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Havana den 21[.] Febr. 1801.

Mein brüderlichst geliebter Freund! Ungewiß ob diese Zeilen, wie so
manche andere, die ich aus dieser Tropenwelt an Dich gerichtet, verlo-
ren gehen, schränke ich mich bloß auf die Bitte ein, die ich
zu thun habe. Auf einer Reise um die Welt zu einer
Zeit, wo das Meer von raub-Gesindel wimmelt, wo Neutral-
Pässe so wenig als Neutrale Schiffe respectirt werden, beschäftigt
mich nichts so ängstlich, als die Rettung meiner Manuscripte u
Herbarien. Es ist sehr ungewiß fast unwahrscheinlich daß wir beide
Bonpland u ich lebendig über die Philippinen und das Cap der
guten Hofnung
zurükkehren. Wie traurig wäre es, in dieser Lage
die Früchte seiner Arbeiten verloren gehen zu sehen. Um das zu
vermeiden haben wir von unseren Pflanzenbeschreibungen (2 Bände
enthaltend heute 1400 Species bloß seltene u neue) Abschrift ge-
nommen. Ein MSS. behalten wir bei uns, die Copie senden wir
theilweise durch die Französ. Vice-Consuls nach Frankreich, an Bon-
plands Bruder
nach la Rochelle. Die Pflanzen haben wir in
3 Samlungen vertheilt, da wir doubletten und tripletten von allem
haben. Ein Herbarium im kleineren Format schleppen wir mit uns
um die Welt, um zu vergleichen. Ein zweites (Bonpland )  innerhalb der Zeile ge-
hörig
mit dem ich natürlich alles theile) ist bereits nach Frank-
reich
abgegangen u das dritte (in 2 Kisten mit Cryptogamis
ten u Gräsern 1600 verschiedene Species enthaltend, meist aus
dem unbekannten theile der Parime u Guayana zwischen dem
Río Negro
und Bresil wo wir voriges Frühjahr waren) sende
ich heute durch Mr. John Fraser über Charleston nach
| 1v London. Durch Vervielfältigung vermindern wir die Gefahr.
Meine Idee ist, da meine Reise so viele Gegenstände
umfaßt, welche unmöglich dieselben Leser interessieren können,
die Beobachtungen in verschiedenen Theilen dem Publikum vorzulegen
als z B. eine eigentliche Reise, physisch moralisch
bloß die allgemeinen Verhältnisse schildernd, das was je-
den gebildeten Menschen interessirt, Charakter der Indianischen
Völkerschaften, Sprache, Sitten, Handel der Kolonien, Städte,
Ansicht des Landes, Akkerbau, Höhen der Berge bloß Resul
tate, Meteorologie – dann in besonderen Ländern 1) Construktion
des Erdkörpers. Geognosie 2) Astronom. Beobacht. lat u longit. Jupiters
beobachtungen. refraction... 3) Physik u Chemie. Versuche über
chem. Beschaffenheit des Luftkreises. Hygrometrie. Elektricität. Barometer.
Pathologische Beobacht. Irritabilität. 4) Beschreib. von neuen Spec.
Affen, Crocodill, Vögel, Fische, Insekten.. Anatomie der
Seegewürmer... 5) Das botanische Werk gemeinschaftlich mit Bonpland
u zwar nicht  über der Zeilebloß nova genera u Spec. sondern nach Folge des
Lin.
Systems Beschreibung Aufzählung aller Species über die wir
mehr als andere gesehen, wie ich hoffe neue 5–6000 Spec. denn
in Manilla, Ceylon wird die Beute sehr sehr groß sein.
Dies mein Guter ist mein Plan im Allgemeinen.
Sterbe ich so wird Delambre meine astronomischen, Freiesleben
oder Buch meine Geognostischen, Scherer meine physikal.
chemischen, Blumenbach meine Zoologischen MSS u Du
Du – mein Guter (so hoffe ich) meine botanischen
unter Bonplands u meinem Namen ediren. Mein Bru-
der
wird jedem die MSS. zukommen lassen.

Ich bleibe meinem alten Versprechen getreu daß alle
alle in dieser Reise gesammelten mir gehörigen Pflan-
zen Dein sind. Ich will nie, nie etwas besizen. Nur
muß ich Dich bitten, da ich mir nach meiner Zurükkunft
| 2rdie Publication vorbehalte, mein Herbarium vor dieser Publi-
kation od. vor meinem Tode nicht Deiner Samlung ein-
zuverleiben
. Die 2 Kisten (1600 Spec.) welche ich heute Herrn
Fraser anvertraue, habe ich nicht unmittelbar nach Hamburg
adressieren wollen, nicht bloß weil kein Neutral. Schif in Spani-
sche Häfen einläuft, sondern weil ich nicht weiß, ob Du es selbst
nicht für sicherer hälst, die Kisten bei Fraser bis zum Frieden
stehen zu lassen. Es hängt bloß von Dir ab, sie sogleich
od. später zu besizen u Herr Fraser hat Order, so bald
Du ihm schreibst
(auf französisch) u ihm adresse nach Ham-
burg
schikst
, Dir die Kisten als Dein künftiges Eigenthum
verabfolgen zu lassen. Schreibst Du ihm nicht, so bleiben die
Kisten in London stehen bei Fraser . Seine Adresse ist: Mr. John
Fraser
Botanical Collector of H. M. the Emperor of Russia
Chelsea near London. Ich habe Ursach zu glauben daß meine
Pflanzen bei diesem Manne wohl aufgehoben sind, da ich ihm mehrere
sehr wesentliche Dienste geleistet. Du erinnerst Dich, mein Guter, aus
Walteri   Walter 1788.
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Flora Carol.
daß Fraser 4 Reisen in Labrador u Canada
theils als Botanist, theils als Gärtner u Saamenhändler gemacht. Er
war seit 1799 auf einer 5ten Reise am Ohio in Kentucky u
Tennessey begriffen, einer jezt sehr gangbaren Gegend, denn in 4
Wochen schikt man Güter zu Lande u Wasser von Philadelphia
über Fort Pitt, über den Ohio u Missisipi nach Nueva Orleans.
Unbekannt mit der Schwierigkeit ohne Erlaubnis des Königs von Spa-
nien
in die Kolonien einzudringen, kam Fraser nach Havana , um
hier Pflanzen zu sammeln. Er litt Schifbruch, brachte 3 unglückliche
Tage in einer Sandbank 10 Meilen von der Küste zu, ward endlich von
Fischern von Matanzas gerettet u kam von allem entblößt hier
an. Sein Name u sein Gewerbe war genug, um ihn mir zu empfeh-
len. Ich habe ihn in meinem Hause aufgenommen, ich habe ihn mit
Geld u allem, was er bedurfte unterstüzt, ihn durch meine Verbindungen
die Erlaubniß verschaft, die Insel Cuba zu bereisen u ich darf
hoffen, daß er u sein sehr sehr liebenswürdiger Sohn alles aufbie-
| 2vten werden, um mir gefällig zu sein. Ich habe dem Vater vor
geschlagen, den Sohn in meine Expedition aufzunehmen und ihn
mit nach Mexiko zu nehmen, aber der junge Mensch fürchtet
die Spanier, deren Sprache er nicht versteht u er eilt in Lon-
don
seine Pflanzen von Kentucky zu beschreiben. Ich gehe
von hier über Mexico u Californien nach Acapulco um
dort mit dem Cap. Baudin die Reise um die Welt zu vollenden.

Ich habe Dir gesagt, mein Lieber (verzeih mein elendes Deutsch da
ich seit 2 Jahren ewig spanisch u französisch spreche) daß ich meine Pflan-
zen nach meiner Rükkunft selbst zu publicieren denke. Solltest
Du indeß in den 2 Kisten die Fraser Dir einhändigen kann
neue Species entdekken, die Deine Aufmerksamkeit besonders auf sich
ziehen, so steht es natürlich ganz in Deinem Willen, einzelne
derselben, nur nicht viele u alle, in Deine vortrefliche Ausgabe der
  Willdenow 1797-1830.
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Species
einzuschalten. Im Gegentheil wird es uns (Bonpland u
mir) eine besondere Ehre sein, von Dir in so einem Werke erwähnt
zu werden. Ich sage mit Fleiß nur nicht viele und alle, weil
es unmöglich ist, auch trokene Exemplare so gut so [sic] beschrei-
ben, als nach dem, was wir in der Natur selbst aufgezeichnet.
Gmelins elende   Gmelin 1788-1793.
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Spec.
Schrebers   Schreber 1798/1791.
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Genera
wo von wir den 1[.] Theil in
einem Schifbruch auf dem Orinoco (Palmsontag 1800) eingebüßt, Deine herr-
liche Ausgabe der   Willdenow 1797-1830, I .
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Spec
bis Pent Polyg. die   Ruiz/Pavon 1798-1802.
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Flora Peruana
T II
Ortega's
  Ortega 1797-1810.
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Decad.
Reichards   Linné/Reichard 1779/1780.
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Spec.
Jussieu   Jussieu 1789.
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Genera
Aiton   Aiton 1789.
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Hort Kew.

u   Linné/Murray 1784; Linné/Murray 1797 .
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Murray
ist alles alles was ich von Spanien abreisend erzielen konnte.
Ich glaube mit Bonpland sehr sehr genaue diagnosen niederge-
schrieben zu haben, aber ich wage es nicht zu sagen wie viele neue
genera wir besizen. In Palmen und Gräsern, in Melastomis,
Piper, Malpighia, Cipara Aublet, Caesalpina, die Cortex An-
gosturae (die ein neues von Cinchona verschiedenes genus ist)
sind wir sehr sehr reich. Einzelne genera besizen wir, von denen es
mir entschieden scheint, daß sie neu sind als eine Pflanze in
dem Gebirge Tumiriquiri zwischen den Guarapiche u Orinoco:
Cal.
5 phyll. foliol. ovato-lanceolatis coniventibus. Cor. duplex exterior
 am linken Rand(rubra) 5 petala patens. Cor. interior (alba) 5 petala clausa. Stamina
duplici serie disposita, altera numerosa inter petala exteriora et in-
teriora sita (filament. tenuissimis, antheris ovatis substerilibus) altera in
coralla interiori latentia 5, filamentis nullis, antheris. sagittatis
sessilibus erectis. Germ. subrot. Pistillum unicum. Styl. 1. (Pentandria
Monog.) Kein Monstrum! Sehr, sehr constant, Planta herbacea.
| 3rfol. alternis sessilibus lanceolato [sic] linearibus, crenatis, stipulis lanceo-
latis ciliatis, flor. oxillaribus longe pedunculatis Hab.
Caripe Cumanacoa in umbrosis. Man kann auch sagen Corollo 10 petala
petalis 5 inter. 5 exterioribus. Das ist wohl gewiß ein neues genus
in so vielen Palmen die wir am Río Negro u
Atabapo in den Wäldern von Hevea u Cinchona
u Theobroma entdekt, aber wie viele andere nova genera bleiben
uns zweifelhaft, da uns der   Jacquin 1797-1804.
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Hortus Schönbrun̅ensis
Swartz   Swartz 1797-1806.
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Flor
Ind.
occid.
... fehlen. Ich bin daher fest entschlossen, während der
5–6 Jahre die meine Reise dauern wird der Versuchung zu widerstehen
irgend etwas zu publicieren, ich bin gewiß daß ⅔ unser neuen
gen und Spec. nach Europa zurükkehrend als uralt erkannt werden,
aber man gewinnt nur in so entlegenen Ländern durch Auf-
zeichnung neuer nach der Natur gemachten Beschreibungen. Welch ein
Schaz von Pflanzen in dem wunderbaren, von so vielen neuen
Affen und undurchdringlichen Wäldern erfülltem Lande zwischen
dem Orinoco und Amazon in dem ich  Geographische Meile: Längenmaß, 1.400 Geographische Meile entsprechen 10.388,00 km1400 Meilen geogr. zu
rükgelegt. Kaum 1/10 von dem was wir gesehen habe ich gesammelt[.]
Ich bin nun völlig überzeugt, was ich in England nicht glaubte, aber
schon aus   Ruiz/Pavon 1798-1802.
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Ruiz u Pavon
, Nee's u Haenken's Herbarium
schloß daß wir nicht ⅗ aller existierenden Pflanzenspecies kennen.
Welche wundersamen Früchte, von denen wir (als wir vom Aequator
zurükkamen) eine große Kiste voll nach Madrid u Frankreich
gesandt. Wir haben viel, recht viel gearbeitet aber vergiß nicht
daß das Pflanzenbeschreiben nur ein Nebenzwek meiner Reise war.

In der Ungewißheit daß diese 2 Kisten Dir spät zu Ge-
sicht kommen, sende ich in 14 Tagen über S. Thomas
200 auserlesene Species unmittelbar für Dich nach Hamburg.
Du wirst darin mit Freuden neue species von Befaria
erkennen! Die Pariana campestris ....

Aber ach! mit Thränen eröfnen wir fast unsere Pflanzenkisten.
Unsere Herbaria haben dasselbe Schiksal über das bereits
Sparman, Banks, Swartz und Jacquin geklagt. Die unermeß-
liche Nässe des afrikanisch  innerhalb der Zeile amerikan. Klimas, die Geilheit
der Vegetation in der es so schwer ist alte, ausgewachsene
Blätter zu finden haben über ⅓ unserer Samlung verdorben. Wir
finden täglich neue Insekten welche Papier und Pflanzen zerstöhren.
| 3vKampfer, Terpentien, Theer, verpichte Bretter, Aufhängen der Kisten
an Seilen in freier Luft, alle in Europa ersonnenen
Künste scheitern hier u unsere Geduld ermüdet. Ist man
3–4 Monathe abwesend, so kennt man sein Herbar. kaum
wieder, von 8 Exemplaren muß man 5 wegwerfen vollends in
der Guayana, dem Dorado u dem Amazonenlande, wo
wir täglich im Regen schwammen, am Atabapo wo unter
Wilden, die stets am Faulfieber leiden, unsre(?) Gesundheit
unbegreiflich widerstand. Vier Monathe lang schliefen wir in
den Wäldern, von Crocodillen, Boas u Tiegern (die hier
selbst Canoen anfallen) umgeben, nichts genießend als Reis,
Ameisen, Manioc, Pisang u Orinoco Wasser und bisweilen
Affen; von Mandavaca bis zum Vulkan Duida von
den Grenzen des Quito bis Surinam hin Strekken von 8000
Meilen
treffend, in dem kein Indianer nichts nichts als Affen
u Schlangen leben, das Gesicht, die Hände von Moskitostichen
geschwollen.... Aber dagegen auch welcher Genuß in diesen majestä-
tischen Palmenwäldern, diese Verschiedenheit unabhängiger freier Indianische [sic]
Völkerschaften, diesen Rest Peruanischer Kultur unter Nazionen,
die ihren Akker wohl bestellend, Gastfreundschaft aus übend,
sanft u menschlich scheinend wie die Othaheiter, wie sie,
– Anthropophagen sind. Ueberall, überall, im freien Süd
Amerika
(ich rede von dem Theil südlich von den Katarakten
des Orinoco wo außer 5–6 Franziskaner Mönchen kein
Weißer Mensch vor uns eindrang) fanden wir in den Hütten
die entsezlichen Spuren des Menschenfressens!!

Meine Gesundheit u Fröhlichkeit hat troz des ewigen Wechsels von
Nässe, Hize und Gebirgskälte (der südliche Theil der Guayana , die
Parime ist keineswegs ein seichtes ebenes Land, wie es die Geographen
schildern, nein es hat einen mächtigen von Popayan u Quito
auslaufenden sich mit dem Oyapock (bei Cayenne) verbindenden Gebirgs
stok, den ich in 1° Breite nördl. vom Aequator  Fuß: Längenmaß (Preußen), 9.600 Fuß entsprechen 3,01 km9600 Fuß hoch
fand.) meine Gesundheit sag' ich hat sichtbar zugenommen seitdem
| 4rich Spanien verließ. Die Tropenwelt ist mein Element u ich bin nie
so ununterbrochen gesund gewesen als in den lezten 2 Jahren. Ich
arbeite sehr viel, schlafe wenig, bin oft bei astron. Beobachtungen
4–5 Stunden lang ohne Huth der Sonne ausgesezt, ich war in Städten
(la Guayra, Portocabello ) wo das gräßliche gelbe Fieber wüth
ete u nie nie hatte ich nur Kopfweh. Nur in S. Thome de la
Angostura
der Hauptstadt der Guayana u in Nueva Barcellona
hatte ich 3 Tage lang Fieber, einmal am Tage meiner Rükkunft vom Río
Negro
da ich nach langem Hungern zum ersten Mal u unmäßig
Brod genoß u das andere Mal von einem kleinen hier stets Fie
ber erregenden Staubregen bei Sonnenschein benezt. Meine Aufnahme in
den Span Colonien ist so schmeichelhaft, als der eitelste und aristokr-
atischte [sic]
Mensch sie nur wünschen kann. In Ländern, in denen kein Ge-
meinsinn herrscht, u in denen alles nach Willkühr gelenkt wird,
entscheidet die Gunst des Hofes alles. Das Gerücht daß ich im  innerhalb der Zeilevon
der Königin u dem König von Spanien persönlich ausgezeichnet wor-
den bin, die Empfehlungen eines neuen allmächtigen Ministers D n
Luis Mariano de Urquijo
– erweichen alle Herzen. Nie, nie hat
ein Naturalist mit solcher Freiheit verfahren können. Dazu ist die
Reise bei weitem nicht so theuer als man glauben möchte, wenn
man hört, daß ich auf den Flüssen 24 Indianer viele Monathe
lang, im Innern oft 14 Maulthiere für Pflanzen und Instrumente be-
durfte... Meine Unabhängigkeit ist mir mit jedem Tage über alles theuer.
Daher habe ich nie, nie eine Spur von Unterstüzung irgend eines Gou-
vernements angenommen u (falls deutsche Zeitungen vielleicht einen engli-
schen mit übrigens sehr schmeichelhaften Artikel übersezen "daß ich
mit besondern Aufträgen reise, zu einem großen Posten im Indischen Rath
bestim̅t bin) so lache, wie ich, darüber. Falls ich nach Europa glük-
lich zurükkehre, so werden mich ganz andere Pläne beschäftigen, die
mit dem Consejo de Yndias wenig Zusammenhängen. Ein Menschenleben, begon-
nen wie das meinige, ist zum Handeln bestim̅t u sollte [ich] unterliegen,
so wissen die, welche meinem Herzen so nahe als Du sind, daß
ich mich nicht gemeinen Zwekken aufopfere. Wir Ost[-] und Nordeuropaer
haben übrigens gar tolle u wunderbare Vorurtheile über das Spanische Volk.
Ich habe nun 2 Jahre lang vom Capuciner an (ich war lange in ihren
Missionen, unter den Chaymas-Indianern) bis zum Vice König mit
| 4vallen Menschenklassen genau verbunden gelebt, ich bin der Spanischen
Sprache jezt fast wie meiner Muttersprache mächtig – u in dieser
genauen Kentniß kann ich versichern, daß diese Nazion  innerhalb der Zeiletroz des Staats[-] und Pfaffenzwanges mit
Riesenschritten ihrer Bildung entgegengeht, daß ein großer Charakter
sich in ihr entwikkelt....

Ob Du von so vielen Dir geschriebenen Briefen denn keinen erhalten?
Ich wiederhole deshalb, da Dich aus alter Jugendfreundschaft meine Abend-
theuer so genau interessiren, die Hauptepochen meiner Reise. Am 5. Jun
1799. segelten wir von Coruña ab auf Fregatte Pizarro nach den Canarien, wo
wir den Pic de Teyde bis in den Crater bestiegen. Seit 12 Jahren war niemand
dort gewesen. Mr. Johnstone ein Kaufmann aus Madeira war der lezte vor
uns. Am 16[.] Jul. im Hafen von Cumana . Bis November dort u in dem
Gebirge Tumiriquiri , unter den Indios Chaymas, am Guarapiche u Costa de
Paria
. Am 18[.] Nov. zur See nach La Guayara und Caraccas. Dort in umliegen-
de Gegend, die Silla besteigend, 2 Monathe dann durch Valles de Aragua,
die Cacao Pflanzungen am Romantischen See von Valencia (wo wir einen
Baum entdekten, dessen Milch die Indianer wie Kuhmilch genießen, sie ist
sehr nährend u giebt sauren Käse!) nach Portocabello dann südlich durch
das große Llano (eine Wüste voll Gymnot. electricus in Sümpfen u wilde
Pferde zu 1  Reichstaler: Preuß. Währungseinheit r. das Stük) in die Prov. Varinas an der Grenze von St. Fe
bis Río Apure in 7° Lat. Auf diesem Fluß östlich in den Orinoco bis
Cabruta dann diesen südlich aufwärts bis zum  innerhalb der Zeilejenseits der fürchterlichen Catarac-
te de Maypure u Atures , an die Mündung der von Quito kommenden
Guaviare in 3° Lat. Dann den Orinoco verlassend auf den kleinen Flüssen
Atabapo, Tuarnini u Temi(?) gegen Südost ein 150 Meilen von Quito bis
an den wegen Schlangen berüchtigten monte de Pimichin. Durch diesen Wald
trugen die Indianer 3 Tage lang die Piragua bis an den Río Negro
diesen hinab südöstlich bis S. Carlos einer von 8 Mann bewachten Grenzfestung
gegen den Bresil. (Gegenüber besizen die Portugiesen S. Jose de Maravitanos[,]
sie hinderten mich mit den Instrumenten weiter vor bis an den nahen
Amazonenfluß zu dringen). Dann durch den Casiquiare nördlich an
den Quellen des Orinoco, diesen aufwärts bis jenseits dem Vulkan Dui-
da
im Dorado in Wäldern von Cacao, Caryocar, mein neuer genus
Juvia (Mandelbaum mit  Preußisches Zoll: Längenmaß (Preußen), 14 Preußisches Zoll entsprechen 0,37 m14 zoll breiten Früchten).... dann den ganzen Orinoco
abwärts bis an die Mündung eine Reise von  Preußische Meile: Längenmaß (Preußen), 1.200 Preußische Meile entsprechen 9.038,99 km1200 Meilen auf den Flüssen
von der Mündung des Orinoco durch das Llano de Curacatiche nach Barcellona
um endlich am 1[.] Sept 1800 in Cumana zurük im Hause unseres Freundes Dn
Vicente Emperan
(Gouverneur dieser Provinz.) Bis 24[.] Nov. ordneten wir unsere
Samlungen u machten Exkursionen ins Gebirge Chuparuparu, dann mit
vieler Gefahr u schreklichem Sturm von Nueva Barcellona nach Havana
wo wir 19[.] Dec. 1800 ankamen und wo ich die ersten Briefe aus Europa seit
18 Monathen las, mit Freuden las, denn alle Nachrichten waren fröhlich
So viel damit Du u unsere Freunde (Du theilst wohl Herrn Kunth  am linken Randod. meinem Bruder Wilhelm falls de  innerhalb der Zeileer in Berlin ist. diesen Brief mit) den Faden meiner Reise nicht verlieren.

| 5rMit meinem Reisegefährten Alexandre Bonpland bin ich überaus zu
frieden. Es ist ein würdiger Schüler Jussieu's , Defontaine's u
besonders des alten wunderlichen Richard's (der wohl der beste Botanist
in Paris ist)[.] Er ist überaus thätig, arbeitsam, sich leicht in Sitten
u Menschen findend, spricht sehr gut spanisch, ist sehr muthvoll u uner-
schrokken. Er hat vortrefliche Eigenschaften eines reisenden Naturalisten. Die
Pflanzen mit doubletten über 12000 hat er allein getroknet, die Beschrei-
bungen sind etwa zur Hälfte sein Werk. Oft haben wir jeder besonders
dieselben Pflanzen beschrieben, um gewisser zu sein. In der Guayana
wo man wegen der Mosquiten die die Luft verfinstern, Kopf u Hän-
de stets verdekt halten muß, ist es fast unmöglich am Tageslicht zu
schreiben. Man kann die Feder nicht ruhig halten, so wüthig schmerzt
das Gift dieser Insekten. Alle unsre Arbeit geschah beim Lichte  unter der ZeileFeuer in einem
Theile der Indianischen Hütten, wo d  innerhalb der Zeilekein Sonnenstrahl eindringt u
in die man auf dem Bauch kriecht. Dort erstikt man fast vor
Rauch aber leidet weniger von den Mosquitos. In Maypure retteten wir
uns mit den Indianern mitten in die Catarakte, wo der Strohm rasend
tobt u wo der Schaum die Insekten vertreibt. In Mi  innerhalb der ZeileHiguerote
gräbt man sich Nachts in den Sand, so daß bloß der Kopf hervor-
ragt u der ganze Leib mit  Preußisches Zoll: Längenmaß (Preußen), 3,5 Preußisches Zoll entsprechen 0,09 m3–4 Zoll Erde bedekt bleibt. Man
hält es für Fabel wenn man es nicht sieht. Sonderbar daß wo die
schwarzen Wasser[,] eigentlich die kaffeebraunen Flüsse (Atabapo,
Guainia..) anfangen weder Mosquitos noch Crocodille gefunden
werden.

Und Du, mein Guter, wie führst  innerhalb der Zeileführst Du im häuslichen stil-
len Glükke Dein arbeitsames Leben fort? Wie glüklich bist Du
diese undurchdringlichen Wälder am Rio Negro; diese Palmenwelt
nicht zu sehen – es würde Dir unmöglich scheinen Dich nochmals
an einen Kienenwald zu gewöhnen. Nur hier, hier u selbst
nicht mehr hier, in der Guayana in Süd Amerika ist die Welt
recht eigentlich grün. Der Artocarpus incisus, den man in der
Guayana kultivirt, gedeiht vortreflich. Ich kenne Plantagen welche
4–500 Stämme besizen. Vierjährige Bäume geben unzählige
Früchte sind  Fuß: Längenmaß (Preußen), 30 Fuß entsprechen 9,42 m30 Fuß hoch u haben  Fuß: Längenmaß (Preußen), 3 Fuß entsprechen 0,94 m3 Fuß lange u  Preußisches Zoll: Längenmaß (Preußen), 18 Preußisches Zoll entsprechen 0,47 m18 Zoll breite Blätter!
 am linken RandAber Epoche in der Geschichte des Akkerbaus macht das Zukkerrohr von Ota-
heiti
, das man in ganz Westindien baut, das 3fach dikker
als das alte hier sonst gewöhnliche ist u wenigstens ⅓ mehr
Zukker giebt. Diese Pflanze allein könnte Cooks Namen verewigen.
| 5vWie sehnlich harre ich auf die Fortsezung Deiner   Linné / Willdenow 1797-1830.
 [Schließen]
Spec. plant.
! Verge-
bens habe ich sie in Philadelphia suchen lassen. Im Kriege
gedeiht nichts. Hättest Du nicht Gelegenheit mir 2 Exemplare
zu kommenzulassen eines nach dem Cap de bonne esperance durch Holland und das andere nach Mexico . Sende das Exem-
plar durch den Franz. Gesandten in Berlin an den Französ.
Gesandten
in Madrid od. an Dn Raphael Clavijo, Bri-
gadier de los Reales Exercitos en la Coruña. Auch
durch S. Thomas od. Charleston an mich nach Havana addressirt
(Casa del S r D n Luis de la Cuesta) wäre es leicht. Auf
allen diesen Wegen kom̅t mir das Exemplar zu. Ich erhielt hier z. B.
meines Bruders   Humboldt, W. v. 1799.
 [Schließen]
Aesthetische Versuche
. Von meiner Dankbarkeit gegen
Dich sag ich nichts. Ich wiederhole daß mein ganzes Herbarium
so bald ich publicirt, Dein sein soll.

Hier in Amerika sind ungeheure Pflanzenschäze, al  innerhalb der Zeilevortrefliche
Zeichnungen, Beschreibungen alles ist fertig, aber wie ist an Publica-
tion in einem Lande zu gedenken, wo die Buchhändler 20000  Reichstaler: Preuß. Währungseinheit r.
fordern, um ein Buch drukken zu lassen, in einem Lande
wo man noch 10 Jahre lang mit Ruiz   Ruiz/Pavon 1798-1802.
 [Schließen]
Flora
beschäftigt sein
wird. D n Celestino Mutisin St Fe hat gewiß über 1500
bis 2000 neue species. Die Flora Novae Ger ist fertig[.]
Haenke ist noch in Chili nachdem er mit Malaspina die ganze Welt
bereist. Reicher an Pflanzen ist niemand ist  innerhalb der Zeilein der Welt. Sesse
ein sehr sehr guter Botanist, hat 7 Jahre lang ganz Mexiko u Californien
bereist. Er hat 2000 Zeichnungen. Tafala arbeitet noch in Peru wie
Cervantes in Mexiko. Hier in der Insel Cuba ist eine eigene Botan.
Comission, deren Haupt D.r Boldo am gelben Fieber gestorben ist. Der
junge Estevez, Sesse's Schüler, hat  innerhalb der Zeileist eher substituirt. Mit
ihm arbeitet ein Mexikanischer Mahler Echeveria dessen Talent
im Pflanzenzeichnen ich mit nichts vergleichen kann. Alle Bauer
u Pariser Künstler verschwinden gegen den Mexikaner. Broussonet
hat sich wegen der Pest von Mogador nach S. Cruz de Teneriffa geflüchtet,
wo er jezt Consul ist. Ich habe das Ministerium gebeten, einen jungen
Franciscaner Mönch durch Cavanilles unterrichten zu lassen, um
den Río Negro zu bereisen. Nur in dem Frak, od. in Beglei-
tung eines Mönchs kann man dort reisen ohne [sich] vor den Indianern
| 6rzu fürchten. Der jezige Padre Guardian der Missionen Fray
Juaquin Marquez ein wakkerer Mönch mit dem ich in genauer
Freundschaft gelebt, hat das Projekt sehr unterstüzt. Ich habe an manchen
Orten Instrumente gelassen u wir dürfen hoffen bald über diesen
finstern, unbekannten Theil der Welt, über den alle Karten erlogen
sind, einiges Licht zu erhalten.

Wenn ich an die Zeit zurükdenke, wo ich Dir Hordeum murinum
zu bestim̅en brachte, wenn ich mich erinnere, daß das botanische Stu-
dium mehr als meine Reise mit Forster, den Trieb in mir rege
machte, die Tropenwelt zu besuchen — wenn ich an  innerhalb der Zeilein meiner Phantasie
die Rehberge, die Panke und die Katarakte von Atures , ein
Haus von China (Cinchone alba) in dem ich lange gewohnt verei-
nige – so kom̅t mir das alles oft [wie] ein Traum vor! Wie
viele Schwierigkeit habe ich überwunden! Vergeblich auf Baudins
Reise um die Welt gewarnt, dann Egypten und Algier um einen
Schritt mehr, dann in Süd Amerika u nun wieder in der
Hofnung Baudin u Michaux in der Südsee zu finden —
Wie wunderbar ist ein Menschenleben verkettet. Träume ich mir dann
bisweilen ein glükliches Ende dieser gefahrvollen Irrfahrt, träume ich
mich an die Ekke der Friedrichstraße in Dein altes Zimmer, Deinem
Herzen immer gleich nahe, mache ich mir diese Bilder recht lebhaft,
o dann wäre ich im Stande das Ende dieser Reise früher heranzu
rükken, u zu vergessen, daß in großen Unternehmungen die
kalte Vernunft u nicht die Neigung den Entschluß leiten soll.
Eine innere Stim̅e sagt mir, daß wir uns wieder sehen.

Grüße Dein liebes Weib, die Schwiegermutter herzlich, umarme  Willdenows Söhne Carl Wilhelm und Johann Carl.
 [Schließen]
die Klei-
nen
u vor allem den Freund Hermes, der mich wohl nicht ganz ver-
gessen hat. Von Jacquin u van der Schott , den ich so sehr
liebe, habe ich nur eine Antwort erhalten können. Wann wird dieser
entsezliche Krieg enden, der alles  innerhalb der Zeilealle Verbindungen hindert. Seit
Merz 1800 hat hier niemand Briefe aus Spanien. Lebe wohl, mein
theuer Willdenow u rufe mein Andenken in der Versamlung unserer
vortreflichen Freunde, bei Klaproth, Karsten, Zöllner, Hermbstedt, Bode[,]
Herz... zurük.

Mit brüderlicher Liebe Dein alter Schüler
Alex. Humboldt

meine sicheren Adressen in Spanien
sind: Mr. de H. à Madrid
chez Mr. le Baron de Forell Casa de Saxonia.

Tausend Empfehlungen an Herrn Kunth den Du
wohl aufsuchst wenn Du diesen Brief erhälst.
Sage diesem alten Freunde, daß ich meinem Entschlusse
getreu, jeder Gelegenheit nur 1 Brief anzuvertrauen
ihm heute mit einem anderen Schiffe ebenfalls geschrie-
ben.

| 6vHast Du im Okt 1800 Saamen erhalten, die ich
an Vahl in Copenhagen addressirt. Wir haben zu ver-
schiedenem Male eine große Menge Saamen nach
Paris an Jussieu, an Sir Joseph Banks nach London
u an Ortega nach Madrid gesandt. Ich hoffe daß
sie gedeihen, den [sic] sie waren sehr frisch u gewiß
selten, da wir uns höchstens mit   Aublet 1775.
 [Schließen]
Aublet
hier u da
begegnet sind.

Existirt mein alter Freund Persoon noch in Europa[,]
so bitte ihn mir Empfehlungen an seine Familie
gradehin nach dem Cap zu senden.

Zitierhinweis

Alexander von Humboldt an Karl Ludwig Willdenow. Havanna, 21. Februar 1801, hg. v. Ulrich Päßler unter Mitarbeit von Klaus Gerlach und Ingo Schwarz. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 2 vom 14.09.2017. URL: http://edition-humboldt.de/v2/H0001181


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