1Mit dem nun vorliegenden Manuskript Alexander von Humboldts „Isle de Cube“ schließt sich erneut eine Lücke der Humboldt-Forschung, nachdem vor einigen Jahren das fehlende Stück von Mexiko-Stadt nach Veracruz publiziert wurde.[1] Es handelt sich um einen Text, der Humboldts und Bonplands zweiten Besuch auf Kuba vom 19. März bis zum 29. April 1804 beschreibt, also einen relativ kurzen Aufenthalt, bevor die beiden Forschungsreisenden sich über eine letzte Zwischenstation in den USA auf den Rückweg nach Europa machten. Während ihres ersten Aufenthaltes auf Kuba (19.12.1800–29.3.1801) waren sie nach einem längeren Aufenthalt in Havanna in den Süden der Insel gereist, um mehrere Haciendas zu besuchen, und dann die Weiterreise zu Schiff von Trinidad Richtung Cartagena (Hafenstadt im heutigen Kolumbien) anzutreten. Nur von diesem Teil seiner Reise auf Kuba existierten bisher im Tagebuch Schilderungen[2]. [1] Humboldt 2005[2] ART II u. VI, 187r-203v, siehe Humboldt 2003, 41ff.

2Nun, 1804, hielten sie sich (bis auf kurze Ausflüge) nur in der Hauptstadt auf, und Humboldt schien auch eher unzufrieden mit diesem Aufenthalt gewesen zu sein, wie er nach der Weiterreise in sein überliefertes Tagebuch notierte: „Nous partîmes le 29 avril 1804, tous trés peu contents de notre second séjour de la Havane. Cet endroit nous parut agréable en 1800 venant des déserts de l'Orénoque. Il nous parut peu intéressant à présent venant du Mexique, où il y a peut-être un peu moins de libéralité d'idées […], mais au moins de grands établissements scientifiques. A la Havane toutes les conversations roulent autour du grand problème de faire avec moins de Nègres le plus de pains de sucre en un jour [...] Avec cela rien que le résumé numérique, aucun intérêt technique, pas d'idée physique, pas de recherche de causes...“[3] [3] ART IX, 142r, zitiert nach Humboldt 2003, 395

3Humboldts Tagebücher sind keine Tagebücher im üblichen Sinn, die Tag für Tag eine chronologische Schilderung der Amerikareise bieten. Sie sind eher eine Materialsammlung. Die Reisebeschreibung wird unterbrochen durch seitenlange Messreihen, Essais zu naturwissenschaftlichen Themen, Literaturauszügen, Beobachtungen und Reflexionen, …. Später hinzugefügte Randbemerkungen beweisen ihren weiteren Gebrauch auch nach der Reise. Humboldt notierte alles, was er für seine Publikationen verwenden wollte, in verschiedene Hefte, die er offenbar nach der Rückkehr für seine Publikationen auseinander nahm und später erneut und in anderer Zusammenstellung neu binden ließ. In dieser Form liegen die gebundenen Tagebücher heute in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (SBB-PK), und auf diesem Wege waren vermutlich einzelne Teile in andere Konvolute von Humboldts umfangreichem Nachlass (13 Kästen in Berlin und 12 Kästen in der Biblioteka Jagiellońska in Krakau) gelangt, wo sie erst spät wieder entdeckt wurden. So liegt beispielsweise ein Stück über den Beginn von Humboldts Amerikareise durch Spanien in der SBB-PK[4], die Mexiko- und Kuba-Stücke in den Kästen 1–3 („Statistik von Mexiko und Kuba“) der Biblioteka Jagiellońska.[5] [4] Nachl. Humboldt, gr. K. 5, Nr. 15[5] Genauer zur Geschichte siehe Erdmann/Weber 2015.

4Das vorliegende Cuba-Manuskript, das die Situation während Humboldts Aufenthalt von 1804 widerspiegelt, ist durch spätere Ergänzungen bis mindestens 1814 weitergeführt worden. Hier diente vor allem Francisco de Arango y Parreño als wichtigste Quelle. Mehrere seiner vielfältigen Publikationen zu den Themen Sklaverei, Zuckerproduktion und Bevölkerung flossen in Humboldts Manuskript ein.

5Der Kubaner Francisco Arango y Parreño, „der Adam Smith der Plantagenwirtschaft, […] einer der Urväter der Analyse der amerikanischen Massensklaverei und einer Theorie des funktionellen Rassismus“[6], beeinflusste Humboldts Sicht auf die Sklaverei und die Zustände in den Zuckerplantagen besonders stark. Unter seiner Federführung waren neue Gesetze zur Sklaverei entstanden, die beispielsweise den Umgang mit geflohenen Sklaven regelten.[7] Einige der im Manuskript erwähnten und zitierten Literaturquellen befinden sich (meist ebenfalls in Abschriften) im Nachlass Humboldts in Krakau, der sich damit als Spiegel von Humboldts Kenntnissen über Kuba erweist. [6] Zeuske 2013, 46[7] Arango y Parreño/Torrontégui 1796

6Allerdings ist das Kuba-Manuskript in seiner Form nicht typisch für die Tagebücher Humboldts. Es ist von 1 bis 38 durchnummeriert, wobei diese lineare Systematik offenbar Humboldt nicht ausreichte, so dass er sich des Hilfsmittels vieler Querverweise bediente. So betreffen die Nummern 2, 6, 10, 13, 15b, 25, 28, 31, 34 und 35 das Thema Sklaverei, und in manchen dieser Nummern wird aufeinander verwiesen (z. B. in Nr. 34 auf 28 und umgekehrt), wodurch sich aus der linearen Struktur eine gewisse Relationalität entwickelt: typisch für Humboldts Versuche, konventionelle Darstellungsformen auszuweiten.

7Aber Humboldt wollte eben nicht einen Essay zur Sklaverei schreiben, wenn auch dieses Thema einen gewissen Vorrang hat. Weitere Themen sind: Wirtschaft, Technik und Export von Zucker-, Kaffee- und Tabakproduktion (Nr. 1, 7, 8, 12, 15, 16, 22, 23, 26, 29, 38) und Bevölkerungsstatistik (Nr. 9, 10, 36). Es handelt sich also um die Vorstufe einer sozialökonomischen Studie, die dann – wesentlich erweitert durch aktuelle Literatur – zum Essai politique sur l’île de Cuba[8] führt. In kleinerem Umfang sind jedoch ebenfalls die für Humboldts Tagebücher üblichen naturhistorischen Themen vorhanden: Zoologie (Nr. 3, 14), Botanik (Nr. 4, 14), Geowissenschaften (Nr. 5, 11, 17, 37), Meteorologie (33) und in geringem Maß auch Kultur und Ethnographie (Nr. 16, 32, 37). Diese thematische Vermischung ist wiederum typisch für Humboldts Tagebuchstil, doch zeigt die durch Nummern geordnete Struktur, dass es sich – wie es auch in manchen anderen Fällen in Humboldts Tagebüchern vorkommt – nicht um Notizen an Ort und Stelle, sondern um ein stärker ausgearbeitetes Manuskript handelt. Noch deutlicher wird das am Anhang sichtbar, der – überschrieben mit „de mon Journal de la Havane“ – unter dem Titel „Sur la population de l'Isle de Cube en 1804“ einen ersten Entwurf zum Anhang „Tableau de la population considerée d'après la difference de race, de langue et de culte“[9] darstellt. [8] Humboldt 1826[9] Humboldt 1826, II, 377-408

8Die Herausgeber danken der Biblioteka Jagiellońska (Krakau, Polen) für die vielfältige Hilfe bei der Arbeit im Archiv und die freundliche Genehmigung der Publikation.

Anmerkungen

Zitierhinweis

Leitner, Ulrike: Vorwort. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 2 vom 14.09.2017. URL: http://edition-humboldt.de/v2/H0002927


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Über den Autor

 

Ulrike Leitner

Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

leitner@bbaw.de

Ulrike Leitner ist Mathematikhistorikerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Vorhaben „Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Schwerpunkte ihrer Tätigkeit sind die Bibliographie der Werke Alexander von Humboldts und die Edition seines handschriftlichen Nachlasses: Tagebücher, z. B. Alexander von Humboldt: Von Mexiko-Stadt nach Veracruz - Tagebuch (Humboldt 2005) und Korrespondenzen, z. B. Alexander von Humboldt - Friedrich Wilhelm IV. - Briefwechsel (Humboldt 2013).