| 1rLiebster Soemmerring. Ich bin noch ganz voll von Ihrer Entdekkung übers Gehirn. Es ist eine der größten unserer Zeit. Aber heute benuze ich meine geringe Muße um Ihnen zu sagen, daß ich unablässig beschäftigt bin Versuche übers Herz zu machen. Ich habe vorzüglich darüber folgende Entdekkung gemacht, welche Ihnen vielleicht wegen des Streits mit Scarpa wichtig ist. Ich vergleiche die stimuli, welche auf die Nerven der Bewegungsmuskeln und die, welche aufs Herz wirken.

Sie wissen aus   Fontana 1787.

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Fontana
, daß Alcohol (nicht aber Opium in Wasser aufgelöst) jedem Nerv fast wie ein starker Elektrischer Schlag die Reizempfänglichkeit raubt. Sie können Froschschenkel in 6–8 Minuten oft in 1 Minute durch Alcohol unwiderbringlich erschöpfen. Ich habe es oft wiederholt. So lindert alcohol auch den Zahnschmerz, tötet Blutigel und Regenwürmer in 3 Sekunden und so fort.

Aber: alcohol aufs Herz geträufelt wenn es zu pulsiren bereits aufgehört, bringt das Herz so gleich wieder zu einem regelmäßigen Pulsiren. Der alcohol revivisirt das Herz unendlich stärker als das oxygen der dephlogistisirten Salzsäure, er überreizt aber auch mehr als diese und das Wiederbeleben ist daher von kürzerer Dauer. Der alcohol ist fürs Herz, was oleum tartari | 1v per deliquium für die Nerven der Bewegungsmuskel ist. Von 28 Herzen, die ich in diesen Tagen behandelte an Fröschen, Kröten, Vögeln, Kaninchen, schreibe ich Ihnen nur folgenden Versuch ab:

Am 30. April hatte ich ein Froschherz, das so matt war, daß es gar nicht mehr pulsirte, sich nur auf mechanischen Reiz zusammenzog. Ich that es in kaltes Wasser, es verbleichte, der Rest des arteriellen Bluts wurde abgewaschen und jezt, da dieser lezte stimulus fehlte sah man kaum noch eine schwache Zukkung, wenn das Herz von der Pincette berührt ward. Ich bestrich nun das unbewegte Herz mit frischem arteriellen Blute und nun — fing es an von selbst schwach zu pulsiren. Ich öfnete die Brusthöle eines neuen Frosches und nahm von dessen frischerem arteriellem Blute. Ich bestrich dasselbe Herz damit und nun waren die Pulsationen stark und anhaltend! Sie dauerten 10 Minuten. Ich zählte die Pulsationen in 4 Minuten. Die lste hatte 28, die 2te 29, die 3te 32, die 4te 27 Schläge! Ich legte das pulsirende Herz wieder in kaltes Wasser, und es pulsirte darin, weil der stimulus das arterielle Blut abgewaschen ward, nur 6 mal in 1 Minute. Ich warf es aus dem Wasser in concentrirten alcohol und —— —— es pulsirte von der lsten Sekunde gleich stärker und zwar in der lsten Minute 18, in der 2ten 20, in der 3ten 23 mal. Auch folgendes ist merkwürdig! Wenn ein Herz in natürlichem Zustande | 2rdie Irritabilität verliert, so pulsirt es immer langsamer zulezt kaum 1 mal in 1 Minute. Es hebt sich dabei aber meist bis zulezt gleich hoch. Im alcohol ist es umgekehrt. Je länger es liegt, desto schneller pulsirt es, und je schneller desto weniger hebt es sich. Im schnellsten Tact wenn der Tod aus Ueberreizung nahe ist, verschwinden die Pulsationen ganz.

Ich habe bisher folgende Scale für den Stimulus des Herzens gefunden:

  • 1. alcohol.
  • 2. oxygenisirte Kochsalzsäure
  • 3. frisches arterielles Blut
  • 4. oleum tartari per deliquium
  • 5. Warmes Wasser.
  • 6. Sonnenlicht.

Zwischen 1 und 2. muß noch Electricität stehen. Ein mäßiger electrischer Schlag durch ein nicht pulsirendes Herz geleitet, bringt es oft 25–30 Minuten lang zu anhaltendem Pulsiren.

Ist das nicht wundersam. Ich umarme Sie. Schreiben Sie mir doch 3 Worte mit nächster Post, dafür erhalten Sie auch Manuskripte recht bald.

Humboldt

Bayreuth den 1. Mai 96.

| 2v

Herrn
Hofrath Sömmering
Wohlgeboren
in
Frankfurt a/M.

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Zitierhinweis

Alexander von Humboldt an Samuel Thomas Soemmerring. Bayreuth, 1. Mai 1796, hg. v. Ulrich Päßler unter Mitarbeit von Klaus Gerlach und Ingo Schwarz. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 7 vom 07.09.2021. URL: https://edition-humboldt.de/v7/H0001182


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