Allauch) wolle solchem Gräuel nicht zusehen! Diese
Jungfrau bewohnt die Ruinen eines alten Schlosses, dessen
Gemäuer, Treppen und Thore in der That Größe ver-
kündigen. Wir sahen die Sonne von dort aus sich ins
Meer tauchen. Wir hatten so lange verweilt, daß uns
die Nacht überfiel. Der Weg war zum Halsbrechen, aber
wir sprachen von Gespenstern u so kamen wir froh
u gespannt nach Hause. Unsere Spannung nahm zu, da
uns Sk. mit der Nachricht entgegen kam: er habe von einem
Schwed.  inserted in between the linesDän. Cap. der en quarant. läge u von Lissabon
kom̅e, erfahren, daß unser bât. march. mit den Geschen-
ken für den Dey auf der Höhe des Tajo von der Fregatte ge-
trennt worden sei und daß es im Hafen v. Lissabon nun schon
14 Tage lang (als in einem zum rendez-vous bestimten
Plaze) auf die Ankunft der Fregatte harre. Diese Nach
richt schien das Zeitungsgerücht, als sei die Fregatte, sam̅t
den Geschenken von den Engländern aufgebracht, zu ent-
kräften. Wenigstens (man kann jede Nachricht deuten wie man
will, u sich nach Gefallen montiren)[,] wenigstens glaubten wir nun
| 59r15. daß die Fregatte inserted above the line[,]⎡ der Jaramas, da sie einmal bis Lisbon vorgedrungen
sei, wahrscheinlich in 8–10 Tagen erscheinen müsse. In
einem Zustande, um  written across the original textin dem man lange ganz ohne Nach-
richt ist, scheint jede (welche endlich anlangt) erwünscht
zu sein. Wir stellten sogar Rechnungen an, nach de-
nen es uns nicht einmal sehr lange schien, daß die Fre-
gatte in See sei. In dieser besseren Stimung u mit
frisch geheftetem Blik auf de(?) notre Dame de la Garde
brachten wir nun mehrere Tage mit botan. Excursio-
nen und Fischfang zu. Den Sardellenfang auf der Insel
Pomego, den dasigen Felsenbogen u das Wunder der
Corallenbeete habe ich  Kommentar Humboldt 2000
Nicht ermittelt.

 [Close]
an einem andern Orte
beschrieben.
In dieser Zwischenzeit sah ich viel, öfter als ich es
wünschte[,] Herrn Thulis u einen jungen Kaufmann (Sohn
eines Courtier) der sich selbst zum Mathematiker und Astro-
nomen gebildet, Herrn Blancpain. Der leztere ist durch
seine Kenntnisse eben so merkwürdig, als durch sein
garstiges, ängstliches u widerwärtiges Aeußere. Sein Hang
zum Ausländischen, seine Verachtung der franz. Litteratur
u sein Muth, Namen fremder Gelehrten zu kennen,
war mir auffallend. Der Tod seines reichen Vaters und Revo-
lutionszufälle zwangen ihn sich gegen seine Neigung
mit Kaufmänn. Geschäften abzugeben. Doch ist [sic] (der réquisition
wegen) bei der Marine examinirt u wird wahrscheinlich
einmal (nach St. Jacque’s Tode) Thulis Adjunkt. Herr Thulis
verliert sehr bei näherer Bekanntschaft. Seine theoret. Kent-
nisse scheinen sehr gering, in(?) written across the original textfür prakt. Beobachtung ist er
nicht ohne Talent, sein kleinlicher, elender, neidischer
Charakter und seine Unzufriedenheit mit der Verfassung
machen ihn aber jeder großen Anstrengung unfähig. Seine
Frau, ein breitlippiges bleiches Weib, das Jupitersverfinsterung[en]
beobachtet und von der man rühmt, daß sie  Kommentar Christian Thomas und Humboldt 2000
Die hier mit E. bezeichnete Person konnte bisher nicht identifiziert werden.

 [Close]
E.
durchgeholfen
u sich in alle Gerichtshändel mischt, herrscht mit eiser-
nem Scepter über ihn. Er ist so hasenartig furchtsam daß
er aus Furcht vor neuen Haussuchungen 6–8 Nächte in
der Stadt schlief, weil man ihn (so unwahrscheinlich dies auch
ist, da der Commandant, der Adj.[-]génér. Nogues ein sanfter
Mann u sein Freund ist) „aus Versehen einstekken u im
Gefängniß auch aus Versehen ermorden könne[“]. So oft ich mit
ihm das Observat verlies (ein Ort, dessen Einrichtung Herrn T.
übrigens viel Ehre macht), gab er dem Wärter Jeanlouis
Verhaltungsbefehle, als wenn ein General eine belagerte Vestung
| 59v16. verläßt. Da er immer von dem spricht, was er unter an-
deren Verhältnissen thun würde, so läßt sich vorsehen,
daß er nie mehr leisten wird, als was er bisher gethan,
die Instr. aufzustellen, zu putzen(?) inserted in between the linespuzen, den Mittag u
Bedekk. zu beobachten. Mit Blancpain wird er nicht lange
Freund bleiben, denn kaum kann er seinen Neid gegen inserted above the lineüber
ihn zurükhalten. Mich incom̅odirt er durch ewige Besuche,
Morgens am Bette und Besuche, die mit Seufzen über den
polit Zustand der Dinge zugebracht würden. Tausendmal
mußte ich hören, man hasse ihn weil er feineres Tuch als
andere trage und geehrt sei. Bei aller Elendigkeit, Neugierde
und Prellsucht (er wollte mir allen Praß v. Instrumenten
anschmieren) kann man ihm indeß doch guten Ton und eine
gewisse Gewandtheit im Umgang mit Fremden nicht absprech[en].
Diese Leichtigkeit macht ihn auch nicht uninteressant in der Un-
terhaltung über die Personen, mit denen er gelebt, wie
mit dem  Kommentar Humboldt 2000
Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg und seine Gemahlin Maria Amalie Charlotte. Nach Ausweis seines Biographen (Beck 1854) war der Herzog nur einmal in seinem Leben in Frankreich. Vom 28.7. bis 1.9.1786 reiste er in England, danach in Südfrankreich, Italien und in der Schweiz. In der Zeit vom 30.9.1786 bis 23.9.1787 hielt er sich in Südfrankreich, vor allem in Hyères bei Toulon auf, wo seine leidende Gemahlin ihre Gesundheit wiederherstellen sollte. Seine Reisen galten in erster Linie astronomisch-geographischen Ortsbestimmungen, wie er auch selbst Verfasser astronomischer Schriften war. Er wurde von dem mit ihm befreundeten Astronomen Franz Xaver von Zach begleitet, für den er die Sternwarte bei Gotha errichten ließ (Beck 1854, 17, 51f., 80). Ein Herzog von Gotha wird als Auswärtiges Mitglied der Académie des Belles Lettres, Sciences et Arts in Marseille genannt (Baratier 1973, 242).

 [Close]
H. v. Gotha der ihm einen Ring und eine k(?)nöcherne
Dose schenkte, auch oft für Thulis Geld zu Abend aß,
über Zach, der das Haar der Herzogin in der Schreibtafel trug

u zeigte, über Lalande …. Th. führte mir auch einen Professor
der Marine[,] Duhamel[,] zu der ein angenehmes Aeußeres hatte
u Herrn   Omitted (1 word)        der sich mit Drechseln und Physik beschäftigt u mein
Senkbarometer copiren will. Th. rühmt sich übrigens merk-
würdiger Dinge als „Drechseln zu können, sehr weit zu sehen,
lange zu sprechen, geschikt in Phys. Versuchen zu sein, nie
etwas zu zerbrechen, große Wärme in der Hosentasche zu
haben, viel Knoblauch essen zu können, ohne zu stinken …[“][.]
T. gab uns eine sehr falsche Anweisung ein brennendes Steinkohlen-
flöz bei Valdome u Notre Dame des Anges zu sehen. Er
sagte es sei beides ganz nah bei Allauch. Wir glaubten ei-
nen eben so angenehmen Spaziergang als nach den Gipsbrüchen
zu machen, geriethen aber in klippigte Fußsteige ohne Spur von
Damerde und Vegetation. Nach langem Herumirren wieß uns ein
Ziegenhirte das einzeln liegende Haus eines Landmanns der durch
kleine Mauern eine Insel von Fruchterde zusammenhielt. Der
guthmüthige Mann versicherte uns Valdome sei noch 3 lieues von
der D des anges entfernt u selbst der lezte Berg so weit,
daß wir unmöglich hingehen und nach Marseille vor Nachts
zurückkehren konnten. Diese Nachricht war (da wir außer Liche-
nen
wenige Pflanzen gefunden) eben nicht tröstlich. Die
Gutmüthigkeit des Landmanns, der uns zwang von seinen Feigen
zu essen und seinen herben Wein aus einem Horne zu
trinken, milderte dies alles. Ja die Szene wäre [sic] noch
weit angenehmer für die Rükerinnerung geworden sein,
wenn nicht der Vater u der Knabe, so oft sie den Mund
öfneten, das Zimmer mit wüthigem Knoblauchgestank er-
| 60r17. füllt hätten. Die Rükkehr war wie jede Rükkehr
nach Marseille (da man 2 St. lang zwischen Gartenmauern
gehen muß) sehr langweilig. Ein großes Geschrei spannte
unsere Aufmerksamkeit. Eine vornehme Frau vom Lande war
mit ihrem Esel gestürzt. Knechte u Mägde, die sie begleiteten,
schlugen unbarmherzig auf den Esel, der unempfindlich gegen
den Schmerz von einer Distel fraß, die im Kothe lag[.]
e(?) written across the original textErst als die Distel verzehrt war, gefiel es dem Esel auf-
zustehen und nun ging es in vollem Gallop weiter. Als
wir in unser Wirtshaus kamen empfing uns Sk. mit bösen
Nachrichten: Es war ein Brief von dem Cap. des bâtiment
marchand an Sk. angekom̅en. Dieser Brief meldete, daß der Sturm
die Fregatte schon seit 1½ Monathen nördlich von Holland  Passage illegible [...]
von ihm getrennt habe, daß er nichts von ihrem Schiksal
wisse u daß er indem er schon 20 Tage warte, nach noch
14 Tagen allein seinen Weg nach Alger antreten wolle.
Zugleich hatte Busnak Briefe von Alger welche meldeten
daß die Pest welche in Oran und Tremeshend gar nicht auf-
gehört, jezt schon in Alger selbst wüthe. Also vielleicht
vor dem Frühjahr keine Fregatte, jezt schon Pest u über-
all Nachrichten von heftigsten Verfolgungen im Orient, von ei-
nem Mistrauen gegen alle Fremden …. Diese Betrachtung[en]
erregten die heftigsten Seelenbewegungen am 14t[en] und 15[.] Frim .
Der Weg nach der Levante[,] besonders der nach Egypten war
versperrt, die schönsten u lezten Blüthenmonathe Jan.
Febr. und Merz vielleicht noch harrend in Marseille zuge-
bracht, dann 5 Monathe lang der Pest wegen eingesperrt,
unsicher selbst über die polit. Wendung der Algierer
Angelegenheiten — das alles brachte Entschlüsse zur Reife.
Aber Corsica, Spanien od. Tunis (dahin war allenfalls
Gelegenheit) das war die Frage …[.] Corsica schien, so reich
gewiß auch die Pflanzenbeute dort u in Sardinien ge-
wesen wäre, zu klein[,] zu isolirt, zu unmittelbar
nach Frankreich zurükführend. Spanien leuchtete am Abend
(14 Fr. ) B. u mir am meisten ein. Man kön̅e ein
herrliches Frühjahr in Valencia, Cadix zubringen, dort od.
in Lisbon Gelegenheit nach Teneriffa, nach Cap de b. esper. [,]
nach Brasilien … finden, man sei im Aug. selbst Afri-
ka
näher, man habe dann 6 Pestfreie Monathe vor sich.
Die Nacht brachte ich fast schlaflos zu. Es war doch so
schmerzhaft die schöne Hofnung[,] Europa zu verlassen wie-
der vereitelt zu sehen, ich glaubte nicht eher Ruhe
des Gemüths zu genießen, als bis diese Hofnung erfüllt
war; Gelegenheit nach Tunis sei wahrscheinlich noch da[,]
der Krieg sei nicht erklärt, ich könne Sk. vorangehen,
ihm über Constantine