| 2r Communikation abgeschnitten. Es blieb mir nichts übrig, als für den Herbst die Reise in den Orient aufzugeben, den Winter in Spanien zuzubringen und von dort aus im Frühjahr ein Schiff nach Smyrna zu suchen. Traurige Zeiten in denen man troz aller Aufopferungen und wollte man Millionen daran wenden, nicht sicher von Küste zu Küste kommen kann. Ich reiste nun, meist zu Fuß, längst der Küste des mittelländischen Meeres, über Cette, Monpellier, Narbonne, Perpignan, die Pyrenäen, und Catalonien nach Valencia und Murcia und von da durch die hohe Ebene von La Mancha hieher. In Montpellier brachte ich köstliche Tage in Chaptals Hause, in Barcellona bei John Gille einem Engländer zu, mit dem ich in Hamburg zusamen wohnte und der jezt in Spanien Chef einer großen Handlung ist. In den Thälern der Pyrenäen blühten die Schoten, während daß der Canigou sein schneebedektes Haupt daneben erhob, in Katalonien und Valencia ist das Land ein ewiger Garten, mit Cactus und Agave eingefaßt.  Fuß: Längenmaß (Preußen), 40 Fuß entsprechen 12,55 m40 Fuß: Längenmaß (Preußen), 50 Fuß entsprechen 15,69 m50 Fuß hohe Dattelpalmen streben mit Traubenfrüchten beladen über alle Klöster empor. Der Akker scheint ein Wald von Ceratonia, Oelbäumen und Orangen, von denen viele Kronen wie unsere Birnbäume haben. In Valencia kosten 68 Orangen 1 piacette d. i.  Groschen: 6 Groschen. Bei Balaguet und am Ausfluß des Ebro ist eine 10 Meilen lange Ebene mit Chamaerops, Pistacien und zahllosen Erica-Arten (Erica vagans. Erica scoparia. Erica mediterranea ) und Cistus bewachsen. Die Heide blühte und mitten in der Wildniß pflükten wir Narcissen und Jonquillen. Bei Cambrils ist Phönix dactilifera so verwildert, daß man 20–30 Stämme so dicht grouppirt sieht, daß kein Thier durchdringen kann. Da man weiße Palmenblätter sehr in den Kirchen liebt, so sieht man in Valencia Dattelstämme deren mittlerer Trieb mit einer Art conischer Müze von Stipa tenacissima überzogen ist, damit die jungen Blätter im Finstern etiolirt werden. Das bassin in dem die Stadt Valence liegt, südlich wie Calabrien, hat an Ueppigkeit der Vegetation seines Gleichen in Europa nicht. Man glaubt nie Bäume und Blätter gesehen zu haben, wenn man diese Palmen, Granaten, Ceratonia, Malven p sieht. Mitte Januar stand das Thermometer im Schatten  Réaumur: Temperaturmaß, 18 Réaumur entsprechen 22,50 °C18° Réaumur. Alle Blüthen waren fast schon abgefallen. Im Pouzzol blühen Musa bihai, Aletris und Ravenalien im Freien. Schinus molle, Anona reticulata und Laurus Persea sind dort sehr gemein und tragen jährlich reife Früchte. Von den Ruinen von Tarragon, dem Berge von Murviedro, oder dem Dianentempel des alten Sagunt, seinem ungeheuren Amphitheater, dem Herkulesthurm, von dem man die Thürme von Valencia aus einem Walde von Dattelpalmen und Garaffen hervorragen sieht und das Meer und das Cabo de Culleras – von dem allen sage ich nichts. Ihr Armen die Ihr Euch kaum erwärmen kontet, während daß ich mit triefender Stirn unter blühenden Orangen und auf Aekkern umherlief, die durch tausend Kanäle bewässert, in einem Jahre 5 Erndten (Reis, Weizen, Hanf, Erbsen und Baumwolle) tragen. Wie gern vergißt man bei dieser Ueppigkeit des Pflanzenwuchses, bei dieser unbeschreiblichen Schönheit der Menschenformen die Beschwerden des Weges und die Wirtshäuser in denen auch nicht einmal Brod zu haben ist. Dazu ist die Küste fast überall schön angebaut. In Catalonien herscht eine Industrie die der Holländischen gleicht. In allen Dörfern wird gewebt, Schifbau getrieben p alles arbeitet. Der Akker- und Gartenbau ist vielleicht in Europa nicht weiter gediehen, als zwischen Castellon de la Plana und Valencia. Aber  Preußische Meile: Längenmaß (Preußen), 15 Preußische Meile entsprechen 112,99 km15 Meilen in das Innere des Landes hinein ist alles öde. Dieses Innere ist die Kuppe eines Gebirges, daß  Fuß: Längenmaß (Preußen), 2.500 Fuß entsprechen 784,62 m2–3000 Fuß hoch über dem Meere stehen geblieben ist, als das Mittelmeer alles verschlang. Dieser Höhe verdankt Spanien sein Dasein, aber auch (die Küsten abgerechnet) seine Dürre und zum Theil seine Kälte. Bei Madrid leiden die Oelbäume schon oft im Freien; und Orangen im Freien sind eine Seltenheit. Doch ich fange an zu beschreiben, was ich eigentlich nie thun will, da ich Bücher statt eines Briefes schikken müßte. Ich kehre zu meinen Plänen zurük:

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Zitierhinweis

Alexander von Humboldt an Karl Ludwig Willdenow. Aranjuez, 20. April 1799; La Coruña, 5. Juni 1799, hg. v. Ulrich Päßler unter Mitarbeit von Klaus Gerlach und Ingo Schwarz. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 7 vom 07.09.2021. URL: https://edition-humboldt.de/v7/H0001200


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