| 1r

Anmerkung von Humboldt (am oberen Rand)Kunth IIIHochverehrtester Gönner,


Auf die an mich hochgeneigtest gerichteten Fragen
habe ich die Ehre ganz ergebenst zu erwiedern:

1) als Beispiele des scheinbaren Contrastes zwischen
den Vegetationsorganen und Blüthentheilen
dürfte folgendes anzuführen sein:

a) Pflanzen, die bei äußerer Uebereinstimmung,
eine sehr verschiedene Blüthen- und Fruchtbildung
zeigen: Palmen und Cycadeen (die letzteren
den Coniferen am nächsten verwandt.); Cuscuta (eine
Convolvulacée) und Cassytha  Kunth 1831.
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Anmerkung von Humboldt (innerhalb der Zeile)Kunth p 369
(eine Laurinée);
Equisetum (eine Familie der Cryptogamen), Ephedra
(mit Gnetum eine besondere den Coniferen am nächsten
  | 1vverwandte Familie, die Gnetaceen, bildend) und
Casuarina (diese gehörte früher zu den Amentaceen,
und bildet jetzt eine den Myriceen verwandte
Familie); Cactus und Euphorbia officinarum
und E. antiquorum; endlich Stapelia (aus
der Familie der Asclepiadeen) sieht wie Cereus
aus (eine Abtheilung von Cactus).

b) Pflanzen, die bei Uebereinstimmung
in der Blüthen- und Fruchtbildung, ein
sehr verschiedenes äußeres Ansehen haben:
Cactus und Ribes; Palmen und Juncus;
Coniferae und Cycadeae, Myriceae und
Casuarineae; Primualaceae (sämmtlich ☉ oder
Stauden) und Ardifeaceen (Bäume und
Sträucher); Onagrae (Oenothera, Fuchsia)
und Halorageae (Myriophyllum, Hippuris);
[...] Papayaceae (Carica) und
Cucurbitaceae.

| 2rc) Pflanzen aus derselben Familie von
 innerhalb der Zeilesehr verschiedenem äußern Ansehen:
Saxifraga und Cunonia (Saxifrageae),
Cuscuta und Convolvulus (Convolvulaceae),
Laurus und Cassytha (Laurineae),
Tilia und [...] Antichorus depressus
(ein kleines einjähriges Gewächs) (Tiliaceae)
Cereus, Pereskia, Rhipalis, Melocactus
und Echinocactus (Cacteen),
Vicia und Robinia (Leguminosae),
Trifolium und Cercis (Leguminosae),
Pisum und Myroxylon (Leguminosae).

2.) Physionomie [sic]Anmerkung von Humboldt (innerhalb der Zeile)? ? und Aehnlichkeit der In-
florescenz finden sich, außer bei den von
Ihnen selbst angeführten Familien (Gräsern
Cyperaceen, Palmen, Coniferen, Umbelliferen),
auch bei den Compositen (Köpfchen), den Cruci-
feren (Trauben und Aehren), den Aroideen
| 2v4. (Spadix und Spatha) und den meisten übrigen,
auf äußeres Ansehen gegründeten Pflanzen-
gruppen; so zeichnen sich die Proteaceen durch
zapfenartige Aehren und Köpfchen, und die
Labiaten durch die wirtelständigen Blüthen
aus. Bei den Leguminösen läßt sich aber
eine solche Uebereinstimmung nicht wahr-
nehmen, wenn man diese Gruppe in ihrer
weitesten Ausdehnung nimmt. Theilt man
sie aber in Papilionaceen, Caesalpinieen
und Mimoseen ein, so ist die  innerhalb der Zeilebildet
bei den letztern die Inflorescenz jederzeit
dichte Aehren oder Köpfchen.

3. Beispiele, wo in derselben Gattung folia
simplicia und composita (pinnata, ternata,
digitata) vorkommen kommen  innerhalb der Zeilesind ziemlich
häufig, z. B. Bignonia, Rosa (berberifolia)
Cissus, Rhus (R. Cotinus), Spiraea, Fraxinus
| 3r5. (F. simplicifolia), Jasminum etc.
Außerdem kommen auch Fälle vor, wo sich
bei Foliis ternatis blos das Endblättchen aus-
bildet, was alsdann mit dem Blattstiel ge-
gliedert
erscheint (z. B. Citrus.)

Eine merkwürdige Blattform, nämlich ein
sogenanntes Folium lomentaceum kommt bei
Phyllarthron (aus der Familie der Bignoniaceen)
vor. Es entsteht, indem sich an einem
folium imparipinnatum mit geflügelter
Rhachis und Blattstiel blos das gipfelständige
Blättchen ausbildet[.]*

 Schematische Zeichnung der Blattbildung bei der Gattung Phyllarthron. [Schließen]

Phyllodia, wie bei den Neuholländischen
Acacien, finden sich auch bei einigen
strauchartigen Oxalis-Arten, namentl.
bei der brasilianischen O. mandioccana
Raddi.

Ihre Frage, ob es Rosaceen mit einfachen
Blättern giebt, beantworte ich, ohne zu wissen
| 3vob Sie die Familie bei ihrer frühern (Jussieuschen)
Begrenzung oder bei der neuern engeren verstehen,
beantworte ich mit ja, habe aber die Ehre folgendes
zur Erläuterung hinzufügen [sic]:
Die Drupaceen (Prunus, Amygdalus) haben
jederzeit einfache Blätter, die Pomaceen (Pyrus,
Mespilus, Cydonia) Sorbus gleichfalls, mit
Ausnahme von Sorbus; die eigentlichen
Rosaceen (Potentilleen, Rubus, Rosa) haben
Folia ternata, digitata und pinnata, Spiraea
 über der Zeile gleichzeitig dagegen, folia si die ebenfalls zu den ächten
Rosaceen gehört, folia simplicia und
Composita zugleich. Die Sanguisorbeen
endlich nähern sich den Potentilleen,
und haben wie diese Folia composita.

Die Familie der Rosaceen hat hiernach,
bei der ältern Begrenzung, eben so wenig,
wie die Leguminosen, eine äußere Physionomie [sic],
wenn ich mich so ausdrücken darf.Aufgeklebte Notiz des Autors (am linken Rand) | 4rBei der Leguminosen kommen selten
einfache Blätter vor, z. B. bei
Cercis aus der Abtheilung der Papilio-
naceae, und bei Bauhinia, welche zu
den Caesalpinieen gehört. | 4v

| 5r(Die Berberis-Arten mit gefiederten Blättern bilden die Gattung Mahonia.)

Ihre Bemerkung, daß die meisten zusammen-
gesetzten Blätter bei den Dicotyledones poly-
petalae (welche auf der höchsten Stufe der Aus-
bildung stehen) vorkommen, hat mich als neu
überrascht. Bei den Monopetalen kommen
wirklich Folia composita blos bei den Bignoniaceen
und Jasmineen vor. Die Solaneen, Valeria-
neen, Fabian Labiaten, Compositen haben,
und zwar nur zuviele, scheinbar gefiederte
(d. h. fiedrig zerschnittene) Blätter.

Wenn die Gliederung der einzelnen
Blättchen mit dem Hauptstiel das Criterium
für zusammengesetzte Blätter ist, so finden
sich bei  innerhalb der Zeiledergleichen bei den Monocotyledonen
nicht vor, als dann würden aber auch
die Rosaceen (Rosa, Potentilla, Rubus) keine
zusammengesetzten Blätter haben!!
| 5v8 Folgt man dagegen der ältern Ansicht, so
haben viele Anthurium- (Pothos-) und Dioscorea-
Arten Folia digitata, und die größte Hälfte
der Palmen Folia pinnata.

4) Das von Decandolle und Ramond
angeführte Rhododendrum ist ferrugineum
denn (R. hirsutum kommt in den Pyreneen
nicht vor). Decandolle sagt in seiner   Lamarck/Candolle 1805-1815, III, 673.
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Flore
française
: il croit ordinairement entre
1500 et 2500 metres d’élevation audessus du
niveau de la mer. Je l’ai trouvé dans le
Jura
, au fond d’un Creux du Vent, dans
un lieu qui n’a pas plus de 1000 à 1100
metres de hauteur. 

5. Die Areca von Neu-Zeeland ist
Areca sapida Soland. in Forst.   Forster 1789.
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Plant. esc.

Endl.
  Endlicher 1833.
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Flor. Norfolk.
26. Sie wächst in Insula
Norfolk
(Forster, Bauer) und in Nova
Zeelandia
(J. Banks, A. Cunningham.)

| 6r9 6) Bei Pandanus bilden die Blätter mehr-
gliedrige, aufsteigende Spiralen.

7. In Decandolle’s   Candolle 1824-1873.
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Prodromus
werden von

Bentham
2397 Labiaten angeführt, darunter

410 Salvia
250 Hyptis
168 Stachys
113 Nepeta
92 Teucrium
86 Scutellaria
66 Plectranthus
1186. Diese 7 Gattungen bilden also die
Hälfte aller bekannten Labiaten.

8.) Bentham beschreibt in Decand.   Candolle 1824-1873.
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Prodr.

429 eigentliche Ericen und 10 Pflanzen,
welche früher dieser Gattung angehörten, jetzt
aber die Gattungen Calluna, Macnabaea
und Pentapera bilden.
In den Mascarenen-
Inseln
( Mauritius , Madagascar) wird
| 6vdie Gattung Erica durch Philippia vertreten,
jedoch finden sich auch 2 Philippia am
Vorgebürge der guten Hoffnung.

9) In einer Abhandlung von Griffith:
  Griffith 1845.
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The Palms of the British East India

in dem Calcutta Journal of Natural
History, die  über der Zeileich aber leider nur unvollständig
(bis pag. 146) besitze, werden 45 neue
Palmen
aufgeführt. Die Zahl aller
bekannten Palmen würde hiernach er-
höhet werden müssen.

Ueber das Verhältniß meiner
Cousine
zu Gustav Rasch weiß ich nichts,
indem wir schon seit Jahren außer
aller Verbindung mit ihr stehen.Aufgeklebte Notiz des Autors (am rechten Rand) | 7r Pirijao vel Pihiguao, trunco aculeato, foliolis membra-
naceis, undulato-crispis, singulis racemis 50 vel 80
fructus largiens pomiformes, speciosissimos, flavos, ma-
turitate rubescentes, plerumque abortu apyrenos,
2–3 pollicares, coctos vel assos alimentum prae-
bentes, Musae et Solani tuberosi modo, farinosum,
saluberrimum. Cultam vidimus procerrimam
hanc palmam in ripa Orinoci et Atabapi
propter pagos San Balthasar et Santa Barbara.
An genus novum?   Humboldt/Bonpland/Kunth 1815-1825.
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Nov. Gen. et Spec.
I p. 315. | 7v

| 8rIm Publicum genießt aber dieser Mann
keinen guten Ruf.

Mit innigster Verehrung
Ihr
dankbar ergebenster CKunth.

Berlin

den 13ten Januar
1849.

Wie gern ich Ihnen immer mit dergleichen
kleinen Ausweisen zu Befehl stehe,
brauche ich wohl nicht von neuem zu
versichern.

| 8v

Anmerkung des Empfängers (am oberen Rand) Prof Kunth gegen die Physiognomik[.]

Zitierhinweis

Von Carl Sigismund Kunth an Alexander von Humboldt. Berlin, 13. Januar 1849, hg. v. Ulrich Päßler unter Mitarbeit von Klaus Gerlach und Ingo Schwarz. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 2 vom 14.09.2017. URL: http://edition-humboldt.de/v2/H0015159


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