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Sonntag

Ihre Briefe, theurer Ehrenberg, die
einzig belehrenden, die man aus Berlin
empfängt, anhaltend ein Fortschrei
ten bezeichnend, erregen immer Freude
u Schmerz zugleich. Neben dem
Gange glänzender physiologischer Ent-
dekkungen, die Sie zu unterbrechen
drohen durch Umstürzung Ihrer
ganzen Lage, steht die Nacht-
seite Ihrer trüben Ahndungen,
das gerechte Gefühl erlittenen
Unbills[.] Ich beschwöre Sie,
sich täglich zu sagen, was
Sie sind, was Sie selbst, unter
hindernden Verhältnissen, grosses
geleistet, sich nicht in solch
einer Laufbahn durch die klein
lichen Zufälle dass Sie mit
Menschen in Conflict kommen
die L. oder Müller heissen von
der Ihnen vorgestrekten Bahn
ableiten zu lassen! Ich rede
Ihnen daher heute nicht von
den Lichtpuncten des lezteren
Theils Ihres schönen Briefes,
von dem Auffinden eines Criteriums
der vorderen und hinteren Lebensseite;
von dem Blute als pabulum subst
cerebri? et nervorum (über ⅓ alles
Bluts der Säugthiere geht ja
| 1vdurch das Hirn[.]) nicht von
Nervenatmosphären die ich  über der Zeilewegen der,
in allen Puncten der Oberhaut
verbreiteten Sensibilität
 Unleserliche Stelle (1 Wort) [...] allerdings für wahrschein-
lich  über der Zeilehalte, aber durch meine Ver
suche nicht als begründet
annehme  innerhalb der Zeileglaube da mich leicht da-
zwischen liegende, leitende
Feuchtigkeit kann getäuscht
haben – nein ich beschäftige
mich allein mit dem was
Ihr Gemüth beängstigt.

Ich verspreche Ihnen wenn
ich den Minister, vor meiner
Abreise sehe, ganz ohne
Restriction in dem Sinne
Ihres Anschreibens an den
Minister zu reden und
zu rathen; aber ich
würde schlecht gegen
Sie handeln wenn ich
Ihnen nicht frei gestän
de
: dass Müllers Brief
mir alles zu enthalten
scheint, was Sie vor
der Besorgniss des Zankes
schüzen kann[.]

Ich habe erklärt (heißt
so viel als ich will so
verstanden sein) dass ich die
Benuzung von Gegenständen
Ihrer Reise nicht beabsichtige
und erkläre auch gegenwärtig
| 2rdass ich schon aus Delicatesse
von dem Rechte, diese Materia
lien wissenschaftlich
zu benu-
zen
in keinem Falle Gebrauch
machen werde
[.]

Was, mein guter E. kann
klarer ausgesprochen sein[.]
Ob er ein Recht zu
haben glaubt und darauf
Verzicht thut, sind ab-
stracte Fragen, die ja
kein practisches Interesse
haben. Man kann tadeln
dass hier das Wort Recht
steht, aber da das Nicht
Gebrauch machen feier-
lich versprochen
, hier allein
interessirt, so sehe ich
nicht dass von dieser Seite
etwas Scorpion und Marder-
artiges zu befürchten sei[.]
Wenn er in diesem Puncte
nachgiebt so sträubt er
er [sic] sich dagegen bei der
Remotion aller von Ihnen
mitgebrachten Gegenstände
[.]
Aber gegen diese allgemeine
Remotion war ich ja
auch und Sie Selbst ver
sicherten, es sei ein Mis
verständniss, Sie wollten
nur Remotion der zur
Erhaltung zu pflegenden
| 2vSachen. In diesem Sinne
wird Müller sich nicht
widersezen, da Sie nicht anzu
geben brauchen, ob zum
Studium od zum Reinigen
und Alcohol Aufgiessen  Unleserliche Stelle [...]
Gegenstände  über der Zeiletemporär abgesondert  über der Zeilewerden. Es
kommt  Unleserliche Stelle (1 Wort) [...] also bloß darauf
an: daß der Minister

  • 1) die factisch befrie
    digende Erklärung
    M's über Ihr wissen
    schaftliches Eigen-
    thum, dahin be-
    stärkt und rectificirt
    dass er ausspricht
    das  Unleserliche Stelle [...] Recht gehöre
    Ihnen so lange Sie
    leben, allein und
    man könne nicht aus
    Delicatesse Verzicht
    leisten, auf ein Recht
    das man nie habe
     Durch Überschreibung unleserliche Stelle (1 Wort) [...]  über den ursprünglichen Text geschriebenbesizen können
  • 2) der Minister muß
    die Anstalt zur
    partiellen remotion
    u Pflege billigen
    u. bestätigen.

Dabei ist aber meine prac
tische Ahnung, dass alles häufige
Schreiben wie bei Congressen, alle
Dinge (die einfachsten) verwikkelt;
dass ein Bericht  am linken Rand⎡durch den
wohlwollendsten
Rath des Mi-
nisteriums
über Ihren Bericht
der Anfang eines interminablen Kam
pfes werden wird  am linken Rand⎡dass Altensteins
dualistischer
Character jedes
Festsezen all-
gemeiner Norm
hindert,
, [sic] dass in menschlichen
Dingen man nichts absolut begrenzen
kann, sondern das Einzelne einzeln sieg
reich durchkämpfen muß und im kurzen
Leben Zeit u Muth für höhere u edlere
Zwekke aufsparen muss.

Ht

Ich sende heute Abend durch
unseren Gesandten Ihre Abh
an die Royal Soc. und
Medic. Chirurg. Soc. nach
London[.] Ich habe französische Titel
darauf geschrieben.

Zitierhinweis

Alexander von Humboldt an Christian Gottfried Ehrenberg. [Teplitz], [August 1833] , hg. v. Anette Wendt unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 5 vom 11.09.2019. URL: https://edition-humboldt.de/v5/H0016767


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