| 1rIch habe Ihnen lange nicht geschrieben, mein Bester, deswegen
aber viel gearbeitet, auch neue Versuche gemacht. Ich
kam nach Berlin, um hier mein  Humboldt 1797.
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MSS. über den
Nerven[-] und Muskelreiz
zu vollenden, aber meine Hofnung ist
sehr vereitelt worden. Der Min. v Hardenberg blieb leider!
bis jezt noch hier. Er nahm Bareuthische [sic] Angelegenheiten
mit dem Kabinetts Ministerium vor u ließ mich arbei-
ten. Alle meine Zeit ging darüber vers  innerhalb der Zeileverloren u
ich konnte nur rhapsodische Stunden auf Versuche wenden.
Messen Sie mir daher keine Schuld zu, daß Sie
so lange keine Antwort u keine MSS. erhielten.
Ich gehe den 10ten von hier in meine Einsiedelei
nach Bayreuth ab u von da aus schikke ich Ih-
nen Ruk auf Ruk (wenn Sie es nicht abbestellen
od mir wegen der Kriegsunruhen abrathen) mein MSS.
Durch Sie erhält es Blumenbach. Im Julius od August
ist es gedrukt, bei Dekker der mit  Louis d’or: Goldmünze (Frankreich)3 Louisd'or pro
Bogen geboten. Ich bin außer mir vor Freuden, daß meine
Versuche Ihren Beifall haben. Sie allein können
mich beim Publikum heben. Es haben sich hier Gesellschaf-
ten zusammengethan, Selle, Herz, Hermbstedt, Klaproth, vor
denen ich experimentirt. Man hat alles untersucht u
richtig gefunden. Ich habe bemerkt, daß bei den wun-
| 1vdersamen Phänomenen, wo man einen Schenkel bloß
dadurch zukken läßt, daß die Spize des nervus
cruralis in ol. tart. getaucht wird, die Zuk-
kung vom Zeh anfängt u so in den gastro-
cnemius übergeht. Glauben Sie gar nicht, daß die
alcalien in so fern reizen, als sie Wasser an-
ziehen. Das reine Wasser bringt ja gar
kein Phänomen hervor, was nur damit in Ver-
gleich stände. Selbst das loser gebundene oxygen
in dephlogistis. Kochsalzs. u Arsenikkalch wirkt un-
endlich schwächer, als das ol. tartari. Herrn Creves
Ideen scheinen mir unendlich einseitig. Soll
der Galvan. durch Wasserzersezung erklärt werden, so
ist dabei wohl auf oxygen im Wasser gerechnet, das al-
lerdings eine große Rolle in der Maschine spielt.
Aber Stoffe, die kein oxygen halten, sondern azote
Anmerkung des Autors (am unteren Rand)⎡Oxide de mercure mit flüssigem Gewächsalcali destillirt gibt regul. Queksilber und Salpetersäure.  am linken Randwie alcalien, wirken unendlich heftiger als dephlog. Kochsalzs.[.] Bed-
does
, Girt. Theorien sind darum falsch, weil
sie alles auf 1 Stof reduciren, da doch Leben
das Resultat mehrer Kräfte, mehrer Stoffe ist.
Entzündlichkeit und Irritabilität sind verwandt u
der Lebensprozeß ist ein zusammengesezter entzünd-
licher Proceß. Denken Sie wohl daran, daß die edel
sten Feuchtigkeiten des Körpers, Gehirn und Saamen, beson-
ders Saamen nach Vauquelin so viel freies Mi-
neralalcali enthalten? Der Saamen wird im Blut
resorbirt u dadurch glaub ich der reizen-
de alcalische Stoff ins ganze System verbreitet.
Ich habe endlich einen Versuch entdekt, der zuerst
ganz widerlegt, daß das Galvan. fluidum nicht Electr.
| 2rist. Electr. wird besser durch Lichtflammen als
durch Metalle geleitet.  Schematische Zeichnung eines galvanischen Versuchs [Schließen]

a sei ein conductor u c ein Licht, so ströhmt
alle Electr. durch c nach d, gar keine aber nach b
heraus. Das Galvan. fluidum wird aber durch Flammen
gar nicht geleitet. c sei eine nerven Armatur von Zink
u die Leitung der silbernen Drähte a und b sei
durch Flammen unterbrochen. Es zukt nie, bis a und b
sich selbst berühren. Das ist wichtig.

 Schematische Zeichnung eines galvanischen Versuchs sowie unkenntlich gemachte Skizze [Schließen]

Wilhelm, mein bester, hat allerdings die  über den ursprünglichen Text geschriebennervi cardiaci des
Fuchses gesehen u den Puls des Herzens verändert
ohne das Herz zu berühren. Er berührte bloß den
Nerv. Nemlich er schob Stanniol unter den Nerv u berührte
mit Silber Nerv u Stanniol. Das Silber traf das Herz gar
nicht.

Ihre Einwendungen sind mir unendlich wichtig, so wie
alles was von Ihnen kommt. Prächtig ist Ihr Buch
übers Seelenorgan. Auch habe ich nie erfahren, daß
irgend eine Schrift so allgemeine Sensation
machte, als diese. Ich habe nicht Zeit Ihnen heute
mehr als den allgem. Ausdruk meiner Empfindungen
zu geben. Ich las jezt auch erst Ihr Buch über
die vasa absorbentia. Welch ein Schaz von Entdekk
ungen u Ideen. Sie sind, was Vesalius der Vorzeit war!

Ich habe eine Lieblingsidee, die ich Ihnen mit
3 Worten vorlege. Sie kennen Abernett's sehr
richtige Versuche über respiration der Haut.
Die Haut saugt oxygen ein und stößt azote u
Kohlensäure aus, wie die Lunge. Ich glaube es giebt
außer der Lunge noch andere Punkte, wo das
venöse Blut arterieus wird. Ich glaube die lympha-
tischen Gefäße nehmen Blut aus den Venen od. Art-
erien auf, bringen es in kleine Luftbehälter unter
der Haut, die man noch entdekken wird u
| 2vführen es den Arterien oxygenirt wieder zu[.]
Sollte dieser kleine Blutumlauf nicht sehr wahrschein
lich sein. — Ich arbeite viel mit Microscopen
über die Oberhaut. Leuwenhoek hat ganz un
recht. Man sieht keine Poren. Im   Fontana 1787.
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Fontana

tab 8. F 12 ist die Haut allein richtig abgebildet.
Aber man muß noch die organ. Gefäße entdek-
ken, durch welche die Haut respirirt.

Kennen Sie das prächtige  Thornton 1795.
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Buch medical
extracts on the nature of health, Lond. 95
2 Theile
, eine Anwendung der neuen Chemie auf
Physiologie. Es ist nicht von Duncan. Ich
benuze es sehr!

Pohl hat durch dephlog Salzsäure auf
meinen Rath Euphorbien Saamen aus
einem alten Herb. zum keimen ge-
bracht.

Ich umarme Sie herzlich. Schreiben
Sie mir nach Bayreuth , wo ich den
15ten sein werde u von wo
aus Sie MSS. erhalten.
Humboldt

Berlin, den 9[.] April

Ich empfehle Ihnen einen lieben
Freund, D Grapengiesser der Sie in
2 Monathen besuchen wird. Ich experi
mentirte mit ihm. Ich bin jezt sehr
fleißig u Sie müssen mit mir
zufrieden sein.

Ich habe eine Respirationsmaschine und Ret-
tungsflasche zum Stande gebracht, durch die
man Erstikte augenbliklich aus den
Gruben herausholen kann, auch eine Lampe
die in jeder Luftart hell brennt.
Das Mineur Corps hats hier gebilligt[.]
Die Erfindung ist nüzlich.

Zitierhinweis

Alexander von Humboldt an Samuel Thomas Soemmerring. Berlin, 9. April 1796, hg. v. Ulrich Päßler unter Mitarbeit von Klaus Gerlach und Ingo Schwarz. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 2 vom 14.09.2017. URL: http://edition-humboldt.de/v2/H0002727


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