Editorischer Kommentar

Diese handschriftliche Notiz über den Artenreichtum des Berliner Botanischen Gartens stellte Carl Sigismund Kunth Humboldt für die dritte Auflage der Ansichten der Natur zur Verfügung. Humboldt veröffentlichte darin einen Teil dieses Manuskripts seines „vieljährigen Freundes und Mitarbeiters“ (Humboldt 1849, II, 140–142). Es wird hier erstmals vollständig wiedergegeben.

| 1rVorgetragen in der Sitzung des Königl. Preuß.
Gartenbauvereins am 27[.] Dec. 1846.

Anmerkung des Empfängers (am oberen Rand) Kunth I Obgleich der hiesige botanische Garten seit langer Zeit und
zwar mit Recht für den wichtigsten gilt, d. h. für denjenigen,
welcher gleichzeitig die größte Zahl lebender Pflanzen auf-
zuweisen hat, so gründet sich diese Behauptung mehr
auf eine ungefähre Abschätzung, und veranlaßte manche
übertriebene Angabe. Erst nach Anfertigung eines systema-
tischen Katalogs konnte eine wirkliche Zählung vor-
genommen werden, wonach sich jene Zahl auf 14061.
beläuft. Bei einer genaueren Bearbeitung des Katalogs
dürfte sich jedoch ergeben, daß einerseits vorhandene Pflan-
zen ausgelassen worden sind, oder während der Anfer-
tigung hinzugekommene darin noch fehlen, anderseits
Arten doppelt aufgeführt oder seitdem wieder einge-
gangen sind. Da aber nothwendig hierbei eine unge-
fähre Ausgleichung statt findet, so dürfte dies in der
angegebenen Zahl keine bedeutende Aenderung hervor-
bringen, sich diese vielmehr auf circa 14.000 an-
nehmen lassen. Nebenrechnung des Empfängers (am unteren Rand)3500 | 7[000] [-] 2000 [=] 5000

| 1vHierunter befinden sich: 375 Farne, 458 Gräser,
140 Cyperaceen, 459 Orchideen, 55 Palmen[,]
132 Coniferen, 428 Labiaten, 1574 Compositen,
369 Umbellaten, 403 Cruciferen, 460 Caryophylleen,
1142 Leguminosen u. s. w.[.]

Rechnet man zu obigen 14000 hier vorhandenen
Arten noch die zahlreichen Arten anderer Gärten,
welche der unsrige noch nicht besitzt, so läßt sich ohne
Uebertreibung die Zahl sämmtlicher in den
botanischen Gärten cultivirter Phänerogamen
auf 20.000 schätzen. Die Farren bringen
hierin keine namhafte Aenderung hervor.

Da nun kaum anzunehmen ist, daß wir
den 9ten  innerhalb der Zeile8ten oder 9ten Theil aller  über der Zeilebis jetzt bekannten
Phänerogamen kultiviren, so würde hiernach
jene die ungefähre Zahl von 150 Arten  innerhalb der Zeile
150.000 Arten
erreichen.Nebenrechnung des Empfängers (am rechten Rand)458 [+] 140 [=] 598

Nebenrechnung des Empfängers (am rechten Rand)140.60 [-] 375 [=]  Diese Berechnung arbeitete Humboldt in den Druck des vorliegenden Manuskripts ein: „[Die Zählung im Berliner Botanischen Garten] ergab etwas über 14060 Arten; und wenn man von diesen 375 cultivirte Farren abzieht, so bleiben 13685 Phanerogamen [...].“ ( Humboldt 1849, II, 141).
 [Schließen]
13685

Diese Abschätzung dürfte nicht übertrieben
| 2rerscheinen, wenn man erwägt, daß wir von vielen
der größten Familien z. B. den Guttiferen, Malpig-
hiaceen, Melastomeen, Myrtaceen, Rubiaceen[,]
kaum den 100ten Theil, von den Gräsern blos
den 10ten Theil, u. s. w. cultiviren. Eine ungefähre
Abschätzung der in Decandolle und Walpers
aufgeführten Compositen ergiebt circa 10.000 Arten[,]
wovon wir etwas mehr als 1500, also etwa den 7ten
Theil in unsern Gärten aufzuweisen haben.

Um jedem Mißverständnisse vorzubeugen, wieder-
hole ich nochmals, daß, wenn ich den hiesigen Garten
für den wichtigsten erkläre, es sich hier blos um die
Zahl der gleichzeitig vorhandenen Pflanzen handelt,
und daß damit keineswegs gesagt sein soll, daß
nicht andere botanische Gärten in Deutschland, Belgien,
Holland
, Frankreich und England oft schönere und
seltnere Exemplare besitzen als wir, nicht eine
Menge von Pflanzen aufzuweisen haben, welche uns noch
fehlen, nicht in Hinsicht der Treibhäuser prächtiger
ausgestattet sind, als der unsrige, aber ich wiederhole
| 2vnochmals, keiner dürfte ihn an Reichtth  innerhalb der ZeileReich-
thum
der Arten nur einigermaßen gleichkommen.

Wie sehr man darauf bedacht ist, ihn fortwährend
zu bereichern, beweißt [sic], daß seit 3 Jahren die
Zahl der neu acquirirten Pflanzen, worunter sich
freilich auch ein großer Theil dem Garten im
Laufe der Zeit verlohren gegangenen [sic] befinden,
sich auf mehr oder an nahe  innerhalb der Zeileauf nahe an 3000 beläuft.

Diese einfache Thatsache ehrt mehr als alle
Lobsprüche die umsichtige Thätigkeit unseres jetzigen
eben so talentvollen als bescheidenen Inspectors.

CKunth

Zitierhinweis

Kunth, Carl Sigismund: Vortrag über die Artenvielfalt des Berliner Botanischen Gartens (Berlin, 27. Dezember 1846, Auszug), hg. v. Ulrich Päßler unter Mitarbeit von Ingo Schwarz. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 2 vom 14.09.2017. URL: http://edition-humboldt.de/v2/H0015190


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