Vorgeschichte des Projektes (1807–1820)

1Alexander von Humboldts  Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer, 1807 fast zeitgleich in einer deutschen und einer französischen Ausgabe erschienen, [1] standen im Zeichen des beginnenden Booms pflanzengeographischer Forschung in Europa. Kaum ein Autor versäumte es, Humboldt als dem entscheidenden Impulsgeber seine Referenz zu erweisen. In einem kurzen historischen Abriss der noch jungen Disziplin erwähnt der Genfer Botaniker Augustin-Pyrame de Candolle 1813 die wichtigen Vorarbeiten von Carl Linné, Jean-Louis Giraud-Soulavie, Friedrich Strohmeyer und Louis Ramon de Carbonnières. Das eigentlich grundlegende Werk dieser Wissenschaft seien jedoch Humboldts Ideen zu einer Geographie der Pflanzen.[2] Humboldt definierte die Pflanzengeographie als Teil einer „physique du générale“: Die Geographie der Pflanzen dürfe nicht bei einer beschreibenden Botanik stehenbleiben. Aus geologischen, geophysikalischen und meteorologischen Daten sollten global gültige Verbreitungsgesetze der Pflanzen abgeleitet werden.[3][1] Humboldt 1807, Humboldt 1807a.[2] „ […] le travail le plus essentiel que nous possédions » (Candolle, A.-P. 1813a, 262–263).[3] Einführungen in Humboldts Konzept der Pflanzengeographie bieten unter anderem: Stephen T. Jacksons Einleitung zur englischen Übersetzung der Ideen (Humboldt 1807b, 1–75) sowie Browne 1983, 42–52; Nicolson 1987 und Werner 2015.

2Humboldt erweiterte sein pflanzengeographisches Konzept ab 1815 um eine weitere quantitative Methode. Mittels der botanischen Arithmetik wollte er die Zahlverhältnisse der natürlichen Pflanzenfamilien in verschiedenen Ländern, unter bestimmten Breiten und in Zonen gleicher mittlerer Temperaturen und Höhenlagen ermitteln.[4] Durch dieses Verfahren sollten allgemeine Aussagen über die globale Verbreitung der Pflanzen und Vegetationsformen möglich werden: „Denn die Natur hat die Pflanzen der Herrschaft eines ewigen Gesetzes unter jeder einzelnen Zone zugeteilt.“[5] Unter dem Eindruck dieser neuen, vielversprechenden pflanzengeographischen Methode befasste sich Humboldt erstmals mit dem Gedanken einer Neuauflage der Ideen. In der Druckfassung seiner Akademierede „Sur les lois que l’on observe dans la distribution des formes végétales“ kündigte er – eher versteckt am Ende einer Fußnote in der Mitte des Aufsatzes – an, dass er eine neue Auflage des Werkes vorbereite („On prépare en ce moment une nouvelle édition de cet ouvrage“).[6] [4] Humboldt 1815–1825, I, iii–lviii, Separatdruck: Humboldt 1817. [5] „Natura enim plantas aeternae legis imperio sub unaquaque zona dispertivit.“ Humboldt 1815a, xiii. Lateinisches Original und Übersetzung zitiert nach: Knobloch 2009, 37.[6] Humboldt 1816, 6. Es handelt sich bei diesem Aufsatz um eine gekürzte, französische Fassung von Humboldt 1815–1825, I, iii–lviii.

3Es entsprach der Logik einer sich ausdifferenzierenden Disziplin, dass die Autoren der Pionierleistung Humboldts Respekt zollten, zugleich aber seine Begrifflichkeiten, Methoden und Ergebnisse einer Kritik unterzogen. De Candolle beispielsweise formulierte seinen floristischen Ansatz in expliziter Abgrenzung von Humboldts Betonung der physikalischen Faktoren Höhe, Temperatur und Luftdruck.[7] Eine 1820 in Berlin anonyme erschienene Rezension kritisierte, ähnlich wie de Candolle, die vertikale Fixierung des Humboldt’schen Forschungsprogramms: Der ideale Querschnitt, wie im „Naturgemälde der Tropenländer“ präsentiert, führe ebenso wie der neue arithmetischen Ansatz zur vereinfachenden Schlüssen hinsichtlich der tatsächlich unregelmäßigen und komplexen Verteilungsmuster der Pflanzen auf der Erde.[8] Humboldt exzerpierte ausführlich aus dieser Rezension, wie vier eng beschriebene Seiten in seinem Nachlass zeigen.[9] Welchen Wert Humboldt darauf legte, seine Definitionsmacht im breiten Feld pflanzengeographischer Forschung abzusichern, zeigt eine Episode, die sich 1820 um einen Artikel im einflussreichen Dictionnaire des sciences naturelles entspann. Die Professoren des Muséum d’histore naturelle als Herausgeber des Dictionnaire hatten Humboldts jüngeren Kollegen de Candolle beauftragt, den Artikel „Géographie botanique“ zu verfassen.[10] Humboldt zeigte sich gegenüber de Candolle ob dieser Entscheidung großzügig, bot sogar an, Daten beizusteuern.[11] Zugleich überzeugte er Verleger und Herausgeber, dem Artikel einen von ihm selbst verfassten Zusatz mit dem Titel „Sur les lois que l’on observe dans la distribution des formes végétales“ anzufügen.[12] Die Überschrift ergänzte er durch die Fußnote: „Cet article est tiré de la seconde édition, inédite, de la Géographie des plantes de M. de Humboldt.“ Diese, zweite Erwähnung der geplanten Neuausgabe an prominenter Stelle und in einer direkten Konkurrenzsituation deutet darauf hin, dass das Projekt nicht zuletzt dem Antrieb entsprang, Teil des pflanzengeographischen Forschungskontexts zu bleiben und, mehr noch, die Rolle des Innovators und Stichwortgebers der Disziplin zu behaupten.[13] [7] Bourguet 2015, 128. [8] Anonym 1820. Vgl. Bereits Güttler 2014, 144. [9] SBB PK, Nachlass Alexander von Humboldt, gr. Kasten 6, Nr. 60. Bl. 1–2[10] Candolle, A.-P. 1820.[11] Humboldt an A.-P. de Candolle, Paris, 7. September 1820. Conservatoire et jardin botanique de la ville de Genève, Bibliothèque.[12] Humboldt 1820. Vgl. Humboldt an L.-C. Levrault, Paris, 18. Juli 1820 sowie ohne Datum [1820], Famille de Candolle, Genève. [13] Auf de Candolles Artikel im Dictionnaire des sciences reagierte Humboldt äußerst dünnhäutig, da er darin nur noch als einer unter vielen Begründern der Pflanzengeographie genannt wurde (Candolle, A.-P. 1821, 361). Vgl. dazu Bourguet 2015.

Vertrag mit den Verlegern Gide und Smith (1825)

4In Briefen an de Candolle und den britischen Botaniker Aylmer Bourke Lambert vom September 1820 erwähnte Humboldt nochmals brieflich das Vorhaben einer „nouvelle édition“ der Ideen zu einer Geographie der Pflanzen.[14] Doch erst vier Jahre später scheint Humboldt diesen Plan wieder aufgegriffen zu haben, denn die nächste Erwähnung des Projektes findet sich in einem am 28. Oktober 1824 aus Paris an Johann Friedrich von Cotta gesandten Brief. Dieser hatte Humboldt offenbar angeboten, eine Neuauflage des Werkes zu veröffentlichen. Humboldt lehnte jedoch ab: [14] Humboldt an A.-P. de Candolle, Paris, 7. September 1820. Conservatoire et jardin botanique de la ville de Genève, Bibliothèque. Humboldt an A. B. Lambert, 17. September 1820. Royal Botanic Gardens, Kew. A. B. Lambert Correspondence.

5„Was die Geographie der Pflanzen betrift so muss ich ja bitten sie nicht wiederzudrukken. Ich habe schon ein lateinisches Werk de distributione geogr[aphica] plant[arum][15] an die Stelle gesezt und gedenke eine neue ganz umgearbeitete Geographie die im Manuscript nicht vollendet ist, herauszugeben. Von dem alten Werke ist nichts mehr wahr als das allgemeine.“[16] [15] Humboldt 1817.[16] Humboldt an J. F. v. Cotta, Paris, 28. Oktober 1824, Humboldt 2009, 136–138, 137.

6Im Februar 1825 schlossen die Pariser Verleger James Smith und Théophile Étienne Gide mit Humboldt sowie dem Botaniker Karl Sigismund Kunth einen Vertrag über die Herausgabe eines Werkes mit dem Titel „Géographie des plantes dans les deux hémisphères, accompagnée d’un tableau physique des régions equinoxiales“.[17] Der Vertragstext enthält Bemerkenswertes: Humboldt teilte sich Autorenschaft und Honorar mit dem Willdenow-Schüler Kunth, der seit 1813 in Paris lebte und den botanischen Teil des Humboldt’schen Reisewerks bearbeitete.[18] Die beiden Verfasser verpflichteten sich, ein Werk in Folio von rund 100 Bogen Umfang, also 400 Seiten, zu liefern, das damit doppelt so lang gewesen wäre, wie der französischsprachige Essai sur la Géographie des plantes von 1807. Dem Textteil sollten „20 bis 25 Tafeln“ beigegeben werden. Der derart erweiterte Umfang in Text und Abbildungen ergab sich aus dem ambitionierten inhaltlichen Konzept der Verfasser: Humboldt und Kunth kündigten ein Werk an, das von der ersten Ausgabe von völlig verschieden sein sollte („entièrement différent de l’Essai sur la Géographie des plantes, publié en 1807“). Während sich der Essai mit den Tropen beschäftigt habe, ja eigentlich nur eine ausführliche Erläuterung des Naturgemäldes der Tropenländer gewesen sei, sollte das neue Werk nun die Pflanzengeographie der gesamten Erde umfassen. Der Druck werde beginnen, sobald die Arbeit an den Nova Genera abgeschlossen war.[19] [17] Humboldt 2009, Dok. 11, 640–641. Humboldts Exemplar liegt im Berliner Nachlass: SBB PK, Nachlass Alexander von Humboldt, gr. Kasten 6, Nr. 41.42, Bl. 3–4.[18] Zu Kunth vergleiche: Vorwort, Briefedition Humboldt-Kunth.[19] Humboldt 1815–1825. Der letzte Band erschien 1826 (Fiedler/Leitner 2000, 313).

Verlagsankündigung des Werkes (1826)

7Die Ideen zu einer Geographie der Pflanzen hatten den programmatischen, thesengeladenen Auftakt des Reisewerks gebildet. Welchen Platz hätte eine neue, nun global gedachte Pflanzengeographie im Werk Humboldts eingenommen? Hätte eine neue Ausgabe die naturgeschichtliche Synthese des – schließlich unvollendet gebliebenen Reisewerks – darstellen können? In seiner selbst verfassten Verlagsankündigung legt Humboldt 1826 präzise fest, welcher Stellenwert der neukonzipierten Geographie der Pflanzen im Reise- und Gesamtwerk zukommen sollte:

8„Das neue Werk gehört wesentlich zu Humboldts ‚Relation historique‘ seiner und Bonplands ‚Voyage aux régions équinoxiales‘ und bildet eine Art Fortsetzung der von Kunth herausgegebenen ‚Nova Genera‘. Da es die größten Probleme der Natur behandelt, so hat es nicht bloß wissenschaftliches Interesse für Botaniker und Physiker, es empfiehlt sich auch all jenen, welche gern Gebirge besuchen oder den Reisenden in der Erzählung über weite Fernen zu folgen lieben. Die botanische Geographie spricht zugleich zum Geist und zur Einbildungskraft; wie die Geschichte jener alten Pflanzenwelt, die im Schoß der Erdrinde vergraben liegt, wird sie zu einer der anziehendsten Studien. Sind die einzelnen Erscheinungen dargestellt und die besonderen Beobachtungen beschrieben, so ist es gestattet, sich zu allgemeinen Ideen zu erheben; auf eine unfruchtbare Anhäufung von Erfahrungen den Fortschritt der Wissenschaften beschränken zu wollen, das hieße die Bestimmung des menschlichen Geistes verkennen!“[20][20] Humboldt 1826b, 59–60. Siehe auch das französische Original: Humboldt 1826a. Dort wird das Erscheinen des Werkes für den 1. Juli 1826 angekündigt. Vgl. Fiedler/Leitner 2000, 421–422.

9Dieser etwas formelhafte Idealismus, an den Schluss des Ankündigungstextes gesetzt, steht auf den ersten Blick in keiner rechten Beziehung zu den vorangehenden Passagen. Diese sind vor allem der Darstellung der biogeographischen Forschungen und ihren Protagonisten seit 1807 gewidmet. Dabei geht Humboldt durchaus auf eigene neuere Beiträge ein, etwa den programmatischen Aufsatz zur Pflanzenarithmetik De distributione geographica plantarum secundum coeli temperiem et altitudinem montium.[21] Vor allem aber betont er die schiere Fülle neuester Veröffentlichungen – er zählt nicht weniger als 57 Gelehrte auf, die innerhalb der vorangegangenen fünfzehn Jahre Beiträge zu dieser Disziplin geliefert hatten. Die jüngsten wissenschaftlichen Reisen hatten zudem wichtige Materialien aus bislang unerforschten Regionen (etwa dem Nordpazifik, Neu-Holland und dem Himalaya) erbracht. Dennoch habe die Geographie der Pflanzen „bis jetzt nicht die schnellen Fortschritte gemacht“, die man hätte erwarten sollen. Den Grund für diese ernüchternde Bilanz meint Humboldt in der einseitigen Ausrichtung der Naturforscher zu erkennen, die oft entweder nur beschreibende Botaniker oder reine Physiker seien. Die Pflanzengeographie sei jedoch eine „gemengte Wissenschaft“, die neben botanischen auch meteorologische, geophysikalische und geologische Kenntnisse erfordere.[22] [21] Humboldt 1817.[22] Humboldt 1826b, 58.

10Was also fehlte, war der „höhere Standpunkt“[23], der erst durch die Sammlung und Verknüpfung von Einzelbeobachtungen verschiedener Teildisziplinen entstehen würde. Humboldt hatte diese pflanzengeographische Gesamtschau 1807 im „Naturgemälde der Tropenländer“ mithilfe der auf der eigenen Reise gesammelten Daten ins Bild gesetzt. 1826 stellte sich die Aufgabe anders dar: Humboldt plante, gemeinsam mit Kunth die zahlreichen neuen in Europa und Amerika erschienenen pflanzengeographischen Abhandlungen sowie unveröffentlichte Materialen, „welche der Verfasser der Freundschaft mehrerer Botaniker und Reisender“ verdankte, zu sammeln, ordnen und zu vergleichen, um daraus eine weltumspannende Geographie der Pflanzen zu schaffen.[24] Doch Humboldt kündigte auch an, das „Naturgemälde der Tropenländer“ von 1807 auch in die neue Ausgabe zu übernehmen – wenn auch in überarbeiteter Form. Von der mehrfach kritisierten Grundannahme, allgemeine Verbreitungsmuster mittels eines regionalen Querschnitts sichtbar machen zu können, wich Humboldt also auch 1826 nicht ab. [23] Humboldt 1845–1862, I, 30.[24] Humboldt 1826b, 58.

Materialsammlung (1825–1826)

11Wie der Verlagsankündigung zu entnehmen ist, planten Humboldt und Kunth, die einzelnen Teile des Buches thematisch untereinander aufzuteilen: „Der Text des Werkes wird von Hrn. von Humboldt sein, die von Kunth hinzugefügten Abhandlungen oder erklärenden Noten werden von diesem Gelehrten unterzeichnet sein.“[25] Tatsächlich finden sich im Humboldt-Nachlass in der Staatsbibliothek zu Berlin zwei Dokumente, die eine klare Arbeitsteilung nahelegen: Im Kasten 6 liegen in einer von Humboldt mit „Botanique Agriculture I“ beschrifteten Mappe zwei Hefte. Das kleinere der beiden, mit den ungefähren Maßen 15 cm x 23 cm, besteht aus 14 Blatt, von denen Humboldt 9 Blatt beidseitig beschrieben hat. Im Heft befinden sich darüber hinaus 14 angeklebte oder eingelegte Zettel und Seiten. Das Deckblatt versah er mit dem Titel „matériaux pour la nou[velle] édit[ion] de la Géographie des plantes » und dem Untertitel « un peu Géogr[aphie] des animaux“. [25] Humboldt 1826b, 58.

12Das zweite Heft mit den Maßen 25 cm x 33 cm besteht lediglich aus acht Blatt, die Karl Sigismund Kunth (jeweils nur auf der Vorderseite) beschrieben hat. Hinzu kommen Ergänzungen Humboldts sowie sechs aufgeklebte oder eingelegte Zettel, ebenfalls von Humboldts Hand.

13Die beiden Hefte sind auf den ersten Blick recht ähnlich aufgebaut: Sie enthalten Themen, Thesen, Forschungsfragen und -ergebnisse, die in die neue Ausgabe der Pflanzengeographie eingehen sollten, in Form durchnummerierter Stichpunkte. Humboldts Heft enthält 20 Punkte, Kunths 33, von Humboldt um einen 34. ergänzt. Schriftbild und verwendete Tinte deuten jeweils darauf hin, dass Kunth und Humboldt ihre Stichpunkte zunächst in einem Schreibakt notierten.

Kunts Ideensammlung

14Unter den Punkten 1 bis 3 notierte Kunth Stichworte zur Definition und Disziplingeschichte der Pflanzengeographie, Pflanzenarithmetik und die physischen Wachstumsbedingungen, deren Untersuchung er als „Hülfswissenschaften“ bezeichnet. Kunth exzerpierte diese Punkte aus Joakim Frederik Schouws Grundzügen einer allgemeinen Pflanzengeographie[26]. Insbesondere notierte er Schouws Beurteilung der von de Candolle vorgeschlagenen Unterscheidung von Pflanzenvorkommen in Statio (Ort, an dem das natürliche Gedeihen einer Pflanze möglich ist) und Habitatio (Ort ihres tatsächlichen Vorkommens, Patria) als widersinnig. Die Berufung auf Schouw und dessen Kritik an de Candolle gleich am Anfang der Kunth’schen Ideensammlung ist nicht zufällig. Humboldt setzte die Neuausgabe der Geographie der Pflanzen in der Ankündigung in direkte Beziehung zu Schouws Grundzügen, denn er gehöre „zu jener kleinen Anzahl von Reisenden, welche zugleich Botaniker und Physiker seien“.[27] So wie Schouw Humboldts Vorarbeiten zur botanischen Geographie übernommen habe, werde auch Humboldts und Kunths Neuausgabe „alles Neue und Wichtige“ der Ideen Schouws aufgreifen.[28] [26] Schouw 1823. [27] Humboldt 1826b, 59.[28] Humboldt 1826b, 59.

15Die in den ersten drei Punkten genannten Themen sollten den einleitenden Teil des Werkes bilden, wie Kunth im mit „Unser Plan“ betitelten Punkt 4 festlegte. Darauf sollte das „allgemeinste aller Vegetation“ geschildert werden (Punkte 4 und 5): die Gesamtzahl der Arten, weltweite Zahlenverhältnisse sowie Verbreitungsgesetze der Arten und Gattungen, Grundsätzliches zu den Vegetationszonen der Erde und zur Arealveränderung von Pflanzen. Die folgenden Punkte 6 bis 33 lassen keine klare Gliederung, etwa im Sinne eines vorläufigen Inhaltsverzeichnisses oder der Entwicklung einer Argumentation, erkennen. 18 Punkte bestehen in Stichworten zu Regionalfloren, etwa „No. 12 Himalaya. Siehe Gowan“ oder „No. 15. Flor von Quito“. Die übrigen Punkte widmen sich Teilbereichen der Pflanzengeographie, wie den Kulturpflanzen, der Akklimatisierung oder der Verbreitung einzelner Gattungen.

Verweissystem

16Die meisten der 33 Stichpunkte hat Kunth mit Verweis-Siglen versehen. Die Siglen werden von den Buchstaben des Alphabets gebildet, die durchgängig in Majuskeln erscheinen. Lediglich den Buchstaben A hat Kunth nochmals unterteilt, wohl weil er annahm, die Siglen A bis Z bereits vergeben zu haben (der Buchstabe J fehlt allerdings oder wurde wegen der Verwechslungsgefahr mit der Majuskel I bewusst ausgelassen), so finden sich die Siglen Ab bis Ah und Ak, jedoch nicht Ai oder Aj. Wie ein Blick auf Blatt 3 bis 6 zeigt, besteht zwischen den Siglen und den Nummern der Stichpunkte keine logische Beziehung. Die Siglen sind also höchstwahrscheinlich nachträglich vergeben worden. Sie verweisen jeweils auf mit identischen Siglen versehene Dokumente Humboldts, die er Kunth wohl zur weiteren Bearbeitung der Ideensammlung übergeben hatte und nur wenig später gemeinsam mit der Ideensammlung von ihm zurückerhielt.[29] Dafür sprechen die zahlreichen aus der Zeit des Buchprojekts stammenden Bearbeitungsspuren Humboldts, vor allem die vier auf Blatt 1 geklebten Zettel. Ebenso wie die Kunth’sche Ideensammlung finden sich wenigstens 26 der von Kunth und Humboldt mit Verweis-Siglen versehenen Dokumente heute an verschiedenen Stellen des Humboldt-Nachlasses. [29] Zwei Dokumente (Sigle D und E) sind von Kunths Hand.

17Das von Humboldt und Kunth auf diese Weise geordnete Material besteht aus recht heterogenen Textarten. Es finden sich briefliche Mitteilungen anderer Gelehrter, die zum Teil die Form eigenständiger wissenschaftlicher Abhandlungen annehmen, sowie zumindest ein Ausschnitt aus einem Druckwerk (Sigle T). Bei der Mehrheit der Dokumente handelt es sich um Notizen und Kommentare Humboldts zu Publikationen anderer Gelehrter. In einigen Fällen stellt Humboldt auf einem Blatt die Forschungsergebnisse zweier Gelehrter zum selben Themenkreis gegenüber, notiert Übereinstimmungen, Ergänzungen und Widersprüche und moderiert diesen Dialog durch seine Fragen und eigene Beobachtungen.[30] Häufiger sind allerdings Exzerpte von wenigen Zeilen, die Humboldt aus nur einem Aufsatz oder einer Buchveröffentlichung vornahm. Den Zetteln gab Humboldt Kurztitel („Arbres fossiles“, „Warm“, „Graminées“), um eine spätere thematische Zuordnung zu erleichterten. Ob diese kleinformatigen Notizen ursprünglich in die Publikationen, aus denen sie exzerpiert worden waren, eingelegt waren, ob also die teils äußerst knappen, fast kryptischen Stichworte und Seitenzahlen lediglich Verweise auf die entsprechenden Stellen im Werk und ausführlichere Marginalnoten darstellen, lässt sich derzeit noch nicht ermitteln.[31] [30] Vgl. Sigle Aa und K. [31] Die Humboldt’sche Exzerpiertechnik erinnert an die – ungleich besser erforschten – Lesegewohnheiten Charles Darwins, der eine Veröffentlichung während der ersten Lektüre mit Unterstreichungen und Randbemerkungen versah, diese in eine Liste am Ende des Werks eintrug und dann in einem zweiten Schritt, oft erst lange Zeit danach, daraus auf einem separaten Blatt Exzerpte vornahm. Wie Humboldt und Kunth nutzte auch Darwin Siglen, um die zahlreichen Textbausteine seiner Publikationen miteinander in Verbindung zu setzen. Vgl. DiGregorio/Gill 1990, xii. Zur Lese- und Exzerpiertechnik europäischer Gelehrter und Schriftsteller um 1800 vgl. Décultot 2014.

18Einige der Dokumente waren ursprünglich im Kontext anderer Publikationen entstanden, oder wurden später entsprechend verwendet, stellten aber offenbar Forschungsprobleme dar, die zunächst oder nochmals in der Neuausgabe der Geographie der Pflanzen aufgegriffen werden sollten. Dies gilt zum Beispiel für ein Manuskript Heinrich Julius Klaproths über die Benennung des Mais und anderer Nutzpflanzen in einigen asiatischen und europäischen Sprachen (Sigle A), das Humboldt 1826 auszugsweise in der zweiten Auflage des Essai politique sur le Royaume de la Nouvelle-Espagne veröffentlichte. Besonders beeindruckend ist die « Énumération des Plantes de la Province de Quito », eine über 600 Einträge umfassende Einteilung der Pflanzen dieser Region in drei Höhenzonen (Sigle F). Die Angaben hatte Humboldt aus den ersten sechs Bänden der Nova genera et species plantarum exzerpiert, möglicherweise für die im siebten Band erschienene Flora Quitensis. Schließlich stellte Humboldt auch vier Blatt seines amerikanischen Reisetagebuchs, die Angaben zu den Nutz- und Heilpflanzen der USA enthielten, zur Verfügung (Sigle Ag).

Humboldts „Matériaux pour la nouvelle édition de la Géographie des Plantes “

19Humboldts Heft stellt ebenfalls eine durchnummerierte Ideensammlung dar und ist darin dem Textkonvolut Kunths sicherlich nicht zufällig sehr ähnlich. Doch bleibt Kunths Heft, vor allem ab dem zweiten Drittel des Manuskripts eine schlagwortartige Aufzählung möglicher Themen.

20Humboldts Ideensammlung ist dagegen inhaltsreicher. Die Diskussion der einzelnen Stichpunkte („Steppe“, „Extrêmes“, „Hybridité“) ist oft thesenartig zugespitzt und geht zuweilen ins Aphoristische. Zwar handelt es sich auch bei Humboldts zwanzig Punkten zum großen Teil um Exzerpte aus Arbeiten anderer Autoren, aber Humboldt positioniert sich bereits in der Zusammenstellung gegenüber deren Forschungsergebnissen und überprüft ihr Urteil über seine Arbeiten zur Pflanzengeographie. Er vergleicht an mehreren Stellen neue Daten zur Pflanzenarithmetik mit seinen Zahlen (zum Beispiel Blatt 5r „Zahlenverhältnisse der Familien“: „meine bestätigt“) und unterzieht andere der Kritik ( „Géographie, sous les rapports de l’histoire naturelle“, Bl. 23r).

21In den beiden Ideensammlungen Humboldts und Kunths finden sich zahlreiche thematische Überschneidungen. Neben der bereits erwähnten Pflanzenarithmetik gehören dazu die Themen der Verbreitungsgrenzen, Pflanzenmigration und Akklimatisierung sowie ein starkes Interesse an neueren Regionalfloren, vor allem Nordamerikas. Aber nur Humboldts Dokument enthält Notizen zur Tiergeographie. Gleich im ersten Punkt der Sammlung exzerpiert Humboldt Informationen zur Nahrungskette der zentralasiatischen Steppe aus dem von Martin Hinrich Lichtenstein verfassten „naturhistorischen Anhange“ zu Eduard Evermanns Reise von Orenburg nach Buchara und vergleicht Lichtensteins Darstellung mit der eigenen im Reisebericht Relation historique veröffentlichten Darstellung zu Nahrungsbeziehungen in den Llanos von Neu-Granada (Bl. 2r).[32] Mitteilungen des Ichthyologen Achille Valenciennes’ zur nord-südlichen Verbreitung der Fischarten entlang der Küsten des Atlantiks stellt Humboldt mündlichen Angaben des Algologen Jean Vincent Félix Lamouroux über die Geographie der Meerespflanzen gegenüber (Bl. 3v, 5r). [32] Eversmann/Lichtenstein 1823. Humboldt 1814–1825.

Epilog

22Die Neuausgabe der Geographie der Pflanzen ist wohl über die frühe Projektphase der Materialsammlung und -Ordnung nicht hinausgekommen. Zwar gab Humboldt noch im Herbst 1825 bei dem kurz zuvor aus Brasilien zurückgekehrten Landschaftsmaler und Zeichner Moritz Rugendas einige der für das Werk bestimmten Bildtafeln in Auftrag („eine Palme, ein baumartiges Farnkraut, eine Banane“), die das Kapitel „Physiognomie der Gewächse“ illustrieren sollten. In einem am 1. Februar 1826 verfassten Schreiben ergänzte Humboldt seine Bestellung noch einmal und bat um „Skizzen von Araukarien und Bambusen, alles, alles, auch ein Kaktus und Manglegruppen würden uns sehr willkommen sein.“[33] Doch scheinen die im Herbst 1826 in Druck gegangenen Verlagsankündigungen in französischer und deutscher Sprache den Endpunkt des Projektes gebildet zu haben. Die Verleger Gide und Smith einigten sich am 13. Januar 1827 mit Humboldt und Kunth in einem Vertragszusatz darauf, dass der Druck des Werkes erst beginnen werde, wenn das gesamte Manuskript vorliege und dass eine Honorarzahlung nur bei Erscheinen der ersten Lieferung erfolgen würde.[34] Dieser Zusatz lässt mit einiger Sicherheit darauf schließen, dass Humboldt und Kunth bis zu diesem Zeitpunkt kein Manuskript geliefert hatten. Humboldt verließ Paris im April 1827.[33] Ausführlich: Werner 2013, 96 – 100.[34] Humboldt 2009, Dok. 10, 642. Der von Kunth und Humboldt gegengezeichnete Vertrag liegt im Berliner Nachlass Humboldts: SBB PK; Nachlass Alexander von Humboldt, gr. Kasten 6, Nr. 41.42, Bl. 5-6.

23Die nie erschienene zweite Ausgabe der Geographie der Pflanzen lässt sich aus den vorliegenden Ideenlisten, Notizen und Briefen nicht rekonstruieren. Das abgeschlossene Werk bildet selten ersten Plan ab.[35] Was bleibt, ist ein Blick auf den Schreibtisch der Autoren: Am Anfang des wissenschaftlichen Schreibens stehen Lektüre und Exzerpt. Die von Humboldt und Kunth zusammengestellte, kommentierte und annotierte Sammlung von Exzerpten, Thesen und Stichworten erlaubt die Rekonstruktion ihrer Sicht auf die botanische und biogeographische Forschung in Europa und Amerika um 1825. Wir erfahren etwas über eine arbeitsteilige Projektarbeit, in der das Arbeitsmaterial in Form von Zetteln und Heften zwischen Autoren hin und her wanderte und gemeinsam bearbeitet wurde. Die digitale Edition der im Nachlass weit verstreut abgelegten Fragmente zur Neuausgabe der Geographie der Pflanzen ermöglicht, die einzelnen Texte miteinander genau in diejenige thematische Beziehung zu setzen, die das Verweissystem Humboldts vorsah. Die nun in der edition humboldt digital vorgelegten Dokumente können damit zu einer weiteren inhaltlichen Erschließung der Humboldt-Nachlässe in Berlin und Krakau anregen.[35] Hoffmann 2008, 19.

Anmerkungen

Zitierhinweis

Päßler, Ulrich: Dokumente zu einer Neuausgabe der Geographie der Pflanzen – Einführung. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 2 vom 14.09.2017. URL: http://edition-humboldt.de/v2/H0016420


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Über den Autor

 

Ulrich Päßler

Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

paessler@bbaw.de

Ulrich Päßler, geb. 1975. Studium der Neueren und Neuesten Geschichte sowie der Politikwissenschaft in Tübingen, Freiburg i. Br. und Amherst/Massachusetts. 2007 Abschluss der Promotion an der Universität Mannheim. Seit 2015 Mitarbeiter im Akademienvorhaben "Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung".