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[...] Anmerkung des Empfängers (am oberen Rand) Schlagintweit über Dolomit December 1851.

Ihrem gütigen Wunsche entsprechend erlaube ich mir Ihnen einige Zeilen in Bezug auf Haidingers Experiment über Dolomitbildung mitzutheilen. – Arduin und Dolomieu haben zuerst die magnesiahaltigen, sehr schwach brausenden Kalke beschrieben, welche später Horâce de Saussure an verschiedenen Punkten der Alpen, zum Beispiel am Gotthard nachwies (Voyages. 4o. IV. § 1929. page 109.). Théodore de Saussure, der die Zusam̅ensetzung und die Charaktere dieser Steinart näher untersuchte, gab ihr den Namen Dolomit (Journal de physique XL page 167.) Herr von Buch hat nach seinen berühmten und genauen Beobachtungen im Fassathale zuerst die Ansicht entwickelt, daß diese mächtigen Dolomitmassen überhaupt als das Produkt von großartigen Umwandlungen aus gewöhnlichem kohlensaurem Kalke zu betrachten seien. Die Möglichkeit einer ähnlichen Metamorphose und ihrer Ausdehnung auf so große Massen wurde anfangs vielfach bestritten; es scheint jedoch gegenwärtig sowohl durch zahlreiche Beobachtungen über die Lagerungsverhältnisse dieser merkwürdigen Felsart an verschiedenen Punkten als auch durch direkte | 1vchemische Versuche nachgewiesen, daß solche Umwandlungsprozesse für die Mehrzahl der Dolomite sehr wahrscheinlich sind. Es kan̅ natürlich nicht befremden, daß die Erklärungen über die Art und Weise des Vorganges gegenwärtig und nach so verschiedenen Versuchen etwas von den Ansichten abweichen, welche der berühmte Geologe selbst, bei der ersten Anregung dieser Betrachtungen und zu einer Zeit gegeben hat, wo die mineralogische und geologische Chemie in Bezug auf Zahl der Beobachtungen und Man̅igfaltigkeit der Experimente noch so weit hinter ihrem jetzigen Standpunkte zurück war. Herr von Buch, welcher damals ein Eindringen der Magnesia in dampfförmigem Zustande aus großen, dampferfüllten Spalten für wahrscheinlich hielt, machte bei seiner unübertrefflichen Beschreibung der Lagerungsverhältnisse sogleich dararuf aufmerksam, daß Dolomit, Gips und zellige Rauchwacke sehr häufig zusam̅envorkom̅en und eine gewisse Verwandtschaft ihrer Bildung zu haben schienen. Haidinger hat diese Verhältnisse weiter verfolgt, und schon früher vermuthet, daß die Magnesia als schwefelsaures Salz zugeführt und so der Kalkstein bei gleichzeitiger Ausscheidung von | 2rGips in Dolomit verwandelt worden sei. Das Wasser hätte zunächst seine Molecularbewegungen vermittelt. Jedoch zeigte sich daß unter gewöhnlichen Verhältnissen und bei gewöhnlicher Temperatur die Reaktion umgekehrt eintritt, und eine neue Lösung von Gips (schwefelsaurer Kalk), durch gepulvertes Dolomit (kohlensaurer Kalk und kohlensaure Magnesia) filtrirt, diesen in reinen kohlensauren Kalk verwandelt, wobei gleichzeitig Bittersalz (schwefelsaure Magnesia) abgeschieden wird. Haidinger glaubte, daß vielleicht bei erhöhter Temperatur und bei einem größeren Drucke sich diese chemischen Wechselwirkungen umkehren würden; und Versuche welche Morlot auf seine Veranlassung anstellte, zeigten in der That, daß ein Gemenge von krystallisiertem Bittersalz und gepulvertem Kalkspath in den Gewichtsverhältnissen von 1 zu 2 Atomen in einer Glasröhre eingeschlossen bei circa 200° sich so vollständig zu dem Doppelsalz von kohlensaurem Kalk und kohlensaurer Magnesia (= Dolomit) einerseits und zu schwefelsaurem Kalk andererseits zersetzte, daß keine Spur von Bittersalz übrig blieb. Bei einer Senkung der Gesteine in etwas tiefere Erdschichten und bei den Erscheinungen, welche das Auftreten großer pyrogener Massen häufig begleiten, können ähnliche TemperaturenAnmerkung des Autors (am unteren Rand) Morlot in Poggendorff’s Annalen Band 74 Seite 591.; in Haidinger’s Berichten über die Gesellschaft naturwissenschaftlicher Freunde und so weiter II. 393, 461. und IV. 158 ; daraus in Leonhard Jahrbuch der Geognosie 1847. 862 und 1848. 489. | 2v und Pressungen nicht unwahrscheinlich eingetreten sein. Morlot hat seiner Abhandlung einige instructive Abbildungen größerer und kleinerer Handstücke beigefügt, in denen Dolomit und Gips so in̅ig und vielfach verflochten sind, daß eine gemeinsame Ursache ihrer Bildung in der That höchst warscheinlich wird. —

Für die spätere Umwandlung des Dolomites aus Kalkstein überhaupt, spricht auch die zellige Struktur der meisten Dolomite. Élie de Beaumont hatte gefunden, daß wenn in einem gemessenen Raume ein Doppelatom Kalkstein durch ein Atom Dolomit ersetzt wird, wegen des größeren specifischen Gewichtes des Ganzen bei einem niedrigeren Atomgewicht der Magnesia eine Anzahl von Drusenräumen = 12 Procent des ganzen Volumens übrig bleiben muß.Anmerkung des Autors (am unteren Rand) Élie de Beaumont Comptes Rendus XXVI. 311. Bulletin de la société géologique. 2me série V. 243, und schon früher Bulletin géologique. 1837. page 174. Morlot fand auch in Dolomiten von Prediel hiemit übereinstim̅end 12,9 Procent.

Ich darf mir erlauben zu bemerken, daß in manchen Fällen nach den Untersuchungen von Grandjean1),Anmerkung des Autors (am unteren Rand) 1). Über Dolomite im Lahnthal. Jahrbuch für Geognosie von Leonhard 1844. Seite 543. Sandberger2),Anmerkung des Autors (am unteren Rand) 2) Übersicht der geologischen Verhältnisse im Herzogthum Nassau 1847. Nauck3)Anmerkung des Autors (am unteren Rand) 3.) Über die Specksteine von Göpfersgrün Poggendorff’s Annalen. Band 75. Seite 129 und Bischoff4).Anmerkung des Autors (am unteren Rand) 4.) Lehrbuch der chemischen Geologie. Band 3. Heft. 1. 1851. | 3rdie Bildung des Dolomites auch dadurch erfolgen kann, daß gewöhnlicher kohlensaurer Kalk, der ja zuweilen schon selbst sehr bemerkenswerthe Mengen von Magnesia enthält, durch kohlensäurehaltiges Wasser zersetzt wird; es bildet sich dan̅ Bicarbonat von Kalk, welches leicht löslich ist und hinweggeführt wird, während das nach und nach zurückbleibende Dolomit ist. Diese Bildungsweise wird sehr befördert, wen̅ das hinzutretende Wasser bereits selbst kohlensaure Magnesia enthält, die sich ja stets bei Zersetzung von Silicaten in den krystallinischen Gesteinen bildet. Es spricht für eine solche langsame und einfache Pseudomorphosenbildung des Dolomites aus magnesiahaltigem Kalke auf nassem Wege ausser manchen anderen Umständen auch die Erscheinung, daß nicht selten der Kalkstein nur in den oberen Teufen, welche hauptsächlich den Einwirkungen der atmosphärischen Wasser ausgesetzt sind, oder in der Nähe von Spalten in Dolomit verwandelt ist. Auch ist zu bemerken, daß kohlensaurer Kalk und kohlensaure Magnesia für sich mal leichter auflösbar sind als die durch ihr Zusam̅entreten gebildete Doppelverbindung, der Dolomit. — | 3v [...] der   Kommentar Ulrich Päßler
Wohl die von Armand Dufrénoy und Léonce Élie de Beaumont angefertigte, sechs Blatt umfassende Carte géologique de la France (Dufrénoy/Élie de Beaumont 1841).

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geologischen Karte
Beaumont’s, welche Sie die große Güte hatten, mir für unsere Reise anzuvertrauen. Ich habe mich natürlich auf das sorgfältigste bemüht, dieselben ganz unversehrt hieher zurückzubringen. Sollten Euer Excellenz dieselben nicht eben gebrauchen, so dürfte ich vielleicht die unbescheidene Bitte wagen, ob ich sie nochauf kurze Zeit behalten könnte, da sie mir gerade gegenwärtig zur Vergleichung neuer geognostischer Beobachtungen von so viel Interesse sind.

Ich habe die Ehre zu sein, in unbegrenzter Verehrung Euer Excellenz dankbarst ergebenster Adolph Schlagintweit. Berlin, den 18. Dezember 1851. Seiner Excellenz
Baron Alexander von Humboldt
etc. etc. etc. etc.

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Zitierhinweis

Adolph Schlagintweit an Alexander von Humboldt. Berlin, 18. Dezember 1851, hg. v. Moritz von Brescius, Linda Martin und Ulrich Päßler unter Mitarbeit von Dominik Erdmann. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 7 vom 07.09.2021. URL: https://edition-humboldt.de/v7/H0016465


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