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Anmerkung des Empfängers (am oberen Rand) Kunth III Hochverehrtester Gönner,

Auf die an mich hochgeneigtest gerichteten Fragen habe ich die Ehre ganz ergebenst zu erwiedern:

1) als Beispiele des scheinbaren Contrastes zwischen den Vegetationsorganen und Blüthentheilen dürfte folgendes anzuführen sein:

a) Pflanzen, die bei äußerer Uebereinstimmung, eine sehr verschiedene Blüthen- und Fruchtbildung zeigen: Palmen und Cycadeen (die letzteren den Coniferen am nächsten verwandt.); Cuscuta (eine Convolvulacée) und Cassytha Anmerkung des Empfängers (innerhalb der Zeile) Kunth pagina 369 (eine Cassytha); Equisetum (eine Familie der Cryptogamen), Ephedra (mit Gnetum eine besondere den Coniferen am nächsten | 1vverwandte Familie, die Gnetaceen, bildend) und Casuarina (diese gehörte früher zu den Amentaceen, und bildet jetzt eine den Myriceen verwandte Familie); Cactus und Euphorbia officinarum und Euphoriba antiquorum ; endlich Stapelia (aus der Familie der Asclepiadeen) sieht wie Cereus aus (eine Abtheilung von Cactus).

b) Pflanzen, die bei Uebereinstimmung in der Blüthen- und Fruchtbildung, ein sehr verschiedenes äußeres Ansehen haben: Cactus und Ribes; Palmen und Juncus; Coniferae und Cycadeae, Myriceae und Casuarineae; Primualaceae (sämmtlich ☉ oder Stauden) und Ardisiaceen (Bäume und Sträucher); Onagrae (Oenothera, Fuchsia) und Halorageae (Myriophyllum, Hippuris); Papayaceae (Carica) und Cucurbitaceae.

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c) Pflanzen aus derselben Familie von sehr verschiedenem äußern Ansehen: Saxifraga und Cunonia (Saxifrageae), Cuscuta und Convolvulus (Convolvulaceae), Laurus und Cassytha (Laurineae), Tilia und Antichorus depressus (ein kleines einjähriges Gewächs) (Tiliaceae), Cereus, Pereskia, Rhipsalis , Melocactus und Echinocactus (Cacteen), Vicia und Robinia (Leguminosae), Trifolium und Cercis (Leguminosae), Pisum und Myroxylon (Leguminosae).

2) PhysiognomieAnmerkung des Empfängers (innerhalb der Zeile) ? ? und Aehnlichkeit der Inflorescenz finden sich, außer bei den von Ihnen selbst angeführten Familien (Gräsern, Cyperaceen, Palmen, Coniferen, Umbelliferen), auch bei den Compositen (Köpfchen), den Cruciferen (Trauben und Aehren), den Aroideen | 2v4. (Spadix und Spatha) und den meisten übrigen, auf äußeres Ansehen gegründeten Pflanzengruppen; so zeichnen sich die Proteaceen durch zapfenartige Aehren und Köpfchen, und die Labiaten durch die wirtelständigen Blüthen aus. Bei den Leguminösen läßt sich aber eine solche Uebereinstimmung nicht wahrnehmen, wenn man diese Gruppe in ihrer weitesten Ausdehnung nimmt. Theilt man sie aber in Papilionaceen, Caesalpinieen und Mimoseen ein, so bildet bei den letztern die Inflorescenz jederzeit dichte Aehren oder Köpfchen.

3) Beispiele, wo in derselben Gattung folia simplicia und composita (pinnata, ternata, digitata) vorkommen, sind ziemlich häufig, zum Beispiel Bignonia, Rosa (berberifolia), Cissus, Rhus (Rhus Cotinus), Spiraea, Fraxinus | 3r5. (Fraxinus simplicifolia), Jasminum etc.

Außerdem kommen auch Fälle vor, wo sich bei Foliis ternatis blos das Endblättchen ausbildet, was alsdann mit dem Blattstiel gegliedert erscheint (zum Beispiel Citrus.)

Eine merkwürdige Blattform, nämlich ein sogenanntes Folium lomentaceum kommt bei Phyllarthron (aus der Familie der Bignoniaceen) vor. Es entsteht, indem sich an einem folium imparipinnatum mit geflügelter Rhachis und Blattstiel blos das gipfelständige Blättchen ausbildet.

 
Große Ansicht (Digilib)

Bildnachweis

Bildbeschreibung Schematische Zeichnung der Blattbildung bei der Gattung Phyllarthron. [Schließen]
   

Phyllodia, wie bei den Neuholländischen Acacien, finden sich auch bei einigen strauchartigen Oxalis-Arten, namentlich bei der brasilianischen Oxalis mandioccana Raddi.

Ihre Frage, ob es Rosaceen mit einfachen Blättern giebt, beantworte ich, ohne zu wissen | 3vob Sie die Familie bei ihrer frühern (Jussieuschen) Begrenzung oder bei der neuern engeren verstehen, mit ja, habe aber die Ehre folgendes zur Erläuterung hinzuzufügen:

Die Drupaceen (Prunus, Amygdalus) haben jederzeit einfache Blätter, die Pomaceen (Pyrus, Mespilus, Cydonia) gleichfalls, mit Ausnahme von Sorbus; die eigentlichen Rosaceen (Potentilleen, Rubus, Rosa) haben Folia ternata, digitata und pinnata, Spiraea dagegen, die ebenfalls zu den ächten Rosaceen gehört, folia simplicia und Composita zugleich. Die Sanguisorbeen endlich nähern sich den Potentilleen, und haben wie diese Folia composita.

Die Familie der Rosaceen hat hiernach, bei der ältern Begrenzung, eben so wenig, wie die Leguminosen, eine äußere Physiognomie, wenn ich mich so ausdrücken darf.Aufgeklebte Notiz des Autors (am linken Rand) | 4rBei der Leguminosen kommen selten einfache Blätter vor, zum Beispiel bei Cercis aus der Abtheilung der Papilionaceae, und bei Bauhinia, welche zu den Caesalpinieen gehört. | 4v [...] | 5r(Die Berberis-Arten mit gefiederten Blättern bilden die Gattung Mahonia.)

Ihre Bemerkung, daß die meisten zusammengesetzten Blätter bei den Dicotyledones polypetalae (welche auf der höchsten Stufe der Ausbildung stehen) vorkommen, hat mich als neu überrascht. Bei den Monopetalen kommen wirkliche Folia composita blos bei den Bignoniaceen und Jasmineen vor. Die Solaneen, Valerianeen, Labiaten, Compositen haben, und zwar nur zuweilen, scheinbar gefiederte (das heißt fiedrig zerschnittene) Blätter.

Wenn die Gliederung der einzelnen Blättchen mit dem Hauptstiel das Criterium für zusammengesetzte Blätter ist, so finden sich dergleichen bei den Monocotyledonen nicht vor, als dann würden aber auch die Rosaceen (Rosa, Potentilla, Rubus) keine zusammengesetzten Blätter haben!! | 5v8 Folgt man dagegen der ältern Ansicht, so haben viele Anthurium- (Pothos-) und Dioscorea-Arten Folia digitata, und die größte Hälfte der Palmen Folia pinnata.

4) Das von Decandolle und Ramond angeführte Rhododendrum ist ferrugineum (Rhododendrum hirsutum kommt in den Pyreneen nicht vor). Decandolle sagt in seiner   Lamarck/Candolle 1805–1815, III, 673.

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Flore française
: il croit ordinairement entre 1500 et 2500 mètres d’élévation au-dessus du niveau de la mer. Je l’ai trouvé dans le Jura, au fond d’un Creux du Vent dans un lieu qui n’a pas plus de 1000 à 1100 mètres de hauteur.

5) Die Areca von Neu-Zeeland ist Areca sapida Solander in Forster Plantae esculentae Endlicher Flora Norfolkica 26. Sie wächst in InsulaNorfolk (Forster, Bauer) und in Nova Zeelandia (J. Banks, A. Cunningham.)

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6) Bei Pandanus bilden die Blätter mehrgliedrige, aufsteigende Spiralen.

7) In Decandolle’s Prodromus werden von Bentham 2397 Labiaten angeführt, darunter

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410 Salvia
250 Hyptis
168 Stachys
113 Nepeta
92 Teucrium
86 Scutellaria
66 Plectranthus
1186. Diese 7 Gattungen bilden also die
Hälfte aller bekannten Labiaten.

8) Bentham beschreibt in Decandolles Prodromus 429 eigentliche Ericeen und 10 Pflanzen, welche früher dieser Gattung angehörten, jetzt aber die Gattungen Calluna, Macnabaea und Pentapera bilden. In den Mascarenen-Inseln (Mauritius, Madagascar) wird | 6vdie Gattung Erica durch Philippia vertreten, jedoch finden sich auch 2 Philippia am Vorgebürge der guten Hoffnung.

9) In einer Abhandlung von Griffith: The Palms of the British East India in dem Calcutta Journal of Natural History, die ich aber leider nur unvollständig (bis pagina 146) besitze, werden 45 neuePalmen aufgeführt. Die Zahl aller bekannten Palmen würde hiernach erhöhet werden müssen.

Ueber das Verhältniß meiner Cousine zu Gustav Rasch weiß ich nichts, indem wir schon seit Jahren außer aller Verbindung mit ihr stehen.Aufgeklebte Notiz des Autors (am rechten Rand) | 7r Pirijao vel Pihiguao, trunco aculeato, foliolis membranaceis, undulato-crispis, singulis racemis 50 vel 80 fructus largiens pomiformes, speciosissimos, flavos, maturitate rubescentes, plerumque abortu apyrenos, 2–3 pollicares, coctos et assos alimentum praebentes, Musae et Solani tuberosi modo, farinosum, saluberrimum. Cultam vidimus procerrimam hanc palmam in ripa Orinoci et Atabapi propter pagos San Balthasar et Santa Barbara. An genus novum? Nova Genera et Species I pagina 315. | 7v [...] | 8rIm Publicum genießt aber dieser Mann keinen guten Ruf.

Mit innigster Verehrung Ihr dankbar ergebenster CKunth.

Berlinden 13ten Januar1849.

Wie gern ich Ihnen immer mit dergleichen kleinen Ausweisen zu Befehl stehe, brauche ich wohl nicht von neuem zu versichern.

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Anmerkung des Empfängers (am oberen Rand) Professor Kunth gegen die Physiognomik.

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Zitierhinweis

Carl Sigismund Kunth an Alexander von Humboldt. Berlin, 13. Januar 1849, hg. v. Ulrich Päßler unter Mitarbeit von Klaus Gerlach und Ingo Schwarz. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 8 vom 11.05.2022. URL: https://edition-humboldt.de/v8/H0015159


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