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Sonnabend[,] 9[.] Sept. 1837

Sie wünschen mein Urtheil über einen
schwierigen Gegenstand, mit dem ich
selbst nicht ganz im Klaren bin  am linken Rand⎡mich aber doch
viel beschäftigt
habe
. Die
neuere Beschäftigung mit dem Gegen-
stand hat sich auf Kosten der Wissen-
schaftlichkeit von der dazu nöthigen
Gelehrsamkeit oder Benutzung der
Geschichte dispensiert, und was in Paris
verlautet wiederhallt aus alter
Gewohnheit durch unser Deutschland.
Die schon Leuwenhoek bekannten und
von ihm vortrefflich abgehandelten Gäh-
rungs-Schimmel scheinen mir, wie
die von Gruithuisen erwähnten Gäh
rungs-Infusorien, mit der Gährung
selbst in gar keiner Verbindung zu stehen,
| 1vdenn ihr Verhältniß ist ungefähr wie das
der Dammerde und der Wiesenkräuter,
wo das eine ist[,] findet sich das andere ein
und gedeiht, hier zu Heu, dort zu Hefe.
Schon Persoon nannte den Gährungspilz
Mycoderma und Desmazières teilte
ihn in Mycoderma Cerevisiae, Malti-
Juniperini und Vini, welchen lezteren
Persoon Mycoderma Lagenae genannt
hatte. Anstatt daß nun die Bedingungen
der Gährung und ihrer reinen Erscheinungen
verfolgt werden sollten[,] verlieren
sich die neuesten Beobachter  über der Zeileimmer wieder in der dabey
vorkommenden und reciprok mit-
wirkenden Schimmelbildung. Das  Unleserliche Stelle [...] -
 Unleserliche Stelle [...] von Ihnen gemeinte Schriftchen
hat eben diesen Fehler und der Ver-
fasser ist nicht umsichtig genug gewesen.
Auch sind die Einwirkungen der Gifte
nicht richtig erkannt. Ich habe selbst schon
| 2rdrucken lassen, daß die Infusorien Arsenik
und  über der ZeileCalomel und Sublimat fressen und nur sehr langsam
oder gar nicht davon afficirt werden, daß
aber Strychnin sie sogleich paralysirt. Abh.
d. Akad. 1831. p. 34.  am linken Rand⎡Ich finde das er
stere nicht gleich,
es steht aber in
Poggendorff oder
den Abhandl. der
Akademie.
und p? Wenn man nur
wenig Versuche in dieser Art macht[,] so erhält
man leicht falsche Resultate, weil oft Ne-
benumstände mitwirken, die nur bey öfte-
rer Wiederholung hervortreten.  am linken Rand⎡So versteht es
sich, daß alle leicht
auflöslichen oder
schon aufgelösten
Stoffe nicht als
solche die Infuso-
rien tödten,
sondern das Ele-
ment, das Wasser,
ihnen rauben, in-
dem sie es verän-
dern. Menschen
sterben unter
Wasser, aber
Wasser ist kein
Gift für Men-
schen.
Gut
ist[,] daß wenigstens das allgemeine
Resultat der Abhandlung sich so stellt, daß
nicht eine generatio aequivoca heraus
kommt, denn von dieser bin ich durch
gar zu  Unleserliche Stelle (1 Wort) [...] und lange Reihen
von Beobachtungen ganz entfremdet.
Dieß ist es etwa[,] was ich Ihnen
in Kürze und aus dem Stegreif über
die Gährungspilze mitzutheilen wüßte.
Ein ganzer Chemiker wird die Gährung
schon einmal genauer vornehmen
 Unleserliche Stelle (1 Wort) [...] und die Hefe, als nicht dazu
gehörig, ganz bei Seite liegen lassen
müssen. Vielleicht wäre es gut[,]
| 2veinen solchen Fingerzeig für die zu nehmende
Richtung in der Bearbeitung dieser Fragen
in Poggendorffs Journal zu geben. Auch
die Amylum Angelegenheit ist in
trauriger Verwirrung und aus ihrem
unhaltbaren Boden erheben sich Schlösser
und Paläste, aber – ich bin selbst
auch noch nicht im Klaren damit und
habe viele Freunde die nur auf einen
Dienst lauern und ein Infusorien-
werk im Drucke, das mich fast zu
einer Maschine macht. Doch das soll und
muss zu Ende kommen. Der Himmel wird
weiter sorgen.

In herzlicher Verehrung
Ihr
undankbarer
aber treu ergebenster
Ehrenberg

Zitierhinweis

Christian Gottfried Ehrenberg an Alexander von Humboldt. [Berlin], [9. September 1837] , hg. v. Anette Wendt unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 5 vom 11.09.2019. URL: https://edition-humboldt.de/v5/H0016545


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