| 1rIch habe Ihnen lange nicht geschrieben, mein Bester, deswegen aber viel gearbeitet, auch neue Versuche gemacht. Ich kam nach Berlin, um hier mein Manuscript über den Nerven- und Muskelreiz zu vollenden, aber meine Hofnung ist sehr vereitelt worden. Der Minister von Hardenberg blieb leider! bis jezt noch hier. Er nahm Bayreuthische Angelegenheiten mit dem Kabinetts Ministerium vor und ließ mich arbeiten. Alle meine Zeit ging darüber verloren und ich konnte nur rhapsodische Stunden auf Versuche wenden. Messen Sie mir daher keine Schuld zu, daß Sie so lange keine Antwort und keine Manuscripte erhielten. Ich gehe den 10ten von hier in meine Einsiedelei nach Bayreuth ab und von da aus schikke ich Ihnen Ruk auf Ruk (wenn Sie es nicht abbestellen oder mir wegen der Kriegsunruhen abrathen) mein Manuscript. Durch Sie erhält es Blumenbach. Im Julius oder August ist es gedrukt, bei Dekker der mit  Louis d’or: Goldmünze (Frankreich)3 Louisd’or pro Bogen geboten. Ich bin außer mir vor Freuden, daß meine Versuche Ihren Beifall haben. Sie allein können mich beim Publikum heben. Es haben sich hier Gesellschaften zusammengethan, Selle, Herz, Hermbstedt, Klaproth, vor denen ich experimentirt. Man hat alles untersucht und richtig gefunden. Ich habe bemerkt, daß bei den wun | 1vdersamen Phänomenen, wo man einen Schenkel bloß dadurch zukken läßt, daß die Spize des nervus cruralis in oleum tartari getaucht wird, die Zukkung vom Zeh anfängt und so in den gastrocnemius übergeht. Glauben Sie gar nicht, daß die alcalien in so fern reizen, als sie Wasser anziehen. Das reine Wasser bringt ja gar kein Phänomen hervor, was nur damit in Vergleich stände. Selbst das loser gebundene oxygen in dephlogistisirter Kochsalzsäure und Arsenikkalch wirkt unendlich schwächer, als das oleum tartari. Herrn Creves Ideen scheinen mir unendlich einseitig. Soll der Galvanismus durch Wasserzersezung erklärt werden, so ist dabei wohl auf oxygen im Wasser gerechnet, das allerdings eine große Rolle in der Maschine spielt. Aber Stoffe, die kein oxygen halten, sondern azote Anmerkung des Autors (am unteren Rand) Oxide de mercure mit flüssigem Gewächsalcali destillirt gibt regulinisches Queksilber und Salpetersäure. wie alcalien, wirken unendlich heftiger als dephlogistisierte Kochsalzsäure. Beddoes, Girtanners Theorien sind darum falsch, weil sie alles auf 1 Stof reduciren, da doch Leben das Resultat mehrer Kräfte, mehrer Stoffe ist. Entzündlichkeit und Irritabilität sind verwandt und der Lebensprozeß ist ein zusammengesezter entzündlicher Proceß. Denken Sie wohl daran, daß die edelsten Feuchtigkeiten des Körpers, Gehirn und Saamen, besonders Saamen nach Vauquelin so viel freies Mineralalcali enthalten? Der Saamen wird im Blut resorbirt und dadurch glaub ich der reizende alcalische Stoff ins ganze System verbreitet. Ich habe endlich einen Versuch entdekt, der zuerst ganz widerlegt, daß das Galvanische fluidum nicht Electricität | 2rist. Electricität wird besser durch Lichtflammen als durch Metalle geleitet.  
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a sei ein conductor u c ein Licht, so ströhmt alle Electricität durch c nach d, gar keine aber nach b heraus. Das Galvanische fluidum wird aber durch Flammen gar nicht geleitet. c sei eine nerven Armatur von Zink und die Leitung der silbernen Drähte a und b sei durch Flammen unterbrochen. Es zukt nie, bis a und b sich selbst berühren. Das ist wichtig.

 
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Bildbeschreibung Schematische Zeichnung eines galvanischen Versuchs sowie unkenntlich gemachte Skizze [Schließen]
   

Wilhelm, mein bester, hat allerdings die nervi cardiaci des Fuchses gesehen und den Puls des Herzens verändert ohne das Herz zu berühren. Er berührte bloß den Nerv. Nemlich er schob Stanniol unter den Nerv und berührte mit Silber Nerv und Stanniol. Das Silber traf das Herz gar nicht.

Ihre Einwendungen sind mir unendlich wichtig, so wie alles was von Ihnen kommt. Prächtig ist Ihr Buch übers Seelenorgan. Auch habe ich nie erfahren, daß irgend eine Schrift so allgemeine Sensation machte, als diese. Ich habe nicht Zeit Ihnen heute mehr als den allgemeinen Ausdruk meiner Empfindungen zu geben. Ich las jezt auch erst Ihr Buch über die vasa absorbentia. Welch ein Schaz von Entdekkungen und Ideen. Sie sind, was Vesalius der Vorzeit war!

Ich habe eine Lieblingsidee, die ich Ihnen mit 3 Worten vorlege. Sie kennen Abernett’s sehr richtige Versuche über respiration der Haut. Die Haut saugt oxygen ein und stößt azote und Kohlensäure aus, wie die Lunge. Ich glaube es giebt außer der Lunge noch andere Punkte, wo das venöse Blut arterieus wird. Ich glaube die lymphatischen Gefäße nehmen Blut aus den Venen oder Arterien auf, bringen es in kleine Luftbehälter unter der Haut, die man noch entdekken wird und | 2vführen es den Arterien oxygenirt wieder zu. Sollte dieser kleine Blutumlauf nicht sehr wahrscheinlich sein. — Ich arbeite viel mit Microscopen über die Oberhaut. Leuwenhoek hat ganz unrecht. Man sieht keine Poren. Im Fontana tabula 8. Figura 12 ist die Haut allein richtig abgebildet. Aber man muß noch die organischen Gefäße entdekken, durch welche die Haut respirirt.

Kennen Sie das prächtige Buch medical extracts on the nature of health, London 95 2 Theile , eine Anwendung der neuen Chemie auf Physiologie. Es ist nicht von Duncan. Ich benuze es sehr!

Pohl hat durch dephlogistisirte Salzsäure auf meinen Rath Euphorbien Saamen aus einem alten Herbarium zum keimen gebracht.

Ich umarme Sie herzlich. Schreiben Sie mir nach Bayreuth , wo ich den 15ten sein werde u von wo aus Sie Manuscripte erhalten. Humboldt

Berlin, den 9. April

Ich empfehle Ihnen einen lieben Freund, Doktor Grapengiesser der Sie in 2 Monathen besuchen wird. Ich experimentirte mit ihm. Ich bin jezt sehr fleißig und Sie müssen mit mir zufrieden sein.

Ich habe eine Respirationsmaschine und Rettungsflasche zum Stande gebracht, durch die man Erstikte augenbliklich aus den Gruben herausholen kann, auch eine Lampe die in jeder Luftart hell brennt. Das Mineur Corps hats hier gebilligt. Die Erfindung ist nüzlich.

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Zitierhinweis

Alexander von Humboldt an Samuel Thomas Soemmerring. Berlin, 9. April 1796, hg. v. Ulrich Päßler unter Mitarbeit von Klaus Gerlach und Ingo Schwarz. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 7 vom 07.09.2021. URL: https://edition-humboldt.de/v7/H0002727


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